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5x12 - Apotheosis #2

von Julian Wangler

Kapitel 1

U.S.S. Enterprise, NX–01

In seinem Bereitschaftsraum schlug Archer die Hände über dem Kopf zusammen. „Trip, nicht auch noch Du.“, stöhnte er. „Zuerst diese unsägliche Schlägerei mit Kelby, und dann das… Bist Du Dir eigentlich darüber im Klaren, dass es für das, was Du getan hast, einen knallharten Strafparagraphen bei der Sternenflotte gibt? Mein Gott, und ich dachte, ich hätte mit Malcolms gelegentlichen Intrigen den Bodensatz erreicht… Aber das hier, das ist Verrat. Du hast mich hintergangen.“

Trip, allzeit bereit, Gesagtes nicht endgültig, sondern vielmehr sportlich zu sehen, zuckte die Achseln. „Na ja, um ehrlich zu sein, warst Du zu diesem Zeitpunkt nicht mal an Bord. Ich sollte ’nen Ersatz für Travis finden. Und da ich das Kommando hatte –…“

„Mit diesem Patent hingst Du immer noch an meinem Tropf!“, fiel ihm der Captain ins Wort. Daraufhin errötete er und vermochte sich nur schwer im Zaun zu halten. „Ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll. Warum fällst Du mir derart in den Rücken? Willst Du, dass die Dich aus der Flotte werfen?!“

„Nicht, wenn Du mir versprichst, die Sache für Dich zu behalten, Jon.“

Archer prustete. „Da musst Du aber noch gehörig ’was für tun. Bist Du noch ganz bei Trost?“

„Hey, bleib bitte mal auf dem Teppich, Captain.“, sagte der Ingenieur. „Ich hab’ Dir doch gesagt, dass ich ’ne wichtige Abwägung zu treffen hatte.“

„Und damit soll wieder alles in Butter sein oder was?“

„Natürlich nicht.“, bekundete er. „Aber ich dachte, so könntest Du meine Beweggründe besser versteh’n.“

„Deine Beweggründe?“ Archer schüttelte vehement den Kopf. „Ich verstehe überhaupt nichts. Am wenigsten diese verrückte… Wie nanntest Du sie doch gleich?“ Er kniff die Brauen zusammen.

„Technoschamanen.“

„Ja, diese Technoschamanengeschichte zum Beispiel…“, sagte der Captain in einer Mischung aus Frustration und Spott. „Für mich klingt das nach ’nem Fantasy–Groschenroman. Einem ganz Billigen obendrein, Trip.“

Seinem Ausdruck zufolge wirkte Trip nicht so, als hätte er gleich nach dem ersten Anlauf seiner Offenlegung geglaubt, ein Häkchen hinter die Sache zu machen. Einem urpersönlichen Manöver gleich, legte er die Hände in die Hüften – die Pose, in der er sich vor dem Hintergrund des Maschinenraums auf ewig in Archers Erinnerung eingebrannt hatte. Obwohl der Captain ihn jetzt vor lauter Gram am liebsten in den Warpkern geworfen hätte. „Hör zu, ich weiß ja selber nicht so genau, ob ich das alles versteh’. Aber es könnte für die Erde und die Koalition von großer Wichtigkeit sein. Deshalb entschied ich damals auch, Sulu zu decken, als ich die Wahrheit ’rausfand. Du hattest doch früher auch schon mal diese Eingebung.“

Er hasste es, wenn Trip sein eigenes – zugegeben: nicht immer rationales – Verhalten in der Vergangenheit für seine Argumente einspannte. Leise ächzte er. „Wie lange gibst Du ihr schon dieses…Alibi?“

„Seit der Zeit, kurz nachdem sie an Bord kam.“

„Und in Wahrheit ist sie nicht mal zu so einem Bruchteil Sternenflotten–Offizier.“ Archer bedeutete es mit zwei Fingern. „Stattdessen ist sie so ’ne Art…zaubernde Hochstaplerin.“

„Kein Offizier.“, bestätigte Trip. „Was die Hochstaplerin angeht, da würd’ ich an Deiner Stelle nicht zu schnell urteilen. Sie verfügt über Fähigkeiten, die ich nicht mit meinem gesunden Menschenverstand erklär’n kann, und sie hat alles aufgegeben, um auf die Enterprise zu kommen. Zu uns. Ihre Motive sind aufrichtig. Sie möchte uns helfen, Captain.“

Archer verschränkte misswillig die Arme vor der Brust. „Woher weißt Du, dass sie nicht jemand anderes Interessen vertritt?“

„Am Anfang war ich mir nicht hundertprozentig sicher. Ich hatte nur dieses Bauchgefühl, wie gesagt…“

Der Captain nickte. „Aus dem Bauch hast Du schon immer gern gehandelt, da bin ich bei Dir.“, verlautbarte er in protestierendem Tonfall. Er musste die Ereignisse rund um den Cogenitor gar nicht erst erwähnen, die vermutlich das prominenteste Beispiel für Trips gelegentliche Alleingänge geworden waren. Wobei Trip mittlerweile für sich beanspruchte, wesentlich an Reife gewonnen zu haben. Und wenn Archer ehrlich war, wusste er auch, dass dem so war, trotz dieser jüngsten Eskapade in der Küche.

„Hör zu.“, wiederholte Trip. „Mittlerweile gab’s schon genug Beweise dafür, dass ich mir ihrer Loyalität sicher sein kann, weißgott genug Beweise. Sie hat oft Gutes für dieses Schiff getan und sich selbst dabei zurückgestellt. Captain, bei allem Respekt: Ich glaub’ ihr.“

Archer wusste den willensstarken Blick seines Freundes zu deuten; er schindete sogar insgeheim Eindruck bei ihm, doch wollte er sich das nicht anmerken lassen. „Für mich klingt das alles ziemlich fahrlässig – im besten Fall.“

„Einverstanden. Das lief nicht sauber. Andererseits: Was funktionierte in letzter Zeit schon auf dem geraden Weg? Sie ist wertvoll: Für Dich, für mich, für dieses Schiff und vielleicht für diese ganze Planetenallianz. Wenn Du ihr nicht über’n Weg traust, dann vertrau mir. Ich bürge dafür, wenn’s sein muss.“

„Trip, ich –…“

Diesmal kam der Ingenieur seinem Captain zuvor: „Okay, hier kommt, was ich weiß: Sie steht irgendwie über ihre Träume in Verbindung mit ihren ehemaligen Ordensmeistern.“

„Über Ihre Träume.“, wiederholte Archer leicht ungläubig.

„Genau. Und diese Meister sind normalerweise so was wie Hardcore–Isolationisten, gegen Einmischungen jeglicher Art. Aber zuletzt haben sie sich offenbar dazu durchgerungen, der Koalition zu helfen. Na ja, vielleicht nicht direkt der Koalition, aber wenigstens sind sie sich einig, dass die Romulaner zu stark geworden sind. Ihrem Verständnis nach stör’n sie irgendwie das…galaktische Gleichgewicht.“ Wie präventiv gestikulierte Trip. „Frag mich nicht. Weiß nicht, was für Beweggründe sie haben, aber sie haben Sulu eine Aufgabe gegeben.“

Archer seufzte gequält. „Jetzt bin ich gespannt.“

„Pass auf: Du erinnerst Dich doch noch an die Geschichte mit dem Artefakt, das Travis fand und T’Pol zukommen ließ…“

„Du meinst, das Artefakt, das später verschwunden ist.“, präzisierte Archer. „T’Pol sagte mir, dass es ein uraltes Katra enthielt. Und dass die Romulaner es in die Finger bekommen hätten.“ T’Pol hatte damals diesen riskanten Flug nach Vulkan unternommen. Wäre er zu diesem Zeitpunkt auf der Enterprise gewesen, hätte er es ihr niemals gestattet. So langsam glaubte Archer, trotz gewisser Emanzipationseffekte, die die Crew zweifellos in seiner Abwesenheit mitgemacht hatte, war es gut, dass er nun wieder das Kommando innehatte.

Trip nickte indes. „Richtig. Also, diese Technomagier vermuten, dass sie das Katra extrahiert und mit seiner Hilfe eine Steuerungslogik entwickelt haben – für die Drohnenschiffe. Und das ist der Grund, warum die Dinger in letzter Zeit so leistungsfähig wurden. Ich wette, wär’ dem nicht so gewesen, hätten sie Coridan nicht angegriffen.“

„Mal abgesehen davon, dass ich jetzt keine Warum–Fragen stellen sollte…“

„Solltest Du nicht.“

„Was genau ist Dein Part bei der ganzen Sache?“, fragte Archer. „Warum musst Du die Enterprise verlassen, und wieso ausgerechnet jetzt?“

„Sulu hat mir Bescheid gegeben, dass sie die entsprechenden Anweisungen von ihrem Orden erhalten hat.“

„Was für Anweisungen?“

„Sie sagte mir, es gäbe eine Reihe von Lebensformen, die imstande wären, uns zu helfen, das Katra zu brechen – wenn es uns gelingt, sie zu überzeugen.“ Trip erntete auf seine Worte einen forschen Blick seitens seines Kommandanten. „Sie sagt, diese Wesen verstünden sich als Bewahrer der Balance im Universum, irgendwie. Und wenn ich hinzufügen darf: Ich glaube, ich bin schon mal einem von ihnen begegnet. Es war diese Mission nach Vega II im letzten Jahr.“

„Ich hab’ Deinen Bericht gelesen, aber es war alles recht kompliziert…“

„Dieser Typ, der dort unterhalb der Vega–Kolonie sitzt, dieser Alien…“, entgegnete der Jüngere. „Ich gab ihm zwar das Versprechen, dass seine Ruhe nicht mehr gestört würde, aber wenn nur die geringste Chance besteht, dass er uns gegen die Romulaner helfen kann, ist es die Sache wert, denk’ ich. Die geht uns nämlich alle ’was an. Die Romulaner könnten jederzeit wieder angreifen. Bislang haben wir ihren Schachzügen nicht die Bohne entgegenzusetzen gehabt. Jetzt ist vielleicht Gelegenheit dazu. Legen wir ihrer Tricktechnik das Handwerk.“

Archers Gedanken rasten. Er konnte das alles gar nicht so schnell verarbeiten. Eine Navigatorin, die in Wahrheit keine sein sollte, sondern eine Art Fleisch gewordene, postmoderne Hexe; eine Zunft von Magiern, der sie früher einmal angehört haben soll, jedoch verstoßen worden war und jetzt doch wieder Signale von ihnen empfing, über ihre Träume; ominöse Wesen, die es zu suchen galt; eine irrsinnige romulanische Erfindung, die die Erklärung für die jüngsten Vorstöße des Sternenimperiums sein mochte. Der Captain merkte, wie seine anfängliche Wut sich zusehends in Konfusion verwandelte. „Wären die Zeiten nur nicht so verrückt, würd’ ich…“ Gequält rieb er sich die Schläfen. „Ich weiß nicht mehr, was ich tun würde…“

„Jemand hat mal gesagt: Interessante Zeiten erfordern interessante Lösungen, oder?“, ließ sich Trip vernehmen. „Ich bin auf Deiner Seite, Jon. War ich immer. Und es ist mit nichts zu entschuldigen, dass ich mit der Angelegenheit hinterm Berg hielt. Aber ich hab’ das aus gutem Grund getan. Ich hab’ Sulu nämlich immer als ’ne Art Joker betrachtet. Den durfte ich nicht leichtfertig offen legen, zumal diese ganze Geschichte ziemlich abgefahren ist. Und ich denke, jetzt ist es an der Zeit, diesen Joker auszuspielen. Captain, ich hab’ keine Ahnung, ob’s Telepathie ist oder ’was and’res, aber ich hab’ erlebt, was Sulu auf dem Kasten hat. Du bist doch früher auch gelegentlich Deinem Instinkt gefolgt, allen temporalen Logiken zum Trotz, die am Ende doch eh keiner von uns geschnallt hat.“

Archer blinzelte. „Ich hatte gehofft, diese Zeit läge hinter uns. Offenbar hab’ ich mich geirrt.“ Er fällte seinen Beschluss – seinerseits auf Basis eines Bauchgefühls. Er vertraute Trip tatsächlich; eine andere Erklärung gab es nicht für die relative Ruhe, die trotz der nachgerade aberwitzigen Offenbarungen über ihn gekommen war. Er hatte ihn nie belogen. Zudem hatte er in der jüngeren Vergangenheit eindrucksvoll demonstriert, wie sehr er um das Wohl der Erde besorgt war. Abgesehen davon war er nach einer Xindi– und diversen anderen Krisen und nach Verhandlungsparcours mit Blauhäutigen, Spitzohrigen und Schweineartigen wohl bereits zu krisenerprobt, um das zu sehr an sich heranzulassen. Anders als bei Malcolm hatte er nicht den Verdacht, dass in seinem persönlichen Verhältnis zu Trip der Wurm saß. „Na gut, Trip.“, sagte er langsam. „Wenn da wirklich etwas im Busch ist, das uns maßgeblich weiterhelfen könnte, dann will ich Euch nicht aufhalten. Aber eins hab’ ich gelernt: Du solltest keine Personalpolitik mehr auf der Enterprise machen.“

Der Ingenieur grinste knabenhaft. „Gute Idee. Dafür bist Du ja wieder hier. Und bitte kein Wort über Sulu verlieren. Es ist sehr wichtig.“

Archer seufzte wehmütig, nickte aber zuletzt. „Ich hab’ keine Ahnung, wie wir in Zukunft mit ihr verfahren. Aber am Ruder wird sie nicht bleiben können.“

„Schon klar.“, sagte Trip. „Ich hab’ vom Chef spitz bekommen, dass er vielleicht vorhat, bald ein Lokal auf der Erde zu eröffnen. Wenn’s soweit ist, kann Sulu ihn ja beerben. Du musst wissen, sie hat früher im Club 602 gejobbt…und soll auch ‘ne ganz passable Köchin sein.“

„Schön langsam.“, bremste der Captain den Ideenreichtum seines Freundes. „Bevor ich mich von ’ner selbsternannten Hokuspokustante bekochen lasse, vergeht aber noch ein Weilchen.“

Trip räusperte sich. „Wir werden eine der Fähren nehmen, wenn’s Dir Recht ist.“

„Aber die haben keinen Warpantrieb.“, wusste Archer. „Wie wollt Ihr damit nach Vega kommen?“

„Du scheinst nicht ganz auf dem neusten Stand zu sein. Beim letzten Boxenstopp brachte Commodore DiFalco sein neuestes Spielzeug an Bord. Warpmodule. Die funktionier’n wie ein Boosterpack. Wir werden unsere Deuteriumreserven in der Kolonie auffrischen. Ich schätz’ mal, Du bist ’ne Weile bei Alpha Centauri.“

„Ich befürchte es. Pass bitte auf Dich auf, Trip. Du musst schließlich zurückkommen, damit Du zur Strafe meine Hygienezelle mit Deiner Zahnbürste schrubbst.“

„Wenn’s sonst nichts ist – geht klar, Captain.“

Als Trip den Bereitschaftsraum verließ, spürte Archer, wie es einsamer um ihn wurde. Es war dies das Gefühl, vor dem er sich auf Ektaron so gefürchtet hatte…

– – –

Sulu schloss die Luke der Shuttlekapsel und nahm auf einem der hinteren Sitze Platz. Diesmal begnügte sie sich mit dem Umstand, dass nicht sie, sondern Trip flog. Es schien ihr sogar sehr recht zu sein. „Was hat Captain Archer gesagt?“, wollte sie wissen.

„Wenn Sie’s genau wissen woll’n: dass er Ihnen am liebsten den Hals umdreh’n würde. Und mir gleich mit.“ Er drehte den Kopf und lächelte charmant. „Ich hab’ das auf die Zeit nach unserer Rückkehr vertagt. Wir haben schließlich noch ’was vor, nicht?“

Sulu wirkte ein kleinwenig erleichtert. „Stimmt. Das könnte der Tag sein, an dem sich endlich erfüllt, was ich vorhergesehen habe; der Tag, an dem ich weiß, dass ich nicht umsonst auf dieses Schiff gekommen bin.“

„Ich muss Sie enttäuschen.“, meinte er. „Wir werden nicht vor übermorgen früh Vega II erreichen. Aber ich würd’ mich freu’n, wenn Sie Recht haben.“

Sie nickte ihm entgegen. „Danke für Ihre Hilfe, Trip.“

„Nichts zu danken. Ich hoffe, wir werden ’was reißen können.“

Auf der kleinen Pilotenkonsole blinkte es. Kurz darauf drang Jons Stimme durch das Klaxon: [Fähre eins, Sie haben Starterlaubnis. Ich wünsche einen guten Flug.]

„Danke, Captain.“, sprach Trip und übermittelte dem Flugoperator hinter dem Panzerglas des Shuttledecks, das Vehikel in den Weltraum zu entlassen.

Kurz darauf öffnete sich die eiserne Pforte, aus der die Fähre an ihren Verbindungsbolzen heruntergelassen wurde. Das war möglich, weil die Enterprise vor wenigen Minuten am Rand des Alpha–Centauri–Systems auf Impuls verlangsamt hatte. Ungewöhnlich war allerdings der große Treibsatz, der oberhalb der Fähre deutlich erkennbar war.

Trip blickte hinauf. „Für diese Module haben die Jungs vom S.C.E. extra die Hangartore ein Stück vergrößert. Klasse, was? Ich mein’, Shuttles mit Warppotential können wir gebrauchen.“

Im freien Raum wurden zuerst die Fähre und anschließend das Modul mit den Warpzündraketen losgelassen. Trip aktivierte den Antrieb und steuerte die Kapsel mithilfe der Manöverdüsen zurück, dann aufwärts und hinein in die Verankerungssysteme der Erweiterungseinheit. Letztere bildete einen mechanischen Kreis um das eigentliche Shuttle. Nun nahm er Fahrt auf.

„Mal seh’n, ob DiFalco keine Luftnummer produziert hat…“ Er empfing die Energieanzeige vom Treibsatz. Dann lud er die kleinen Boostertriebwerke auf. „Festhalten, könnt’ ein bisschen wack’liger werden als mit der Enterprise.“

„Machen Sie sich um mich keine Sorgen.“, kam es von Sulu.

Recht hat sie., dachte er. Er hoffte, dass Sulus Talente Schlimmeres verhindern würden, falls es bei diesem unfreiwilligen Testflug zu Komplikationen kam. Hoffentlich klappte es auch so.

Er blickte auf die Anzeige. „Also schön. Dann geht’s jetzt los. Drei…zwei…eins…“

– – –

Auf der Brücke beobachtete Archer, wie die Fähre im Warpmodus verschwand.

Komm besser schnell zurück, alter Junge… Und schenk mir in Zukunft reinen Wein ein…

„Sie sind weg.“, meldete T’Pol und sah dann von ihren Kontrollen auf. „Welchen Grund nannte Trip für seinen Abflug?“

Jetzt fang ich also auch schon damit an…

„Er ähm… Er sagte etwas von dringender technischer Unterstützung. Die Vega–Kolonie hat Probleme mit ihrem primären Reaktor. Und weil’s sozusagen um die Ecke ist, wollte er mal nach dem Rechten schauen.“

Er speiste die Vulkanierin damit ab, wenigstens augenscheinlich. Sie nickte, einen Augenblick seltsam abwesend, und wandte sich erneut ihren Pflichten zu.

„Wir kommen jetzt in Reichweite von Centauri III.“, berichtete Fähnrich Safranksi, die Sulu an der Navigation vertrat. Soweit sie nicht auch irgendwie schummelte, hatte sie gute Karten für eine rasche Beförderung zum ersten Steuermann.

Archer wollte sich nicht weiter darüber den Kopf zerbrechen. „Vorbereiten, in einen Standardorbit einzuschwenken.“, wies er an.

Von der taktischen Konsole tönte ein Annäherungsdetektor. Reed konsultierte das entsprechende Display. „Sir, ich empfange etwas. Warpsignaturen.“

„Trip?“, erkundigte sich Archer. „Vielleicht hat er ’was vergessen.“

„Negativ, Captain. Das sind keine Signaturen der Sternenflotte.“

„Welche sind es dann?“

In diesem Moment schaltete Reed auf rückwärtige Sicht, um das Ergebnis für sich selbst sprechen zu lassen. Achtern von der Enterprise gingen drei Schiffe unter Warp. Es handelte sich um einen andorianischen Kumari–Zerstörer, einen vulkanischen Kreuzer der D’Kyr–Klasse sowie einen Tellaritenraumer. Augenblicklich wusste Archer, was los war.

„Das andorianische Schiff ruft uns.“

Archer schritt vor den Kommandostuhl und straffte die Gestalt. „Auf den Schirm.“

Er war wenig überrascht, einen gewissen Antennenträger auf der anderen Brücke zu vernehmen. Was ihn darüber hinaus verunsicherte, war, dass weitere altbekannte Gesichter bei ihm weilten, die nicht seiner Spezies entstammten. „Was hat dieser Auftritt zu bedeuten, meine Herren?“

Graal und Soval überließen Shran das Reden. „Die Erde verhält sich zurzeit sehr unpartnerschaftlich. Und ich denke, als ehrenwerte Alliierte steht es uns nur zu, diesem Phänomen nachzuspüren.“

„Falls Sie auf einen Vorrat an raffinierten Lügen anspielen – ich glaube, da haben Sie mir ’was voraus.“

Shran gab sich unbeeindruckt. „Wühlen wir nicht in den Eingeweiden längst vergangener Tage.“, raunte er. „Ich bin erfreut, dass wir unseren geschätzten Kollegen Soval davon überzeugen konnten, sich unserer kleinen Initiative anzuschließen.“

Archers Blick verlagerte sich auf den Vulkanier. Mischte er bei dieser Aktion mit, um von den Problemen seiner eigenen Welt abzulenken? Das wäre jedenfalls unter medienpolitischen Gesichtspunkten ein kluges Vorgehen gewesen. Oder hatte er sich einfach nur breitschlagen lassen, mitzukommen? „Mit ’was hat er Sie ’rumgekriegt, Soval?“

Der Botschafter faltete die Hände. „Captain, einige Umstände des Engagements der Erde in Bezug auf Alpha Centauri sind in der Tat außerordentlich bedenklich.“

Graal, der unweit von ihm mit seinem ansehnlichen Riecher grunzte, gab Archer das Stichwort. „Und deswegen hatten Sie Lust, ein wenig zu schnüffeln.“

„Wir werfen Ihnen vor,“, brummte der Tellarit, „dass mehr hinter Ihren Machenschaften steckt als Sie vorgeben, und wir werden uns selber ein Bild davon machen…um die volle Wahrheit ans Licht zu ziehen.“

Shran engte seinen Blick. „Mein tellariter Freund nimmt mir die Worte aus dem Mund. Möglicherweise geht es gar nicht primär um Alpha Centauri. Das könnte bloß ein Vorwand sein – und ein überaus günstiger Mitnahmeeffekt. Wer weiß, vielleicht befindet sich ja etwas sehr Wertvolles dort unten. Etwas, das die Erde nur für sich haben möchte.“

„Etwas Wertvolles?“ Archer erzeugte ein Ächzen, von dem er aber befürchtete, dass es weithin künstlich wirkte. Spürten die Drei seine Unsicherheit? „Wühlen wir da etwa…in den Eingeweiden längst vergangener Tage? Man könnte es auch als Wahnvorstellung bezeichnen.“

„Fangen Sie nicht auch noch an wie Vanderbilt.“, beschwerte sich Shran. „Wir haben doch wohl das gute Recht zu gucken, ob Sie Ihr Wort halten.“

„Sie scheinen ja bereits überzeugt, dass ich’s nicht tue.“

Womit er blöderweise Recht hat. Sei verflucht, Munroe!

„Wir werden sehen. Wie sagten Sie vor einer Weile bei einer unserer Konferenzen so schön? – Wir alle gestalten unser Zusammenleben tagtäglich neu. Vielleicht sollten Sie sich an diese Worte erinnern, bevor Sie auf den Planeten dort beamen.“

– – –

Alpha Centauri

Kojiro Vance stöhnte, während er in seinem Raumanzug schwerfällig durchs nebelige Dunkel tastete. Er war diese Art der Fortbewegung nicht gewohnt, seit er vor einigen Jahren nicht mehr in die größte verfügbare Außenbordmontur auf der Kobayashi Maru hineingepasst hatte. Aufgrund einer schlechten Statistik, die ihn bei der Reparatur von Komponenten entlang der externen Hülle umgab, hatte er diese unliebsame Pflicht ohnedies lieber anderen Schiffskameraden überlassen, gemäß des ihm nachgesagten Rufes, am besten darin zu sein, Aufgaben zu delegieren. Er hatte darin immer ein Alleinstellungsmerkmal und eine Stärke gesehen, denn als Frachterkapitän galt es auf vielen Hochzeiten zu tanzen.

Aber seit dem denkwürdigen Tag, da sein altes Mädchen, die Maru, mit den Sternen, die sie so lange Zeit bereist hatte, eins geworden war, hatten sich alte Gewohnheiten in Luft aufgelöst. Scott hatte nicht nur einen Raumanzug in Übergröße für ihn aufgetrieben – womit sein Hinterkopfplan, die Gruppe auf eigene Faust loszuschicken und selbst von seinem Quartier aus zu koordinieren, Schaden nahm. Tracy hatte mit einigem Nachdruck auch unmissverständlich klargemacht, dass derjenige, welcher die wahnsinnige Idee hatte, gefälligst die Vorhut bilden sollte. Vance hatte eigentlich geglaubt, es sei eine faire Arbeitsteilung, wenn er die kreativen Einfälle beisteuerte und andere sie ausführten, aber auf seine alten Tage schien ihm nichts mehr erspart zu bleiben.

Mit einem mörderischen Kribbeln auf der Zunge und einem Magenknurren, das durch die Hülle des Raumanzugs als dumpfes Gluggern hörbar war, erinnerte sich der einstige Interstellarkutscher daran, dass das Mittagmahl überfällig war – und mit ihm eine gute Frischhalteration. Stattdessen war nun Selbstdisziplin angesagt; Vance versuchte dem Gedanken nicht länger Aufmerksamkeit zu schenken, dass Scott – wenn er ihm schon dieses Teil beschafft hatte – wenigstens einen technischen Gimmick hätte einbauen können: eine Art Versorgungsschlauch oder dergleichen, über den sich sein leckerer Kartoffelbrei ansaugen ließ. Aber hier drin war es so eng, dass sogar die langen Stoppeln seines graubraunweißen Vollbarts gegen das Helmvisier stießen.

Was soll’s, Jack…, dachte er. Vorfreude is’ die schönste Freude…

Mithilfe des Kartencomputers, den er von diesem Yridianer bekommen hatte, waren sie tief in die Kavernensysteme unterhalb von New Samarkand hinab gestiegen. Hier gab es keine Umwelt– oder Lebenserhaltungssysteme, was die Verwendung von Außenbordmonturen erforderlich machte.

Die ersten Ebenen waren noch zur Zeit der Kolonisierung von Alpha Centauri ausgegraben worden, doch als die Siedler erkannten, dass es in der Tiefe keine brauchbaren Rohstoffe oder Mineralien gab, hatten sie die Schufterei recht schnell abgebrochen und woanders zu suchen begonnen. Mit der Zeit waren die Tunnel weiter gewachsen, weiter hinein ins Erdreich, aber man erkannte deutlich, dass sich ihre Sprösslinge rudimentärer und weithin gröber ausnahmen als die Vorarbeit unmittelbar unter der Hauptstadt. Es waren die Hinterlassenschaften von Archäologen und – nicht selten – Freibeutern, die irgendwann von den Überbleibseln jener vor Jahrtausenden ausgestorbenen Hochkultur Wind gekriegt und ihr Glück versucht hatten.

Der Yridianer hatte verheißungsvoll betont, noch längst nicht alle Schätze seien aus dem Untergrund herausgeholt worden. Seiner Karte zufolge gab es viele Bereiche hier unten, die noch unangetastet waren; Zugänge, die nicht freigelegt worden waren, weil Basaltbarrieren sie versperrten und auch die meisten handelsüblichen Scanner ablenkten.

„Stopp.“, schnaufte er. „Hier müsst’ es sein.“ Er hielt vor einer großen, im Schein ihrer Illuminatoren funkelnden Wand an, und hinter ihm kamen Tracy und Scott ebenfalls zum Stillstand. Beide trugen Ausrüstungskoffer; zufälligerweise jene, die Vance vor seinem Abflug mit der Maru in seiner alten Wohnung verstaut hatte. Sie enthielten mehr oder weniger legales Werkzeug zur Erleichterung von Grabungsarbeiten.

„Tja, Jack, dann ist jetzt die Stunde der Wahrheit für Dich gekommen.“, kam es von Tracy. „Ich sag’ Dir: Wenn Du mich umsonst hier ’runtergejagt hast…“

Eines konnte er zumindest bestätigen: Tracy neigte nicht dazu, leere Drohungen auszusprechen. Wenn er bedachte, was sie mit ihrem Exmann angestellt hatte, dann erschloss sich diese Erkenntnis relativ schnell. Im Gegensatz zu ihrem früheren Gatten glaubte Vance allerdings, ihr durch seine joviale Ader niemals genug Angriffsfläche zu bieten, um das Exempel aus grauer Vorzeit zu wiederholen.

„Wart’s ab, meine Liebe. Wenn wir uns diese Steinmassen erstmal aus dem Weg gesprengt haben, wirst Du mir noch danken…“