Kapitel 1
Roger hatte es durch seine Erfolge in der Rennserie geschafft finanzielle Unabhängigkeit zu erreichen. Er hatte ein kleines Haus in Palm Drive 4265 Old San Francisco erworben und hatte dort seine gesamte Habe untergebracht, die er in den letzten vier Jahren angesammelt hatte. Viel war es nicht, denn Erinnerungen an seine Kindheit und Jugendzeit fehlten aus gutem Grund.
Roger trat nach draußen und zog die Türe hinter sich zu. Er hatte beschlossen, sich bei der Sternenflotte umzusehen und sich einzuschreiben, um eine technische Ausbildung machen zu können.
An der Haltestelle nahm er die Magnetbahn bis zum Campus und als er den Komplex betrat, hatte er erstmals das Gefühl, dass ein neuer Lebensabschnitt auf ihn warten könnte. Er ging vorbei an dem japanischen Garten, auf dessen Pfaden viele Angehörige der Sternenflotte unterwegs waren. Von einfachen Kadetten über Crewman, Offiziere und sogar einige Captains begegneten ihm, bevor er im Verwaltungsgebäude stand und sich in der großen Halle erst einmal orientieren musste. Schnell fand er den Bereich, in dem man sich neu einschreiben konnte.
Gemeinsam mit ihm warteten weitere Anwärter, die sich für eine Ausbildung an der Akademie einschreiben wollten. Es waren wie er feststellen konnte viele unterschiedliche Personen, einige davon waren nicht von der Erde, manche waren sehr jung, aber auch ältere Personen, die möglicherweise die Veränderung suchten oder eine andere Ausbildungsoption, waren darunter.
Es ging nur zögerlich voran und es dauerte eine ganze Weile, bis Roger an der Reihe war.
Ein Offizier in roter Uniform im Rang eines Lieutenant Senior Grade stand hinter dem Schalter und nahm Rogers Unterlagen entgegen. Er prüfte die Zeugnisse, die Roger ihm auf einem isolinearen Stick überreichte ebenso, wie die persönlichen Daten, die unweigerlich für eine Anmeldung verpflichtend waren.
Der Lieutenant gab Roger seinen Stick zurück und wandte sich dann direkt an ihn.
„Ich notiere Sie schon einmal für einen Studienplatz, damit sie die Möglichkeit zur Aufnahmeprüfung erhalten, aber bevor wir das bestätigen können, brauchen wir noch die Einverständniserklärung Ihrer Erziehungsberechtigten.“
Roger rutschte das Herz in die Hose. Damit hatte er nicht gerechnet. Seit mehr als vier Jahren hatte er sich von seiner Familie getrennt aus Gründen, die er lieber nicht breittreten wollte.
„Das wird sicher nicht notwendig sein. Möglicherweise haben Sie übersehen, dass ich bereits das achtzehnte Lebensjahr erreicht habe. Ich bin also volljährig und es dürfte kein Problem sein mich einzuschreiben.“
Der Offizier bewies Ruhe und Geduld. „Das mag sein, aber wie Sie wissen, ist die Sternenflotte eine Organisation mit militärischen Grundregeln. Nach ihrem Abschluss und bei Eintritt in die Flotte besteht die Möglichkeit des Einsatzes im Weltraum und für Personen unter Einundzwanzig ist daher die Zustimmung der Erziehungsberechtigten eine Pflichtvorgabe, da kann ich leider nichts machen.“
Der Offizier schob den isolinearen Stick über den Tresen zurück zu Roger und gab ihm damit zu verstehen, dass er den Platz für den nächsten freimachen musste.
Im Gedanken lief Roger zurück und setzte sich wieder auf den Stuhl aus dem er aufgestanden war, obwohl er dazu gar keinen Grund hatte.
Der junge Mann neben ihm sah ihn an. “Du siehst nicht gerade begeistert aus, haben sie dich abgelehnt?“ Roger hatte noch gar nicht richtig realisiert, was passiert war, ebenso, wie er sich wieder auf seinen ursprünglichen Platz gesetzt hatte.
„Nein, sie wollen eine Einverständniserklärung der Eltern, weil ich keine Einundzwanzig bin. Das ist aber ein Problem. Ich verstehe mich nicht gut mit meinen Erzeugern.“
Sein Nebenmann sah ihn ruhig an, „Das kriegen wir schon. Ich bin Peter Frames und ich will mich auch einschreiben lassen. Ich habe einen Onkel, der ist sehr überzeugend, der könnte deinen Vater spielen. Ich bräuchte nur ein paar Angaben, die man Überprüfen kann. Sowas macht der mit links. Der hat mir auch schon oft aus der Patsche geholfen, aber er ist auch mir noch ein paar Gefallen schuldig.“
Für Roger war das ein Angebot, welches sehr überraschend von einem völligen Fremden kam. Dennoch war er geneigt es anzunehmen, denn er wollte es tunlichst vermeiden, dass seine Familie nun nach mehr als vier Jahren wieder in sein Leben trat und ihn möglicherweise wieder bevormunden würde.
„Das klingt verlockend, Was muss ich dafür tun?“, wollte Roger wissen, denn ihm war klar, dass niemand etwas zu verschenken hatte und keiner selbstlos genug war, um einem völlig Fremden einen solchen Gefallen zu tun.
„Nimm es als einen Vorschuss auf eine gute Kameradschaft. Man braucht immer einen Kumpel, auf den man sich verlassen kann und wenn ich angenommen werde, dann habe ich wenigstens jemanden an meiner Seite, der mich bereits kennt.“, antwortete Peter und reichte Roger die Hand. Ein wenig zögerlich willigte dieser ein und nahm die Hand, die er entschlossen drückte, um Peter zu zeigen, dass er es ernst meinte.
Zwei Wochen später hatte Roger ein Bestätigungsschreiben in seinem elektronischen Hausanschluss, welches ihn darüber informierte, dass er alle Formalitäten eingereicht hatte, einschließlich einer Bestätigung seines Erziehungsberechtigten. Wie immer Peter Frames das hinbekommen hatte, er war ihm zu großem Dank verpflichtet. Der Termin für die Eignungsprüfung war in vier Wochen und Roger kontaktierte Peter, weniger um ihm zu danken, sondern vielmehr, um ihn zu fragen, ob sie sich gemeinsam vorbereiten wollten.
„Die Verbindung wird hergestellt“, tönte es aus dem Audiosystem. Nach einigen Wartetönen erschien das Gesicht von Peter Frames auf dem Bildschirm. Seine erste Frage konnte sich Roger schon denken und es war genau das, was er vermutet hatte. „Und hat es geklappt? Mein Onkel hat gesagt sie haben ziemlich rumgezickt, aber als er dann nach einem Vorgesetzten gefragt hat und ein paar wichtige Leute zitiert hat, sind sie ziemlich kleinlaut geworden. Möglicherweise waren Sie aber auch nur beeindruckt vom Lebenslauf und der Position deines Vaters. Egal, wie auch Immer, ich hoffe es hat geklappt“
Roger nickte zur Bestätigung in die Kamera. „Ja, hat es. Vielen Dank!“, Peter machte eine abschätzende Geste, „Ach das war doch nur eine Kleinigkeit, aber witzig, dass das heute in dieser technisierten Welt immer noch funktioniert.“ Ein breites Grinsen konnte er dabei nicht vermeiden und Roger bekam dadurch auch bessere Laune. Seine Gewissensbisse rückten in den Hintergrund.
„Ich habe meinen Termin in vier Wochen und wollte fragen, ob wir uns gemeinsam auf den Stoff vorbereiten wollen.“ Peter antwortete nicht sofort und Roger ahnte, dass da vielleicht noch ein Haken war. „Naja, ich bin nicht der Meister der Vorbereitung muss ich zugeben. Ich lasse das eigentlich immer auf mich zukommen und habe das bisher immer ganz gut geschafft.“, erklärte Peter.
Roger war da schon pessimistischer. „Ich schicke Dir mal eine Liste des Stoffes, der als Grundkenntnis vorausgesetzt wird. Ist nicht wirklich einfach.“, gab Roger zu bedenken und sendete die Themen eines alten Tests an Peter, dessen Gesicht Bände sprach, als er den Abriss der Aufgaben durchlas. Für einen Moment war Peter sprachlos und seinem Gegenüber wurde klar, dass er nicht mit so schwierigen Themen gerechnet hatte.
„Hey Mann, da braucht man ja schon fast einen Doktortitel, um das zu wissen.“, kam es dann von Peter.
„Naja, die Sternenflotte ist ja auch keine Dorfmannschafft. Wenn Du tatsächlich irgendwo im Weltraum rumschwebst, dann musst Du schon was auf dem Kasten haben, um dich zu behaupten, um in schwierigen Situationen das Richtige zu tun oder einfach nur um zu Überleben.“
Peter Frames ließ sich in seinen Stuhl zurücksinken. „So schwer hätte ich mir das jetzt nicht vorgestellt. Aber es ist wohl besser, wenn ich dieses Mal eine Ausnahme mache und mich vorbereite. Danke für Dein Angebot, wann wollen wir anfangen?“ Roger sah seinen möglichen Kameraden fest an.
„So schnell wie möglich. Wir müssen eine Menge Stoff durchgehen und das von dem wir keine Ahnung haben müssen wir pauken. Es muss sitzen. Ich bin mir sicher, dass sie uns verunsichern wollen und da müssen wir einfach drüberstehen.“
Peter nickte. „Gut, ich komme morgen bei Dir vorbei. Bei mir ist es schlecht, ich habe keine eigene Bude und die anderen sind manchmal richtig blöd, wenn man was neues beginnen will.“
„Gut,“, sagte Roger, „Dann sehen wir uns morgen am besten schon früh, so um acht Uhr sollte passen, da ist es noch nicht so heiß draußen und wir haben ausreichend Zeit, um uns vorzubereiten.“
Ein Stöhnen war von Peter zu hören „Echt um acht Uhr früh? Warum können wir nicht am Nachmittag anfangen, dann könnte ich wenigstens ausschlafen.“ Roger musste lachen. „Sieh es als Training für den Fall, dass Du aufgenommen wirst. Ich bin mir sicher im Studium und der Grundausbildung werden wir noch früher geweckt.“
Peter nickte. „Okay, ich stehe morgen um Acht vor Deiner Tür. Bis dann.“ Peter hob die Hand und schaltete die Verbindung ab. Roger hatte gemischte Gefühle. Vielleicht sah Peter das alles ein bisschen zu einfach. Er machte sich da keine Illusionen. Die Ausbildung würde sie beide sicherlich nicht nur einmal an ihre Grenzen bringen.
Peter wirkte noch etwas verschlafen, als er am nächsten Morgen vor der Tür von Rogers Anwesen stand.
Die Tür öffnete sich und Peter trottete langsam durch den Flur bis zum Wohnzimmer, in dem Roger bereits Vorbereitungen getroffen hatte. Er drückte Peter ein Padd in die Hand, welches dieser einschaltete, um zu sehen was auf ihn zukommen würde.
Auf der Liste standen ein breites Spektrum an Allgemeinwissen, einige Fragen mit Mehrfachantwortmöglichkeit, zu den Gründen, warum man zur Sternenflotte wollte, räumliches Denken, deduktives Denken, aber auch Denken unter den Gesichtspunkten der Induktion.
„Sind die noch ganz Dicht? Ich kenne die Wörter nicht mal, da muss ich ja erst mal nachschlagen, was sie bedeuten. So etwas hat doch nichts damit zu tun, ob ich Warpfeld-Theoretiker werden will.“
Roger ließ sich in einen Sessel fallen. „Du dachtest sicher, dass so etwas einfach sein würde, aber stell Dir das nicht so leicht vor. Die Flotte braucht gute Leute. Sie müssen den Anforderungen und Herausforderungen gewachsen sein. Viele haben schon bei den ersten Tests versagt und nicht jeder macht einen erneuten Versuch. Auch daran wird man gemessen, ob man etwas wirklich will. Da sind mit Sicherheit jede Menge psycho Spielchen dabei. Aber von so etwas lassen wir uns nicht abschrecken.
Bleiben wir einmal bei den Beispielen, die Dir Sorgen machen. Ich werde es Dir erklären. Nur keine Panik, ich musste es auch nachschlagen, aber die Lösung ist gar nicht so schwer.“
Peter Frames zog eine Grimasse, die Unverständnis bekunden sollte. Für ihn war es schwer abstrakte Dinge nachzuvollziehen und Roger erkannte, dass er hier mehr tun musste, als einfach nur die Thematik zu erklären.
„Gut, deduktives Denken und induktives Denken liegen sehr eng beieinander, aber es gibt einen entscheidenden Unterschied.“
Peter lachte abfällig, „Na da bin ich aber froh, dass man das auseinanderhalten kann. Für mich ist das alles das Gleiche unverständliche Zeug.“, kam es von ihm.
Roger beschloss, diesen Kommentar einfach zu ignorieren und setzte mit seiner Erklärung an:
„Deduktion ist ein lateinischer Begriff und bedeutet Ableitung oder Herleitung. Diese Vorgehensweise begründet sich damit, dass beim deduktiven Denken erkannt wird, dass aus einer logischen Regel und einer gegebenen Bedingung eine logische Konsequenz als Schlussfolgerung entsteht.
Ein Beispiel: Wenn ein Tier ein Hund ist, dann ist dieser immer ein Säugetier. Dies ist eine logische und auf Fakten basierende Feststellung. Merke: Deduktion führt nicht zu neuen Erkenntnissen sondern vergleicht mit gegebenen Fakten.
Negativbeispiel: Black Beauty ist ein Säugetier. Daraus abgeleitet, Black Beauty ist ein Hund. Das ist falsch, denn Black Beauty kann genauso gut eine Lama oder ein Pferd sein.“
Allein diese erste Erklärung brachte Peter bereits an die Grenze seines Wissens. Das Problem war nicht etwa, dass er dafür kein Verständnis hatte. Allein schon der Sprachschatz fehlte ihm, um sich diese Dinge einzuprägen. Nach einer Weile, in der ihn Roger abwartend angesehen hatte, nickte er und Roger nahm das nächste Beispiel auf.
„Von einer Induktion beim Denken spricht man, wenn man über Veranlassung oder Herbeiführung redet. Induktives Denken bedeutet eine Ableitung aus einer allgemeinen Regel. Es hat auch etwas mit Intuition zu tun. Die Ableitung erfolgt aus Einzelfällen. Es gibt daher den Unterschied zwischen Deduktion und Induktion, weil die Induktion neue Erkenntnisse bringen kann. Du erinnerst dich, die Deduktion verwendet gesicherte Fakten. Bei Induktion jedoch, muss die gezogene Konsequenz nicht zwingend zutreffen.
Nimm eine Aufzählung bekannter Persönlichkeiten, die unstrittig gelebt haben und unstrittig verstorben sind. Induktion ist die Schlussfolgerung, dass alle Menschen sterblich sind. Die Sterblichkeit aller Menschen wäre daraus folgend eine neue Erkenntnis.
Deduktion hingegen beginnt mit der allgemeinen Regel, dass alle Menschen sterblich sind. Die zweite Aussage ist, dass eine bestimmte Person ein Mensch ist. Das Resultat daraus ist, dass diese Person sterblich ist.“
Roger konnte erkennen, dass Peter damit noch überfordert war, aber er war sich sicher, dass er den Unterschied feststellen und sicherlich bei dem Test richtig beantworten würde. Es war eben alles eine Sache der Übung, selbst bei Dingen, die man bislang noch nie gehört hatte.
Roger van Dyke sah auf seine Liste, zwei Fragen hatte er noch die Peter beantworten sollte, dann wollte er mit dem Üben anfangen.
„Wie sieht es bei Dir mit dem räumlichen Denken aus, hast Du damit Probleme?“, wollte er von Peter wissen.
„Kannst Du mir mal näher erklären, was Du meinst, ich hab‘ das Gefühl ich weiß überhaupt nichts mehr“, entgegnete sein gegenüber, während er sein Padd ein wenig zu schwungvoll auf den Tisch warf, wo es über die Platte schlitterte und nur knapp vor der Tischkante zum Halt kam.
„Logischerweise ist es für die Flotte immens wichtig, dass man räumliches Denken anwenden kann und auch darüber hinaus klarkommt.“ Peter lachte laut auf, „Wie soll es ein ‚Darüber hinaus‘ geben, das ist doch völlig unlogisch.“ Roger erkannte das Problem, was sein kommender Kommilitone hatte.
„Okay, Du bist in einem Raum, Deckenhöhe drei Meter, der Raum ist vier Meter breit und fünf Meter lang. Du befindest dich in der Mitte. Wo bist Du?“ Peter zog eine Grimasse, die wohl ausdrücken sollte, dass er sich veralbert fühlte. Trotzdem antwortete er. Ich stehe auf dem Boden, nach links und rechts sind Zwei Meter Platz nach vorne und hinten jeweils zweieinhalb.“ Roger nickte.
„Okay, jetzt stell dir die gleiche Begrenzung innerhalb des freien Raums vor, es gibt allerdings keine Wände Decken oder Boden. Wie sieht es nun aus?“ Peter lachte „Natürlich genauso, was sollte anders sein?“
Nun lachte auch Roger kurz, aber es war ein Lachen, das Peter sagte, dass es die falsche Antwort sein musste, denn es klang nicht spaßig.
„Zunächst einmal: im freien Raum gibt es keine Schwerkraft. Die Angabe zur Mitte bedeutet also dass der Abstand nach oben und unten zur Körpermitte ein Meter fünfzig beträgt.“ Peter schüttelte den Kopf,
„Das ist ja megamäßig fies.“ Roger sah ihn an und zeigte auf die Texte auf dem Padd.
“Wir lernen also daraus, dass wir die Frage genau lesen müssen und zunächst verstehen müssen, was sie überhaupt wissen wollen. Erst dann können wir anhand der uns bekannten Fakten die richtige Antwort geben. Für den Dienst in der Flotte wollen die nur die Besten. Es werden sicherlich auch nicht alle durchkommen. Wir können uns glücklich schätzen, wenn wir beide überhaupt aufgenommen werden. Deshalb ist das Lernen auch in dieser frühen Phase sehr wichtig.“
Peter musste erst einmal tief durchatmen, dann sagte er: „Na dann lass uns mal anfangen, wenn ich nur diese Sachen in meinen Schädel reinbringen soll, dann raucht mir schon der Kopf und ich will vielleicht gar nicht wissen was noch so alles kommt.
Van Dyke hatte das Gefühl, dass er mit Peter sicherlich gut lernen konnte. Auch wenn er bereits ein bisschen mehr wusste durch seine Tätigkeit auf dem Lastenpendler, so war auch er noch weit davon entfernt sich seiner Sache sicher zu sein.