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Gedanken

von Iriana Nor

Kapitel 1

Sub-Commander T’Pol betrachtete sich eingehend im Spiegel ihres Wandschrankes in ihrem Quartier und hing dabei müßigen Gedanken nach.

Seit kurzem trug sie nicht mehr das strenge, uniformähnliche Dress, welches sie die letzten zwei Jahre auf der Enterprise getragen hatte. Nachdem sie sich von ihrem Job, den das vulkanische Oberkommando ihr damals gegeben, losgesagt hatte, fand sie es an der Zeit, auch ein neues Outfit für sie selbst zu kreieren. In ihrer Freizeit hatte sie schon immer gerne leuchtende Farben bevorzugt und so betrachtete sie zufrieden ihr Äußeres, heute in rot. Der Schnitt und die Art war für eine Vulkanierin wohl äußerst gewagt. Doch hatte sie nicht in den letzten zwei Jahren schon mehr gewagt und getan, als Vulkan je gebilligt hätte?

Sie dachte an den Blick von ihm, als er sie zum ersten Mal in diesem Dress gesehen hatte und lächelte leicht. Erschrocken nahm sie diese Andeutung eines Lächelns sofort wieder zurück. Vulkanier „lächeln“ normalerweise nicht. Menschen dagegen häufig. Wenn sie amüsiert sind, glücklich oder einfach nur zur Begrüßung bekannter Personen.

Emotionen.

T’Pol hatte Gelegenheit gehabt, die Menschen zwei Jahre lang zu studieren und doch gaben sie ihr immer wieder Rätsel auf. So konnte sie auch seinen ersten Blick, als er sie in dem neuen Aufzug sah, nicht ganz deuten. Es war natürlich Anerkennung gewesen, dass sie nun auch äußerlich zu Erkennen gegeben hatte, dass sie nicht mehr dem Oberkommando unterstellt war und die alte Uniform der „Aufpasserin“ abgelegt hatte. Und da war noch etwas Anderes in seinem Blick, das sie nicht deuten konnte – oder wollte.

Captain Jonathan Archer war einer der interessantesten menschlichen Persönlichkeiten, welche sie je kennen gelernt hatte. Ihre Interaktionen waren zu Anfang nicht eben leicht gewesen. Sein unkonventioneller Führungsstil und seine impulsiven Handlungen, standen oft im Gegensatz zu ihren Ordern und eigenen Überzeugungen. Aber dann gab es diverse Begebenheiten, welche die Vulkanierin erkennen ließen, dass ein analytischer Verstand und kühle Logik allein nicht in jeder Situation der Schlüssel zur Lösung war. Wagemut, Intuition und Mitgefühl brachte die Crew zwar oft in gefährliche Situationen, aber eben so oft halfen sie ihnen auch wieder heraus. Diese Begeisterungsfähigkeit für Abenteuer fand sie absolut faszinierend. Wie mögen wohl die Vulkanier gehandelt haben, als sie zum ersten Mal in den Weltraum vorgestoßen waren? Diese Frage hatte Chief Ingenieur Tucker sie einmal zu Anfang bei einem der Führungsoffiziers Essen gefragt. Sie hatte geantwortet: Sicher überlegt und logisch. Darauf hatte Tucker sie gefragt: Wo denn da der Spaß geblieben sei? T’Pol hatte darauf hin missbilligend eine Augenbraue gehoben, und geantwortet, dass „Spaß“ sicher keine ausreichende Motivation sei, um den Weltraum zu erforschen. Tucker, den die in seinen Augen arrogante Art der Vulkanierin immer wütender machte, wollte zu einer bissigen Antwort ansetzen, da hatte der Captain geschickt das Thema gewechselt.

Wie anders waren diese regelmäßigen Essen inzwischen geworden und auch ihr Verhältnis zu dem Chief Ingenieur. Um den Tod seiner Schwester zu verarbeiten und ruhigen Schlaf zu finden, hatte sie auf Bitten von Dr. Phlox mit einer Therapie bei Tucker begonnen, welche auf gegenseitiger Entspannungsmassagen beruhte. Allerdings war sie sich nicht sicher, ob der junge Mann wirklich entspannt war, wenn er sie verließ, weil diese Behandlung in privater Atmosphäre nach menschlichen Maßstäben und leicht bekleidet, eine gewissen sexuellen Unterton nicht entbehrte. Sie war sich ihrer selbst sicher, dass sie, auch nicht unterschwellig, für keine dieser Schwingungen, welche Tucker aussendete empfänglich war. Allerdings war sie sich umgekehrt nicht so sicher. Sie wusste, dass sie nach menschlichen Maßstäben eine äußerst attraktive Frau war und sie merkte bei den Sitzungen, dass sich Tucker äußerst zusammennehmen musste, um dies zu ignorieren, vorsichtig ausgedrückt.

Die letzten Beiden Male, als er sie getreu ihrer Anleitung massierte, hatte sie sich dabei ertappt, wie sie sich vorstellte, von einem anderen massiert zu werden, bei dem sie vielleicht nicht so zurückhaltend reagiert hätte...

Erschrocken hatte sie diese Gedanken sofort verbannt, in den hintersten Winkel ihrer selbst. Sie wünschte sich sehnlichst den Zeitpunkt herbei, indem Tucker endlich ihr Quartier verließ und begann sofort mit Meditation. Eine Stunde verharrte sie im Lotus Sitz, mit geschlossenen Augen vor ihrer Duftkerze auf dem Boden ihres ansonsten abgedunkelten Quartiers. Danach war sie ins Bett gegangen, hatte aber trotz der intensiven Meditation keine Ruhe gefunden, was ihr seit langem nicht mehr passiert war. Zweifel plagten sie, war sie schon zu lange unter Menschen? War ihre Entscheidung, den Dienst beim Oberkommando zu verlassen voreilig gewesen? Schließlich kam sie aber zu dem Schluss, dass sie auf der Enterprise wertvolle Arbeit leistete, sie gehörte zur Crew und, was das wichtigste war, der Captain zählte auf sie, vertraute ihr. Und sie vertraute ihm... als sie sich dessen Bewusst wurde, hatte sie endlich einschlafen können.

Jetzt, vor dem Spiegel, nahm sie die Gedanken wieder auf.

Was sah er in ihr, oder was wollte sie, dass er in ihr sah?

T’Pol nahm ihre Haarbürste und kämmte sich das kurze, braune Haar anders, so dass die Spitzen ihrer Ohren verdeckt waren. Da ihre Augenbrauen nicht ganz so spitz nach oben verliefen, könnte sie so ohne weiteres als Mensch durchgehen.

Was wäre, wenn ich ein Mensch wäre? dachte sie. Würde es unsere Beziehung ändern? Hastig verwarf sie die Gedanken, kämmte sich das Haar wie immer und machte sich zum Gehen bereit. In Kürze würde sie auf den Mann treffen, an den sie mehr dachte, als ihr lieb war. Es stand wieder ein Abendessen an. Und diesmal würde sie mit ihm alleine sein, Commander Tucker war mit Lt. Reed und Ensign Sato auf einer Außenmission unterwegs.

Ob sie eine Ausrede suchen sollte, um dieses Treffen abzusagen?

T’Pol hatte keine Angst, dass sie ihre Emotionen nicht kontrollieren konnte, sondern dass sie es vielleicht nicht wollte.

Allerdings konnte es natürlich sein, dass sie sich grundlos diesen für sie seltsamen Gedanken stellte. Es war ja durchaus möglich, dass sie zuviel in etwas hineininterpretierte, was vielleicht von seiner Seite aus gar nicht existierte.

Er hatte ihr noch nie Anlass dazu gegeben, dass er in ihr etwas anderes sah als seinen 1. Offizier, seine Vertraute.

T’Pol legte die Bürste aus der Hand, straffte die Gestalt, atmete tief durch und verließ ihr Quartier.

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