Die Hitze traf Jim wie eine Umarmung aus Dampf und Honig, als sie in Atlanta aus dem Shuttlezubringer traten. Es war eine andere Art von Wärme als in San Francisco – schwerer, weicher, beinahe lebendig. Der Himmel spannte sich endlos über ihnen, und irgendwo in der Ferne summte ein Zikadenchor sein ewiges Lied.
„Willkommen im Süden“, murmelte Leonard, zog seine Jacke aus und ließ sie lässig über die Schulter hängen. „Wenn du jetzt noch atmest, bist du offiziell aufgenommen.“
Jim blinzelte in die Sonne. „Ich glaube, ich wurde gerade von der Luft erschlagen. Ist das normal?“
Leonard grinste nur und deutete auf ein älteres Shuttlefahrzeug, das am Rand des Landeplatzes wartete. Ein Mann mit graumeliertem Haar und Cowboyhut stieg aus, breit lächelnd.
„Da ist er. Mein Vater.“
Jim sah den Mann auf sie zukommen – groß, aufrechte Haltung, Hände wie Scheunentore. Er hatte Leonard dieselbe Stirn vererbt, denselben wachsamen Blick. Nur war dieser Blick jetzt von Wärme durchzogen, nicht von müder Ironie.
„Leonard!“, rief er aus. Die Umarmung war fest, ein kurzer, kräftiger Schlag auf den Rücken. Dann wandte sich der Mann zu Jim.
„Und das muss James T. Kirk sein.“ Er reichte ihm die Hand. „David McCoy. Willkommen in Georgia, Junge.“
„Freut mich, Sir“, sagte Jim und versuchte, den Händedruck nicht als Wettkampf zu verstehen – verlor aber vermutlich trotzdem.
Der Weg zum Anwesen der McCoys führte über Landstraßen, vorbei an Baumwollfeldern, altem Baumbestand und Häusern mit Veranden, die Geschichten erzählten. Jim lehnte sich ans Fenster, ließ die Landschaft an sich vorbeiziehen – warm, satt, wie aus einer anderen Zeit.
„Du starrst, als hättest du gerade ein alternatives Universum betreten“, sagte Leonard neben ihm, ohne hinauszusehen.
„Vielleicht hab ich das“, antwortete Jim leise. Und für einen Moment war da ein seltsames Ziehen in seiner Brust – nichts, was sich in Worte fassen ließ.
Das McCoy-Anwesen lag auf einer kleinen Anhöhe, von alten Eichen umgeben. Das Haus war zweistöckig, weiß gestrichen, mit breiter Veranda und schaukelnden Hängebänken, die wie Einladungen wirkten. Der Garten war weitläufig, gepflegt, mit einem schimmernden Pool, der im Sonnenlicht glitzerte wie ein versprochenes Paradies.
„Meine Mutter ist sicher irgendwo im Haus“, sagte Leonard, als sie die Koffer aus dem Shuttle luden. „Und Joanna…“ Er hielt inne, plötzlich unsicher.
„Sie weiß, dass du kommst?“, fragte Jim.
Leonard nickte. „Ja. Ich hab’s ihr gesagt. Aber... na ja, sie ist zehn. Man weiß nie, ob sie einen gerade liebt oder hasst.“
Jim grinste. „Wie könnte sie dich nicht lieben?“
Noch ehe Leonard antworten konnte, wurde die Tür geöffnet – und ein kleines Mädchen stürmte hinaus. Braunes Haar, barfuß, mit einem geblümten Kleid und wildem Lächeln. „Daddy!“
Leonard ging in die Knie, fing sie auf, hob sie hoch. Und in diesem Moment fiel alles von ihm ab – die Müdigkeit, die Sorgen, das stille Schuldgefühl, das Jim so oft bei ihm gespürt hatte. Jetzt war da nur noch Lachen, echtes, ungefiltertes Lachen.
Jim trat einige Schritte zurück. Er wollte nicht stören. Und doch konnte er den Blick nicht abwenden. Es war… schön. Und es tat irgendwie weh, ohne dass er genau wusste, warum.
Joanna drehte sich schließlich um und ihr Gesicht hellte sich auf wie ein Sonnenaufgang. „Jim!“
Sie löste sich von ihrem Vater und flog Jim geradewegs in die Arme. Bevor Jim etwas sagen konnte, hatte sie ihn bereits umarmt – fest, wie nur ein Kind umarmt, das jemanden wirklich vermisst hat.
„Hey, Captain Halloween“, sagte Jim und schlang die Arme um sie. „Du bist ganz schön gewachsen seit Oktober. Und ich sehe, du hast immer noch Make-Up im Gesicht. Oder was sind das für seltsame Punkte?“
„Das sind Sommersprossen“, sagte sie und klang beinahe tadelnd. „Die kann man nicht einfach wegwischen.“ Sie grinste stolz, löste sich von ihm und warf einen Blick zurück zu ihrem Vater. „Daddy hat gesagt, dass du mitkommst. Aber davon bin ich sowieso ausgegangen.“
„Ach ja?“
„Na klar. Du hast doch versprochen, mir beim nächsten Mal zu zeigen, wie man ein Shuttle simuliert, das abstürzt, ohne dass jemandem schlecht wird.“
Jim lachte leise. „Ein Versprechen ist ein Versprechen.“
Sie zog ihn an der Hand zur Veranda zurück, als wäre es das Natürlichste der Welt. „Du musst neben mir sitzen. Daddy redet beim Essen immer über langweilige Sachen.“
Leonard, der die Szene vom Schatten der Veranda aus beobachtet hatte, hob eine Augenbraue.
„Langweilige Sachen wie: Zähne putzen, anständig schlafen und keine Süßigkeiten vor dem Schlafengehen?“
Joanna warf ihrem Vater einen demonstrativen Blick zu, als hätte er gerade etwas ausgesprochen Unnötiges gesagt, dann wandte sie sich wieder an Jim. „Du erzählst wenigstens coole Sachen. An Halloween hast du mir die Geschichte mit der Corvette erzählt – wie du sie über den Abhang gefahren hast.“
Jim verzog das Gesicht und kratzte sich verlegen am Nacken. „Ich dachte, das bleibt unter uns.“
Leonard schüttelte kaum merklich den Kopf. Kein Tadel, eher ein leises Staunen. Die Selbstverständlichkeit, mit der Joanna Jim einbezog, die Art, wie sie sich an ihn lehnte, als wäre er schon immer Teil ihrer kleinen Welt gewesen – das war neu. Und für einen Moment traf es ihn tiefer, als er erwartet hatte. Rührend, ja. Aber auch... irritierend. Als müsste er sich eingestehen, dass dieser Mann, der oft wie ein Sturm durchs Leben rauschte, längst seinen festen Platz im Herzen seiner Tochter gefunden hatte.
„Er ist okay, Daddy“, verkündete Joanna, während sie sich wieder neben ihn setzte. „Wir sollten ihn behalten.“
Leonard atmete hörbar aus, aber da war ein kaum verhohlenes Lächeln in seinem Blick. „Na dann“, murmelte er. „Herzlich willkommen im Chaos.“
Jim grinste und lehnte sich entspannt zurück. „Ich war nie gut in Ordnung.“
Leonards Mutter Eleonora – eine elegante Frau mit silberblondem Haar – trat kurz darauf dazu. Ihr Gruß war höflich, mit einem Hauch vorsichtiger Zurückhaltung gegenüber dem fremden Freund ihres Sohnes. Doch sie hieß Jim willkommen, bot ihm hausgemachten Pfirsicheistee an, und ihre Stimme hatte einen Klang, der Geschichten erzählte.
Der Nachmittag verging in Farben und Stimmen. Joanna zeigte Jim den Garten, den Teich mit den Fröschen, den Baum, in den sie nicht mehr klettern durfte. Leonard beobachtete sie aus der Ferne, manchmal mit gerunzelter Stirn, meistens mit einem Ausdruck, der zwischen Sehnsucht und Erleichterung schwebte.
Als die Sonne unterging, saßen sie zu dritt auf der Veranda – Jim, Leonard und Joanna, die langsam auf Leonards Schulter einschlief.
„Danke, dass du mitgekommen bist“, sagte Leonard leise.
Jim sah ihn an. Die warme Brise ließ ein paar Haarsträhnen über Leonards Stirn wehen. Seine Züge waren weicher, jünger, fast frei. „Ich wollte es“, sagte Jim. Und das stimmte. Mehr, als er vorher gedacht hatte.
Leonards Blick blieb auf Joanna, aber etwas an seiner Haltung verriet, dass er Jims Antwort gehört und verstanden hatte. „Sie mag dich.“
„Ich sie auch.“
Ein kurzer Moment verstrich, fast beiläufig. Dann fragte Leonard, ohne ihn anzusehen:
„Wirklich?“
Jim lächelte, nicht ganz ohne Scheu. „Ich mag euch beide.“
Und als die Grillen sangen und das Licht golden über den Feldern hing, wusste Jim nicht, warum sein Herz ein kleines bisschen schneller schlug.