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Targala Prime

von Brigitte, Jana

Visionensuche

Kathryn Janeway kam müde und ausgelaugt in ihrer Kabine an, sie zog erst einmal ihre Uniformjacke aus und warf sie achtlos in einen Sessel. Dann ging sie sofort zum Replikator, um sich eine Tasse Kaffee zu ordern. Als sie das heiße, schwarze Getränk schlürfte, merkte sie wie langsam ihre Lebensgeister zurückkehrten und sie wieder klare Gedanken fassen konnte.

Sie setzte sich auf die Sitzgruppe unter ihrem Kabinenfenster und ließ den Blick langsam im Raum umherschweifen, eigentlich ohne etwas Bestimmtes zu suchen. Plötzlich sah sie es liegen, das Medizinbündel, welches sie mit Chakotays Hilfe zusammengestellt hatte. Dies war nun schon über sechs Jahre her und sie hatte es schon lange nicht mehr benutzt. Kathryn stand auf, ging zu dem Bündel und packte es, ohne nachzudenken, was sie eigentlich tat, aus. Als der Inhalt des Pakets so vor ihr lag, die Amselfeder, der Stein mit der Zeichnung und das Akoonah, wusste sie, was sie zu tun hatte: Kathryn konzentrierte sich auf den Stein, legte eine Hand auf das Akoonah, schloss die Augen und sprach leise. "Akoochimoyah, ich bin weit entfernt von zu Hause, weit entfernt von den Menschen, die ich liebe. Aber ich brauche jetzt den Menschen, der mir am meisten bedeutet, den Menschen, mit dem ich alle meine Gedanken und Sorgen teilen kann. Ist dieser Mensch irgendwo da draußen, kann ich mit ihm sprechen?"

Als Kathryn die Augen wieder öffnete, sah sie den Strand, den sie früher so oft in ihren Visionen besucht hatte, um mit ihrem geistigen Führer zu sprechen, sich Rat von ihm zu holen oder sich einfach nur bei ihm zu entspannen. Sie blickte lange auf das Meer, bis sie ein Geräusch hinter sich hörte. In der Annahme, vielleicht ihren Vater zu sehen, drehte sie sich langsam um. Ihre Augen weiteten sich und ihr Mund öffnete sich in großem Erstaunen, als sie IHN vor sich stehen sah. Wieso er? Warum nicht ihr Vater? Plötzlich fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Er war der Mensch, der ihr am meisten bedeutete, den sie brauchte, ja, der Mensch, den sie über alles liebte. Sie hatte diese Gefühle jahrelang verleugnet, aus Pflichtgefühl dem Schiff und der Mannschaft gegenüber und aus Angst, vielleicht die Kontrolle über sich selbst zu verlieren. Plötzlich wurde ihr bewusst, dass sie ihn immer noch anstarrte. Chakotay ging langsam auf sie zu, legte ihr leicht die Hand auf den Arm und sagte nur: "Hallo Kathryn."

Janeway wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, als ein fremdes Geräusch an ihre Ohren drang: Der Türmelder. Jemand wollte zu ihr. Ehe sie sich versah, war sie wieder in ihrer Kabine. Schnell packte sie das Medizinbündel zusammen und versuchte, ihre innere Aufgewühltheit unter Kontrolle zu bringen: *Hoffentlich sieht mir niemand an, was ich gerade erlebt, was ich gerade über mich und meine Gefühle erfahren habe.*

Der Türmelder ertönte ein zweites Mal, mit eiserner jahrelang antrainierter Disziplin gelang es ihr, die Maske des unnahbaren Captains wieder aufzusetzen.

"Ja, bitte", antwortete sie. Die Tür öffnete sich.

"Neelix", sagte sie und konnte das Erstaunen aus ihrer Stimme nicht gänzlich verdrängen.

"Captain", grüßte der Talaxianer wie immer hochauf motiviert und rieb sich die Hände, "Können wir?"

Janeway war gerade im Begriff gewesen, sich wieder auf die Couch zu setzen, doch auf Neelix' Frage hin, drehte sie sich mit einem Stirnrunzeln zu ihm zurück.

"Sie haben es vergessen, nicht wahr?", neckte der Talaxianer seinen Captain und grinste dabei schelmisch.

Ein Aufstöhnen erklang, als ihr das Festbankett anlässlich des Endes der Verhandlungen mit den Targaleanern einfiel. Sie schloss die Augen und rieb sich mit ihrer Hand die Stirn und die rechte Gesichtshälfte, um wacher zu werden.

"Ich danke Ihnen, Neelix", sagte sie mit einem Lächeln im Gesicht und schnappte sich ihre Uniformjacke, die sie gerade erst abgelegt hatte. Während sie zum Moraloffizier der Voyager hinüber schritt, schlüpfte sie bereits in den einen Ärmel.

"Der Commander bat mich, bei Ihnen vorbei zu schauen. Er schien zu ahnen, dass Sie nach den langen Verhandlungen mit Ihren Gedanken woanders sind", erklärte Neelix, denn er fühlte sich etwas unwohl das Lob für etwas einzuheimsen, was gar nicht seine Idee gewesen war.

Bei der bloßen Erwähnung seines Namens versteifte sich Kathryn ein wenig mehr als sonst, denn ihr ging das Erlebnis von eben nicht aus dem Kopf. Ein klein bisschen Bedauern darüber, dass Chakotay nicht selbst vorbei gekommen war, schlich sich bei ihr ein.

"Er ist nach den Tauschgeschäften auf der Oberfläche verblieben", erzählte Neelix, als ob er ihre Gedanken gelesen hätte. "Die anderen Führungsoffiziere müssten inzwischen ebenfalls nach unten gebeamt sein. Wir werden sicherlich schon erwartet." Der Botschafter der Voyager plauderte fleißig weiter und berichtete von seinen Erlebnissen auf Targala. Währenddessen schritten sie durch die Korridore auf dem Weg zum Transporterraum. Janeway grüßte den Transporterchief, als sie den Raum betraten. Gerade öffnete sie den Mund, um ihren gewünschten Zielort anzugeben. Doch noch bevor sie beginnen konnte, erklangen die ihr nur zu gut vertrauten Töne beim Betätigen von Schaltflächen. "Zwei Personen in das Regierungsgebäude auf Targala. Alles bereit zum Transport, Captain."

"Sie wollen sich wohl eine Beförderung verdienen, Fähnrich Higgman?", fragte sie scherzhaft und stieg auf die Plattform. Neelix gesellte sich neben sie.

"Och, eine Erhöhung der Replikatorrationen würde mir schon reichen", erwiderte er, ebenfalls mit einem Lächeln.

Ihr Schmunzeln wurde breiter aufgrund der Spontanität des Crewman. "Ich werde es weiterleiten", meinte sie gespielt gewichtig und hob die Hand wie zum Schwur, "Energie."

Ein angenehmes Prickeln durchströmte sie sofort darauf von Kopf bis Fuß.

Einige Sekunden später erschienen die Konturen eines Ganges im Regierungsgebäude von Targala.

"Hier entlang", eilte Neelix voraus, obwohl Janeway den Weg nur zu gut kannte. Immerhin hatte sie ihn nun oft genug beschritten und der Gang erschien ihr inzwischen sehr vertraut. Aber an den mosaikähnlichen Bildern, die in einem meterbreiten Saum die Wand den gesamten Gang entlang säumten, konnte sie sich nicht satt sehen. Soweit sie erfahren hatte, stellten die Abbildungen die Geschichte des targaleanischen Volkes dar. Es erinnerte sie ein wenig an Höhlenmalerei, aber im Gegensatz dazu waren die Zeichnungen in mühseliger Kleinstarbeit mit winzigen Keramikplättchen, die in den verschiedensten Farben erstrahlten und dicht an dicht lagen, erzeugt. Kathryn wurde von dem Anblick der dargestellten Mythologien immer wieder in Bann gezogen, obwohl sie sie nicht einmal ansatzweise verstand.

Am Ende des Ganges bogen die beiden nach links ab und schritten einen ebenso geschmückten Korridor entlang. Janeway war so gefesselt, dass sie beinah einfach an der Tür, an der zu beiden Seiten targaleanische Wächter standen, vorbei gegangen wäre, wenn diese ihnen nicht geöffnet hätten und Neelix ihr nicht voraus gegangen wäre. Der Captain der Voyager folgte seinem Moraloffizier in den großen sich vor ihnen erstreckenden Raum. Seine Decke lag etwas höher als in den Räumen, die Janeway bisher gesehen hatte, aber für einen derartigen Anlass war er genau richtig. Die bereits anwesenden Personen, die nahe an der Tür standen, drehten sich zu den Neuankömmlingen um.

Der targaleanische Ministerrat, bestehend aus acht Personen, sah ihnen zusammen mit den Führungsoffizieren entgegen. Neelix, der sich freute, endlich wieder einmal in seiner Lieblingsrolle als Botschafter voll und ganz aufzugehen, ging voller Elan auf die Minister zu und begann, diese sofort in Gespräche zu verwickeln.

Janeway stand wie angewurzelt am Eingang des Festsaales. Der Anblick Chakotays, der ihr zusammen mit den anderen erwartungsvoll entgegenblickte, hatte sie aus der Fassung gebracht. *Reiß dich zusammen Kathryn, oder sollen alle gleich merken, was mit dir los ist?* Sie gab sich einen inneren Ruck und schritt, wieder gefestigt, auf ihre Leute zu.

Chakotay, der in seiner einfühlsamen Art ihre kurze Unsicherheit sofort bemerkt hatte, ging ihr mit besorgtem Blick entgegen. "Alles in Ordnung, Captain", fragte er leise und berührte dabei leicht ihren Arm.

Diese kurze Berührung löste ein angenehmes Prickeln bei Kathryn aus, welches sich von ihrem Arm über den ganzen Körper verteilte. Glücklicherweise ließ der Indianer ihren Arm gleich wieder los, sonst wäre es um ihre Selbstbeherrschung geschehen gewesen. "Natürlich, Chakotay, mir geht es gut." Sie blickte sich scheinbar interessiert im Saal um. "Sind Premierminister Turat und seine Frau noch nicht hier?", fragte sie ihren ersten Offizier.

"Er soll in Kürze eintreffen", antwortete dieser, "er ist vom südlichen Kontinent auf dem Weg hierher. Dort gab es einige Unruhen im Volk, er wollte sich persönlich darum kümmern."

"Captain", mischte sich plötzlich Tuvok in die Unterhaltung der beiden ein, "ich habe vorhin mit den Ministern gesprochen, dieser Planet hat große politische Probleme. Das Volk glaubt, dass es die Naturkatastrophen, die immer häufiger auftreten, ihrem Regierungsoberhaupt zu verdanken hat. Die Leute hier sind trotz ihrer weit fortgeschrittenen Technologie immer noch sehr stark in ihrem Glauben verankert. Sie sind überzeugt davon, dass die Götter ihr Schicksal bestimmen und diese erzürnt über die revolutionären Änderungen Turats sind. Unser Eintreffen hier schürt die Angst der Bevölkerung noch mehr, sie hatten noch nie Kontakt zu fremden Kulturen. Die Sturmflut im südlichen Kontinent von heute morgen wird auch dem Zorn der Götter zugeschrieben. Bei der Flut kamen einhundertzwölf Targaleaner ums Leben."

"Ich respektiere ihren Glauben", überlegte Kathryn laut und blickte unauffällig zu den Ministern hinüber, die sich noch immer angeregt mit Neelix unterhielten. Sie wollte nicht, dass diese etwas von ihrem Gespräch mitbekamen. "Tuvok, ist etwas darüber bekannt, wann sich die Umweltverhältnisse hier so drastisch verändert haben?", fragte sie ihren Sicherheitsoffizier.

"Es begann vor ungefähr einem Jahr und wird immer häufiger und auch heftiger", wusste Tuvok zu berichten. Nach kurzem Überlegen ordnete Kathryn an: "Tuvok, Sie werden gleich morgen früh auf dem Schiff zusammen mit Harry den Planeten einem genauen Scan unterziehen, es muss hierfür eine wissenschaftliche Erklärung geben. Überschwemmungen und Sturmfluten sind kein Zorn der Götter. Hier geht etwas anderes vor, finden Sie es heraus."

Tuvok antwortete ein kurzes "Aye, Captain" als Bestätigung.

Sie wandte sich, um eine feste Stimme bemüht, an Chakotay: "Commander, versuchen Sie von den Leuten noch mehr über ihren Glauben und ihre Mythologien zu erfahren. Sie sind der richtige Mann dafür, beginnen Sie am besten sofort und halten Sie mich auf dem Laufenden." Er nickte ihr mit einem warmen Lächeln zu und schritt danach langsam, wie zufällig, auf die Gruppe der Minister und Neelix zu. Kathryn blickte ihm nach. Dieses Lächeln... *Ich muss heute noch einmal auf Visionensuche gehen, wenn ich wieder zurück auf dem Schiff bin.*

Ein Geräusch von der Tür her ließ sie in die Realität zurückkehren. Sie blickte sich um und sah Minister Turat und seine Frau den Raum betreten.

Die Gespräche wurden leiser, bis schließlich alle verstummt waren und damit ihrem Regierungsoberhaupt den zustehenden Respekt zollten. Turat war hager und klein. Wenn man ihn auf einem Markplatz erblickt hätte, wäre man sicherlich nicht auf die Idee gekommen, dass er eine ganze Welt regierte. Er erweckte ganz und gar nicht diesen Eindruck und fiel in der Menge nur auf, weil ihm diese in einer Schneise den Weg frei machte. Turats Frau, Jewar, hingegen zog alle Augenpaare wie magisch auf sich. Sie war wohl das, was man auf Targala als Schönheitsideal ansah. Ihr seidiges Haar lag auf ihrer rechten Schulter und schimmerte golden unter dem Licht der Kronleuchter. Das beige Kleid, welches ihrem Körper eng anlag und bis zu den Knöcheln reichte, reflektierte das künstliche Licht des Raumes ebenfalls. Anmutig glitt sie an der Seite ihres Mannes durch die Menschenmasse. Ihren Arm hatte sie bei ihrem Ehegatten eingehakt.

"Premierminister Turat, ich freue mich, Sie wieder zu sehen." Kathryn deutete mit ihrem Kopf eine leichte Verneigung an und gab diese Geste auch an seine Frau weiter, welche diese mit einem warmen Lächeln entgegnete. In den vergangenen zwei Wochen hatte Janeway bemerkt, dass Jewar nicht einfach nur die Frau des Regierungsoberhauptes war, sondern ihren Mann in jedweder Hinsicht unterstützte.

"Bitte verzeihen Sie meine Verspätung, Captain", entschuldigte sich Turat.

Kathryn hob die rechte Hand, "Das macht nichts Premierminister. Ich bin ebenfalls gerade erst eingetroffen." Sie lächelte, wurde dann aber wieder ernst, "Ich hoffe, es ist alles in Ordnung. Ich wäre untröstlich, wenn die Voyager die Ursache für Unannehmlichkeiten wäre", ließ sie eine Andeutung betreffend der Unruhen fallen.

"Machen Sie sich keine Sorgen, Captain. Das Volk findet immer einen Grund, um unzufrieden zu sein und seien es die Steuern", spielte der Premierminister die Probleme wortgewandt hinunter. "Ich versichere Ihnen, dass Sie und Ihre Crew uns willkommen sind." Während er sprach, griff er mit seiner Hand unter ihren Ellenbogen und geleitete sie zum Buffet. Janeway musste schmunzeln, denn Turat war der geborene Diplomat, weil er durch sein Verhalten und seine milde Stimme etwas verströmte, so dass man sich vollkommen wohl fühlte.

"Wenn Sie mich bitte entschuldigen würden, Captain, ich muss mich noch mit meinem Minister für innere Sicherheit beraten", seine Hand schweifte über die langgestreckte und mit den verschiedensten Speisen reichlich gedeckte Tafel, "Bedienen Sie sich und fühlen Sie sich ganz wie zu Hause."

"Ich danke Ihnen Premierminister", erwiderte der Captain der Voyager und verbeugte sich wieder sacht. Sie blickte den beiden noch hinterher. Jewar begrüßte den Targaleaner noch, zu dem sie sich gesellten, und ließ die beiden Männer dann allein. Janeway hatte den Minister für innere Sicherheit bisher noch nicht kennen gelernt, aber durch seine, selbst für einen Targaleaner mächtigen, Augenwülste machte er einen besonders finsteren Eindruck. Vielleicht wurde sie aber auch durch das Licht im Raum getäuscht. Schulterzuckend wandte sie sich zum Buffet um.


"Sagen Sie Ihren öffentlichen Auftritt morgen in der Provinz Rankesch ab, Premierminister", kam der Minister für innere Sicherheit ohne Umschweife und Verschönungen auf den Punkt, nachdem Jewar außer Hörreichweite war.

"Targor", Turat hob beschwichtigend die Hand, "Sie sind ein fähiger Mann", sagte er ehrlich, "Aber dies halte ich doch für einen übertriebenen Schritt. Außerdem ist meine Anwesenheit auf der Eröffnung der Messe erforderlich."

"Dies ist eine rein symbolische Handlung. Ihr Stellvertreter kann ohne weiteres für Sie einspringen. Sie sollten sich nicht unnötig in Gefahr bringen. Diese Region ist von den Flutkatastrophen besonders schwer getroffen."

"Symbolische Handlungen können mehr bewegen, als Sie sich vorstellen, Targor." Turat legte seinem Minister die Hand auf die Schulter. "Wenn ich nicht erscheine, würde dies als ein Akt der Feigheit angesehen und ich würde schneller den Respekt des Volkes verlieren, als Sie die Namen unserer drei Hauptgötter aussprechen könnten."

"Dann lassen Sie mich wenigstens Ihre Leibgarde verstärken", insistierte der Berater des Premierministers. "Wir sollten das Risiko so gering wie möglich halten." Targor sah schon den etwas skeptischen Blick von Turat und fügte daher schnell hinzu, "Ich verspreche Ihnen auch, dass es nicht auffallen wird."

"Also schön, Targor, veranlassen Sie alles Nötige", gab der targaleanische Premierminister schließlich nach, "Aber sorgen Sie dafür, dass ich es nicht bereuen werde."


"Captain", Neelix kam auf sie zugeflitzt, als sei ein Borgkubus hinter ihm her. "Captain", rief er und rang nach Atem, "Haben Sie schon diese Köstlichkeiten probiert?", fragte Neelix, ruderte mit den Armen und wieselte um sie herum, um sich von jeder Speise eine Kleinigkeit auf den Teller zu füllen.

"Ich hatte noch nicht die Gelegenheit Neelix", antwortete sie wahrheitsgetreu.

"Hier", quietschte er vergnügt, "Nehmen Sie", forderte er sie auf, die ihr entgegen gestreckte Gabel mit einem Stück Fleisch zu leeren, das zusammen mit einer rötlichen Frucht aufgespießt war. Wenn sie abgelehnt hätte, wäre er sicherlich enttäuscht gewesen, so nahm sie ihm den Happen gehorsam ab.

Das Fleisch war etwas zäh und trocken wie sie fand, aber delikat gewürzt. Die Frucht schmeckte eher säuerlich und sonderte viel Flüssigkeit ab.

"Schmeckt hervorragend", sagte sie nicht ganz sicher, was ihre Geschmacksknospen in Wirklichkeit davon halten sollten.

"Brauchen Sie mich für heute Abend noch, Captain?" Der selbsterkorene Moraloffizier trat näher an Janeway heran und flüsterte, als ob die folgenden Informationen geheim waren, "Es ist nämlich so, dass der Chefkoch mir erlaubt hat, ihm über die Schulter zu blicken. Wir könnten ein paar Rezepte austauschen."

"Gehen Sie ruhig, Neelix", lachte sie über die Begeisterung des Koches und dieser entfernte sich sofort, doch nicht ohne vorher noch einen kleinen Happen vom Buffet gegriffen zu haben. Amüsiert blickte sie ihm hinterher.

"Ich hoffe, er wird keines der hiesigen Gewürze dazu missbrauchen, um seinen Leolawurzeleintopf zu verfeinern", flüsterte eine ihr nur all zu gut vertraute Stimme neben ihrem Ohr und brachte dabei einige Haare zum Tanzen, welche ihr Gesicht kitzelten. Instinktiv schloss sie die Augen und bewahrte den Augenblick damit etwas länger. Ein leichtes Zittern durchfuhr ihren Körper.

"Müssen Sie sich so heranschleichen, Commander?", fragte sie gespielt vorwurfsvoll und strafte ihn mit ihrem Ton zugleich für seine nicht ganz ernst gemeinte Bemerkung über Neelix.

"Ich wollte Sie nicht erschrecken, Captain."

"Schon gut", meinte sie und wich seinem Blick aus, der ihre Knie heute aus einem ihr unerklärlichen Grund weich werden ließ. Gerade wollte sie ihn fragen, ob er bereits etwas mehr über die targaleanische Mythologie herausgefunden hatte, da ertönte ein gellender Schrei von außerhalb des Saales. Erschrocken blickten sich die beiden an. Plötzlich herrschte eine gespenstische Stille.


Premierminister Turat rannte auf die große Flügeltüre des Saales zu. Die beiden Wachen, die links und rechts vor der Tür postierten, kamen nicht mehr dazu, diese zu öffnen. Turat riss sie auf und hetzte so schnell er konnte hinaus. Die Wachposten lösten sich aus ihrer Erstarrung und folgten ihm, dicht dahinter Janeway und Chakotay.

Am Ende des Ganges stand Jewar. Ihr schönes Gesicht war von Entsetzen und Angst verzerrt. Die Augen weit aufgerissen, der Mund zitterte unkontrolliert, ebenso ihre Hände. Turat lief auf seine Frau zu, nahm sie in die Arme und sprach beruhigend mit sanfter Stimme auf sie ein: "Liebling, was ist passiert, was hat dich so erschreckt?"

Jewar versuchte zu sprechen, doch das Entsetzen hatte ihr die Stimme gelähmt, so dass sie nur unkontrollierte Laute hervorbrachte. "Jewar, bitte versuche ganz ruhig zu atmen, wir können Dir nicht helfen, wenn wir nicht wissen, was geschehen ist." Turat gab seiner Frau Atemanweisungen, denn sie begann vor Aufregung zu hyperventilieren. "Ein... aus... ein... aus..., ja, so ist es schon viel besser, bitte mein Herz, erzähle uns jetzt, was passiert ist."

Kathryn und Chakotay sahen sich an und lächelten sich zu, sie fanden es beide wundervoll, wie liebevoll das targaleanische Regierungsoberhaupt mit seiner Frau umging. Er musste sie wirklich sehr lieben. Jewar hatte sich wieder etwas unter Kontrolle und begann stockend und unter Tränen, die ihr unaufhörlich über die Wangen hinunterliefen, zu berichten: "Unsere Tochter..." Turat unterbrach sie aufgeregt: "Was ist mit ihr, ist sie krank, ist ihr etwas zugestoßen?"

Chakotay versuchte, das nun sichtlich nervöse Regierungsoberhaupt des Planeten Targala zu beruhigen: "Bitte, Premierminister, bleiben Sie ruhig, lassen Sie Ihre Frau weiter berichten."

Turat verstummte und blickte seine Frau erwartungsvoll an. Jewar berichtete weiter mit brüchiger, stockender Stimme: "Ich..., ich wollte nur nach der Kleinen sehen, ich hatte so ein beunruhigendes Gefühl...", sie atmete tief durch, um weiter sprechen zu können. "Die Wiege ist leer!", schrie sie verzweifelt auf, "Unser Kind ist verschwunden!" Daraufhin brach sie zusammen und fiel in eine erlösende Ohnmacht.

"Ich kümmere mich um Ihre Frau, Premierminister", unterbrach der holographische Doctor der Voyager die Stille, die nach Jewars letzten Worten eingetreten war. Turat stand wie erstarrt da und konnte das eben Gehörte noch nicht verarbeiten. "Herr Minister", der Doctor riss Turat aus seiner Starre, "Ihre Frau, ich werde ihr etwas zur Beruhigung geben."

Turat strich sich mit der linken Hand über die Stirn mit den ausgeprägten Augenwülsten, die sich zusammenzogen, so dass in der Mitte eine steile Falte entstand. "Ja, ja... ist in Ordnung". Plötzlich ging ein Ruck durch seinen hageren Körper und Turat rannte auf den Raum zu, in dem das Baby schlafen gelegt worden war. Kathryn Janeway und Chakotay folgten dem Minister dicht auf den Fersen. Der Captain rief zurück über die Schulter. "Tuvok, kommen Sie mit, ich denke wir brauchen Sie hier." Der Sicherheitschef der Voyager folgte ihnen sofort.


Die Tür des Kinderraumes stand weit offen, die beiden Wachposten und das Kindermädchen lagen im Zimmer auf dem Boden. Kathryn und Chakotay beugten sich über sie, während Tuvok das Zimmer in Augenschein nahm. "Sie sind zum Glück nur bewusstlos", stellte der Captain fest, "aber ich denke, wir brauchen den Doctor."

"Ich kümmere mich sofort darum", antwortete Chakotay und verließ eilig den Raum. Kathryn blickte ihm hinterher. Dabei sah sie, dass ihr erster Offizier fast mit Sicherheitsminister Targor zusammengestoßen wäre, der eilig das Zimmer betrat.

Turat stand fassungslos vor dem leeren Kinderbettchen, die Decke war achtlos zu Boden geworfen worden. Er hob sie auf, hielt sie verkrampft in den Händen, so dass die Knöchel weiß hervortraten. Das targaleanische Regierungsoberhaupt blickte nach oben: "Oh Ihr Götter, warum habt ihr mir das angetan, warum habt ihr mir mein Kind genommen? Habe ich euch so sehr entzürnt?", schrie er verzweifelt auf.

"Ich denke nicht, dass die Götter für den Raub Ihres Kindes, verantwortlich sind", sagte Tuvok in seiner sachlichen vulkanischen Art und deutete auf die Wand über der Wiege.

Kathryn fühlte, wie es ihr eiskalt über den Rücken lief und sich ihr Herz zusammenkrampfte, als sie dort die Schriftzüge sah. Die Buchstaben waren rot und nach unten verlaufen, es sah aus, als ob sie mit Blut geschrieben wären.

Hätte sie ihren Tricorder zur Hand gehabt, hätte dieser die targaleanischen Zeichen entschlüsseln können. "Was steht dort geschrieben?", wollte sie wissen und stellte sich neben Turat. Dieser jedoch starrte nur kreidebleich auf die Wand und brachte kein Wort hervor. "Premierminister?" Kathryn legte fürsorgend eine Hand auf seine Schulter, doch es befreite ihn nicht aus seiner Lethargie.

"Es ist die Forderung der Kidnapper, Captain", sagte Targor, der sich nun ebenso zu Turat gesellte.

"Was verlangen sie?", wollte Janeway wissen und fixierte den Minister für innere Sicherheit.

"Tritt zurück Turat oder du wirst dein Kind nie wieder sehen", las Targor den mit Blut an die Wand geschmierten Satz vor.

Entsetzt drehte sich Janeway wieder zu Targor, eine Gänsehaut lief ihr über den Rücken, die von dem eisigen Wind, der durch das Fenster blies nur noch verstärkt wurde. Turats Kinn zitterte bei den Worten, die er soeben vernommen hatte.

"Ich habe die Wachen angewiesen, das Gelände abzuriegeln. Niemand kann unkontrolliert das Grundstück verlassen, Premierminister. Wir werden sie fassen, das schwöre ich bei Tachad."

"Wer auch immer diese Tat begangen hat, ich bin mir sicher, dass er das Gelände des Regierungssitzes längst verlassen hat", mischte sich Tuvok mit seiner betont unterkühlten und rationalen Weise in das Gespräch ein.

"Ich halte mich nur an das Protokoll. Im Übrigen ist das eine innere Angelegenheit", kam die gereizte Antwort von Targor.

Janeway sah im Augenwinkel wie Tuvok zu einer weiteren Erwiderung ansetzen wollte. Mit erhobener Hand, die sie vor seine Brust hielt, unterband sie dies. Seine Logik war bestechend und sie war der gleichen Ansicht wie ihr Sicherheitschef, aber derzeit war Diplomatie gefragt. Beschwichtigend griff sie ein, "Wir würden uns niemals in innere Angelegenheiten einmischen, Minister. Sollten Sie jedoch unsere Hilfe erbitten, werden wir Sie selbstverständlich auf jede erdenkliche Art unterstützen."

Turat wirbelte herum. Sein Blick war immer noch auf einen weit entfernten Punkt gerichtet. "Riegeln Sie die Stadt ab, Targor. Straßensperren, bewaffnete Einheiten an den Ausfallstraßen. Niemand darf ohne Kontrolle ausreisen." Seine Augen funkelten voller Zorn. "Wann werden die drei eine Aussage machen können?", wandte sich das Regierungsoberhaupt an das medizinisch holographische Notfallprogramm, das soeben gefolgt von Commander Chakotay den Raum betreten und sich sofort über das bewusstlose Kindermädchen gebeugt hatte.

Das MHN antwortete nicht augenblicklich, er scannte den Körper der Frau und warf einen skeptischen Blick auf die Anzeigen. "Sie ist einem mir unbekannten Nervengas ausgesetzt worden", er betätigte einige Schaltflächen, "Ich bezweifle, dass meine Stimulanzmittel etwas an ihrem Zustand ändern könnten."

"Versuchen Sie es trotzdem", bestand Turat auf einer Behandlung.

Der Doctor blickte mit verzogenem Mund auf. Er fühlte sich offensichtlich beleidigt dadurch, dass man an seiner fachlichen Einschätzung der Situation zweifelte. Fragend schaute er an dem Targaleaner vorbei zum Captain. Diese nickte.

Janeway war sich absolut sicher, dass der Doctor Recht behalten würde, aber ihr ging es momentan in erster Linie darum, Turat zu zeigen, dass alles Mögliche getan wurde. Ein leises Zischen ertönte, als sich das Hypospray am Hals der Frau entlud. Wie erwartet trat keine Reaktion ein und mit einem Gesichtsausdruck, der genau dies wiedergab blickte der Arzt der Voyager auf. "Ich empfehle, sie in eine medizinische Einrichtung zu bringen."

Turat nickte und sofort setzte sich der Minister für innere Sicherheit in Bewegung, damit alles Nötige eingeleitet werden konnte.

"Captain, es tut mir leid, dass die Feierlichkeiten auf diese Weise unterbrochen wurden. Aber ich denke Sie werden verstehen, wenn ich Sie nun bitte, auf Ihr Schiff zurück zu kehren."

Betroffen nickte die Kommandantin, "Selbstverständlich Premierminister. Sollten wir irgendetwas für Sie tun können...", Janeway lächelte aufmunternd, "Sie wissen, wo Sie uns finden."

Das Regierungsoberhaupt bestätigte mit einer knappen Geste, dass er sie verstanden hatte und stumm signalisierte Janeway ihren Leuten, das Zimmer zu verlassen. Zügigen Schrittes ging sie gefolgt von ihren Offizieren die verzierten Korridore zurück zu den Transporterkoordinaten. Doch diesmal hatte sie keine Augen für die Ornamente, ununterbrochen musste sie an die vergangenen Ereignisse denken.

"Janeway an Voyager, das Außenteam zurück beamen", lautete ihre knappe Anweisung als sie bei der runden Korridorkreuzung angelangt waren. Nur Sekunden später materialisierten sie auf der Transporterplattform.

"Finden Sie sich morgen um 7.00 Uhr zu einer Besprechung im Konferenzraum ein." Wandte sie sich an ihre Offiziere. "Das wäre alles. - Wegtreten."

Sie wollte als letzte den Raum verlassen, doch Tuvok hielt sich hinter ihr. Und auch Chakotay schien bemerkt zu haben, das gleich noch etwas folgen würde. Wartend stand er im Hintergrund. Janeway nickte dem Fähnrich hinter der Konsole zu und bat ihn damit stumm, den Raum zu verlassen. Dieser verstand sofort, sicherte noch die Station und ließ die drei höchsten Offiziere der Voyager dann allein.

"Geht es um die Entführung?" Janeway kam ohne Umschweife zur Sache.

"In der Tat, Captain. Die Fenster am Tatort waren eingeschlagen."

"Was ist daran so ungewöhnlich?", wollte Chakotay wissen und trat nun mit den Händen in die Hüften gestützt näher.

"Die Scherben lagen nicht im Raum."

Falten zeichneten sich auf Janeways Stirn ab, "Aber das ist doch nicht möglich."

"Wenn sie von innen eingeschlagen wurden, um den Anschein zu erwecken, dass die Täter von außerhalb stammten schon."

"Sie meinen, an dieser Entführung ist jemand aus dem Regierungsgebäude beteiligt?" Chakotay klang entsetzt und auch Kathryn sah man den Schrecken deutlich ins Gesicht geschrieben.

"Ich bin mir dessen sicher. Ja."

"Danke Tuvok", entgegnete Janeway und entließ ihn damit, woraufhin auch er sich aus dem Transporterraum entfernte.

Schockiert über diese Information blickte sie zu Boden und rieb sich die Stirn.


Chakotay, der den Raum nicht verlassen hatte und immer noch neben Kathryn stand, beobachtete sie schweigend. Die Haare waren ihr leicht ins Gesicht gefallen und sie wirkte in diesem Moment sehr traurig und verletzlich. *Diese Vorfälle auf Targala haben sie sehr berührt. Warum nur? Ich wünschte, sie wäre nicht immer so unnahbar und ich könnte zu ihr durchdringen.* Er beschloss, die Stille zu durchbrechen.

"Kathryn, was denken Sie?" Chakotay war bei diesen Worten näher an sie herangetreten und hatte ihr die Hand leicht auf die Schulter gelegt. Kathryn Janeway fühlte sofort eine beruhigende Wärme, die von der Berührung des Indianers ausging, sie wandte ihm das Gesicht zu, wobei sie den Kopf leicht anheben musste und blickte ihn an.

"Ich denke an das kleine Mädchen. Hoffentlich behandeln die Kidnapper es gut. Das Kind kann doch nichts dafür. Kinder sind so unschuldig, aber oft die Leidtragenden." Sie klang beinahe verzweifelt. "Wer aus dem Regierungsgebäude kann das getan haben?"

Chakotay ließ seine Hand auf ihrer Schulter liegen, da er bemerkte, dass ihr seine Berührung gut tat.

"Minister Targor hat vielleicht bis morgen früh schon weitere Erkenntnisse. Allerdings muss ich gestehen, dass mir der Kerl nicht sonderlich sympathisch ist."

"Mir auch nicht, Chakotay", antwortete Kathryn nachdenklich, "ich weiß nicht recht, er wollte keine Einmischung von Tuvok. Er wurde sogar richtig harsch. Vielleicht hat er Angst, unser Sicherheitschef würde zuviel herausfinden."

"Schon möglich", überlegte Chakotay, "nur glaube ich, es wäre besser, wenn wir uns morgen früh bei dem Meeting damit befassen. Wir sind müde und werden heute bestimmt keine Antworten mehr auf unsere Fragen finden." Er nahm die Hand von ihrer Schulter, was Kathryn mit Bedauern zur Kenntnis nahm, legte diese aber sofort auf ihren Ellenbogen und fragte: "Darf ich Sie zu Ihrem Quartier begleiten?"

Kathryn Janeway musste schmunzeln. "Haben Sie Angst, dass ich noch arbeiten könnte?"

"Ehrlich gesagt, ja", antwortete Chakotay mit einem warmen Lächeln, das ihre Knie weich werden ließ. "Wir finden bestimmt morgen eine Lösung, wie wir den Targaleanern helfen können."

Kathryn lächelte ihn nun ebenfalls an und sie verließen zusammen den Transporterraum. Schweigend legten die beiden den Weg zum Captainsquartier zurück. An der Tür angekommen verabschiedete sich Chakotay. "Gute Nacht Captain, schlafen Sie gut. Und nicht vergessen, Anweisung des ersten Offiziers: Keine Arbeit mehr!"

Kathryn blitzte plötzlich der Schalk in den Augen, sie schlug gespielt unterwürfig die Hacken zusammen. Sie salutierte grinsend vor ihm, antwortete lachend: "Aye, aye Sir", und verschwand sofort in ihrer Kabine.

Chakotay schüttelte schmunzelnd den Kopf und ging in sein Quartier.


In ihren Räumen holte Kathryn sofort das Medizinbündel hervor. Endlich war es soweit. Trotz der furchtbaren Vorkommnisse auf Targala hatte sie diesen Augenblick herbeigesehnt. Alle Müdigkeit war wie weggewischt, nichts konnte sie mehr davon abhalten jetzt auf Visionensuche zu gehen. Vorsichtshalber deaktivierte sie ihren Communicator und befahl dem Computer, den Türmelder auf stumm zu stellen.

Wieder legte sie sich die Amselfeder, den Stein und das Akoonah zurecht. Kathryn schloss die Augen und wiederholte konzentriert ihren Spruch.

Als sie sich erneut an ihrem Strand vorfand, suchte sie sofort voller Vorfreude und Ungeduld nach ihm. Eine herbe Enttäuschung machte sich in ihr breit, als sie ihn nicht gleich sah. *Habe ich etwas falsch gemacht, habe ich mir nicht genug gewünscht, dass er kommt?* Fragen über Fragen schossen ihr durch den Kopf.

Plötzlich spürte sie seine Hände auf ihren Schultern, die gleich mit einer leichten Massage begannen. Sie konnte ihn nicht sehen, da er hinter ihr stand, aber sie spürte, dass nur er es sein konnte. Sie öffnete den Mund, um ihn etwas zu fragen, jedoch kam er ihr zuvor.

"Kathryn, du bist ja völlig verspannt. Was bedrückt dich?", fragte Chakotay mit seiner unglaublich sanften Stimme, die bei ihr zusammen mit der Massage eine leichte Gänsehaut verursachte.

"Ich weiß auch nicht, Chakotay", antwortete Kathryn langsam und versuchte, sich nicht zu bewegen, damit er diese herrlich stimulierenden Bewegungen seiner Hände weiter fortsetzte. "Ich glaube, es ist die Entführung des Babys. Die arme Mutter, sie tut mir so leid. Ein Kind zu haben ist das größte Glück, es zu verlieren, muss entsetzlich sein."

"Seit wann denkst du über Kinder und Muttergefühle nach, Kathryn?", fragte Chakotay, ohne die Massage zu unterbrechen. Er lockerte seine Griffe nur etwas, seine Hände streichelten jetzt mehr über ihren Rücken. "Möchtest du auch welche haben?"

Diese Frage überraschte Kathryn. Sie drehte sich langsam um und blickte Chakotay tief in die Augen. Dieser ließ seine Hände nicht sinken, sondern streichelte weiter ihre Schultern und fuhr mit den Daumen langsam ihren Hals hoch bis zu den Ohrläppchen. Die sinnlichen Berührungen seiner Finger ließen Kathryn erschauern.

"Ich... ich weiß es ehrlich gesagt nicht." Ihre Augenlider flackerten unkontrolliert. Schnell kehrte sie ihm wieder ihren Rücken zu. Was er ausnutzte und ganz nah an sie heran trat, so dass sie seine Körperwärme spüren konnte.

"Warum nicht?", hauchte er.

"Früher war es für mich nie eine Frage. Ich hielt es für selbstverständlich, dass ich irgendwann einmal Kinder haben werde. - Aber ist ein Raumschiff ein geeigneter Ort, um ein Kind groß zu ziehen, besonders in einem Quadranten, wo uns beinah jede Spezies feindlich gesinnt ist? Und außerdem...", sie hielt inne. Sollte sie ihm wirklich eine ihrer innersten Ängste offen legen? Wenn nicht ihm, wem sonst? Er war ihr Berater, aber er war auch so viel mehr...

"Und außerdem?", hakte er nach.

Ihre Stimme wurde zu einem Flüstern und befangen senkte sie den Kopf. "Und außerdem bleibt mir nicht mehr viel Zeit."

Es trat eine unheimliche Stille ein, in der nur das Rauschen des Meeres hinter ihnen und das vereinzelte Kreischen von Möwen zu vernehmen war.

"Zeit ist, was du daraus machst", kam schließlich die kryptische Antwort. "Und außerdem...", begann er wie sie und brach dann ab.

"Und außerdem?" Neugierig wandte sie sich um. Zwischen ihren Augenbrauen hatten sich die typischen kleinen Fältchen gebildet.

Er schmunzelte, weil er ihr Interesse hatte gewinnen können. "Und außerdem wärst du eine wundervolle Mutter."

Ihre Unterlippe bebte und sie musste mehrere Male blinzeln, um die Tränen der Rührung zurück zu halten. "Und Sie wären ein wundervoller Vater."

Wie von selbst fanden sich ihre Hände und der Körperkontakt nahm immer mehr zu. Schon lehnten sie aneinander und ihre Köpfe neigten sich einander zu. Ihr Blick sprang von seinen braunen Augen zu seinen leicht geöffneten Lippen. "Ich sollte jetzt besser gehen", machte sie im letzten Augenblick einen Rückzieher und sofort löste sich die Landschaft um sie herum auf.

Sie saß wieder in ihrem abgedunkelten Quartier. Wie versteinert starrte sie auf das Akoonah in ihren Händen, welche zu zittern begannen. Sie schlug die Hand vor den Mund und unterdrückte ein Schluchzen. - Nicht einmal in ihren Visionen konnte sie loslassen.