Der junge Cardassianer fühlte sich mächtig. Als Junge hatte er schon gespürt, dass er etwas Besonderes war, der mächtigste und gefährlichste Mann im cardassianischen Reich war bei seiner Familie ein und aus gegangen. Seine Familie? Seine Herkunft lag im Dunkeln und die Besuche von Enabram Tain bestätigten ihn schon früh zu der Annahme, dessen Sohn zu sein.
Als er zehn Jahre alt war, durfte er Tain zum ersten Male zu Hause besuchen. Als ihn die mütterlich wirkende Haushälterin Mila in ihre Arme nahm, hielt sie ihn länger und fester als man normalerweise ein fremdes Kind halten würde.
Elims wacher Verstand kombinierte damals rasch die Zusammenhänge, aber er fragte nie direkt danach. Und jeder Blick in die strahlenden Augen Milas, wenn sie sich wiedersahen bestärktet ihn in seiner Annahme, dass sie seine wahre Mutter und Tain der Vater war. Diese beiden Cardassianer liebten sich, auch wenn sie es nicht aussprachen.
Als er 13 war, weihte ihn Tain in seine „Arbeit“ ein und Elim war fasziniert. Fortan galt für ihn nur noch ein Streben, es Tain gleichzutun und Karriere beim Order zu machen. Tain merkte erfreut, dass Elim diese Neigung hatte und alsbald galt er überall als sein Protegé.
Die Jahre vergingen und Elim wuchs in die Materie hinein wie selten ein Agent. Er sprach Tain niemals direkt darauf an, aber in gewisser Weise standen sie sich auch viel näher noch als Vater und Sohn. Sie vertrauten einander absolut.
Tains Macht wuchs noch weiter, die Militärregierung vertraute auf seinen Rat und mischte sich niemals in seine Praktiken ein. Und mit seiner Macht wuchs auch die Elims. Als er Mitte 20 war, heiratete er die Tochter eines mächtigen Hauses. Tain blickte wohlwollend auf diese Ehe, Elim erfuhr nie sicher, dass er gezielt und listig darauf hingearbeitet hatte, auch wenn er es ahnte. Hätte er es erfahren, wäre es ihm aber egal gewesen, denn er vertraute dem Urteil seines Mentors bedingungslos.
Zum Zeitpunkt der Eheschließung galt er schon offiziell als Tains Nachfolger.
Die Spitze der Macht war nahe...
Vier Jahre lag das nun zurück, noch hatte Tain keine Anstalten gemacht, seine Machtstellung gänzlich abzugeben, er delegierte zwar viel auf seinen Nachfolger, aber Elim Garak war dies nicht genug. Andererseits dachte er auch mit Unbehagen an den Tag, an dem er seinen Mentor aus den Augen verlieren würde, sei es durch Tod, Krankheit oder Übergabe der Macht...
Momentan wagte sich keiner an ihn heran, aber würde das so bleiben? Erbte er dann sämtliche Privilegien? Auch den Respekt des Volkes oder deren Angst? Oder musste er dann mit Anschlägen oder Widerstand rechnen? Würden Tains Vasallen auch zu ihm halten oder ihm in den Rücken fallen? Hatte er Tains Weitsicht, seinen analytischen Verstand seine Skrupellosigkeit?
Elim musste zugeben, dass er, solange ihn derartige Zweifel plagten, noch nicht bereit war für den Tag X...Und wieviel war Tain von Garaks Zweifeln bekannt?
Es war einer jener Tage an dem Garak innerlich hin und her gerissen war. Außerdem begann die lange Stationierung auf Bajor unerfreulich zu werden. Seit über einem halben Jahr war er nicht mehr auf Cardassia gewesen, hatte er seine Frau nicht mehr gesehen. Als er sie verlassen hatte, war sie schwanger gewesen und heute hatte er die Kom Nachricht erhalten, dass sie nach recht schweren Wehen niedergekommen war. Wie gerne hätte er ihr in den letzten Wochen bei gestanden...
Unter normalen Umständen wäre das auch sicher kein Problem gewesen, aber gerade zu dieser Zeit waren die Unruhen auf Bajor besonders schwer. Anfänglich belächelt hatten sich kleine Gruppen von Widerstandskämpfern durch besonderen Mut und auch erstaunliche Brutalität an den Besatzern gerächt und beträchtlichen Schaden an Militäreinrichtungen und Soldaten angerichtet...
Die Militärregierung stand den Umtrieben relativ machtlos gegenüber und so war der Obsidian Order eingeschaltet worden... Tain hatte Garak damit beauftragt, er hielt es für eine gute Gelegenheit sein Protegé zu prüfen und Garak war zu Anfang mit Feuereifer bei der Sache gewesen...
Inzwischen aber war er die ganze Sache ziemlich leid. Auf Cardassia waren die Verhöre eine Herausforderung gewesen, Stärke war auf Stärke, List auf List getroffen. Nur mit äußerster Raffinesse, geistiger Agilität und Schläue war anderen Cardassianern auf die Schliche zu kommen.
Wie weich hingegen waren diese Bajoraner... jedenfalls diejenigen, denen sie habhaft werden konnten. An die großen Köpfe der Widerstandsbewegung kamen sie selten heran. Aber die Alten, Verletzten, Kranken welche sie fingen und verhörten stellten kaum eine Herausforderung an seine Intelligenz und Stärke da. Nach kurzer Zeit der Folter waren sie meist bereit selbst Familienmitglieder zu verraten und die Informationen waren sowieso unbrauchbar, da die Gefangenen zu wenig wussten.
Und Cardassia wollte Ergebnisse, die Unruhen sollten endlich aufhören. Aber die Bajoraner kannten ihren Planeten gut, die Hauptquartiere der einzelnen Zellen waren einfach nicht aufzuspüren...
Garak war erledigt. Er hatte 12 Stunden Dienst hinter sich, davon die letzten 5 Stunden nerv tötende und unfruchtbare Verhöre. Wieder keine brauchbaren Ergebnisse... er hatte es satt. Er war müde und hungrig. Gerade als er in Richtung seines Quartiers unterwegs war, erhielt er die Nachricht einer seiner Agenten, dass man eine kleine Gruppe Bajoraner in der Nähe eines Munitionsdepots geschnappt hatte. Möglicherweise Kundschafter oder Saboteure, vielleicht Mitglieder einer der Widerstandsgruppen, welche in der Gegend ihr Unwesen trieb...
Garak seufzte innerlich. Er brauchte unbedingt eine Ruhepause sonst würde er noch durchdrehen... Er riss sich zusammen und machte sich auf den Weg durch die dunklen Gänge der Kaserne. Ein ungutes Gefühl beschlich ihn, noch bevor er den besagten Raum mit den bajoranischen Gefangenen betrat. Seine innere Zerrissenheit, Hunger, Müdigkeit und dieses seltsame, nasskalte Klima auf Bajor zu dieser Jahreszeit nagten an ihm. Er ging hinein.