Die Krankenstation war still. Unnatürlich still. Nur das leise Summen der medizinischen Systeme war zu hören – ein mechanischer Herzschlag in einem Raum, der keinen Trost bot.
Samantha Wildman saß am Rand eines Biobetts, den Rücken gerade, die Hände fest ineinander verschränkt, als müsste sie sich daran festhalten, um nicht den Halt in der Realität zu verlieren. Ihre Finger waren weiß vor Anspannung, doch sie bemerkte es kaum.
Vor ihr – in eine weiche Decke mit winzigen, silbernen Sternenmustern gehüllt – schlief ihr Kind.
Naomi.
So sagte man ihr.
Ihr Kind. Ihre Tochter.
So stand es in den Berichten. So sprach der Doktor, wenn er von "dem Baby" sprach. So lächelte Janeway, als sie sie beglückwünschte. So schaute Neelix sie an – warmherzig, hoffnungsvoll, voller Stolz.
Doch in Samantha regte sich nichts von alledem. Keine Erleichterung. Kein Stolz. Kein Mutterglück. Nur Leere.
Denn obwohl sie wusste, dass Naomi lebte – atmete, wuchs, Wärme ausstrahlte – hatte sie zugleich das unerschütterliche Gefühl, dass das Universum ihr einen grausamen Streich spielte.
Ein Kind war gestorben. Ihr Kind.
Und jetzt sollte sie glauben, dass dieses kleine, schlafende Wesen – so zart, so vollkommen – es einfach ersetzen könnte?
Das Baby, das sie unter Schmerzen geboren hatte, war tot. Gestorben nur Minuten, vielleicht Sekunden, nachdem sie es zum ersten Mal gesehen hatte. Die Geburt war ein Chaos gewesen. Schmerz, Blut, Rufe, grelles Licht. Dann – ein Aufschrei des Körpers, ein Aufbäumen. Und danach: Stille.
Das erste Baby hatte nie geschrien.
Diese Naomi aber atmete ruhig. Ihre winzigen Finger zuckten im Schlaf.
Samantha starrte auf das Gesicht ihres Kindes. So vertraut. Und zugleich fremd. Sie konnte kaum sagen, ob ihr Herz sich zusammenzog vor Liebe – oder vor Verlust.
Ein Kind, das sie nicht geboren hatte.
Ein Leben, das nicht ihres war.
Und doch hatte das Universum entschieden, dass es ihres sein sollte.
Aber sie war nicht sicher, ob ihr Herz dieser Logik folgen konnte.
Sie erinnerte sich an das Zittern in ihren Beinen, als die Wehen einsetzten. An die schmerzhaften Stunden, in denen sie sich durch jede Kontraktion gekämpft hatte – allein, mit Neelix an ihrer Seite, und dem Doktor, der routiniert, beinahe erfreut, jede Entwicklung überwacht hatte.
Die Erleichterung, als das Baby geboren wurde, war überwältigend gewesen. Für einen winzigen Moment war alles Licht gewesen – Schmerz, Hitze, Hoffnung. Und dann…
Stille.
Das Baby schrie nicht.
Das war es, was ihr Herz zuerst zerriss. Kein erster Schrei. Keine Bewegung.
Sie hatte es gehalten. Winzig, zart, vollkommen. Und vollkommen leblos.
Der Doktor hatte alles versucht. Jeder Griff, jeder Impuls – vergeblich. Irgendetwas war bei der Geburt in diesem Universum… falsch gewesen. Vielleicht war es der Angriff gewesen, vielleicht ein Fehler im Transport. Vielleicht einfach Pech.
Aber am Ende war es passiert.
Ihr Baby war gestorben.
Und nun lag sie hier – dieses andere Kind.
Aus dem anderen Schiff.
Aus dem anderen Universum.
Identisch in jeder Hinsicht.
Derselbe genetische Code. Dasselbe winzige Gesicht mit den geschlossenen Lidern, unter denen sich manchmal ein Traum regte. Derselbe kleine Flaum auf dem Kopf – kaum sichtbar, aber doch da, wie weiches Licht. Derselbe winzige Körper, derselbe Duft nach Milch und Wärme.
Aber es war nicht dasselbe Kind.
Nicht ihr Kind.
Samantha hatte das Gefühl, als wäre sie in einem dieser schrägen Holoromane gelandet, in denen jemand aus einem Spiegel tritt – perfekt gleich, aber dennoch anders. Und wie man es auch drehte und wendete: Das Spiegelbild war niemals echt.
„Sie ist ein Wunder“, hatte der Doktor gesagt, mit dieser Mischung aus technischer Bewunderung und stiller Rührung, die er sich selbst nicht gern zugestand.
„Die andere Voyager ist zerstört worden“, hatte Captain Janeway erklärt, sachlich, aber mit einem Schatten in der Stimme. „Sie hatte keine Wahl. Sie hat sie gerettet.“
Gerettet.
Samantha erinnerte sich kaum an das Gespräch. Ihre Welt war in dem Moment nicht aus Worten gebaut gewesen. Sondern aus Nebel, aus Rauschen, aus einer alles durchdringenden Taubheit.
Ihre Gedanken hatten sich wie lose Drähte angefühlt – ohne Verbindung, ohne Strom.
Ein Riss in der Wirklichkeit. So hatte es sich angefühlt.
Zwei Voyagers. Zwei Naomis. Zwei Möglichkeiten.
Und jetzt: eine.
Die andere Janeway – eine Frau, die dieselbe Stimme, dieselbe Entschlossenheit, dieselbe Schwere getragen hatte wie ihr Captain – hatte eine Entscheidung getroffen. Der andere Harry Kim hatte Naomi in Sams Arme gelegt, mit einem Blick, der verstand.
Die andere Samantha Wildman hatte ihr Baby hergegeben, in der vagen Hoffnung es damit retten zu können. Eine Entscheidung, die keinesfalls leichtfertig gefällt worden war.
Und niemand hatte Samantha gefragt.
Nicht, ob sie das wollte.
Nicht, ob sie das konnte.
Man hatte ihr das Kind gegeben, es in ihre Arme gelegt, als wäre alles gut. Als hätte sich das Universum einfach repariert.
Aber das Universum reparierte sich nicht. Es machte Risse. Und ließ andere hineinfallen.
Sie hatte ihr Kind verloren.
Und nun lebte sie mit einem Kind, das dasselbe war – aber nicht ihres.
Wie sollte ein Herz das begreifen?
Wie sollte es das annehmen?
„Möchten Sie sie halten?“
Die Stimme des Doktors kam sanft, beinahe vorsichtig. Kein medizinischer Tonfall, keine Autorität in seiner Haltung – nur ein leiser Hauch von Menschlichkeit inmitten all der Technologie um sie herum.
Samantha erschrak ein wenig. Sie hatte ihn nicht kommen hören. Er stand nun neben ihr, die Hände wie gewohnt hinter dem Rücken verschränkt, doch sein Blick war weicher als sonst. Nicht mitleidig – der Doktor war nicht sentimental –, aber doch… vorsichtig.
Vielleicht verstand er.
Vielleicht auch nicht.
Wie sollte er? Er war ein Hologramm, programmiert, um Leben zu retten, nicht um Verluste zu begreifen. Und doch… er hatte in letzter Zeit so viel gelernt. Mehr als manche Menschen.
Samantha sah das winzige Bündel vor sich an – Naomi –, wie sie schlief, eingehüllt in die Decke mit den Sternen. Ihre Wangen waren rosig, ihre Brust hob und senkte sich in gleichmäßigem Rhythmus. Sie wirkte vollkommen friedlich. Geborgen.
Sie hätte sie einfach nur annehmen müssen. Ihre Tochter.
Aber ihre Arme blieben schwer. Ihr Herz noch schwerer.
Langsam schüttelte sie den Kopf. Ihr Blick löste sich nicht von Naomi.
„Ich… ich weiß nicht, ob ich das kann.“
Die Worte kamen brüchig, kaum lauter als ein Flüstern. Wie etwas, das schon zu lang im Inneren gedrückt hatte und nun zögernd das Licht suchte.
Der Doktor nickte nur. Kein weiteres Drängen. Kein Argument, kein Trostversuch.
Er verstand zumindest das: dass Schmerz nicht durch Logik geheilt werden konnte.
Statt etwas zu sagen, trat er einen Schritt zurück. Dann drehte er sich lautlos um und ließ sie allein.
Samantha blieb sitzen. Der Raum war still. Und plötzlich fühlte sich alles viel zu groß an. Die Betten, die Lichter, selbst der Boden unter ihren Füßen.
Ihre Finger zitterten. Sie legte eine Hand auf ihren Bauch, unwillkürlich, wie um sich zu vergewissern, dass da wirklich nichts mehr war. Kein Kind. Kein Leben in ihr. Nur Erinnerung.
Und das stille Gewicht einer Entscheidung, die nicht ihre gewesen war.
In den Tagen danach funktionierte sie.
Sie stand auf, wenn der Wecker klingelte, duschte, zog sich an, band ihre Haare zurück. Sie ging zur Arbeit, erledigte ihre Aufgaben mit der nötigen Präzision, beantwortete Fragen, reichte Berichte weiter, hörte zu. Sie stillte Naomi, wenn das Baby hungrig war, wiegte sie mit gleichmäßigen Bewegungen, wie man es ihr beigebracht hatte.
Sie lächelte. Wenn jemand vorbeikam, wenn Neelix ihr Essen brachte, wenn B’Elanna einen flüchtigen Kommentar über Babys abgab. Sie lächelte, weil es von ihr erwartet wurde.
Sie sprach, wenn man mit ihr sprach. Reagierte, wenn Naomi ein Geräusch von sich gab. Sagte „Danke“, „Alles in Ordnung“, „Ich komme zurecht.“
Und sie kam zurecht. Äußerlich. Doch innen…
In ihrem Herzen war ein Loch. Ein kaltes, schwarzes, grenzenloses Loch.
Nicht laut. Nicht spektakulär. Nur still. Und alles verschlingend.
Manchmal dachte sie, es müsse sich wie ein schwarzes Loch anfühlen – unsichtbar für Außenstehende, doch stark genug, um jedes Licht zu schlucken.
Es war nicht Naomi, die sie verstörte. Nicht dieses Baby mit dem vertrauten Gesicht. Nicht ihre zarten Finger, ihre leisen Gluckser, ihre hilflose Wärme. Es war sie selbst, die sich fremd geworden war.
Und in der Nacht – wenn das Schiff stiller wurde, wenn der Lärm des Tages verstummte – begann das Loch in ihr zu sprechen.
Dann saß Samantha oft auf einem Stuhl in der Krankenstation, barfuß, die Decke um die Schultern geschlungen, obwohl es nicht kalt war. Sie saß ganz still, als wolle sie den Raum nicht stören, als wäre er zerbrechlich wie Glas.
Sie sprach nicht. Bewegte sich kaum.
Nur ihr Blick wanderte immer wieder zu Naomi.
Die Kleine schlief in ihrem Bettchen, winzig, eingehüllt in dieselbe Decke mit dem Sternenmuster.
Samantha hatte aufgehört zu zählen, wie oft sie in jenen Nächten einfach nur zusah, wie sich Naomis Brust hob und senkte. Hebt sich. Senkt sich. Hebt sich.
Ein beruhigender Rhythmus.
Ein Beweis.
Naomi lebte.
Und doch: War sie ihre?
Diese Frage nagte an ihr, still und ohne Gnade. Nicht in Worten, sondern als Gefühl – ein ständiges Flirren unter der Haut, ein Zittern tief in der Brust, ein Schmerz, der keinen Namen hatte.
War sie die Mutter dieses Kindes?
Oder nur die Frau, in deren Arme es gelegt worden war?
Manchmal stellte sie sich vor, wie es wäre, wenn das andere Schiff nicht zerstört worden wäre. Wenn die andere Samantha ihr Baby behalten hätte. Wenn sie – die sie in diesem Universum – leer geblieben wäre. Wäre das ehrlicher gewesen? Richtiger?
Dann erschrak sie über sich selbst. Und hasste sich für den Gedanken.
Denn dieses Kind atmete. Es schlief. Es lebte.
Aber sie – sie konnte es noch nicht. Noch nicht lieben, wie es dieses Leben verdiente. Noch nicht loslassen, was sie verloren hatte.
Sie war Mutter. Ja. Aber zugleich auch: trauernd. Beides gleichzeitig. Und nichts davon ganz.
Und Nacht für Nacht saß sie da, im sanften Licht der Krankenstation. Und wartete. Worauf – das wusste sie selbst nicht.
Vielleicht darauf, dass etwas in ihr sich wieder regte. Vielleicht auf den Moment, in dem das fremde Kind in ihrem Arm ein Teil von ihr werden würde.
Oder einfach nur: auf ein kleines Lächeln. Eines, das nicht in ihr Loch fiel – sondern Licht zurückwarf.
Einmal, nach einer durchwachten Nacht, ging sie zu Captain Janeway. Sie stand lange vor der Tür zu deren Bereitschaftsraum, bevor sie den Türsummer betätigte.
„Lieutenant Wildman. Bitte, kommen Sie rein.“ Janeway lächelte leicht, aber in ihren Augen lag Sorge.
Samantha trat ein. Sah sich nicht um. „Ich muss Sie etwas fragen“, begann sie. Ihre Stimme war ruhig, fast tonlos.
„Natürlich.“
„Hatten Sie…“ Sie schluckte. „Gab es… irgendeine andere Möglichkeit?“
Janeway senkte den Blick. Einen langen Moment lang herrschte Stille. Dann sagte sie leise:
„Nein. Nicht wirklich. Die andere Voyager war schwer beschädigt. Wir konnten niemanden mehr retten – außer Naomi. Und Harry Kim.“
Samantha nickte langsam. „Ich verstehe.“
Aber in ihrem Inneren tat sie das nicht. Nicht wirklich. Oder vielleicht verstand sie es – aber sie konnte es nicht fühlen. Nicht ohne Schuld. Nicht ohne Wut.
Sie begann, sich zu erinnern. Immer wieder. Nicht weil sie es wollte, sondern weil ihr Körper es tat, ihr Geist, ihr Herz, das nach Bedeutung suchte. Es kam in Wellen – unvermittelt, ohne Vorwarnung, wie ein Echo, das durch sie hallte. Da war das Licht auf der Krankenstation, viel zu grell, viel zu klinisch. Es flackerte in ihren Augen, als hätte jemand das Leben selbst auf sterile Weißwerte heruntergedimmt. Sie erinnerte sich daran, wie ihr Atem schneller wurde, unkontrolliert, stoßweise, wie ihr ganzer Körper sich gegen das Unausweichliche wandte. Wie eine Stimme sie antrieb, ruhig, sachlich: „Noch einmal, Samantha. Jetzt.“ Und wie sie dann geschrien hatte. Kein Schrei der Angst – das war längst vorbei. Es war ein Schrei aus dem Innersten, aus einem Ort jenseits des Denkens, jenseits der Sprache. Ein Schrei, in dem ihr Körper sich verabschiedete.
Dann war es geschehen. Das Baby kam. Und mit ihm – eine Stille. Nicht die heilige, gespannte Stille, in der man auf den ersten Schrei wartet. Sondern eine andere. Eine Stille, die zu vollkommen war. Sie sog alles in sich hinein, jeden Laut, jeden Trost, jede Hoffnung. Der Doktor hatte das Kind gehalten, seine Hände vorsichtig, prüfend. Sie erinnerte sich an sein Gesicht – konzentriert, fast fragend, als wäre das Leben selbst eine mathematische Formel, die sich nicht lösen ließ. Sekunden vergingen. Sekunden, die sich wie Stunden anfühlten. Und dann – das leise, knappe Kopfschütteln. Kein hartes Nein. Kein plötzliches Ende. Nur ein stilles Eingeständnis, dass nichts mehr getan werden konnte. Dass das Leben sich anders entschieden hatte.
Samantha hatte ihr Baby gehalten. Einmal. Nur ein einziges Mal. Es war schwerer, als sie gedacht hätte, und doch viel zu leicht. Ein kleiner Körper, der sich nicht mehr regte. Warm nur, weil er eben noch ein Teil von ihr gewesen war. Nicht, weil darin Leben gewesen wäre. Die Augen waren geschlossen geblieben. Der Mund hatte nie nach Luft gesucht. Keine kleinen Hände hatten sich ausgestreckt, keine Stimme hatte je nach ihr gerufen. Kein Herz hatte geschlagen.
Und dann – nichts.
Keine Beerdigung. Kein Ritual. Kein Ort, an dem sie hätte Abschied nehmen können. Es gab keinen Moment der Stille, keine letzten Worte, keinen Namen. Der Doktor hatte gesagt, man werde sich darum kümmern. Janeway hatte ihr eine Hand auf die Schulter gelegt, ruhig, respektvoll. Aber das, was kam, war Leere. Kein Sarg. Kein Stein. Kein Raum, an dem sie hätte trauern dürfen. Nur ein medizinischer Eintrag, sachlich und knapp. Ein Ende. Kein Anfang.
Sie wusste nicht einmal, was mit dem kleinen Körper geschehen war. Ob er beigesetzt worden war. Ob er noch irgendwo war. Oder längst zu Sternenstaub geworden. Niemand hatte sie gefragt. Niemand hatte sie einbezogen. Und so war ihr Kind gestorben, ohne Spuren zu hinterlassen. Als hätte es nie existiert.
Und das war vielleicht das Schlimmste: Nicht der Schmerz. Nicht der Verlust. Sondern das Gefühl, dass niemand – außer ihr – sich erinnerte, dass dieses Kind je da gewesen war.
Naomi wurde älter. Erst ganz unmerklich, in winzigen Schritten, die Samantha fast zu übersehen glaubte – ein kleines Gähnen hier, ein erster gezielter Griff nach einem Spielzeug dort. Dann deutlicher: ein halbes Jahr war vergangen, und Naomi lachte. Nicht nur dieses zufällige Babyglucksen, sondern echtes Lachen – hell, überraschend, aus tiefstem Bauch. Sie hatte eine Vorliebe für bunte Tücher entwickelt, besonders das grüne mit den schimmernden Punkten, das Samantha ihr einst achtlos über das Bettchen gehängt hatte. Und sie liebte Neelix’ Stimme. Wenn er sprach, ganz gleich worüber, leuchteten ihre Augen auf. Manchmal versuchte sie, selbst etwas zu erwidern, ihre kleinen Hände ruderten aufgeregt durch die Luft, als könne sie Worte greifen.
Samantha begann, zurück zu lächeln. Nicht immer. Nicht sofort. Aber manchmal – echt. Ohne Zwang. Ohne Schuld.
Wenn Naomi sich auf den Bauch drehte, den Kopf hob und sie triumphierend ansah, als hätte sie soeben ein kleines Wunder vollbracht. Oder wenn sie sich mit einem Lächeln an Samantha kuschelte, das eindeutig nur für sie bestimmt war.
In solchen Momenten spürte Samantha Wärme. Nicht die alte, brennende Sehnsucht – sondern etwas Neues. Zart. Zerbrechlich. Ein Anfang.
Aber manchmal, in der Stille, wenn das Schiff schlief und Naomi endlich zur Ruhe gekommen war, saß Samantha wieder allein. Kein Lächeln mehr. Kein Licht. Nur sie selbst – der echte, nicht funktionierende Teil von ihr – mit dem Kopf in den Händen.
Und dann kamen die Fragen.
Wie hätte das andere Baby ausgesehen? Das erste? Hätte es dasselbe Grübchen gehabt, das Naomi bekam, wenn sie lachte? Oder wäre da ein anderer Ausdruck gewesen, ein anderer Blick?
Wäre es ruhiger gewesen? Oder lebhafter? Hätte es vielleicht dunklere Augen gehabt, schmalere Finger, andere Geräusche gemacht? Hätte es sie anders angesehen?
Sie wusste, dass es keine Antworten gab. Aber ihr Herz stellte die Fragen trotzdem.
Und manchmal, ganz selten, wenn Naomi tief schlief, flüsterte Samantha ein Wort in die Dunkelheit. Einen Namen. Nur für sich. Den, den sie nie hatte sagen dürfen. Ein Name, den niemand kannte. Für ein Kind, das tot geboren wurde. Und doch für immer ihr erstes war.
Niemand wusste davon. Kein Eintrag im Dienstplan, keine Nachfrage, keine Worte. Samantha hatte sich in aller Stille auf das Holodeck begeben, ohne Uniform, ohne Rang – nur sie selbst, in einem einfachen Kleid, Naomi im Arm. Es war ein besonderer Abend. Nicht offiziell, nicht im Kalender verzeichnet. Aber in ihrem Herzen war dieses Datum unauslöschlich eingraviert: der Jahrestag der Geburt. Der Tag, an dem sie zum ersten Mal ihr Kind gehalten hatte – und zum letzten Mal.
Sie hatte sich eine einfache Simulation programmiert: eine weitläufige Wiese unter einem klaren Nachthimmel. Kein künstliches Licht, kein futuristisches Design, keine fremden Planeten. Nur weiches Gras unter ihren Füßen, ein milder Wind, der durch die Halme strich, und über ihr ein Himmel voller Sterne.
Es waren unzählige. Funkelnde, ruhige Punkte in der Dunkelheit, manche kaum sichtbar, andere strahlend hell. Und obwohl sie wusste, dass sie nicht echt waren, spürte sie in diesem Moment, dass sie wahr waren – weil sie etwas bedeuteten.
Samantha setzte sich ins Gras, zog Naomi näher an sich. Das Kind war schläfrig, warm, weich. Ihre kleinen Finger krallten sich in Samantas Kleid, dann öffneten sie sich wieder, ganz sacht, als würde sie die Welt berühren wollen.
Samantha legte den Kopf in den Nacken, sah nach oben. Und dann, ohne zu denken, begann sie zu singen. Ganz leise. Nur für sich.
„Twinkle, twinkle, little star,
how I wonder what you are…“
Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Doch sie trug. Trug durch die Stille, durch die Simulation, durch die Zeit. Naomi gluckste plötzlich, als hätte sie etwas verstanden, streckte eine kleine Hand nach oben aus, in Richtung der Sterne.
Samantha lächelte. Und während sie das tat, liefen ihr Tränen über die Wangen. Lautlos. Ohne Schluchzen. Es war kein Weinen in Verzweiflung. Es war das Weinen, das kommt, wenn man endlich zu atmen beginnt.
„Du bist mein Sternenkind“, flüsterte sie. Ihre Wange berührte Naomis Haar. „Und sie auch.“
Neben sich im Gras lag eine kleine, weiße Blume. Kein besonderes Gewächs, keine exotische Pflanze – einfach eine zarte Blüte, wie Kinder sie pflücken. Samantha nahm sie in die Hand, hielt sie einen Moment fest. Dann öffnete sie die Finger und ließ die Blume los.
Der virtuelle Wind trug sie davon, sanft, langsam, als wüsste er, wohin er sollte. Die Blume drehte sich ein paarmal in der Luft, stieg auf, trug Erinnerungen mit sich.
Ein Abschied.
Ein Gruß.
Vielleicht beides.
Samantha sah ihr nach, bis sie verschwand. Dann senkte sie den Blick, sah Naomi an, die inzwischen eingeschlafen war, den kleinen Mund leicht geöffnet, die Stirn friedlich.
Und in diesem Moment wusste Samantha etwas. Etwas, das sich nicht in Worte fassen ließ, aber wahr war.
Sie würde nie vergessen.
Nie ersetzen.
Aber vielleicht – mit der Zeit – würde sie lernen, beide in ihrem Herzen zu tragen.
Ein Stern.
Und ein Schmetterling.
ENDE