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Der Erde-Romulanische Krieg: Feind ohne Gesicht

von Thilo

Feind ohne Gesicht

Diese Geschichte spielt während des Erde-Romulanischen Krieges ein Jahrhundert vor den Ereignissen der Originalserie „Star Trek“, wie der Krieg von Spock in der Folge „Spock unter Verdacht“ und im „Starfleet Museum“ von Masao Okazaki beschrieben wurden.



Im Jahr 2159

 

In seinem engen Büro auf dem Zerstörer UES Han der United Earth Space Navy sah Captain Chris Hunter von der Computerkonsole auf, als seine Erste Offizierin Commander Ingeborg Benthin eintrat.

Die aschblonde Frau reichte ihm ein Datenpad. „Wir haben gerade einen Subraumfunkspruch von Starbase Jordan erhalten. Die Träger Boxer und Prince of Wales sind von ihrem Einsatz im romulanischen Territorium zurückgekehrt. Aber ein Minotaur-Jäger ist verlorengegangen.“

„Das ist zwar bedauerlich, aber im Krieg nicht zu vermeiden“, erwiderte Hunter, der nicht recht wusste, worauf seine attraktive, aber abweisende Stellvertreterin hinauswollte. Obwohl er dankbar dafür war, dass sie mehr als nur kompetent war.

„Der Minotaur 581 wurde beim Angriff auf Endor beschädigt und ist beim Rückflug zur Boxer dicht beim Sonnensystem Gliese 234 vorzeitig aus der Formation und dem Warp gefallen. Wir haben den Auftrag erhalten, sie zu suchen.“

Hunter unterdrückte einen Fluch, während er die Informationen auf dem Datenpad überflog. „Das ist tief im Feindgebiet. Wenn die Romulaner sie noch nicht aufgespürt haben, sitzen sie dort seit rund zwei Wochen fest. Gibt es bewohnbare Welten im System? Und wie lange benötigen wir dorthin?“

„Es existieren nur zwei Gasriesen und drei kleinere, felsige Planetoiden im System. Keine erwähnenswerten Monde. Navigation geht von achtundzwanzig Tage Flugdauer mit Reisegeschwindigkeit aus“, antwortete Benthin.

Er überlegte. „Und mit bestmöglicher Geschwindigkeit?“

„Achtzehn Tage mit Warp 3,6“, erwiderte die Erste Offizierin beinahe sofort. Natürlich hatte sie alle Möglichkeiten überprüft.

Hunter nickte grimmig. „Lassen Sie Kurs setzen mit Warp 3,6. Hoffen wir, dass wir noch jemanden lebendig finden.“

Benthin nickte knapp, dann drehte sie sich ohne ein weiteres Wort um und verließ das Büro, um auf der Brücke die Befehle weiterzugeben.

Er lehnte sich in seinem Bürostuhl zurück. Typisch für das Oberkommando einen schnellen, modernen Zerstörer mit über zweihundert Besatzungsmitglieder zur Rettung einer dreiköpfigen Jägerbesatzung zu riskieren. Einer Jägerbesatzung, die mit angehender Wahrscheinlichkeit schon lange tot oder in romulanischer Gefangenschaft war. Bitterkeit und dunkle Erinnerungen überkamen ihn wieder.

 

Ingenieurin Ensign Myriam Kirk verließ die winzige Schleuse und trat in den ebenso winzigen Gang zwischen Brücke, Toilette, Aufenthaltsraum und Computerraum des Angriffsjägers 581. Sie nahm den Helm ihres Raumanzuges ab, da sie jetzt ausreichend Platz hatte, um sich zu bewegen. Der Pilot Lieutenant George Andersen folgte noch in der Schleuse ihrem Beispiel. Vorher war es für sie beide in der Enge der Schleuse unmöglich gewesen, dies zu tun.

Andersen zwängte sich an Kirk vorbei, und betrat immer noch im Raumanzug den Aufenthaltsraum. Ein Stuhl und das Etagenbett, dessen obere Hälfte sich an die Wand klappen ließ, damit die untere Hälfte als Sofa benutzt werden konnte, nahmen zusammen mit einen kleinen Klapptisch den Großteil des Raumes ein. Kirk und Andersen schliefen im Wechsel im oberen Bett. Seit zwei Wochen lebten sie so in qualvoller Enge im muffigen Halbdunkeln.

Ihr Kommandant Lieutenant Walther Gerhard lag im unteren Bett. Als er Andersen sah, versuchte er sich aufzusetzen. Mit vor Schmerzen verzerrten Gesicht ließ er sich jedoch wieder zurücksinken. „Und?“, fragte er, obwohl er wahrscheinlich bereits die Antwort kannte.

Andersen schüttelte müde den Kopf. „Kein Erfolg, Skipper. Der Fusionsreaktor läuft nicht an. Und wir können wegen des Kühlmittellecks nicht direkt an ihm arbeiten.“

„Was ist mit den Batterien?“

„Reichen bei minimalen Verbrauch noch für acht Tage. Und die der Rettungskapsel sind komplett zerstört“, antwortete Kirk. Sie wusste, dass sie damit das Todesurteil für sich selbst und ihre Kameraden aussprach. Die Boxer konnte erst nach ihrer eigenen Rückkehr zur Basis den Verlust von 581 melden. Und ein Suchschiff würde frühestens in zwei oder drei Wochen hier eintreffen. Und dann müsste es sie überhaupt auf dieser kleinen, luftleeren Felskugel finden.

„Der romulanische Elbow könnte noch in Rufweite sein“, wandte Andersen leise ein.

„Nehmen Romulaner überhaupt Gefangene?“, fragte Kirk mit einem Schaudern.

Gerhard schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht. Aber wir wissen nichts über sie!“ Er atmete tief durch. „Ich fürchte, es ist unsere einzige Chance.“

Andersen nickte knapp. Er zwängte sich erneut an Kirk vorbei in das Cockpit des Jägers.

Kirk folgte ihm, wofür sie in der Enge nur zwei Schritte benötigte. Natürlich hatten die beiden ranghöheren Männer sie wieder nicht an der Entscheidung beteiligen lassen.

Der Pilot setzte sich an seine Konsole. Er betätigte den Hauptschalter für die Brückenkontrollen.

Die Instrumententafeln leuchteten auf. Ein leises Summen ließ Kirk für einen viel zu kurzen Moment vergessen, dass der warpfähige Raumjäger schwerbeschädigt war und ohne funktionierenden Fusionsreaktor und mit erschöpften Antimaterie-Brennstoffzellen kaum noch Energie hatte.

Andersen räusperte sich, dann öffnete er einen offenen Kanal. „Hier ist der Raumjäger 581 von der Erde. Wir ergeben uns. Und wir benötigen Hilfe.“

Er erhielt keine Antwort. Während der nächsten Stunde versuchte er es immer wieder.

Schließlich lehnte er sich in seinem Pilotensessel zurück und starrte die Cockpitdecke an. Er griff wieder zum Hauptschalter und ließ das Cockpit wieder im Dunkeln versinken. „Gehen Sie bitte in den Aufenthaltsraum. Ich möchte für einen Moment allein sein, Ensign“, sagte er, ohne sie dabei anzusehen.

Sie überlegte noch, ob sie widersprechen sollte, verließ dann aber das Cockpit ohne ein Wort. Sie ließ sich dort auf dem Klappstuhl sinken.

„Keine Antwort?“, fragte Gerhard leise.

Sie schüttelte den Kopf, während sie mühsam ihre Tränen der Verzweiflung unterdrückte.

„Vielleicht ist es besser so. Wer weiß, was die Romulaner mit uns gemacht hätten“, sagte der Kommandant leise.

 

Die Han eilte mit hoher Warpgeschwindigkeit nach Gliese 234. Noch vor zwei Jahren wäre ein so langer und schneller Warpflug mit den bisherigen fusionsbetriebenen Raumschiffen unmöglich gewesen. Für die neue Raumschiffsgeneration mit Antimaterie als Energiequelle war es jedoch mühelos möglich geworden. Und die Romulaner hatten bisher wahrscheinlich noch gar nicht begriffen, warum die irdischen Schiffe auf einmal eine derartig gesteigerte Leistung besaßen, denen ihre eigenen behäbigen Kriegsschiffe so plötzlich und hoffnungslos unterlegen waren.

In seiner Kabine saß Captain Chris Hunter und hörte klassische Rockmusik, während er versuchte seinen Kopf freizubekommen von den Albträumen der Vergangenheit.

Ohne den Türsummer zu betätigten, kam Commander Ingeborg Benthin in seine Kabine.

Er sah sie erbost über diese Frechheit an und pausierte die Musik.

Sie blieb wie eine Statue neben der Sitzecke stehen und blickte ihn gewohnt kalt an. „Der Besatzung fällt inzwischen auf, dass Sie nur auf der Brücke sind, wenn Sie es nicht vermeiden können. Und auch sonst für sich selbst bleiben, Sir.“

Er lehnte sich in seinem Sessel zurück, während er sich eine Antwort überlegte. Schließlich stieß er einen Stoßseufzer aus. „Ich hatte gehofft, dass Sie und niemand anderes es bemerken würde.“

Sie nickte knapp. „Sie vernachlässigen Ihre Pflichten als Kommandant dabei nicht. Deshalb habe ich es vorher nicht angesprochen.“

Hunter sah sie verbittert an. „Ich halse Ihnen alles auf.“

„Sie treffen Ihre Entscheidungen und delegieren die Aufgaben an Ihre Untergebenen. Das ist nicht unbedingt ein schlechter Kommandostil. Aber gleichzeitig gehen Sie uns allen aus dem Weg.“

„Ich sollte nicht das Kommando haben. Nicht die Verantwortung für zweihundert Besatzungsmitglieder haben. Nicht die Entscheidung, wer lebt und wer stirbt. Nicht, nach dem was mit der Wilmington passiert ist.“

„Sie geben sich selbst die Schuld für die Zerstörung Ihres vorherigen Kommandos durch die Romulaner? Und für Ihr eigenes Überleben?“, fragte die schlanke Frau ausdruckslos. Hatte sie eine vulkanische Erziehung?

„Wenn ich doch nur …“, begann Hunter.

„Gedankenspiele basierend auf späteren Wissen helfen Ihnen nicht weiter, Sir. Aber ich gehe davon aus, dass Ihnen die Psychologen dieses ebenfalls gesagt haben. Ich habe deren Gutachten gelesen. Ich mache Ihnen keinen Vorwurf. Diesen mache ich den Entscheidungsträgern, die Sie trotz dieses Gutachtens wieder in den Kommandosessel gesetzt und an die Front geschickt haben.“

Er sah sie verbittert an.

„Sie haben weiterhin meine Unterstützung. Und die der Besatzung. Wir haben aufgrund Ihrer bisherigen Entscheidungen bei unseren ersten Einsatz mit der Han volles Vertrauen in Ihnen.“ Ein ungewohntes Lächeln erschien kurz im Gesicht von Benthin. „Bitte vertrauen auch Sie uns, Sir. Und sich selbst.“

Er sah hinterher, wie die Erste Offizierin wieder ohne ein weiteres Wort sich umdrehte und die Kabine verließ.

 

Myriam Kirk und George Andersen standen auf der kahlen Oberfläche des Planetoiden. Hinter ihnen ragte wie eine antike fünfzig Meter hohe Rakete der Minotaur auf seinem Heck in den Sternenhimmel. Vor ihnen lag das frische Grab von Walther Gerhard. Da sie in dem harten Fels nicht graben konnten, hatten sie stattdessen einen flachen Hügel aus Steinen aufgeschichtet. In einem kopfgroßen Stein hatte Andersen den Namen und das Todesdatum mit einer Laserpistole eingeritzt.

Kirk unterdrückte mühsam ihre Tränen. Im Raumanzug konnte sie sich schlecht die Augen abwischen. Und möglicherweise würde ihr Kommandant der einzige sein, der ein echtes Begräbnis erhielt. Sie erschauerte unwillkürlich. Wahrscheinlich würde der Minotaur ihre Gruft werden, in der sie bis in alle Ewigkeiten unentdeckt ruhen würden.

Der Pilot drehte sich neben ihr abrupt um, und kehrte zum flugunfähigen Raumjäger zurück. Seit Tagen hatte er kein Wort mehr mit ihr oder Gerhard gewechselt.

Und die Batterien würden nur noch für zwei Tage Strom liefern können.

 

Kirk hörte hinter ihr, es im Gang rumoren.

„Das ist doch die Schleuse!“ Sie sprang auf und eilte in den Gang. Die innere Schleusentür war geschlossen. Durch das Sichtfenster sah sie gerade noch, wie Andersen die Außentür öffnete und dann an der Außenseite des Jägers über die Leiter herabkletterte.

Und da die Außentür weiterhin offenstand, konnte sie ihm nicht folgen. Sie fluchte vom ganzen Herzen. Nach kurzem Überlegen aktivierte sie ihr Headset. „Andersen!“

„Ich höre Sie, Ensign. Gut, ich bin gleich wieder beim Fusionsreaktor. Ich benötige Ihre Anweisungen, sobald ich mir Zutritt in dessen geschlossenen Bereich …“

„Der geschlossene Bereich ist durch das ausgelaufene Kühlmittel mit harter Theta-Strahlung verseucht!“, unterbrach sie ihn entsetzt.

„Ich weiß“, antwortete Andersen mit erschreckender Ruhe. „Deshalb habe ich die Schleuse blockiert, damit Sie mir nicht folgen können.“

Kirk legte in Windeseile ihren Raumanzug an, überprüfte kurz dessen richtigen Sitz und Dichtigkeit, bevor sie die Wartungsklappe neben der Schleusensteuerung öffnete. Wenn Sie die Steuerung zurücksetzte, würde die Schleuse wieder in die Grundeinstellung gehen. Sie gab ihren Ermächtigungscode ein, dann drückte sie die Haupttaste und hielt sie lange gedrückt. Die Anzeigen erloschen. Nach wenigen Sekunden, die jedoch Kirk wie eine Ewigkeit erschienen, leuchteten die Anzeigen wieder auf. Die Schleuse absolvierte einen kompletten Durchlauf. Die Außentür schloss sich.

„Ich bin jetzt im geschlossenen Bereich. Kapazitator 2 ist geplatzt. Sein Pulsregulator sieht intakt aus.“

Kirk schluckte hart, als sie in die sich zu spät öffnende Schleuse trat. Sie könnte jetzt Andersen nicht mehr aufhalten, ohne sich selbst der tödlichen Strahlung in der inneren Reaktorkammer auszusetzen. „Was ist mit dem Kapazitator 1?“

Andersen atmete bereits hörbar angestrengter. Sein Raumanzug bot ihm nur geringen Schutz vor dem giftigen, radioaktiven Kühlmittel. „Sieht gut aus im Gegensatz zu seinem Regulator Wenn ich ihn mit dem Regulator 2 verbinde, sollte …“ Er hustete.

Sie flog förmlich die Leitersprossen an der Bordwand herab und betrat den Wartungsbereich des Maschinendecks durch die offenstehende Außenluke.

Rote Warnleuchten blinkten über der Luke zum inneren Maschinenbereich.

„George, bitte kommen Sie da raus“, flehte Kirk.

„Ich bin immer noch Ihr Vorgesetzter, Ensign.“ Er hustete wieder. „Helfen Sie … wie ich den Kapazitator richtig anschließe.“

Stockend und Schritt für Schritt leitete Kirk ihn durch die provisorische Reparatur.

„Versuchen Sie … es jetzt“, befahl Andersen und hustete lange und qualvoll klingend. Wahrscheinlich zersetzten sich bereits seine Lungen.

„Sie sind noch im inneren Bereich! Sie werden sterben, wenn ich ...“

„Ich bin bereits tot. Und ich würde Sie … verstrahlen, wenn ich …“ Erneut unterbrach in ein schwerer Husten. Kaum hörbar sprach er weiter: „Leben Sie…“ Ein langer Hustenanfall unterbrach ihn. „Ich …“

Kirk wartete atemlos. Aber sie hörte nur die harten, pfeifenden Atemzüge des Mannes auf der anderen Seite.

„Myriam, starten Sie den Reaktor“, sagte Andersen kaum noch hörbar.

Sie spürte, wie die Tränen über ihr Gesicht liefen, als sie die Abdeckung des Hauptschalters hochklappte. Das Klacken des umgelegten Schalters klang wie eine Guillotine.

Mit einem kurzen Stottern sprang der Fusionsreaktor an, bevor sich sein Summen stabilisierte. Die Beleuchtung flackerte, bevor sie sichtbar heller wurde.

Sie überprüfte die Anzeigen. Der Reaktor lief mit weniger als einem Viertel Leistung. Zuwenig, um den Raumjäger starten zu können, aber mehr als genug, um sie über Monate überleben zu lassen.

Überleben? Sie war jetzt ganz alleine in dem Wrack. George Andersen war in dem Moment gestorben, als sie den Fusionsreaktor neu startete. Sie sackte in sich zusammen und lehnte sich an die Tür zum inneren Bereich des Fusionsreaktors. Und sie weinte hemmungslos.

 

Captain Chris Hunter betrat die Brücke der Han.

Commander Benthin erhob sich vom Kommandosessel. „Captain auf der Brücke!“

„Bitte machen Sie weiter“, antwortete Hunter. Gleichzeitig wünschte er sich, dass Benthin einfach weiter im Kommandosessel sitzen bleiben würde.

Aber den Gefallen tat sie ihm nicht. Wie die Statue einer allegorischen Figur blieb sie neben dem Sessel stehen.

Schweren Herzen setzte er sich. Hatten die anderen Mitglieder der Brückenbesatzung sein Zögern bemerkt?

„Wir kommen in vier Minuten am Zenit von Gliese 234 aus dem Warp. Bisher keine anderen Kontakte“, berichtete Benthin.

Hunter wusste ebenso gut, dass sie bei Warpgeschwindigkeit andere Schiffe nur entdecken konnten, wenn diese ebenfalls mit Warp unterwegs waren. „Wir sollten ein möglichst geringes Profil zeigen, für den Fall, dass jemand zu Hause ist“, entschied er.

Benthin nickte kaum sichtbar. „Schutzschilde bei Ankunft nicht aktivieren. Aber in Bereitschaft halten. Sensoren auf passiv belassen“, gab sie ihre Befehle.

Mit dem charakteristischen Heulen des sich abschaltenden Warpantriebes fiel die Han in den Normalraum.

Hunter und Benthin blickten beide zur Sensorenstation, an der Lieutenant Will Shikimuri bereits seine Anzeigen überprüfte.

„Kontakt!“, meldete Shikimuri leise, als würde er befürchten, dass die Romulaner ihn sonst hören würden. „Auf 334.209. Der Bandit untersucht anscheinend mit aktiven Sensoren Gliese 234-V.“

Eine aktive Sensorsuche vom Feind erklärte natürlich, warum Shikimuri das romulanische Schiff so schnell entdecken konnte.

„Sind wir entdeckt worden?“, fragte Hunter heiser.

„Negativ, sie scheinen sich auf dem fünften Planeten zu konzentrieren“, sagte Shikimuri.

„Wenigsten etwas. Wir benutzen den Planeten als Deckung für unseren Anlauf. Und es könnten noch mehr Romulaner im System sein“, überlegte Hunter laut.

„Pilot: Kurs auf 334.218. Viertel Impuls. Taktik: Schilde gesenkt halten. Feuerlösung für Laserkanonen vorbereiten. Raketen bleiben in Bereitschaft. Sensoren bleiben auf passiv“, befahl Benthin.

Andere feindliche Raumschiffe im Sonnensystem würden mit Glück die Zerstörung des entdeckten Gegners mit den Lasern nicht bemerken, aber ein Atomschlag wäre nicht zu übersehen und würde jedem im weiten Umkreis ihre Anwesenheit signalisieren.

Die Han kroch viel zu langsam für Hunters Nerven an den felsigen kleinen Planeten heran.

„Kontakt verloren. Er wird vom Planeten verdeckt“, meldete erwartungsgemäß Shikimuri Stunden später, als der Zerstörer in dem Orbit einschwenkte. Er prüfte seine gesammelten Daten. „Es könnte sich um einen kleinen Kreuzer vom Eggplant-Typ handeln.“

„Den knacke ich mit den Lasern. Dann wollen wir hoffen, dass sie keine Kursänderung machen“, warf die Taktische Offizierin Lieutenant Rachel Jerome erwartungsvoll ein.

Hunter saß mit vor dem Mund zusammengelegten Händen weit vorgebeugt im Kommandosessel, während die Han in dem Orbit einschwenkte.

Benthin trat zur Sensorenstation und studierte zusammen mit Shikimuri die bisherigen Daten. „Sir, auf dem Planeten ist ein Metallobjekt mit etwa zweitausendvierhundert Tonnen Masse. Das könnte der Minotaur sein.“

Hunter nickte zur Bestätigung. Waren die Romulaner bereits auf dem Planeten? Er vermied mühsam ein Räuspern. „Gibt es Anzeichen, dass die Banditen bereits dort sind?“

„Das können wir noch nicht erkennen. Wir haben bisher nur die Sensorenechos der Banditen“, antwortete Benthin in einem Tonfall, als würde sie über das Wetter sprechen.

„Wir sollten in einer Minute wieder Kontakt mit dem Banditen haben“, meldete Shikimuri angespannt.

Hunter sah zur Taktikstation. Jerome starrte angespannt auf ihre eigenen Anzeigen. Ihre Hände schwebten über den Waffenkontrollen.

„Kontakt! Eggplant!“, bestätigte Shikimuri.

Auf dem Hauptbildschirm kam über den Horizont der felsigen Welt das romulanische Schiff in Sicht. Plump und tonnenförmig mit zwei kleinen seitlichen Warpgondeln. An der Unterseite war in schwarz und orange eine Art Greifvogel mit ausgebreiteten Schwingen gemalt. Erst jetzt wurde Hunter wirklich bewusst, dass so dicht bisher kein irdisches Schiff an einem Romulaner herangekommen war. Selbst wenn es nur ein kleinerer Kreuzer war. Sie waren wirklich nur noch ein paar hundert Kilometer entfernt.

„Feuer! Schilde hoch!“, befahl Benthin.

Die beiden Laserkanonen kreischten los. Beide Strahlen trafen das fremde Raumschiff. In einer gewaltigen Explosion flog es auseinander.

„Ziel zerstört“, meldete Jerome hörbar zufrieden und rachsüchtig.

„Kontakte?“, verlangte Hunter zu wissen.

„Mögliche Sensorimpulse aus dem Orbit des dritten und vierten Planeten. Aber keine sichtbare Reaktion. Der Planet hat hoffentlich ausreichend die Zerstörung des Banditen abgeschirmt“, meldete Shikimuri. Er und Benthin überprüften weiter die Daten. „Der Kontakt auf der Oberfläche ist wirklich der Minotaur. Keine Anzeichen, dass die Romulaner bereits gelandet sind.“

„Der Jäger hat eine kontrollierte Landung gemacht. Und wir haben eine schwache Impulskurve. Die Besatzung könnte also noch leben“, ergänzte Benthin.

Hunter lehnte sich im Kommandosessel zurück, während der nachdachte. Wenn da unten womöglich Romulaner auf der Lauer lagen, würde das Außenteam in Gefahr geraten. Er bemerkte Benthins Blick auf sich ruhen. Ruhig und abwartend, aber nicht vorwurfsvoll.

Er atmete tief durch. „Commander Benthin, würden Sie das Rettungsteam leiten? Aber seien Sie bitte vorsichtig.“

„Selbstverständlich. Und wir bleiben wachsam.“ Ein kurzes flüchtiges Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. „Sie haben die Brücke, Captain.“

 

Myriam Kirk lag auf dem unteren Bett im Aufenthaltsraum. Wie lange lag sie jetzt schon hier. Sie sollte aufstehen. Und dann? Ihr Blick fiel auf dem Tisch. Dort lag die Laserpistole. Sie schloss die Augen. Sollte sie ihr eigenes Leben beenden? Nachdem George Andersen seines gegeben hatte, um ihres zu retten? Nein! Sie würde weiter warten. Etwas anderes konnte sie nicht tun. Aber worauf warten?

Durch die offene Tür zum Flur hörte sie die Schleuse piepen.

Sie setzte sich abrupt auf. Ohne hinzusehen ergriff sie die Laserpistole. Sie schwang die Beine von der schmalen Koje und trat eiligst aus dem Aufenthaltsraum.

Die innere Schleusentür öffnete sich mit einem Zischen. Und in der Schleuse standen zwei Gestalten in Raumanzügen. Vertraute Raumanzüge der UESN!

Die erste schlankere Gestalt nahm ihren Helm ab. „Ensign Kirk?“, fragte die Frau, deren Namensschild sie als „Commander I. Benthin“ identifizierte.

Kirk begann am ganzen Körper zu zittern. Sie ließ die Pistole polternd auf dem Boden fallen und warf sich schluchzend an die fremde Frau.

Diese hielt sie einfach nur sanft in den Armen. „Es ist gut. Wir haben Sie. Sie sind gerettet.“ Benthin wartete geduldig ab, bis sich Kirk immer noch weinend von ihr löste. „Wir haben das Grab von Lieutenant Gerhard draußen gefunden. Wo ist Lieutenant Andersen?“

„In der inneren Reaktorkammer. Er hat …“ Ihre Stimme brach.

„Ich verstehe, Myriam“, sagte Benthin sanft und nahm wieder Kirk wie ein Kind in ihre Arme, um sie zu trösten.

 

Auf dem Hauptbildschirm der Brücke war der Planet zu sehen.

Myriam Kirk sah durch ihre Tränen, wie Captain Hunter und Commander Benthin sich gegenüber ihr und den anwesenden Besatzungsmitgliedern des Zerstörers Han vor dem Bildschirm stellten. Da George Andersen ein protestantischer Christ gewesen war, würde die entsprechende Zeremonie für ihn abgehalten werden, weil sein Körper im Gegensatz zu Walther Gerhard nicht zur Erde überführt werden konnte.

Die neben ihr stehende, ihr unbekannte Frau legte tröstend ihrem Arm um sie.

Der Captain räusperte sich und las aus dem Gebetsbuch vor. Seine Stimme stockte und er reichte stumm das Buch an seine Erste Offizierin weiter.

Commander Benthin sah für einen Moment auf das aufgeschlagene Buch, bevor sie das Gebet mit fester, feierlicher Stimme fortsetzte: „Darum übergeben wir seinen Leib dem Nichts, in sicherer und gewisser Hoffnung auf die Auferstehung der Seele von George Andersen, wenn der Weltraum seine Toten aufgeben wird.“ Sie sah ruhig zum Captain.

„Mrs Jerome … Bitte“, befahl Captain Hunter leise.

Hinter Kirk drückte die Taktische Offizierin eine Taste. Aus der Han raste eine Rakete auf den Planeten. Ein nuklearer Feuerball ließ Minotaur 581 und mit ihm George Andersen verschwinden.

Kirk vergrub ihr Gesicht in der Umarmung der anderen Frau und weinte hemmungslos.

„Neuer Kontakt! Nähert sich vom dritten Planeten auf 331.404. Kontakt geht auf Warp“, meldete eine Männerstimme.

„Wir gehen auf Maximumwarp“, befahl Benthin immer noch ruhig.

Mit aufheulenden Warpantrieb ließ die Han sowohl die Romulaner wie auch Gliese 234 weit hinter sich.

 

Im Jahr 2271 …

 

Captain James T. Kirk stand neben dem Minotaur 814 Gwendoline. Wie eine altertümliche Rakete stand sie auf ihren Landestreben in einer eigenen Ausstellungshalle auf der Raumstation des Starfleet Museums im Orbit der Erde. Ein Absperrband trennte ihn von dem alten Raumjäger aus dem Erde-Romulanischen Krieg. Sonst war gerade niemand in der Halle. Wandbildschirme und große Schautafeln erzählten die Geschichte dieser mit einfachen Antimaterie-Brennstoffzellen betriebenen Angriffsjäger.

„Captain Kirk?“, hörte er neben sich eine ihm vage bekannt vorkommende Stimme.

Er blickte sich um. Ein alter Mann mit krausen, weißen Haaren war zu ihm getreten.

„Das ist korrekt“, antwortete er. Gleichzeitig konnte er den Mann nicht unterordnen, obwohl dieser ihm bekannt vorkam.

„Ich bin der Kurator“, sagte der alte Mann mit einem schelmischen, breiten Lächeln.

Eine Vorstellung ohne Namen? Kirk sah den Kurator irritiert an. Dann erkannte er ihn. „Doktor?“

Der Kurator lachte. „Nein, ich bin nicht der Doktor. Obwohl es manchmal nett ist, ein vertrautes Gesicht erneut zu besuchen.“ Er sah zu Gwendoline auf. „Sie stehen jetzt schon seit einer halben Stunde hier. Aber im Gegensatz zu mir sollten Sie keine Erinnerungen an die Zeiten von Gwendolines Einsätzen haben. Trotz Ihrer eigenen ... Eskapaden.“

„Nein, nur Erzählungen von meiner Urgroßmutter.“

„Ich verstehe. Möchten Sie an Bord gehen?“, fragte der Kurator.

„Sehr gerne, wenn es möglich ist. Ich dachte man könnte sie nur von außen besichtigen.“

„Sie wäre etwas zu eng für eine größere Besucheranzahl. Trotzdem zeigen wir sie gerne Interessierten.“ Mit einer Handbewegung bot der Kurator Kirk an, ihm zum Lift zu folgen.

Sie fuhren zu der erhöhten Beobachtungsplattform hoch und stiegen dort aus. Gemeinsam gingen sie zur offenstehenden Hauptluke des Minotaurs.

Der Kurator öffnete die Absperrung. „Diese Urgroßmutter war Myriam Kirk?“

Kirk sah ihn überrascht an. Aber da der Kurator eine Inkarnation des Doktors war, war es eigentlich überhaupt nicht überraschend. „Ja, mein Urgroßvater hat ihren Namen bei der Heirat übernommen. Sie kannten meine Urgroßmutter?“

Der Kurator lächelte. „Ja, ich habe mich mit der Geschichte der Minotaur-Angriffsjäger vertraut gemacht. Und mit den Schicksalen ihrer Besatzungen. Deshalb habe ich mit vielen von ihnen gesprochen.“

Sie traten durch die offenstehende Schleuse in den winzigen Flur. Kirk wusste, dass die Tür links von ihm zur Toilette führte. Geradeaus war die Rettungskapsel, während rechts der Aufenthaltsraum, die Brücke und der Computerraum lagen. Er trat in dem im winzig erscheinenden Aufenthaltsraum. Eng für eine Person.

Der Kurator blieb in der Tür auf dem Flur stehen, um ihm nicht zu bedrängen.

„Mein Großvater erhielt als erster den Vornamen George. Meine Urgroßmutter hatte sich gewünscht, dass es in jeder Generation diesen Vornamen geben würde. Ich habe mich immer gefragt, ob es mit ihrem letzten Einsatz mit einem Minotaur zusammenhing.“

Der alte Mann lächelte sanft. „Ja, George Andersen hatte sein Leben für Myriam gegeben. Sie wollte, dass dieser Name weiterlebt, auch wenn es ihr Retter nicht konnte.“

 


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