Die Station war stiller geworden. Nicht in Dezibel, sondern in etwas Tieferem – einem feinen, kaum greifbaren Unterschied, wie das Nachhallen eines Tons, der nie ganz verklingt.
Julian Bashir saß allein in der Krankenstation, obwohl seine Schicht seit Stunden vorbei war. Die Biobetten standen unbesetzt, die Monitore summten leise, und doch hielt er sich an seinem Platz, als könne er in der Routine etwas finden, das dem Chaos draußen einen Sinn verlieh.
Seine Finger glitten über das PADD in seiner Hand, aber er las nicht wirklich. Er starrte hindurch, als könnte er mit genug Konzentration ihre Stimme wieder hören. Jadzias Lachen. Hell, warm, fast spöttisch, wenn sie ihn geneckt hatte. Sie war die Art von Person gewesen, die einen Raum mit ihrer bloßen Anwesenheit erfüllte – nicht mit Lautstärke, sondern mit Licht. Und jetzt war es dunkel.
Er erinnerte sich an den letzten Tag, an den Moment, als er die Nachricht hörte – über die internen Kommunikationskanäle, nüchtern und sachlich: Lieutenant Commander Jadzia Dax, getötet bei einem Angriff im bajoranischen Tempel.
So klang es, wenn das Universum jemanden verlor. Nüchtern. Protokollarisch. Unbeteiligt.
Julian hatte nicht geweint. Nicht dort, nicht später. Die Tränen kamen nicht, weil sie zu tief saßen – wie Gestein unter einem zugefrorenen See. Er hatte sich auf seine Arbeit gestürzt, wie ein Chirurg, der das eigene Herz zu operieren versuchte. Erfolglos.
Seither mied er die Orte, an denen sie gewesen war. Quarks Bar – zu viele Erinnerungen. Die Offiziersmesse – zu leer ohne ihr halblautes Lachen, wenn sie Worf beim Kal’Hyah-Herzogstest herausforderte. Selbst der Gang zum Turbolift war eine Qual, wenn er die Stelle passierte, wo sie sich manchmal zu ihm gelehnt und geflüstert hatte: „Leben wir eigentlich alle in einer Holosuite und keiner hat’s gemerkt?“
Er hätte ihr damals gern geantwortet. Etwas Geistreiches, vielleicht. Oder einfach: Ich liebe dich.
Aber er hatte geschwiegen.
Jetzt war es zu spät.
Eine Stimme riss ihn aus der Erinnerung.
„Julian?“ Es war Miles. Er stand in der Tür zur Krankenstation, mit der Haltung eines Mannes, der schon mehrfach überlegt hatte, ob er überhaupt stören sollte.
Julian hob langsam den Kopf. „Hallo, Miles.“
O’Brien trat näher, ließ den Blick durch den Raum wandern, als suche er nach einem Anknüpfungspunkt – irgendetwas, das man in Worte fassen konnte. Doch Worte waren rar geworden, seit sie gegangen war.
„Ich... hab dich nicht in Quark’s gesehen. Dachte, ich schau mal vorbei.“
Julian nickte, sagte nichts.
Stille breitete sich zwischen ihnen aus, schwer und ehrlich.
„Ich hab das Holosuite-Programm wieder geladen“, sagte Miles schließlich. „Das mit dem Belagerungsszenario. Die bajoranische Festung, erinnerst du dich? Du hast mir damals das Leben gerettet, gleich dreimal hintereinander.“
Julian lächelte schwach. „Du hast dich aber auch blöd angestellt.“
„Tja“, erwiderte Miles und setzte sich auf die Kante eines Biobetts. „Vielleicht brauchst du noch mal die Gelegenheit, mich zu retten.“
Julian schwieg. Dann sagte er leise: „Ich weiß nicht, ob ich dazu noch in der Lage bin.“
Miles nickte. Kein Widerspruch. Kein Trost. Nur ein stilles Verständnis.
„Ich lass das Programm offen“, sagte er beim Aufstehen. „Falls du’s dir anders überlegst.“
Julian sah ihm nach, bis die Tür sich wieder schloss.
Dann blickte er zurück auf das PADD – und auf das Hologramm, das er aufgerufen hatte, ohne es zu bemerken.
Es war ein Bild. Ein einfacher Moment, aufgenommen bei irgendeiner Crewveranstaltung. Jadzia, den Kopf in den Nacken geworfen, mitten in einem Lachen. Der Blick verschwommen, leicht unscharf – wie eine Erinnerung, die nicht bleiben will.
Er streckte die Hand aus, als könnte er sie durch das Licht berühren. Doch da war nur Leere.
Nur der Schatten dessen, was war. Und was nie sein würde.
Er konnte sich nicht mehr erinnern, wann genau er sich in sie verliebt hatte. Es war nicht einer dieser klaren, filmreifen Augenblicke gewesen – kein Blitzschlag, kein dramatisches „Aha“. Es war eher ein leiser Übergang gewesen, wie das Verblassen von Licht beim Sonnenuntergang. Man merkt es erst, wenn es dunkel ist.
Vielleicht war es an dem Abend, als sie ihn auf dem Promenadendeck bei seinem Spaziergang eingeholt hatte, ein Glas Blutwein in der Hand, obwohl sie wusste, dass er das Getränk verabscheute. Sie hatte gelacht und es ihm angeboten, mit den Worten: „Man kann nicht ständig so menschlich bleiben, Julian.“
Oder es war in der Krankenstation gewesen, nach einer besonders chaotischen Schicht. Sie war zu ihm gekommen, hatte sich auf den Rand eines Biobetts gesetzt, die Stiefel abgestreift, und einfach geschwiegen. Minutenlang. Nur da gewesen. Keine Fragen. Keine Floskeln. Als wüsste sie, dass man manchmal mehr braucht als Worte.
Vielleicht war es auch, weil sie nicht in ihn verliebt war.
Jadzia war wie ein Stern – strahlend, weit entfernt, unerreichbar. Und Julian hatte irgendwann gelernt, diesen Abstand zu akzeptieren. Ja, sogar zu lieben. Denn Nähe bedeutete nicht immer Besitz. Manchmal bedeutete sie einfach, dass man da war. Dass man wusste, sie würde sich im nächsten Moment zu ihm drehen und irgendetwas sagen, das ihn zum Lächeln brachte. Und das reichte.
Zumindest hatte er sich das eingeredet.
Jetzt war da nur noch die Erinnerung. Kein Lachen mehr, keine ironischen Blicke. Keine hitzigen Debatten über die ethischen Dilemmata medizinischer Notoperationen mitten im Feuergefecht. Kein „Julian, du bist ein Romantiker in Uniform – und das ist nicht unbedingt schlecht.“
Er hatte all das in sich getragen, wie ein sorgfältig verschlossenes Kästchen. Und nun war der Deckel offen, der Inhalt über ihn ausgeschüttet.
Er hatte versucht, mit Ezri zu sprechen. Nur einmal. Kurz nach ihrer Ankunft auf der Station.
Sie war hereingekommen, frisch von der Sternenflottenakademie, ihre Bewegungen zögerlich, ihre Augen suchend – jung in einer Weise, wie Jadzia es nie gewesen war, trotz ihrer Jugend. Als sie das erste Mal in sein Büro trat, war da dieser Moment. Der Blick. Die Stimme. Und dann die Erkenntnis: Es war nicht sie.
Natürlich nicht.
Ezri hatte versucht, mit ihm zu reden. Über Dax, über Erinnerungen, über Verbindung. Aber für Julian war es, als würde man durch das Fenster eines alten Hauses blicken, in dem man einst gelebt hatte – vertraut und doch fremd.
Er erinnerte sich an ihre Worte: „Ich weiß, es ist nicht dasselbe. Aber ich... ich erinnere mich an dich. An alles. Auch an das, was du nie gesagt hast.“
Er hatte sie damals nur angesehen, lange, ohne zu blinzeln, und schließlich leise geantwortet: „Dann weißt du auch, warum ich nichts sagen kann.“
Seitdem hatten sie nicht mehr darüber gesprochen.
Jetzt lag er nachts wach, oft in seinem Quartier, das Licht gedimmt, der Blick auf die Decke gerichtet, als könnte er durch sie hindurchsehen – bis zu den Sternen, bis zu einem Ort, an dem vielleicht noch etwas von ihr existierte. Eine Spur. Ein letzter Gedanke. Ein Fragment von all dem, was unausgesprochen geblieben war.
Die Tür zum Trainingsdeck öffnete sich zischend, als Julian eintrat. Er war nicht gekommen, um zu trainieren – zumindest hatte er sich das eingeredet. Doch sein Körper hatte ihn hierher geführt, als wüsste er mehr als sein Geist.
Es roch nach Schweiß, Metall und der scharfen Klarheit konzentrierter Bewegung. In der Mitte der Halle stand Worf. Allein. Sein Bat'leth glitt in einer präzisen, rituellen Sequenz durch die Luft. Nicht zum Töten, nicht zum Üben – sondern als Ausdruck. Ein Tanz, roh und schön.
Julian wollte sich umdrehen. Gehen, bevor der andere ihn bemerkte.
Doch Worf hielt inne.
„Doktor.“
Keine Frage. Kein Vorwurf. Nur ein Gruß, wie man ihn einem Kameraden entgegenwarf, der zu lange ferngeblieben war.
Julian nickte leicht. „Ich wollte nicht stören.“
Worf sah ihn an, das Gesicht wie aus Stein gemeißelt. Nur die Augen waren anders – dunkler, tiefer, als wollten sie etwas sagen, das seine Lippen nicht fanden.
„Ihr stört nicht.“
Ein langer Moment verging. Der einzige Laut war das ferne Dröhnen der Energiekonverter.
Dann legte Worf seine Waffe nieder, langsam, mit einer feierlichen Geste, die mehr bedeutete, als Julian zu deuten wusste. Vielleicht war es ein Zeichen von Respekt. Vielleicht von Müdigkeit.
„Sie fehlt uns allen“, sagte Julian schließlich, leise. Als würde laut sprechen etwas entweihen.
Worf antwortete nicht sofort. Dann: „Sie starb mit Ehre.“
Ein Satz wie gemeißelt. Klingonisch. Unverrückbar.
Julian nickte. „Das bezweifle ich nicht.“
Er wusste, dass er nicht hier war, um Trost zu spenden. Und auch nicht, um welchen zu finden. Vielleicht war er hier, um zu sehen, ob es jemanden gab, der ihren Verlust in ähnlich scharfen Kanten spürte wie er selbst.
Worf musterte ihn nun offener. Prüfend. Dann sagte er: „Sie war… mehr als nur eine Kriegerin.“
Julian schluckte. „Ich weiß.“
Ein Schweigen breitete sich aus, schwerer als zuvor. Es war nicht unangenehm – eher notwendig. Zwei Männer, die dieselbe Frau auf unterschiedliche Weise geliebt hatten. Es gab keine Worte dafür. Keine Sprache, nicht einmal auf Bajoranisch, Romulanisch oder in der stillen Poesie von Trill-Symbionten, die ausdrücken konnte, was zwischen ihnen stand.
Doch dann, unerwartet, sagte Worf: „Sie sprach oft von Ihnen. Mit… Wärme.“
Julian sah auf. Etwas in seiner Brust zog sich zusammen – Schmerz, vielleicht. Oder Dankbarkeit.
„Ich habe sie geliebt“, sagte er. Keine Rechtfertigung, keine Bitte um Vergebung. Nur die Wahrheit, nackt und still.
Worf senkte den Blick, aber nicht aus Zorn.
„Ich weiß.“
Mehr nicht. Keine Drohung. Keine Ehre, die verteidigt werden musste. Nur Anerkennung. Wie ein Krieger, der in einem anderen Krieger keinen Feind sieht, sondern einen Gefährten im Kampf gegen den Verlust.
Julian wandte sich schließlich zum Gehen, doch kurz vor der Tür hielt er inne.
„Danke, dass Sie’s gesagt haben“, murmelte er.
Worf antwortete nicht. Er hatte das Bat'leth wieder aufgenommen, den Griff fest umschlossen. Doch bevor Julian die Tür passierte, hörte er ein leises Wort – vielleicht nicht für ihn bestimmt, vielleicht gerade doch:
„Sie hätte es gewollt, dass wir leben.“
Julian nickte. Und ging.
Das Summen der Holosuite war leiser geworden, seit die Simulation geladen war. Die Wände zeigten eine weite, felsige Ebene unter einem wolkenverhangenen Himmel – das alte bajoranische Belagerungsszenario, das Miles und Julian unzählige Male gespielt hatten. Mit Sprengladungen, blutenden Gegnern und klapprigen Feldrationen. Eine absurde Mischung aus Kriegsspiel und Männerfreundschaft.
Julian stand reglos am Rand des Lagers, die Waffe in der Hand, ohne sie zu heben. Seine Uniform war zerknittert, das Gesicht schmaler als früher. Er wirkte wie eine Figur im Programm, noch nicht vollständig geladen.
Miles trat neben ihn. Er trug den Bajoraner-Guerilla-Look mit gewohnter Nonchalance. „Weißt du noch, wie du mir damals das linke Bein amputiert hast? In Runde drei?“
Julian verzog den Mund. „Du hattest Gangrän.“
„Ich hatte einen Holzsplitter.“
„In einer Simulation kann man nicht vorsichtig genug sein.“
Ein kleines Lächeln blitzte auf. Nur für einen Moment. Dann war es wieder verschwunden.
Miles trat näher an ihn heran, sah ihn nicht direkt an, sondern hinaus auf das Holo-Schlachtfeld, das wie ein Symbol für all das wirkte, was in Julian tobte: Ruinen, Rauch, alte Gräben.
„Ich weiß, es ist nicht dasselbe ohne sie“, sagte er leise. „Aber du musst zurückkommen, Julian.“
„Zurück wohin?“, fragte Julian, beinahe spöttisch. „Zur Arbeit? Zu Gesprächen über Wartungspläne und Schiffsprotokolle? Zu Einsätzen, bei denen ich entscheiden muss, wer stirbt und wer überlebt?“
Miles schwieg.
Dann: „Zurück zu mir.“
Julian wandte sich langsam zu ihm. Da war etwas in Miles’ Blick, das er lange nicht mehr gesehen hatte – Sorge, ja. Aber auch Wut. Nicht auf ihn. Auf das, was ihn verschlang.
„Ich habe dich nicht verloren, Bashir. Nicht an den Krieg, nicht an die Geheimdienste, nicht an deine genetische Modifikation. Ich werde dich verdammt noch mal nicht an den Schatten einer Liebe verlieren, die du nie hattest.“
Die Worte trafen hart. Aber sie waren echt.
Julian schloss kurz die Augen. „Ich weiß nicht, ob ich’s kann.“
Miles nickte. „Dann fang klein an. Iss etwas. Sprich mit mir. Spiel ein verdammtes Holosuite-Programm zu Ende. Du musst nicht sofort wieder der Alte sein. Aber sei bitte… da.“
Ein Schweigen folgte, diesmal nicht schwer, sondern sanft.
Dann, wie nebenbei: „Ich habe übrigens ein neues Programm geschrieben. Cardassianisches Pokerspiel mit eingebautem Lügendetektor. Und du verlierst jedes Mal.“
Julian blinzelte. „Das klingt… unfair.“
„Ist es. Macht aber Spaß.“
Wieder ein leises Lächeln. Und diesmal blieb es einen Moment länger.
„Na gut“, murmelte Julian. „Aber nur, wenn ich dich vorher bei der nächsten Belagerung wiederbeleben darf.“
Miles grinste. „Abgemacht.“
Die Simulation lief weiter. Die Schlacht begann. Und zum ersten Mal seit langer Zeit hob Julian die Waffe – nicht aus Pflicht, sondern aus Erinnerung. Aus Freundschaft.
Er hatte lange davor gestanden, bevor er es wagte.
Das Quartier, das einst Jadzia und Worf geteilt hatten, war seit Monaten unbewohnt. Worf hatte es kurz nach ihrer Beisetzung aufgegeben. Niemand sprach darüber. Niemand fragte, wohin er gegangen war – nur, dass es nicht mehr dieser Ort war.
Die Tür öffnete sich mit einem sanften Zischen, als hätte sie ihn erkannt. Als würde sie sagen: Du bist spät.
Julian trat ein, vorsichtig, als betrete er heiligen Boden.
Der Raum war kühl und seltsam leer – leer auf die Art, wie es nur Orte sein konnten, die einst voller Leben gewesen waren. Persönliche Gegenstände fehlten bereits, ein Großteil von Jadzias Habseligkeiten war archiviert oder an Ezri übergeben worden. Und doch… etwas war geblieben.
Der Geruch zum Beispiel – kaum wahrnehmbar, ein Hauch von Sandelholz und Trill-Kräuteröl, vermischt mit dem metallischen Ton der Station. Der Geruch von ihr. Oder vielleicht nur das Echo in seinem Kopf.
Er bewegte sich langsam durch den Raum. Kein Foto, keine Kleidung. Nur ein PADD auf einem Beistelltisch, verstaubt, vergessen. Er hob es auf. Der Bildschirm flackerte kurz, dann erschien ein halbfertiger wissenschaftlicher Bericht über subraum-basierte Mikroresonanzen. Ein Lächeln zuckte über seine Lippen. Typisch Jadzia.
Auf einem Regal stand noch etwas – eine kleine, grob geschnitzte Figur aus dunklem Holz. Ein Targ, mit einem eingeritzten Bat’leth auf dem Rücken. Ein Geschenk von Worf, wenn Julian sich recht erinnerte. Daneben, fast achtlos, ein Musikmodul trillischer Bauart. Er kannte es. Sie hatte es manchmal aktiviert, wenn sie in Gedanken war. Es spielte die alten Wiegenlieder von Mak'ala, langsam, beinahe fließend wie Wasser.
Julian setzte sich auf die Bettkante. Es war nicht mehr ihr Bett. Nicht wirklich. Und doch saß er da wie jemand, der einen verlorenen Freund besucht – nicht in einem Grab, sondern an dem Ort, wo das Leben zurückgelassen wurde.
Dann sah er es. Halb unter einem der flach gestapelten Kissen: ein kleines, dunkles Kästchen, mit einem filigranen Trill-Muster auf dem Deckel.
Er öffnete es.
Darin lag ein Foto. Analog. Seltsam altmodisch. Drei Personen, lachend: Jadzia, Miles, er selbst. Ihre Arme um ihre Schultern, Parises-Squares-Outfits, noch durchgeschwitzt vom Spiel. Er erinnerte sich – der Tag, an dem sie das Technikerteam aus dem Maschinenraum geschlagen hatten. Sie hatte danach Schnaps mitgebracht und über ihre Akademiezeit erzählt.
Auf der Rückseite, in ihrer Handschrift: „Für später. Falls wir vergessen, wie leicht das Leben manchmal sein kann.“
Etwas in ihm brach. Kein lautloser Schmerz. Kein dramatisches Schluchzen. Nur ein stiller Fall nach innen – ein Körper, der endlich zugibt, wie schwer Erinnerung wiegt.
Er hielt das Foto an sich gedrückt, als könnte es wärmen.
„Ich hab dich geliebt“, flüsterte er. Keine Antwort. Nur das leise Knistern des Luftreinigers.
Und vielleicht, irgendwo im Raum, eine Ahnung von ihrem Lächeln.
Ezri saß an einem kleinen Tisch im Replimat, ein dampfender Becher in den Händen, als Julian zögernd auf sie zutrat.
Sie bemerkte ihn sofort, blickte auf und nickte ihm zu – vorsichtig, wie man jemandem zunickt, der gerade durch ein Minenfeld geht.
„Hi“, sagte sie. „Setz dich.“
Er tat es, wortlos. Der Lärm der Station war ringsum nur ein fernes Murmeln – Stimmen, Schritte, Durchsagen. Das Leben ging weiter. Nur in ihm nicht.
Ezri wirkte unsicher, doch nicht hilflos. Ihre Haltung war aufrecht, aber nicht starr. Eine junge Frau, plötzlich Trägerin einer jahrhundertealten Seele – und einer Erinnerung, die zwischen ihnen stand wie ein dritter Gast am Tisch.
„Ich weiß nicht, ob ich hier richtig bin“, begann Julian. Seine Stimme war rau vom Schweigen. „Du bist nicht sie. Und doch bist du… so viel von ihr.“
Ezri neigte leicht den Kopf. „Ich weiß.“ Dann, nach einem Moment: „Manchmal spüre ich Jadzia, wie sie lachen würde, wenn du wieder diese ernste Stirn ziehst. Oder wie sie den Kopf schütteln würde über deinen Hang zum Drama.“ Es folgte ein zartes Lächeln. „Aber ich bin nicht Jadzia. Nicht für dich.“
„Nein.“ Er senkte den Blick. „Und ich wünschte, das wäre einfacher.“
Sie schwieg. Nicht verletzt – nur mitfühlend. Dann sagte sie: „Du liebst sie noch.“
Es war keine Frage.
„Ich glaube… ich werde sie immer lieben“, sagte er. „Aber ich habe nie das Recht gehabt, es ihr zu sagen. Nicht wirklich. Nicht so, dass es etwas geändert hätte.“
Ezri nickte. „Du warst ihr wichtig. Auch wenn es nicht das war, was du dir gewünscht hast.“
Ein stiller Moment dehnte sich aus. Dann legte sie etwas auf den Tisch – ein kleines, zusammengefaltetes Stück Stoff. Julian erkannte es sofort. Jadzias Halstuch, das sie beim Meditieren getragen hatte – tiefblau mit goldenen Linien, wie die Bahnen von Sternen.
„Worf hat es mir gegeben“, sagte Ezri leise. „Aber ich glaube, er wusste, dass es nicht zu mir gehört.“
Julian starrte das Tuch an, als hätte es Gewicht. Mehr als alles auf dieser Station.
„Du musst es nicht mitnehmen“, fügte sie hinzu. „Aber vielleicht… möchtest du es behalten.“
Er nahm es. Langsam. Als würde er einen Teil ihrer Seele auffangen, bevor er verloren ging.
Dann sah er sie an – nicht Jadzia, nicht Dax, sondern Ezri. Jung, mutig, überfordert und dennoch hier.
„Danke“, flüsterte er.
Sie nickte. Und als sie ihn ansah, war da kein Ersatz, keine Lösung. Nur eine Person, der bereit war, neben ihm zu sitzen, während er sich neu sortierte.
Die Luft auf der Promenade roch nach frisch desinfizierten Leitungen und cardassianischem Metall – eine vertraute Mischung, die Julian in den letzten Monaten kaum noch wahrgenommen hatte. Heute aber spürte er sie wieder. Heute war anders.
Er war unterwegs zur Krankenstation, als er ihn sah.
Sisko stand allein am großen Panoramafenster, von dem aus man das Wurmloch besonders gut sehen konnte. Seine Haltung war ruhig, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, der Blick hinaus in die Weite des Weltalls. Als würde er warten.
Julian hätte vorbeigehen können. Hätte sich mit einem höflichen Nicken davongestohlen. Doch irgendetwas hielt ihn an.
„Captain“, sagte er leise.
Sisko drehte den Kopf, sah ihn an – nicht überrascht. Eher so, als hätte er ihn erwartet.
„Doktor.“
Einen Moment lang sagten sie nichts. Dann trat Julian neben ihn ans Fenster. Die Sterne standen still.
„Ich habe das Gefühl, sie hat ein Vakuum hinterlassen“, sagte Julian schließlich. Seine Stimme war kaum mehr als ein Hauch. „Nicht nur auf der Station… sondern in mir. Ich weiß nicht, ob das jemals besser wird. Oder ob es das überhaupt soll.“
Sisko blickte weiter hinaus, als würde er in den Sternen nach einer Antwort suchen. Dann sagte er ruhig: „Jadzia war wie eine Sonne. Man merkt erst, wie viel Licht sie gespendet hat, wenn sie nicht mehr da ist.“
Er sah Julian an. „Sie hat Sie geschätzt, Doktor. Mehr, als sie je in Worte fassen konnte. Vielleicht gerade weil sie wusste, wie tief Ihre Gefühle gingen.“
Julian sagte nichts, aber sein Blick wurde weich. Nicht weil der Schmerz weg war – sondern weil er ihn nicht mehr allein tragen musste.
„Ich habe sie geliebt“, sagte Julian schließlich. „Aber sie hat Worf gewählt. Und das war… richtig. Für sie.“
Ein leises Schweigen senkte sich zwischen ihnen. Nicht unangenehm – nur schwer, wie eine warme Decke, die zu viel Gewicht hat.
„Sie sind nicht der Erste, der eine Liebe verlor“, sagte Sisko schließlich. Seine Stimme war ruhig, nicht belehrend, nur getragen von Erfahrung. „Curzon hat sich aus Angst vor solch einem Verlust nie wirklich gebunden. Er war immer unterwegs – von einem Diplomatenbankett zum nächsten Abenteuer –, lebte laut, lachte noch lauter und entzog sich allem, was zu tief ging. Vielleicht weil er wusste, dass tiefe Verbindungen auch tiefe Wunden hinterlassen.“
Sisko ließ eine Pause, bevor er weitersprach.
„Jadzia war anders. Sie hatte Curzons Lebenslust, ja – aber nicht seine Furcht. Sie hat sich eingelassen. Hat geliebt, offen, mutig… selbst wenn es kompliziert wurde. Sie hat alles gegeben für die Personen, die sie in ihr Herz gelassen hat. Für Worf. Für Kira. Für mich. Für Sie.“
Julian sah auf, überrascht.
Sisko nickte langsam. „Sie hat Sie geschätzt, Doktor. Nicht nur als Kollegen. Sondern als Freund, als jemand, der sie gesehen hat – wirklich gesehen. Und ich glaube, sie wusste, was Sie für sie empfunden haben. Vielleicht hat sie es nicht erwidert, aber es hat sie tief berührt.“
Ein leises Schweigen senkte sich zwischen ihnen. Dann fügte Sisko sanft hinzu: „Manche Verluste heilen nie ganz. Aber das heißt nicht, dass wir aufhören müssen zu leben.“
Julian sah ihn an. „Ich verstehe nicht, wie Sie das aushalten konnten“, sagte er. „Sie waren Curzons Freund. Dann Jadzias. Und jetzt… nichts mehr.“
Sisko lächelte, traurig. „Nicht nichts. Erinnerungen sind kein Verlust. Sie sind… im Fluss. Wie der Strom hier draußen.“ Er deutete auf das Wurmloch, das gerade in einem leichten Puls glimmte, als würde es ihren Blick erwidern. „Die Propheten sagen, Zeit ist nicht linear. Vielleicht ist das unsere Gnade – oder unsere Bürde. Dass alles, was wir geliebt haben, noch irgendwo existiert. Gleichzeitig.“
Julian nickte langsam. Er verstand es nicht ganz. Aber das musste er vielleicht auch nicht.
Sisko wandte sich ab vom Fenster. „Sie werden weiterleben, Doktor. Nicht weil es einfach ist, sondern weil Sie es ihr schuldig sind.“
Dann ging er. Keine weiteren Worte. Keine Umarmung. Nur die Wahrheit.
Julian blieb noch einen Moment stehen, dann sah er auf das Halstuch, das er in der Jackentasche trug. Tiefblau. Goldene Linien.
Er spürte plötzlich, dass er nicht loslassen musste, um weiterzugehen.
Er musste nur den ersten Schritt machen.
Und das tat er.
ENDE
Ich
wollte eine leise, nach innen gerichtete Geschichte über Trauer,
Freundschaft und das Gewicht von Erinnerungen schreiben – ohne
dramatische Auflösung, aber mit ehrlicher Emotion.
Danke an
alle, die Bashirs stille Tiefe ebenso schätzen wie ich.