Kapitel 2
Akademie der Sternenflotte, San Francisco Anfang 2350
Die beiden jungen Männer hatten die Zeit bis zum Termin gut genutzt und ein breites Spektrum an Wissen in ihren Köpfen verankert. Noch waren sie keine Mitglieder der Sternenflotte. Das Wissen, das man von Ihnen erwartete, konnte daher nur allgemeiner Natur sein mit einigen speziellen Fragen, die man als Interessierter für den ein oder anderen Fachbereich beantworten können sollte. Roger und Peter hatten sich inzwischen auf einen guten Rhythmus geeinigt, der sowohl feste Zeiten für das Lernen als auch für die alltäglichen Dinge ließ. Obwohl Roger sehr intensiv mit Peter lernte, war er doch im privaten Bereich immer noch sehr reserviert. So hatte Peter bisher noch nicht in Erfahrung bringen können, warum das Verhältnis zwischen Roger und seinem Vater so zerrüttet war, dass er ihn nicht einmal für die Anmeldung ansprechen wollte.
Peter respektierte jedoch Rogers Verhalten und fragte nicht nach. Es war ein stilles Einverständnis, welches da zustande gekommen war und Roger war sicherlich dankbar dafür, dass Peter ihn nicht weiter darauf ansprach. Am Tag des Termins trafen sich beide an der Magnetbahn und bestiegen diese. Einige der Personen im Zug schienen das gleiche Ziel zu haben in einem letzten Versuch mühten sich einige das erarbeitete Wissen zu festigen. Roger und Peter hatten sich gut vorbereitet. Während der Zug über die Golden Gate Bridge auf die Sternenflotte zusteuerte, genossen sie die Aussicht auf die Bucht und auf Alcatraz, den kleinen Felsen der einmal als Gefängnis gedient haben sollte.
Hinter der Brücke zog die Bahn eine weite Schleife und stoppte dann im Tunnel unter dem Sternenflottencampus.
Die Beiden nahmen ihre Unterlagen auf und machten sich auf den Weg nach oben in die Halle, in der sie sich vor vier Wochen auch angemeldet hatten.
In einem freien Bereich mit vielen Sitzgelegenheiten stand ein Offizier der Sternenflotte im Rang eines Commanders. Die Hände hatte er hinter seinem Rücken verschränkt und Roger erkannte bereits an der Frisur, dass dieser ein Vulkanier sein musste. Auch seine ausdruckslose Mine passte dazu. Hinter ihm auf dem Schirm konnte Roger die Anmeldenummer sehen die in ihren Unterlagen stand. „Wir müssen da rüber!“, sagte er, nachdem er Peter mit dem Ellbogen angestoßen hatte. Die beiden setzten sich in Bewegung und blieben vor dem Vulkanier stehen, der ihre digitalen Anmeldungen prüfte. Es schien alles in Ordnung. „Die Prüfung Ihres Wissens beginnt um Elf Einhundert.“ Das war eine militärische Angabe und stand für Elf Uhr morgens. Roger schaute auf seinen Chronometer. Es waren noch zwanzig Minuten Zeit und so setzten sich die Beiden auf eine Sitzgelegenheit für zwei Personen. Es waren ausladende und bequeme Sofas, die man eigentlich nicht mehr verlassen wollte, wenn man einmal drinsaß.
Langsam füllte sich der Bereich mit jungen Leuten verschiedener Rassen. Roger sah einige Vulkanier, drei Andorianer vier Tellariten aber auch Bolianer und einige Spezies, die er bislang noch nicht gesehen hatte, welche er nur aus den Büchern kannte.
Einige Minuten vor Beginn des Tests machte sich der Vulkanier bemerkbar und alle sahen ihn gespannt an. „Meine Damen und Herren, Ihre Wissensprüfung beginnt jetzt, bitte folgen Sie mir.“, damit steuerte er auf einen der Gänge zu und zog eine Traube von Personen hinter sich her, die teilweise immer noch in Gespräche vertieft hinter ihm her trotteten.
Der Vulkanier hielt vor einer großen Schiebetür, die sich mit einem Zischen öffnete. Roger war überrascht über die Anordnung der Sitzplätze, wenn man das so nennen konnte. In dem riesigen Raum standen sechsunddreißig Shuttles des Typ 15 ohne Antrieb, sicherlich Attrappen und weniger dafür gedacht die Probanden auf die Sternenflotte vorzubereiten, sondern um sie effektiv zu isolieren.
Der Vulkanier stoppte und wandte sich noch einmal an die Prüflinge. „Mein Name ist Topac, ich beaufsichtige die heutige Wissenskontrolle. Sie haben für die Lösung der Aufgaben insgesamt zwei Stunden Zeit, danach wird im System keine weitere Eingabe mehr zugelassen. Es gibt für jede gelöste oder teilbeantwortete Aufgabe entsprechende Punkte nach Schwierigkeitsgrad. Für ein Weiterkommen müssen Sie mehr als fünfundsiebzig Prozent korrekt beantworten, alle die dies nicht schaffen werden Scheitern und können sich erneut bewerben. Die Beantwortung wird von mir überwacht, Betrug führt zum Ausschluss aus dem Prüfverfahren. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg und nun begeben Sie sich jeweils in eine Kabine.
Roger drückte Peter die Hand, „Alles Gute und viel Glück. Denk dran, zuerst die leichten Aufgaben zum warm werden und dann die bekannten Sachen die viele Punkte bringen und zum Schluss die schwierigen Dinge.“ Peter nickte, „Wird schon schiefgehen, ich wünsche dir das Gleiche.“
Jeder von beiden bestieg ein solches Gefährt, welches nur einen Stuhl besaß und schloss die Flügeltür. Roger orientierte sich erst einmal. Vor ihm war anstatt der Steuerkonsole ein riesiger Flachbildschirm leicht schräg vor ihm eingelassen, so dass er diesen ganz nativ bedienen konnte. Über ihm in der Decke war eine Kamera installiert, die sicherlich den Bildschirm aufnahm, so dass der Prüfer alles sehen konnte. Nachdem alle ihre Plätze eingenommen hatten, erwachte das Display zum Leben. Ganz links oben lief die Zeit in kleinen Buchstaben, darunter standen die Themen des Tests, die er anklicken und damit auf einem Bereich in der Mitte öffnen konnte. Die rechte Seite war einem mathematischen Rechner vorbehalten, den er verwenden konnte. Unten rechts erkannte er einen Musikplayer, mit dem er verschiedene Musikstücke abspielen konnte. Hinter ihm in der Wand, war ein Nahrungsreplikator eingelassen. Man hatte an alles gedacht, außer vielleicht einer Toilette. Aber im Normalfall gab es keinen Grund die Kabine zu verlassen.
Roger betätigte den Musikplayer und wählte auf gut Glück einen Titel aus. Das Stück hieß „Waiting für Cousteau“ und berieselte ihn mit leisen flächigen synthetischen Sounds. Es war inspirierend und gab ihm die Kraft sich sowohl zu entspannen als auch zu konzentrieren und zu fokussieren.
Langsam begann Roger die ersten Fragen zu beantworten. Wie er es Peter geraten hatte, bediente er sich zuallererst der einfachen Aufgaben, die er mit wenig Zeitaufwand beantworten oder lösen konnte. Er hoffte, dass sein Mitstreiter ebenso handelte und gut vorankam. Die beantworteten Aufgabenblöcke wurden farblich hervorgehoben und Roger schaffte es drei Minuten vor der Zeit alle Aufgaben zu beantworten. Bei einigen Dingen war er sich nicht sicher, ob er es richtig gemacht hatte, hoffte aber, dass er nicht zu viele Fehler gemacht hatte.
Nach zwei Stunden stoppte der Countdown bei Null und gab dem Prüfling die Möglichkeit seine Eingaben zu speichern, sofern das noch nicht passiert war.
Die Stimme von Topac war zu hören: „Die Prüfung ist beendet, bitte verlassen Sie diesen Raum und nehmen Sie wieder in der Haupthalle Platz. Wir werden Sie einzeln hereinrufen und Ihnen ihr Ergebnis mitteilen.“
Alle Prüflinge verließen die Kabinen, begaben sich in den Flur und nahmen in den bequemen Sitzecken Platz.
„Meine Herren, was haben wir alles für unnützes Zeug gelernt, das überhaupt nicht drangekommen ist. Bist Du dir wirklich sicher, dass wir das gebraucht hätten. Das waren doch höchstens zwanzig Prozent von dem, was wir uns eingetrichtert haben.“, fragte Peter, doch Roger schüttelte den Kopf. „Abwarten. Wir sind noch nicht fertig.“ Peter sah das anders „Hey Mann, der Test ist um. Da passiert nichts mehr. Wenn die Ergebnisse rausgeben, dann sind wir entweder dabei oder nicht. Aber für heute war es das sicherlich.“
Es dauerte nicht lange, bis der Erste über den Bildschirm aufgerufen wurde sein Ergebnis abzuholen. Roger traute seinen Augen kaum, als die ersten vier nacheinander verschwanden und dann mit gesenkten Köpfen wieder auftauchten, ihre Unterlagen schnappten und schnell verschwanden. Von den sechsunddreißig Personen hatten bisher erst Acht an Ihrer Körperhaltung erkennen lassen, dass sie wahrscheinlich bestanden hatten. Langsam leerten sich die Sitze und zum Schluss saßen nur noch Roger und Peter auf den Stühlen. Aber anstatt ebenfalls über den Bildschirm aufgefordert zu werden das Ergebnis abzuholen, kamen der Vulkanier Topac und ein Captain der Sternenflotte auf die Beiden zu.
„Meine Herren, uns ist aufgefallen, dass Sie bei einigen Aufgaben den gleichen besonderen Rechenweg gewählt haben, dass Sie einige Fragen identisch falsch beantwortet haben und dass Sie bemerkenswert dicht beieinander liegen. Auch wenn wir aktiv keinen Nachweis für einen Betrug feststellen konnten, ist dies sehr ungewöhnlich. Bevor wir uns zu einem Ergebnis entschließen, möchten wir Ihnen Gelegenheit geben uns dies zu erklären.“, gab der Captain zu verstehen, der sich den Beiden noch nicht vorgestellt hatte.
Roger stand auf und trat einen Schritt vor. „Ich bin mir sicher, dass ich das erklären kann.“, gab er zur Antwort. „Na da bin ich aber mal gespannt.“, entfuhr es dem Captain, der sich nicht sicher war, ob er einem Streich aufgesessen war.
„Wir beide, Peter Frames und ich, haben uns beim Einschreiben kennengelernt. Wir erhielten beide die Einladung zu diesem Test und beschlossen uns gemeinsam vorzubereiten. Das erklärt unsere dicht beieinanderliegenden Ergebnisse ebenso wie die gemeinsamen Fehler. Wir haben dafür sehr viel Zeit aufgewendet und die Fragen immer und immer wieder beantwortet, bis sie gesessen haben.“
Der Captain sah Topac eindringlich an, „Es entbehrt nicht einer gewissen Logik, dass diese Erklärung zutreffen kann. Sie hat auf jeden Fall eine höhere Wahrscheinlichkeit, wie eine abgesprochene wie auch immer geartete Betrugsmasche, die wir durch unsere Überwachung nicht feststellen konnten.“, erklärte der Vulkanier an den Captain gewandt.
„Nun gut, wenn das Ihre Schlussfolgerung ist, dann haben Sie beide den Zulassungstest zum Akademietest bestanden. Ich gratuliere Ihnen meine Herren, sie haben die höchsten Punktzahlen erreicht. Mister Frames neunundachtzig Punkte, Mister van Dyke einundneunzig Punkte. Wir sehen uns dann bei der Aufnahmeprüfung zur Sternenflotte in drei Wochen.“ Die beiden Männer nickten noch einmal anerkennend und zogen sich dann zurück.
Peter Frames stand mit offenem Mund neben Roger und sah den beiden Männern bei ihrem Abgang lange hinterher. „Was heißt hier Akademietest zur Aufnahmeprüfung? War sie das denn nicht? Heißt das, die ganze Schufterei geht von vorne los?“ All diese Fragen prasselten auf Roger van Dyke ein und wollten beantwortet werden. „Ich sagte Dir doch ‚Abwarten‘. Was denkst Du eigentlich warum wir chemische Formeln, taktische Planung, Orientierung und Navigation sowie die Grundlagen des Warpantriebs gebüffelt haben wie die Verrückten, wenn nichts von alle dem drangekommen ist?
Wir haben nochmal drei Wochen, um es zu vertiefen und dann werden wir auch die Aufnahmeprüfung schaffen. Nur keine Panik“, sagte Roger und klopfte seinem Mitstreiter auf den Rücken. Komm lass uns in die Stadt fahren, ich hab‘ inzwischen einen Bärenhunger.
* * *
Drei Wochen waren schnell vergangen. Roger van Dyke hatte etwas Probleme damit, dass Peter Frames nicht ganz so zielstrebig war wie er. Natürlich wollte auch er die Aufnahmeprüfung schaffen, aber er sah das Ganze nicht so verbissen. Nach seiner Einschätzung verbiss sich Roger zu sehr in der Aufnahmeprozedur, büffelte, suchte Informationen und Hinweise zusammen, die einen optimalen Abschluss der Prüfung sicherstellen sollten, vergaß dabei aber zu leben.
„Hey, jetzt hör mal auf mit diesem ewigen Lernen, Pauken und Information aufsaugen. Das wahre Leben wartet da draußen vor Deiner Tür und Du könntest es ruhig mal reinlassen.“, beklagte sich Peter, dem schon wieder der Kopf rauchte. Das Pensum, welches Roger hier vorlegte schaffte er nicht einmal ansatzweise. Ihm war klar, dass er sich auf eine wichtige Prüfung vorbereitete und er setzte klare Prioritäten, die viele Punkte bei der Prüfung ergaben. Roger hingegen schien zu versuchen alles richtig zu machen, das konnte kein Mensch leisten.
Es kostete ihn viel Überredungskunst, aber Roger willigte schließlich ein bei diesem sagenhaften Wetter einmal aus der Wohnung zu gehen.
Beide traten hinaus ins Freie und die Sonne, die vom Himmel schien, machte sofort gute Laune. Eine leichte Brise wehte und machte die Sonneneinstrahlung erträglich.
Peter bemerkte, dass Roger unruhig aber gleichzeitig auch verschlossener wurde.
„Hey, jetzt mach Dir mal nicht ins Hemd wegen der Prüfung. Du wirst sie mit Sicherheit bestehen, ich habe da eher bei mir meine Zweifel“, erklärte Peter. Doch Rogers Laune schien sich nicht zu verändern. Eine lange Zeit liefen sie nebeneinanderher, bis Roger sich dazu entschied auf Peters Vorwurf zu reagieren.
„Ich mache mir sicherlich keine Sorgen um mich selbst. Mir ist es eben wichtig, dass Du ebenfalls bestehst. Denn auch ich will nicht allein durch die Akademiezeit gehen. Kannst Du dich noch an unser erstes Zusammentreffen erinnern?“
Peter dachte nach. Er dachte zurück an diesen Tag und sah die Bilder vor sich. Trotz allem wusste er nicht, worauf Roger hinauswollte. Ihm war wohl bewusste, dass er irgendetwas getan oder gesagt hatte, was sich Roger gemerkt hatte. Aber er lebte vielmehr im hier und jetzt, als dass er sich daran erinnerte, was er vor knapp zwei Monaten gesagt oder getan hatte.
„Ja, ich weiß, dass Dir mein Onkel zur Anmeldung verhalfen hat.“, sagte er schließlich.
„Nein, es ist nicht das, sondern deine Aussage, dass man einen guten Kameraden immer gebrauchen kann.“, erwiderte Roger.
Peter dachte nach. Ihm war auch schon aufgefallen, dass er Roger noch nie bewusst beim Kontakt mit anderen Leuten gesehen hatte. Aber hatte er nicht an einer Rennserie teilgenommen? Auch hatte er mittlerweile erfahren, dass Roger den Entschluss für die Sternenflotte nach einem Besuch mit Freunden auf dem Mond gefasst hatte. Er musste also auch noch andere Personen haben, denen er vertraute.
„Hey, eins verspreche ich Dir, wenn wir die Aufnahmeprüfung schaffen, dann werde ich Dir auf immer dankbar sein.“, wandte sich Peter an Roger.
„Dann lass uns alles dafür tun, dass wir dieses Ziel erreichen.“, entgegnete Roger und drehte um. Sie waren inzwischen so weit gegangen, dass sie das Haus von Roger nicht mehr sehen konnten, aber irgendwann würde es schon wieder auftauchen. Mit ruhigen Schritten gingen sie am Strand entlang und waren bereits wieder dabei, die möglichen Themen der Prüfung durchzugehen.
* * *
Der Tag der Prüfung war gekommen und sowohl Roger wie auch Peter hatten gehörigen Respekt vor der Aufgabe, die vor Ihnen lag. Nicht einmal jeder, der die Prüfung mit einem guten Ergebnis abschloss wurde an die Akademie aufgenommen. Es gab nur eine begrenzte Anzahl an Studienplätzen und die Verantwortlichen wählten nur die Leute aus, denen sie ein entsprechendes Potenzial zutrauten.
Es war also davon auszugehen, dass man selbst bei guter Leistung nicht angenommen wurde.
Vor der Prüfung wurden alle in einen großen Vorlesungsraum geführt. Während alle sich einen Platz suchten zählte Roger unbemerkt durch. Sie waren insgesamt zweiunddreißig Personen, die sich heute hier versammelt hatten. Nachdem Ruhe eingekehrt war, trat ein Mann vor, der sich als Leiter der Akademie vorstellte und noch einmal die Ziele der Ausbildung, die Ziele der Sternenflotte und die Grundprinzipien der Föderation erklärte. Es dauerte fast vierzig Minuten, bis er geendet hatte.
Im Anschluss daran war ein Admiral zu sehen, der die Bedürfnisse der Flotte skizzierte und sich dafür aussprach sich bereits ab Beginn auf seine Stärken und mögliche Tätigkeitsfelder zu konzentrieren.
Auch ein Mitglied der freien Wirtschaft kam zu Wort, der verdeutlichte, dass neben einer Karriere in der Sternenflotte auch in der freien Wirtschaft Absolventen dieser Akademie immer willkommen seien, sofern sie nicht den Dienst in der Sternenflotte antreten wollten.
Zum Abschluss kündigte der Akademieleiter einen Ehrengast an, der gerade auf der Erde verweilte und immer gerne die Gelegenheit nutzte neue Mitglieder für die Sternenflotte zu begeistern.
Nachdem der Leiter den Gast angekündigt hatte, ohne dessen Name zu nennen, verließ er das zentral stehende Podium und machte Platz für den Ehrengast. Dieser bedankte sich mit einer Geste und Roger wusste allein anhand der Körperhaltung sofort, dass er ein Vulkanier sein musste, obwohl noch kein Scheinwerfer auf ihn gerichtet war. Dann trat er ins Licht zu dem Pult und auf der großen Leinwand hinter ihm war der Ausdehnungsbereich der Sternenflotte zu sehen.
„Ich grüße die Anwärter auf die Prüfung zur Aufnahme an die Akademie der Sternenflotte.
Mein Name ist Spock und ich spreche hier einerseits als Sonderbotschafter des vulkanischen Volkes, aber auch als der Kamerad einer Schiffsbesatzung, die lange vor Ihnen die Entscheidung getroffen hat, sich in den Dienst der Sternenflotte zu stellen. Es war unsere Aufgabe dafür zu sorgen, dass wir mit neuen Zivilisationen in Kontakt treten können, und in der Föderation dafür Sorge tragen, dass ein dauerhafter Frieden auch zu anderen Machtbereichen erhalten bleibt. Damit die Zukunft der Föderationsmitglieder, aber auch aller anderen Rassen so positiv wie möglich gestaltet werden kann. Dabei muss man manchmal an seine eigenen Grenzen gehen, oder gar darüber hinaus, was auch ich schon einmal getan habe. Wenn Sie sich entscheiden für die Sternenflotte zu dienen, dann sollte es eine Entscheidung ohne Vorbedingungen sein, eine Entscheidung, die sie aus dem Herzen treffen und die sie mit voller Kraft und Einsatz umsetzen müssen. Denn die Föderation wird auch weiterhin darauf angewiesen sein, dass mutige Männer und Frauen den Weg ins Unbekannte gehen und mit Verstand dafür sorgen, dass die Föderation wächst und gedeiht.
Ich wünsche Ihnen allen viel Erfolg bei dem bevorstehenden Test, Leben Sie lange und in Frieden!“
Bei seinem letzten Satz hob er die rechte Hand zum vulkanischen Gruß und ging dann mit bedachten Schritten zum Ausgang. Roger kannte den vulkanischen Botschafter. Er war eine Ikone der Sternenflotte und der Föderation gleichermaßen. Er hatte nicht erwartet, dass er Botschafter Spock hier an der Akademie sehen würde, aber vor Überraschungen war man hier wohl nie sicher.
* * *
Die Prüflinge verließen den Vorlesungsraum und wurden in eine Lounge geführt. Ein Instruktor unterwies sie in den weiteren Ablauf. „Werte Prüflinge“, sprach er die Anwesenden an, um die auf der Erde übliche aber hier möglicherweise unpassende Anrede Damen und Herren zu vermeiden, „Sie alle haben sich für die heutige Aufnahmeprüfung qualifiziert und werden nun in Gruppen von fünf Personen in die Prüfungen gehen. Wir beginnen mit T’Lemp, Sakania, Roger van Dyke, Rhanara und Peter Frames. Bitte folgen Sie mir, alle anderen warten bitte, bis sie aufgerufen werden.“ Damit setzte sich der Lieutenant Commander in Bewegung.
Die aufgerufenen Personen standen auf und es zeigte sich eine bunte Mischung von Rassen. T’Lemp, war wie unschwer bereits am Namen zu erkennen ein Vulkanier, Sakania war mit ihrer blauen Haut und den weißen Haaren unschwer als Andorianerin zu erkennen und Rhanara verriet sich ebenfalls durch ihre grüne Hautfarbe als Orionerin, die zwar selten zur Sternenflotte gingen, aber dort meist eine beeindruckende Karriere hinlegten, was nicht allein an ihren Kenntnissen lag, wie Roger gelesen hatte. Es ging, wie fast nicht anders erwartet in das gleiche Holodeck wie für den letzten Test. Dort waren allerdings in einer Sternkonstellation fünf Shuttles des Typs 6 in der langen Ausführung angeordnet. Das Cockpit zeigte in die Richtung des Mittelpunktes dieser Sternkonstellation, in der sich ein Kontrollzentrum befand, welches mit drei Personen besetzt war.
Roger van Dyke wusste sofort, dass jeder seiner Schritte, egal wie richtig oder falsch er war, von dort überwacht wurde.
„Die Prüfung beginnt jetzt. Bitte wählen Sie ein Shuttle aus und betreten sie es. Auf dem Display werden Ihnen die Aufgaben angezeigt, Sie haben zwei Stunden, um diese abzuschließen. Nach Ablauf der Zeit werden keine Eingaben mehr gestattet.“
Roger ging zielstrebig auf das rechts von ihm stehende Shuttle zu und Peter folgte ihm. Dies war wohl zu auffällig, denn obwohl er sich für das nebenan stehende Gefährt entscheiden wollte, wurde er vom Instruktor eine Position weitergeschickt, während die Andorianerin den Platz neben Roger van Dyke zugewiesen bekam.
Nachdem Roger das Shuttle bestiegen hatte und die Türe sich geschlossen hatte, stand er in seinem eigenen Prüfungsraum. Er orientierte sich zunächst. Auf dem Hauptdisplay, welches wie ein übliches Shuttle aussah, war ein kleiner Bereich eingeblendet, in dem die Themen der Prüfung aufgelistet waren.
Es gab einige grundlegende Fragen zu Astronavigation, Technik und Chemie, sowie zu jedem Gebiet ein entsprechendes Fragenpaket mit mehrfacher Auswahl an Antworten.
Roger setzte sich in den Pilotensessel und begann damit zunächst die schriftlichen Fragen soeit zu beantworten, bis er nicht mehr weiterkam. Einige Fragen waren sehr knifflig, dabei handelte es sich um Fragen zur Vorgehensweise der Sternenflotte.
Hier tauchten auch die Fragen zu deduktivem und induktivem Denken, sowie der dreidimensionalen Orientierung auf, was später sicherlich noch in einer anderen Aufgabe thematisiert würde.
Er vertiefte sich gerade in die Chemieaufgabe, die eigentlich relativ einfach war, als plötzlich ein Alarm ertönte. Im Shuttle wurde eine Warnung für einen drohenden Warpkernbruch angezeigt. Roger überlegte nur kurz. Wieviel Wissen konnte man einem Anwärter zutrauen. Sicherlich gab es nicht viele, die eine solche Situation schnell analysieren und richtig lösen konnten. Er entschied sich für eine Notabschaltung. Auch wenn dies im All bedeutete, dass der Hauptantrieb wegfiel, es würde zumindest nicht in einer Explosion enden. Die Anzeigen beruhigten sich und Roger konnte an der Chemieaufgabe weiterarbeiten. Von ihm wurde verlangt eine Lauge herzustellen, um eine lackierte Holzoberfläche abzubeizen. Ihm war klar, dass es nicht nur um die eigentliche Aufgabe ging. Auch die Frage der richtigen Vorgehensweisen sowie aller Sicherheitsmaßnahmen waren sicher einzuhalten und würden in die Bewertung mit einfließen. Eine schnelle Prüfung der vorhandenen Materialien ergab, dass ihm zwei wichtige Dinge fehlten, um die Aufgabe erfolgreich abzuschließen. Roger tippte eine Suchanfrage nach einem Pinsel, sowie nach Stärkepulver ein, um die fehlenden Dinge für die Aufgabe zu ergänzen.
Peter Frames hatte in seinem Inventar einen Pinsel, die Andorianerin konnte mit dem Stärkepulver dienen. Auf der Transporterfläche materialisierten sich die beiden Gegenstände nacheinander und er konnte sie nach hinten ins Shuttle bringen, wo ein Labor nachgebildet war, in dem auch das zu bearbeitende Holzteil lag. Schnell hatte Roger die Lauge angerührt und trug sie mit dem Pinsel auf das lackierte Holzteil auf. Ein weiterer Alarmton schrillte auf. Eine Plasmaüberhitzung infolge der Warpkernabschaltung wurde angezeigt. Auch hier wählte Roger die einfachste Möglichkeit, indem er die Plasmakühlung erfolgreich aktivierte. Kaum war er zu seiner Aufgabe zurückgekehrt erhielt er eine Nachricht. Nun war ein anderer Absolvent dabei seine Chemieaufgabe zu lösen und suchte nach Aluminiumpulver und gereinigtem Sonparwasser. Roger prüfte sein Inventar und konnte das Aluminiumpulver bereitstellen. Keine zwei Minuten später kam die nächste Anfrage.
Roger van Dyke war bewusst, was all das sollte. Es war einerseits ein Stresstest, indem man die Probanden unter Druck setzte, andererseits wollte man darauf aufmerksam machen, dass man immer wieder einmal auf die Hilfe anderer angewiesen war. Ein Blick auf die Uhr sagte ihm, dass nicht mehr viel Zeit verblieb, um all seine Aufgaben abzuarbeiten.
Ein Kommunikationswunsch wurde angezeigt und Roger musste sich entscheiden, wem er nun den Vorzug geben wollte. Er entschied sich in diesem Moment für seine aktuelle Aufgabe und befreite die Holztüre vollständig vom alten Lack. Danach reinigte er sie mit einem Schwamm mit klarem Wasser. Mit Zitronensäure hellte er dunkle Flecken auf und versiegelte das Holzstück anschließend mit einem natürlichen Öl.
Ihm blieben jetzt noch zwanzig Minuten. Eine Navigationsaufgabe konnte er schnell und zuverlässig lösen. Weiter ging es mit einer Verhandlungsfrage. Sie ähnelte einer dieser fünfer Fragenpakete wo zu jedem Haus eine Farbe ein Dach ein Balkon eine Straße und ein Bewohner angegeben werden muss, wobei sich die Aussagesätze immer auf eine Sache beziehen und eine andere Angabe beinhalten. So wie zum Beispiel: ‚Das blaue Haus steht neben dem Haus mit den Spitzdach‘, aus diesen Angaben müssen sich dann fünf Häuser mit jeweils fünf Eigenschaften ergeben. In diesem Fall waren es jedoch Rassen, die unterschiedliche Güter benötigten. Roger hatte diese Rätsel schon immer geliebt und so war er schnell damit fertig. Zwei weitere Aufgaben konnte er noch lösen, lediglich bei der letzten Frage ging ihm die Zeit aus.
Roger wollte gerade eine Eingabe machen, als die komplette Energie abgeschaltet wurde. Kurz darauf öffnete sich die Tür und er wurde angewiesen das Shuttle zu verlassen.
Peter, der sich nach wenigen Sekunden bei ihm einfand machte einen geschafften Eindruck. „Mann, das war ja ganz schön heftig. Aber gut, dass wir so viel gelernt haben. Ich glaube, alles, was ich gemacht habe, ist richtig. Ich habe ein gutes Gefühl. Wie sieht es bei Dir aus?“
Roger sah Peter an, „Naja, ich schätze mal, ich habe all das beantwortet, was ich wusste und wofür die Zeit gereicht hat. Aber ich habe nicht alle Aufgaben geschafft, das gibt bestimmt Punktabzug. Wir werden sehen, ob es gereicht hat.“
Die fünf Teilnehmer, die ihre Prüfung nun hinter sich hatten, setzten sich in die Lounge und schauten sich prüfend um. Noch zehn weitere Personen saßen hier, während weitere fünf aus dem Gang kamen und sich zu ihnen gesellten. Einige schienen sich zu kennen, wie Roger und Peter und sprachen über die Prüfung und ihre Lösungsansätze. Obwohl Roger nur Gesprächsfetzen aufschnappen konnte, war er sich sicher, dass es nicht überall so gut gelaufen war, wie er es für sich einschätzte. Die letzten 10 Personen begaben sich nach dem Aufrufen zur Prüfung und damit war van Dyke klar, dass sie wohl noch mehr als zwei Stunden auf die Ergebnisse warten mussten.
Die Zeit verging nur langsam und die einzelnen Probanden wurden mittlerweile unruhig. Roger entspannte sich. Sicher war auch das ein weiterer Test außerhalb der Prüfszenarien, um zu erfahren, wie die Anwärter mit unerwarteten Situationen umgehen würden. Einige liefen auf und ab, andere diskutierten, manche grübelten bereits über die Frage, ob sie angenommen würden und wieder andere ärgerten sich bereits jetzt über mögliche Fehler, die ihnen mittlerweile bewusstwurden.
Dann war der Moment der Wahrheit gekommen, nachdem auch die letzten aus ihren Prüfungen zurückgekehrt waren und die abschließende Bewertung wohl vorgenommen worden war.
Alle wurden in den Vorlesungsraum gebeten.
Ein Lieutenant verteilte einzelne PADDs an die Prüflinge, auf denen sie ihre Ergebnisse ablesen konnten. Nachdem Roger sein Gerät aktiviert hatte, erhielt er die Nachricht, dass er angenommen worden war. Bei Peter war die Enttäuschung groß, als er einen ablehnenden Bescheid erhielt.
Es gab unter den fünfunddreißig Bewerbern wesentlich öfter ein verzweifeltes Aufstöhnen als einen gemäßigten Freudenschrei.
Der Leiter der Akademie trat ans Rednerpult und ein Scheinwerfer wurde auf ihn gerichtet.
„Werte Akademieanwärter, wir konnten heute sechzehn Personen in die Akademie aufnehmen. Diejenigen, bei denen es dieses Mal nicht ausgereicht hat, bitte ich allerdings einen erneuten Versuch zu machen. Wir wissen, dass die Sternenflotte hohe Erwartungen stellt, die nicht jeder beim ersten Mal erfüllen kann. Umso leichter wird es Ihnen beim nächsten Mal fallen, wenn sie sich erneut der Aufnahmeprüfung stellen.“
Während der Leiter der Akademie nun ausführte, welche Gewichtung die einzelnen Aufgaben hatten beugte sich Peter zu Roger van Dyke, „So ein verdammter Mist, ich habe zwei Fragen falsch beantwortet aber den Rest eigentlich richtig gemacht.“
An der Wand erschien ein Schlüssel, der Aufschluss darüber gab, dass man mit zehn richtigen Aufgaben auf jeden Fall in der Auswahl war. Peter hatte mit elf richtigen Aufgaben zumindest die Anforderungen erfüllt. Einer der Prüflinge, ein Bolianer war aufgestanden und ging nach unten zu den Prüfern, die seitlich des Akademieleiters standen und sich seiner annahmen. Er überreichte ihnen das PADD und verließ danach den Raum.
Der Akademieleiter hatte dies gesehen und erkundigte sich bei seinen Kollegen über den Vorgang. Dann drehte er sich wieder nach vorne und wandte sich an die Prüflinge.
„Ich habe gerade erfahren, dass einer der Kandidaten seine Aufnahme aus privaten Gründen zurückgezogen hat. Wir wollen nicht unfair sein und werden diesen Platz an den nächstbesten vergeben, der damit in die Akademie aufrücken kann.
Die Aufnahme an die Akademie erfolgt zum Beginn des Semesters, nähere Informationen gehen Ihnen über die PADDs zu, die Ihnen ausgehändigt wurden. Ich bedanke mich für ihr Kommen und wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.“
Damit endete die Veranstaltung. Die Absolventen des Tests verließen den Saal und gerade als Peter enttäuscht sein PADD in die nächste Ecke feuern wollte summte es und forderte seine Aufmerksamkeit.
Er aktivierte das Anzeigegerät und sah ungläubig auf die Nachricht.
„Hey Roger, Du wirst es nicht glauben, aber ich bin angenommen. Anscheinend bin ich der Glückliche, der von der Rücknahme des Bolianers profitiert.“, grinste er und stieß Roger mit dem Arm an.
„Das ist prima, ich wüsste nicht, was ich auf dem Campus machen sollte ohne Dich.“, antwortete Roger ehrlich.