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Asche 06 - Unter Erde und Sand

von Gabi

Kapitel 2

„Und? Nützt es etwas?“ Der Bajoraner nahm die Tasse entgegen, nachdem Yates sie leergetrunken hatte.

Die Frau ließ den Kopf auf die Sofalehne zurückfallen und horchte in sich hinein. „Ich glaube, ja. Danke.“ Etwas erschöpft lächelte sie Bareil zu, der neben ihr auf dem Sofa saß. Der besorgte Blick des Mannes beruhigte sie auf der Stelle. Sie wusste immer noch nicht mehr von ihm als die Tatsache, dass sie beide eine Vision geteilt hatten. Doch die Hingabe, mit welcher er für sie da war, weil es ihm so von Göttern, an die er selbst eigentlich gar nicht glaubte, gesagt worden war, hatte etwas Rührendes an sich. Bareil hatte nicht die geringste Vorstellung, welche Rolle er in diesem kosmischen Spiel darstellte, doch er war gewillt, sie zu spielen, um sich als würdig zu erweisen. Ein ganz klein wenig erinnerte er sie mit diesem Verhalten an Benjamin Sisko.

Yates nahm sich vor, einmal mit Kira darüber zu sprechen – wenn das alles hier vorüber war.

Die Quartiertür öffnete sich und Jake Sisko kam, gefolgt von Doktor Bashir, hereingestürmt.

„Wie geht es dir?“ Der hochgewachsene junge Mann kniete neben seiner Stiefmutter nieder.

„Wieder besser. Mr. Bareils Rezept hat geholfen.“

Der Bajoraner stand auf und machte Platz für den Föderationsarzt. Bashir hatte seinen Tricorder gezückt und nahm nun die Werte seiner Patientin auf. „Was ist passiert?“

„Wir waren gerade beim Verladen, als ich starke Magenkrämpfe bekam. Ich schätze, so müssen sich Wehen anfühlen, doch dazu ist es zu früh. Mr. Bareil hat mich in mein Quartier gebracht und mir einen bajoranischen Tee gemacht. Jetzt fühlt es sich wieder okay an.“

Bashir nickte. „Es ist nicht gesagt, dass es zu früh für Wehen ist“, bemerkte er mit Blick auf die Anzeigen des Tricorders.

Yates hob überrascht die Augenbrauen: „Sie sagen mir, dass das hier bald ein Ende hat, und ich küsse Sie!“

Bashir blickte auf. Ein spitzbübisches Grinsen huschte über seine Züge. „Soweit müssen wir es nicht unbedingt kommen lassen. Aber, ja, ich sage Ihnen, dass es bald vorüber sein dürfte.“

Erleichtert atmete sie aus, als sie sich abermals zurückfallen ließ. Dann jedoch schoss ihr Kopf wieder nach oben. „Es ist doch alles in Ordnung?“

Bashir verstaute den Tricorder wieder in seiner Notfall-Tasche. „Ich müsste Sie in der Krankenstation noch genauer untersuchen, aber soweit ich das jetzt sagen kann, ist alles bestens. Wir haben es mit einem Wunderkind zu tun. Ich bin unheimlich gespannt auf die Geburt.“

„Und ich erst!“ seufzte Yates, dann bemerkte sie die Bewegung an der Quartier-Tür. „Bareil!“

Der Bajoraner blieb stehen. Nach Eintreffen des Arztes und des jungen Sisko hatte er seine Anwesenheit im Raum als überflüssig empfunden. Er war gerade dabei, das Quartier so leise wie möglich zu verlassen.

Yates winkte ihn. „Bleiben Sie. Begleiten Sie mich zur Krankenstation. Wir können die weitere Vorgehensweise für die Hilfsflüge besprechen. Denn ich denke nicht, dass ich noch weiterhin beim Verladen dabei sein werde.“

Bashir half ihr vom Sofa auf. „Eine sehr weise Einsicht, Kasidy. Mir wäre es am liebsten, Sie würden bis zur Geburt einfach ruhig in ihrem Quartier bleiben – auch wenn das langweilig ist“, kam er ihrem Einwand zuvor.

Bareil trat an ihre andere Seite. Seine Augen wirkten glücklich darüber, dass sie ihn nicht hatte gehen lassen. Sie war eine der wenigen Person, die ihn hatten spüren lassen, dass er nicht vollständig unerwünscht auf dieser Seite des Spiegels war.

„Ich werde Sie nicht enttäuschen“, versprach er daher. „Und Sie immer auf dem Laufenden halten, damit die Langeweile nicht zu groß wird.“

Yates lachte. „Dann haben wir eine Abmachung. Und, Bareil ...“

Er sah sie fragend an.

„Ich möchte, dass Sie dabei sind, wenn es soweit ist.“

* * *


Sie streckte sich der Morgensonne entgegen. Auf der südlichen Halbkugel Bajors hatte der Winter Einzug gehalten, doch die Ausgrabungsstätte B’halas lag auf der nördlichen Hälfte. Ein angenehmer Wind spielte in ihren Haaren. Es war überraschend einfach gewesen, sich unter die bajoranischen Archäologen zu mischen. Quark hatte ihr einen Mitgliedsausweis besorgt – ironischerweise einen des Daystrom Instituts. So war ihre Identität nur halb gelogen. Ihre Erfahrung war vom Ausgrabungsleiter problemlos anerkannt worden. Abends saß sie gemeinsam mit den hiesigen Wissenschaftlern zusammen und diskutierte die Fortschritte des Tages. Niemand vermutete, dass ein guter Teil der Ausgrabungsstücke nicht den Weg zu den Registrierungsstellen fand.

Es war eindeutig von Vorteil, dass Benjamin Sisko terranischer Abstammung war. Sie hatte das Gefühl, ihre Rasse bekam dadurch automatisch Pluspunkte unter den Gläubigen dieses Planeten. Ihr konnte das nur recht sein. So leicht war ihr schon lange kein Geld mehr in den Schoß gefallen.

Auch mit Sito schien wieder alles in Ordnung zu sein. Sie hatte sich einen Ohrschmuck zugelegt, um Fragen zu entgehen, und fühlte sich sichtlich wohl in der Gegenwart der anderen. Niemand stellte Fragen, das gemeinsame Interesse galt ausschließlich B’hala.

Im Augenblick saß sie einige Meter von Vash entfernt mit einer Gruppe von Ausgrabungshelfern zusammen und nummerierte und katalogisierte Fundstücke. Ihr Lachen war von Zeit zu Zeit zu vernehmen. Die Terranerin glaubte nicht daran, dass Sito mit ihrer bajoranischen Herkunft abgeschlossen hatte. Sie war nun das erste Mal seit langer Zeit wieder mit anderen Personen außer ihrer Partnerin zusammen, und sie genoss es. Da half kein anderslautendes Beteuern von Seiten der Bajoranerin. Vash hoffte, dass sich das nicht nachteilig für ihr Vorhaben hier auswirken könnte. Sie war keine Närrin: Loyalität und Freundschaft waren nette Begriffe, erfunden von Personen, die ihrer Meinung nach nichts anderes zu tun hatten. Sie endeten schlagartig an der Linie, an welcher Profit und Ruhm begann. In dieser Hinsicht stimmte sie mit dem Ferengi vollkommen überein.

Sie beendete ihre Dehnübungen und griff wieder nach dem Feinlaser, mit welchem sie gerade dabei war, an einer Platte zu arbeiten. Die bajoranischen Archäologen hatten B’hala bis zu dem Zustand wieder freigelegt, in welchem es vor dem teilweisen Einsturz ausgegraben worden war. In diesen Schichten waren keine überraschend neuen Kunst- oder Zeremoniengegenstände zu erwarten gewesen. Doch nun drangen sie in Etagen vor, die seit Jahrtausenden nicht mehr das Tageslicht gesehen hatten. Vash versprach sich einiges davon. Sie spürte die wohlige Erregung, die sie stets bei dieser Arbeit begleitete.

Sie justierte den Laser neu und nahm die nächste Schicht in Angriff.

* * *


Sie hätte nicht sagen können, was sie schließlich darauf brachte, die Sternenflottenakten durchzusehen. Doch als sie erst einmal damit angefangen hatte, war es ein Leichtes. Bei der Militäreinheit der Föderation verrichteten gerade einmal eine Handvoll Bajoraner Dienst. Die Akademie-Anmeldungen hatten zwar zugenommen seit die Verhandlungen um den Beitritt in die letzte Phase getreten waren, dennoch waren sie überschaubar.

„Sito Jaxa, Fähnrich“, las Benteen laut vor. „2370 in Erfüllung ihrer Pflicht als vermisst gemeldet, vermutlich nicht mehr am Leben.“

Sie lud die Daten herunter und machte sich auf den Weg zu Colonel Kira.



Kira betrachtete das Padd, welches Benteen ihr übergeben hatte.

„Sie hat Fahnenflucht begangen.“

Die erneute Wiederholung dieser Anschuldigung, machte sie in Kiras Ohren nicht sinnvoller. Nachdenklich blickte sie zu der vor ihr stehenden Frau auf. „Ist das nicht ein wenig hart ausgedrückt?“

„Es entspricht aber den Tatsachen.“

Um einer Belehrung über Sternenflotten-Vorschriften vorzukommen, winkte die Bajoranerin ab. „Ich kenne die Anweisungen. Doch ich weiß auch gut, dass es einen gewissen Handlungsspielraum gibt, in denen man sie auslegen kann. Wenn ich das, was ich hier lesen kann, logisch weiterverfolge, befand sich Fähnrich Sito in cardassianischer Gefangenschaft. Lassen Sie es sich von jemandem sagen, der genau weiß, wovon er spricht: Das ist schlimm genug, um die eine oder andere Vorschrift außer Kraft zu setzen.“

„Nicht für einen Sternenflotten-Offizier.“

Auch für einen Sternenflotten-Offizier.“

Benteen schnaubte ungeduldig. „Es wäre ihre Pflicht gewesen, sich beim Oberkommando zurückzumelden, nachdem sie entkommen ist. Das hat sie ganz offensichtlich nicht getan, wie Sie selbst gesehen haben. Die Entscheidung über ihr Verhalten obliegt dem Oberkommando. Alles, was ich von Ihnen erbitte, ist ein Tag dienstfrei, um sie selbst vor Ort sprechen zu können.“

„Sie wissen, wo sich Fähnrich Sito aufhält?“

„Ich habe es in Erfahrung gebracht.“

„Darf ich wissen, wo das ist?“ Kira war es allmählich gewohnt, dass sie ihrer rechten Hand alles mühsam aus der Nase ziehen musste. Sie fragte sich, ob sich irgendwo in Benteens Stammbaum nicht doch ein Vulkanier befunden hatte.

„Sie hilft bei archäologischen Ausgrabungen auf Bajor.“

„Immerhin eine sinnvolle Beschäftigung.“ Kira gab das Padd zurück. „Sie wissen, dass ich es Ihnen nicht untersagen kann, Fähnrich Sito aufzusuchen.“ Sie hielt sich zurück, darauf hin zu weisen, dass es sich bei der jungen Frau um eine bajoranische Staatsbürgerin handelte. Mittlerweile kannte sie Benteen gut genug, um zu wissen, dass ein solcher Hinweis einen unerwünschten Effekt haben konnte. Stattdessen bemerkte sie: „Vergessen Sie dabei aber nicht, was die Frau wahrscheinlich durchgemacht hat.“

Benteen nickte knapp. „Ich werde es nicht vergessen.“

Kira sah ihr nach, wie sie das Büro verließ. Leider war es wirklich eine rein interne Sternenflotten-Angelegenheit. Offiziell durfte sie sich nicht einmischen – doch inoffiziell sah es ganz anders aus ...

* * *


Sein Kopf schwirrte, als die Konferenz für diesen Tag beendet wurde. Er hatte gedacht, die politische Feuertaufe hinter sich gebracht zu haben, als er zum ersten Mal mit Vertretern der Föderation an einem Tisch gesessen hatte, um für ein beschleunigtes Aufnahmeverfahren seines Planeten zu plädieren. Doch da waren nur zwei – wenn auch reichlich konträre – Meinungen aufeinandergetroffen, und das Thema war eindeutig umrissen gewesen.

Nach den letzten Stunden fühlte Shakaar Edon sich an den Beginn seiner politischen Laufbahn zurückgeworfen. Er verfluchte die Eingebung, die ihn hatte entscheiden lassen, an den ersten diplomatischen Besprechungen selbst teilzunehmen, statt einen bajoranischen Diplomaten zu ernennen. Er hatte es als Höflichkeit gegenüber den versammelten Vertretern der bekannten Galaxis angesehen, selbst zu erscheinen. Da DS9 unter bajoranischer Administration stand, war ihm als Gastgeber die Moderation der Diskussion zugefallen.

Was im Prinzip ein harmloser erster Meinungsaustausch hätte werden sollen, war recht rasch in verhärtete Standpunkte umgeschwenkt. Shakaar hegte verständlicherweise keine besondere Liebe für das Dominion und dessen Vertreter auf der Station, doch er hatte sich dabei ertappt, mehr als einmal Weyouns Partei zu ergreifen, weil der Vorta den schwersten Stand in ihrer sogenannten gleichberechtigten Runde innehatte. Als Konsequenz daraus war Bajors eigenes Verhalten während des Krieges in den Mittelpunkt der Diskussion geraten, etwas, was Shakaar gerne außen vor gelassen hätte. Er hatte geahnt, dass einige Völker der Föderation und deren Verbündete das Gefühl hatten, Bajor hätte andere für sich kämpfen lassen – nun wusste er es genau.

Besonders schwierig war es gewesen, mit Einwürfen von Gul Madreds Seite umzugehen. Bei dem Cardassianer kamen deutlich nicht nur Sachfragen, sondern eine ausgeprägte, persönliche Abneigung zum Tragen. Als das Chronometer schließlich die Zeit für eine Beendigung der Diskussion anzeigte, war Shakaar in einer Verfassung, sich die Debatte um den Föderationsbeitritt Bajors regelrecht herbeizuwünschen.

Er erhob sich von seinem Platz und räumte betont langsam seine Unterlagen zusammen, während die anderen Teilnehmer den Raum verließen. Als er schließlich aufblickte, musste er feststellen, dass ausgerechnet Gul Madred noch anwesend war. Wegen seiner Beinverletzung zog der Cardassianer es vor, sein eigenes Tempo zu bestimmen.

Shakaar hoffte, unbehelligt den Raum verlassen zu können, doch seine Hoffnung wurde betrogen. In demselben Augenblick, in welchem er vom Tisch zurücktrat, erhob sich auch Gul Madred.

„Auf ein Wort, Shakaar.“ Der Cardassianer trat neben ihn. Der Premierminister atmete tief durch, bevor er sich umwandte. Leider war Gul Madred ebenfalls ein sehr großer Mann. Manche Gesprächspartner ließen sich durch Shakaars Körpergröße beeindrucken, nicht so sein Gegenüber.

„Ja?“

„Ich wollte mich erkundigen, wie es Frau und Tochter von Gul Tirek geht.“

Meiner Familie geht es gut, danke der Nachfrage.“

Madred nickte verständig. Shakaar hasste die Miene, sie erinnerte ihn an Winn, wenn sie kurz davor stand, etwas besonders Unangenehmes von sich zu geben.

„Sie sind ein Mann mit Lebenserfahrung“, bemerkte der Cardassianer. „Sie werden sicherlich mit mir übereinstimmen, dass es nicht im Sinn der jungen Mutter sein kann, wenn ihr durch diese Affekthandlung die Zukunft verbaut wird.“

„Hören Sie, Madred, unsere Eheschließung war keine Affekthandlung. Ich respektiere Ihre Kultur so gut wie das bei unserer gemeinsamen Vergangenheit geht, aber was Serina und ich entschieden haben, ist unsere Angelegenheit, nicht die Ihre.“

„Zu schade, dass Sie das so sehen. Ich hätte Sie für vernünftiger gehalten.“

„Ich liebe Serina.“ Shakaar wusste nicht, warum er das gesagt hatte. Denn damit zog er die Diskussion mit dem Cardassianer auf eine persönlichere Ebene als er das vorgehabt hatte zuzulassen. Um den Ausrutscher nicht stehen zu lassen, fügte er hinzu: „Und das ist schließlich das einzige, was zählt.“

Gul Madred schüttelte den Kopf. „Die Liebe ist eines der am meisten überbewerteten Gefühle im Universum. Es wundert mit, dass Sie das nicht schon längst erkannt haben ...“

„Premierminister?“

Sie hatten den Ausgang des Konferenzraums erreicht. Im Korridor wartete in der vertrauten braunroten Uniform Colonel Kira. Shakaar sog erleichtert die Luft ein, als er die Frau sah.

„Gul Madred.“ Sie deutete eine höfliche Geste an. „Bitte entschuldigen Sie die Unterbrechung, doch dringende innenpolitische Angelegenheiten erfordern die sofortige Aufmerksamkeit des Premierministers.“

Shakaar verabschiedete sich mit einem Kopfnicken von Madred und folgte Kira, bemüht, seine Erleichterung nicht zu zeigen.

„Du hast mir das Leben gerettet“, zischte er zwischen den Zähnen hindurch, während sie den Korridor entlanggingen.

Nachdem sie eine Biegung hinter sich gebracht hatten und aus der Sicht- und Hörweite des Cardassianers waren, blieb er stehen und ließ sich gegen die Wand zurückfallen. „Erschieß mich!“

„Was?“ Kira betrachtete ihren Freund belustigt. „Nachdem ich dir eben erst das Leben gerettet habe?“

Er verdrehte die Augen und fasste damit die vergangenen Stunden adäquat zusammen. „Ich habe Bedenken, dass er imstande ist, Serina oder Katalya etwas anzutun. Leider verbietet es jede Etikette, ihm meinen Standpunkt mit der Faust klar zu machen. Glaubst du mir, wenn ich dir sage, dass ich Politik hasse?“

„Jedes Wort. Darf ich dich auf ein Glas einladen? Du siehst aus als könntest du es gebrauchen.“

„Liebend gerne.“

In Kiras Quartier angekommen ließ sich Shakaar auf das Sofa fallen. „Was wolltest du von mir?“ fragte er, als sie ihm ein Glas reichte. „Du hast mich da doch eben nicht aus reiner Freundschaft herausgeholt?“

„Ich brauche deine Hilfe.“

„Ahnte ich es doch.“ Er betrachtete die Lichtbrechung im dunklen Wein. „Geht es um etwas Persönliches? Ich habe gehört, dass ein Bareil-Doppelgänger aufgetaucht ist, und ich kann mir vorstellen, wie sehr ...“

„Nein“, unterbrach Kira ihn etwas zu hastig. Sie hatte absolut nicht vor, mit ihrem früheren Liebhaber über den Mann zu sprechen, der sie momentan mehr als jeder andere irritierte. Shakaars Blick sagte ihr, dass er mehr von den Vorgängen in ihrem Inneren ahnte als ihr lieb war.

„Nein“, wiederholte sie ein wenig gefasster. „Es geht um eine bajoranische Bürgerin, die im Dienst der Sternenflotte steht.“

Shakaar hörte nachdenklich zu, als Kira ihm die vermutliche Situation von Sito Jaxa erklärte.

„Benteen ist eine gute Offizierin, aber sie übertreibt es teilweise sehr mit der Sternenflotten-Etikette“, schloss Kira. „Sie ist imstande und zerrt diese Frau vor ein Militärgericht. Ich hatte gehofft, du könntest da etwas unternehmen ...“

Alles, was Shakaar momentan wollte, war den Tag vergessen, vorzugsweise in den Armen einer Frau, die ihn von ganzem Herzen liebte und verwöhnen wollte. Doch als er nun die erwartungsvollen dunklen Augen von Kira Nerys sah, wusste er, dass sein Tag noch nicht zu Ende war.

* * *


Sie waren ausgesprochen erfolgreich gewesen. Gemeinsam mit der wissenschaftlichen Leitung der Ausgrabung standen Vash und Sito in einem der ausgegrabenen Gebäude und bewunderten die Reihe von in den Boden eingelassenen Platten, welche sie heute freigelegt hatten. Inschriften aus einer anderen Zeit schmückten die Steintafeln, welche dank der schützenden Sanddecke kaum von den Elementen angegriffen worden waren. Sie alle vermuteten, dass zumindest ein Teil der mächtigen Steine den Zugang zu einer tieferen Etage von B’hala darstellten. Am liebsten hätte Vash die Nacht durchgearbeitet, um in Erfahrung zu bringen, was sich darunter verbarg, doch die Bajoraner wollten nichts überstürzen und erst bei Tageslicht weiterarbeiten. Da zur Hebung der schweren Platten Maschinen eingesetzt werden mussten, gab es auch keine Chance, dass Vash ein wenig weiter grub, nachdem die anderen zu Bett gegangen waren. So musste sie sich wohl oder übel gedulden. Sie hatte auch aus den Gesprächen herausgehört, dass am nächsten Tag ein Vertreter der Vedekversammlung erwartet wurde, um bei möglichen Neuentdeckungen dabei zu sein.

Sito hatte diese Ankündigung ein wenig nervös gemacht. Sie erinnerte sich nicht mehr an vieles aus ihrer Kindheit auf Bajor, doch Vedeks waren immer als diejenigen dargestellt worden, die alles wussten und jedem in das pagh sehen konnten. Sicherheitshalber beschloss sie, sich von dem Priester fern zu halten. Sie wollte nicht, dass die zerbrechliche Balance, die sie in den letzten Tagen hier gefunden hatte, durch eine Entdeckung ihrer Identität zerstört wurde. Sie wünschte sich nichts sehnlicher als neu anfangen zu können. Sie hatte vergessen, wie schön es auf Bajor sein konnte. All ihren Vorbehalten zum Trotz verspürte sie eine gewisse Sehnsucht danach, hier zu bleiben.

„Ich denke, heute Abend haben wir es uns verdient, ein paar Flaschen Wein zu köpfen“, bemerkte Dr. Cuan, der Leiter der Ausgrabung. „Ich lade alle in mein Zelt ein, auf einen guten Tag morgen.“ Er wandte sich an die Terranerin. „Dr. Vash, ich hoffe, Sie werden uns Gesellschaft leisten.“

„Zu einem guten Wein sage ich nie nein“, lachte die Frau. Gemeinsam mit Sito schloss sie sich den aus der Halle strömenden Bajoranern an.

Hinter ihnen glühte eine der Platten für kurze Zeit auf, so als warte etwas darunter sehnsüchtig darauf, aus seinem Jahrtausende alten Kerker befreit zu werden ...

Vor der Halle kam ihnen einer der Ausgrabungshelfer entgegen. „Hier ist jemand, der Sito Jaxa sprechen möchte.“

Sito tauschte einen erschrockenen Blick mit Vash aus. Es durfte eigentlich niemanden geben, der sie kannte. Bei Quark hatte sie sich nicht mit ihrem Namen vorgestellt und ansonsten war sie mit niemandem in Kontakt gekommen, seit sie diesen Sektor erreicht hatten.

Im Licht vor den Zelten wartete eine Sternenflotten-Offizierin auf sie. Als Vash erkannte, um wen es sich handelte, stieß sie einen leisen Fluch aus. „Verdammter Mist, dein Hintern im Trainingsanzug war Eine von der Flotte. Hättest du dich nicht in jemanden Harmloseres vergucken können? Es lief so gut hier ...“

Sito kämpfte den Impuls nieder, auf der Stelle fortzurennen. Warum hatte sie bloß auf Vash hören und in diesen Raumsektor zurückkehren müssen?

„Ja?“ Die Stimme hatte sie fest im Griff.

„Sito Jaxa?“

Sie nickte.

Fähnrich Sito Jaxa?“

Für einen Augenblick spielte sie mit dem Gedanken, eine verschollene Zwillingsschwester vorzuschieben, die zufälligerweise denselben Namen getragen hatte, doch es würde sie nicht weiter bringen, die Intelligenz der Offizierin zu beleidigen. So antwortete sie nicht auf die letzte Frage.

„Ich bin Commander Erika Benteen, erster Offizier der Raumstation DS9 und augenblicklich ranghöchste Vertretung der Sternenflotte in diesem Sektor.“

Wenn sie geglaubt hatte, mit dieser Aufzählung Eindruck bei Sito zu schinden – so hatte sie recht. Die Bajoranerin hatte sich in den Jahren der Gefangenschaft eine harte Schale zugelegt, sie hatte lange genug Zeit gehabt, um darüber nachzudenken, wie die Sternenflotte mit ihr umgesprungen war, wie sie als bedauerliches, aber hilfreiches Opfer angesehen worden war, nach dessen Verbleib nicht weiter geforscht wurde. Sie hatte diese Institution hassen gelernt und sich geschworen, nie wieder in diese Maschinerie zurückzukehren.

Doch nun als eine leitende Offizierin vor ihr stand, kehrte ihre gesamte Ausbildung zu ihr zurück. Sie spürte die leichte Furcht vor Vorgesetzten, die sie während der Akademie immer begleitet hatte, und es gelang ihr nicht, sie abzuschütteln.

„Ich habe einige Fragen an Sie, Fähnrich.“

Mit einer Handbewegung bedeutete Sito Vash, dass sie das alleine durchstehen würde, dann bot sie der Terranerin an, sie in ihr Zelt zu begleiten.

„Alles in Ordnung mit Ihrer Partnerin?“ wollte Dr. Cuan von Vash wissen, als diese nachdenklich beobachtete, wie sich die Zeltplanen schlossen.

„Ja, danke ...“ Sie wandte sich um und setzte ein Lächeln auf. „Lassen wir uns nicht davon abhalten, Ihren Wein zu genießen. Sie wird zu uns stoßen, wenn ihre Besucherin wieder gegangen ist.“



Es war nicht gerade hilfreich, dass die dunkelhaarige Terranerin auch in Uniform und mit zurückgesteckten Haaren attraktiv auf Sito wirkte. Sie fühlte sich dadurch nur zweifach verunsichert.

„Ich erwarte einen vollständigen Bericht von Ihnen, Fähnrich“, erklärte Benteen gerade. „Mit besonderer Erläuterung des Umstands, warum Sie es nicht für nötig empfunden haben, die Sternenflotte darüber zu informieren, dass Sie noch am Leben sind ...“

„Warum hätte ich das tun sollen?“ fuhr die Bajoranerin nun doch trotzig auf. „Hat sich irgendjemand denn darum gekümmert, wie es mir ergangen ist? Hat jemand nach mir gesucht?“

Benteen war nicht aus der Ruhe zu bringen. „Diese Entscheidung oblag nicht meinem Zuständigkeitsbereich, Ihre Erklärung jedoch sehr wohl.“ Sie sah sich um, nahm einige der kleineren Ausgrabungsstücke auf, welche auf dem Tisch lagen.

„Was machen Sie überhaupt hier?“ In ihrer Stimme lag nun echtes Interesse, nicht nur Ärger über das Verletzen von Vorschriften. „Sie hatten von dem Ausrutscher auf der Akademie abgesehen, eine recht gute Karriere vor sich. Ihre Beurteilungen waren vorbildlich.“

„Der Fehler bei der Flugschau hätte immer in meinen Akten gestanden. Er war auch der Grund gewesen, warum ich glaubte, mich für dieses Selbstmordkommando melden zu müssen“, gestand die Bajoranerin mit gesenktem Kopf. Sie hasste es, dass sie sich wieder so klein und unzulänglich fühlte.

„Mit unseren Fehlern müssen wir fertig werden. Es hat keinen Sinn, davor davonzurennen.“ Benteen sprach zur Zeltwand, und der Satz war nicht unbedingt nur an Sito gewandt.

Sie schüttelte leicht den Kopf und wandte sich wieder zu der Bajoranerin um. „Davonrennen ist sinnlos. Ich möchte Sie bitten, dass Sie Ihre Sachen zusammenpacken und mich auf die Station zurückbegleiten.“

Sito hob den Kopf. „Muss das sein?“

„Sie können mich natürlich auch niederschlagen und weiter vor ihrer Verantwortung davon laufen. Ich wage nur zu bezweifeln, dass es Ihre Lage verbessern wird.“

Benteen stellte eine kleine Vase auf den Tisch zurück. „Ich muss Sie unter Arrest stellen, bis das Oberkommando entschieden hat, was mit Ihnen geschehen wird.“

Sito überlegte kurzzeitig, ob sie nicht wirklich zuschlagen sollte, aber Benteen hatte recht, lösen würde das nichts. „Was kümmert das Oberkommando überhaupt, wo ich bin? Es hat sie bisher auch nicht interessiert! Ich will nichts mehr mit der Sternenflotte zu tun haben.“

„Das hätten Sie sich früher überlegen müssen.“

„Ich verlasse die Sternenflotte ...“

„Auch das hätten Sie sich früher überlegen sollen.“ Benteens Miene war anzusehen, dass ihr die Geduld ausging. „Sie können nicht in die Sternenflotte eintreten, sich das nehmen, was Ihnen als praktisch erscheint und ihr dann den Rücken kehren, sobald Probleme auftreten. So funktioniert das System nicht – ich hatte gedacht, das hätten Sie als Akademieabgängerin begriffen.“

Sito war nicht bereit, sich noch weiter einschüchtern zu lassen. Trotz gewann in ihr die Oberhand. „Dann wird es allmählich Zeit, das System zu ändern, meinen Sie nicht auch?“

„Diese Entscheidung steht Ihnen nicht zu, Fähnrich.“ Sito sah, dass sie etwas in Benteen getroffen hatte, doch im gleichen Moment hatte sie damit auch eine Tür geschlossen. Die Terranerin zog ihren Phaser. „Sie haben noch für ein paar Sekunden die Wahl, ob sie aufrecht mitkommen oder ob ich Sie transportieren lasse. Glauben Sie mir, mir ist das gleichgültig.“

Mit einem ergebenen Seufzen erhob Sito sich von der Pritsche, auf der sie gesessen hatte, und machte sich daran, ihre Habseligkeiten zusammenzusuchen.

* * *


Kasidy Yates saß mit einer Tasse von Bareils Tee-Mischung in eine Decke gehüllt auf dem Sofa und las in einem Roman. Bisher hatte sich ihr Zwangsurlaub ganz erträglich gestaltet. Sie war in ihrem Leben so oft unterwegs gewesen, dass sie ganz vergessen hatte, wie angenehm es sein konnte, sich einfach auszuruhen und zu lesen. Wie versprochen hatte Bareil sie heute mehrfach kontaktiert, um sie über den Status der Hilfslieferungen zu unterrichten. Am frühen Abend war die Xhosa aufgebrochen, jedoch ohne den Bajoraner an Bord. Yates hatte sich erst vorgestellt, dass er ihr Kommando übernehmen sollte. Obwohl der Mann sicherlich nicht oft in seinem Leben ein Schiff geflogen hatte, war er zumindest mit der Logistik der Lieferungen mittlerweile recht gut vertraut. Doch sie hatte sich umentschieden und ihrem Steuermann den Flug übertragen. Es war, wie sie es gesagt hatte, sie wollte, dass der Bajoraner bei der Geburt ihres Kindes dabei war. Unerklärlicherweise fühlte sie sich sicherer bei diesem Gedanken.

Und da Bashir immer noch keine definitiven Prognosen stellen konnte, mochte der Hin- und Rückflug nach Cardassia zu lange dauern.

Ihr Türsummer meldete sich. Sie vermutete, dass Jake oder Bareil sie besuchen kamen, und rief daher „Herein“, ohne von ihrem Roman aufzusehen. Das leise klingelnde Geräusch ließ sie dann jedoch nichts Gutes ahnend aufblicken. Links und rechts neben ihrer Tür standen zwei bajoranische Geistliche mit Glöckchen in der Hand, zwei weitere Priester betraten den Raum, dann folgte ein Mann, den sie schon einmal in der Ratsversammlung auf Bajor gesehen hatte.

Wenn es nicht zu unhöflich gewesen wäre, hätte Kasidy Yates die Stirn in die Hand gestützt und laut aufgestöhnt. War sie hier auf der Station nicht weit genug von den Tempeln entfernt, um der geistlichen Aufmerksamkeit zu entgehen?

„Ich vermute, Kai Sarius“, bemerkte sie neutral. „Verzeihen Sie bitte, wenn ich mich nicht verneige, aber das Zusammenfalten fällt mir mit diesem Bauch ein wenig schwer.“

Der Kai wies sein Gefolge an, dass es vor der Tür auf ihn warten sollte.

„Verzeihen Sie diesen Aufzug, Mrs. Yates“, erklärte er dann. „In manchen Kreisen wird bei uns Tradition noch sehr groß geschrieben.“

„Das habe ich bemerkt.“

„Seien Sie und Ihr ungeborenes Kind gegrüßt.“ Der Kai verneigte sich nun seinerseits ein wenig – und machte Yates bewusst, dass sie ihn bisher nicht gerade höflich empfangen hatte.

Sie schüttelte den Kopf. „Entschuldigen Sie. Bitte setzen Sie sich. Kann ich Ihnen eine Tasse Tee anbieten? Oder möchten Sie lieber etwas anderes?“

Sarius setzte sich ihr gegenüber in einen Sessel. „Danke, der Tee genügt mir.“ Er bedeutete ihr, dass sie sich nicht bemühen sollte, und schenkte sich selbst ein. „Man hat mich schon vorgewarnt, dass Sie unserer Religion äußerst skeptisch gegenüber stehen.“

„Nein, das kann man so nicht sagen, ich ...“ Sie bemerkte den belustigten Blick des Mannes und hob dann mit einem angedeuteten Lächeln die Schultern. „In Ordnung, ich bin nicht gerade begeistert davon. Das geht nicht gegen Sie persönlich, aber ich halte einfach nichts davon, wenn man versucht, sein Leben von irgendwelchen höheren Mächten leiten zu lassen. Es ist mir eine zu bequeme Art, die eigene Verantwortung abzugeben.“

„Und doch haben Sie selbst schon Visionen gehabt, die Sie sicherlich nicht rational erklären können.“

„Wer sagt das?“ wollte sie misstrauisch wissen.

„Warum sonst haben Sie Bareil Antos eingestellt?“

„Was wissen Sie davon?“

„Ich war bei ihm, als er seine Vision hatte.“

„Oh.“ Sie nahm einen Schluck Tee. „Nun gut, es sind ein paar Dinge vorgefallen, auf die ich mir noch keinen Reim machen kann, eingestanden. Aber das heißt nicht, dass ich deswegen zu einer Gläubigen konvertiere.“

„Was auch niemand von Ihnen erwartet.“ Er breitete die Hände in einer beschwichtigenden Geste aus. „Ich bin lediglich gekommen, um Sie zu fragen, ob Sie es gestatten, dass ich das Kind nach der Geburt segne. Es würde Ihnen nichts schaden, meinen Volk jedoch viel bedeuten.“

Sie zog die Füße unter der Decke noch enger an ihren Körper, während sie über die Frage nachdachte. Sie hatte keine Lust, mit einer solchen Geste falsche Signale zu setzen, doch es war nicht nur ihr Kind. Benjamin hatte am Ende wirklich an die Religion der Bajoraner geglaubt, das wusste sie, sofern man hier von glauben sprechen konnte, denn bei Sisko hatte es eher auf Wissen beruht. Sie vermutete, dass es ihm recht gewesen wäre, wenn der neue Kai sein Kind segnete.

Sie wiegte den Kopf. „Ich kann nicht sagen, dass ich begeistert darüber wäre. Es erscheint mir jedoch falsch, wenn ich Ihnen diesen Wunsch abschlage – aber erwarten Sie nichts von mir!“

Der Kai erhob sich und wandte sich zum Gehen. „Wir erwarten nichts von Ihnen, Mrs. Yates. Bitte verstehen Sie unsere Anteilnahme nicht als den Versuch, Sie von etwas zu überzeugen.“

„Ich werde versuchen, daran zu denken.“

Vor der Tür veränderte sich das Lächeln des Kai augenblicklich. Er konnte nicht sagen, ob die werdende Mutter von den Propheten berührt worden war, jedoch hatte er eine Kälte in dem Raum gespürt, die nichts mit Temperatur zu tun hatte. Nachdenklich folgte er dem Weg, den die Priester für ihn auslegten.

* * *


Sito saß in ihrem neuen Quartier auf der Raumstation. Benteen hatte sie immerhin nicht in die Arresteinheit gebracht, sondern sich damit begnügt, sie in einem normalen Quartier festzusetzen. An Schlaf war jetzt ohnehin nicht zu denken, also hatte die junge Offiziersanwärterin damit begonnen, den von ihr geforderten Bericht an die Sternenflotte zu diktieren.

Auf dem Flug von Bajor hatte sie Benteen noch einmal gefragt, ob sie nicht einfach ihren Austritt aus dem Militär einreichen könne. Doch die Commander hatte sie informiert, dass dies nur möglich war, wenn kein Verfahren gegen sie liefe.

Es war alles so unsinnig. Sie hatte ein cardassianisches Inhaftierungslager überlebt, sich durch die halbe Galaxis geschlagen, nur um dann vor einem Militärgericht zu enden für Unterlassungen, die nicht wirklich irgendjemanden interessieren konnten.

Das alles nur, weil sie der Frau ausgerechnet im Quark’s hatte begegnen müssen. Wenn sie ein paar Minuten früher oder später dort angekommen wären, würde sie nun nicht hier sondern friedlich bei einem Gläschen Wein im Zelt von Dr. Cuan sitzen und sich darüber freuen, irgendwo dazu zu gehören.

War das die Strafe dafür, dass sie damals ihren Planeten verlassen hatte?

* * *


Benteen warf sich den Morgenmantel über und eilte aus dem Schlafzimmer zur Wohneinheit hinüber. Wer wollte so früh am Morgen etwas von ihr? Ihr Chronometer hatte sie gerade eben erst aus dem Schlaf gerissen. Mit den Händen versuchte sie rasch noch die offenen Haare zu glätten, welche von der Nacht zerzaust waren, dann ließ sie die Tür öffnen.

Völlig unerwartet lehnte der bajoranische Premierminister vor ihrem Quartier. Benteen drückte die Augen zusammen, um sie erneut zu öffnen, doch der Mann stand immer noch vor ihrer Tür – und er wirkte viel zu munter für diese Tageszeit.

„Darf ich eintreten?“

„Bitte.“ Benteen wies auf die Sitzgruppe. Sie wünschte sich ihre Uniform und eine Bürste her, sie fühlte sich sicherer damit.

„Das steht Ihnen besser als die strenge Frisur und die Kellner-Uniform, mit der ich Sie bei unserer Ankunft gesehen habe.“ Er nickte in ihre Richtung, während er sich in einen der Sessel niederließ.

„Ich werde Ihre Anregung der zuständigen Abteilung der Sternenflotte weiterleiten“, bemerkte sie nicht unfreundlich, während sie sich selbst setzte. „Darf ich fragen, was Sie um diese Uhrzeit hier wollen? Sie haben sicherlich einen guten Grund, nicht meine normalen Arbeitszeiten abzuwarten.“

„Ich weiß, dass Sie sehr beschäftigt sind, und da wollte ich Ihre Arbeitszeit nicht unnötig in Anspruch nehmen.“

Aber mein Frühstück ruinieren.

„Um was geht es?“ In Gedanken strich sie Kaffee und Brötchen.

Shakaar erhob sich wieder aus dem Sessel und trat zum Replikator hinüber. „Kann ich Ihnen ebenfalls etwas bestellen?“

„Das wäre wunderbar. Bitte einen extra starken Kaffee – ich habe das Gefühl, ich muss wach werden.“

Der Bajoraner kam mit zwei Tassen zurück und reichte eine davon der Offizierin. „Es ist mir zu Ohren gekommen, dass eine Bajoranerin unter Ihrem Arrest steht.“

Benteen blickte ungläubig von ihrer Tasse auf. „Das ist eine interne Angelegenheit der Sternenflotte.“

„Das bestreitet niemand“, gab er ihr recht. „Ich bin auch weit davon entfernt, irgendetwas anderes zu behaupten. Ich bin in der Hoffnung gekommen, dass Ihr Handlungsspielraum es zulässt, darüber zu reden.“

Sie nickte lediglich, den bajoranischen Premierminister konnte sie schlecht mit ein paar Worten vor die Tür setzen. Sie war sich sicher, dass dahinter Colonel Kira stand. Diese würde es niemals lernen, die Belange der Sternenflotte vor diejenigen Bajors zu setzen.

„Und Sie haben natürlich schon einen Vorschlag?“

„Nennen wir es mal so: Ich hätte Interesse an Ihren Beweggründen, die Frau bestrafen zu wollen.“

„Das ist kein privater Rachefeldzug“, empörte sich Benteen. „Ich befolge lediglich die Vorschriften.“

„Entschuldigung. So hatte es nicht klingen sollen. Lassen Sie es mich umformulieren: Was hindert Sie daran, Sito Jaxa einfach gehen zu lassen?“

„Sie hat sich nicht beim Oberkommando zurückgemeldet, sie hat wichtige Informationen unterschlagen, die sie vielleicht in ihrer Gefangenschaft erfahren hat. Sie hätte im Extremfall unsere Seite im Krieg stärken können ...“

„Aber das ist jetzt doch von überhaupt keinem Belang mehr.“

„Wir sollen also alle Regelüberschreitungen einfach so lange ignorieren, bis sie verjährt sind?“

Shakaar lachte leise. Eine Reaktion, welche Benteen als äußerst unangebracht empfand. „Sie wissen, dass ich das nicht so meine.“

„Tatsache ist, dass ich nicht die Befugnis habe, jemanden von einer Anklage freizusprechen, das liegt beim Oberkommando.“

„Doch Sie können eine Empfehlung aussprechen?“

Benteen überlegte, ob sie der Einfachheit halber, diese Frage verneinen sollte. Doch es lag nicht in ihrer Natur, bei direkten Fragen zu lügen. „Ja, ich kann eine Empfehlung aussprechen“, gestand sie.

„Wunderbar.“ Shakaar lehnte sich über den Tisch mit einem Ausdruck, als sei damit der gesamte Fall erledigt. Benteen kannte den Ruf, den der Bajoraner hatte, es war ihr vollständig bewusst, dass er dieses jungenhafte Gebahren nun mit Berechnung einsetzte. Doch auf der anderen Seite blieb die Tatsache bestehen, dass sie das bajoranische Regierungsoberhaupt vor sich hatte.

„Wenn ich Sie darum bitten würde, die Empfehlung auszusprechen, dass Fähnrich Sito Ihren Abschied aus der Sternenflotte nehmen darf? Ich denke, damit wäre allen Beteiligten am besten geholfen. Eine Verurteilung zum jetzigen Zeitpunkt nützt doch wahrlich niemandem.“

Benteen warf einen Blick auf das Chronometer. Es war höchste Zeit, dass sie sich fertig machte. Sie erhob sich. „Premierminister. Ich möchte nicht unhöflich erscheinen, doch ich komme zu spät zu meinem Dienst. Ich verspreche Ihnen, dass ich über Ihre Bitte nachdenke, genügt Ihnen das für den Augenblick?“

Shakaar erhob sich ebenfalls, er ergriff ihre Hand und deutete in klassischer terranischer Manier einen flüchtigen Kuss an. „Das genügt mir vollkommen. Ich kann sehen, dass Sie eine intelligente, warmherzige Frau sind. Ich weiß, dass Sie die Entscheidung treffen werden, die am besten ist.“

Als sich die Tür hinter dem Mann geschlossen hatte, warf sich Benteen auf das Sofa zurück. Sie hasste es, wenn sie manipuliert wurde, und sie hasste es noch mehr, wenn sie das Gefühl hatte, jemand glaubte, damit auch noch durchzukommen.