Ich lag in meinem Bett. Mein Quartier hatte ich abgedunkelt, um meiner momentanen Stimmung gerecht zu werden. Ich lauschte den leisen Klängen eines Liedes aus dem 20. Jahrhundert, das ich einmal beim Durchstöbern der Datenbank gefunden hatte: "Love Ain’t Here Anymore" von einer Gruppe namens Take That. Meine Kommando-Uniform hatte ich gegen bequemere, warme Kleidung ausgetauscht. Ich hätte auch einfach die Zimmertemperatur etwas erhöhen können, aber das hätte nicht denselben Kuscheleffekt gehabt. Mit geschlossenen Augen zog ich die Bettdecke noch etwas höher.
Plötzlich spürte ich eine leichte Berührung an meiner nackten Schulter. Ruckartig rollte ich mich herum und setzte mich auf, während ich die Augen öffnete.
„Chakotay! Sie haben mich erschreckt!“
Er stand neben dem Bett, auf dem Gesicht das geheimnisvolle Lächeln, das mich immer wieder aufs Neue erschaudern ließ.
„Tut mir leid, dass ich einfach so hereingekommen bin. Ich wollte wissen, wie es Ihnen geht – und da Sie ja sowieso immer ‚Es geht mir gut‘ sagen, habe ich es dieses Mal etwas anders angefangen.“
Es störte mich absolut nicht. Er hätte auch so meine Stimmung aufgefangen. Dafür hatte er ein natürliches Talent. Also versuchte ich, eine zuversichtliche Miene zur Schau zu stellen, obwohl ich in seinen Augen las, dass er mich sofort durchschaute.
„Willkommen in meinem Quartier, Commander.“
In meine Stimme legte ich pure Ironie. Ich machte auf dem Bett Platz und lehnte mich dann an die Wand, wobei ich ihn keine Sekunde aus den Augen ließ.
„Setzen Sie sich doch. Was kann ich für Sie tun?“
Sie sah einfach umwerfend aus. Das Oberteil lag so eng an ihrem Körper an, dass ich jede Kontur erkennen konnte. Und dass sie nichts darunter zu tragen schien, machte die Sache auch nicht gerade einfacher für mich. Ich versuchte verzweifelt, mich auf ihr Gesicht zu konzentrieren, während ich mich auf ihrem Bett niederließ.
„Alles Gute zum Geburtstag, Kathryn.“
Als ich ihrer Überraschung gewahr wurde, musste ich grinsen.
„Nein, ich habe es nicht vergessen. Ich hatte nur auf einen passenden Augenblick gewartet – aber es gab einfach keinen!“
Sie lächelte und schlug dabei die Augen auf eine Weise nieder, die mein Blut zum Kochen brachte. Wusste sie eigentlich, wie sie auf mich wirkte?
„Danke ... Ich dachte, dieses Mal hätten Sie mich wirklich vergessen.“
Etwas in ihrer Stimme ließ mich aufhorchen.
„Ich bin der Einzige, der Ihnen gratuliert hat, nicht wahr? Und deshalb sind Sie enttäuscht, auch wenn Sie es nicht zugeben wollen.“
Ihre Reaktion bestätigte meine Worte. Sie gab die falsche gute Laune auf und zeigte mir ihre wahren Gefühle. Jetzt verstand ich auch, weshalb dieses romantische Lied im Hintergrund lief. Sie versuchte, sich aufzumuntern, sich selbst davon zu überzeugen, dass es nicht schlimm war, wenn der wichtigste Tag in ihrem Leben von jedem vergessen wurde. Wenn sie wüsste ...
Er wusste es. Chakotay verstand mich! Ich war wieder einmal beeindruckt, wie einfach es für diesen Mann war, in meiner Seele zu lesen. Dann überraschte er mich, indem er einen Befehl gab.
„Computer, Tondatei C-Omega-17 abspielen.“
Sofort ertönte die Stimme von Lieutenant Paris.
Tondatei C-Omega-17 Anfang
Tom Paris: „Hey, alles mal herhören. In einer Woche hat der Captain Geburtstag. Wollen wir da irgendwas Gemeinsames machen?“
Harry Kim (misstrauisch): „An was dachten Sie, Tom?“
Tom Paris (etwas verlegen): „Na ja ... Also, wie wäre es mit einer Überraschungsparty?“
B’Elanna Torres: „Wir hatten doch erst vor einigen Tagen eine. Es ist doch keine Überraschung mehr, wenn wir das bei jedem Geburtstag machen, oder?“
Chakotay (belustigt): „Also, das finde ich auch. Außerdem bezweifle ich, dass Kathryn viel Spaß daran hätte. Sie findet so etwas eher peinlich.“
Tuvok: „Ist es nicht so, dass die Menschen ab einem bestimmten Alter nicht mehr so gerne daran erinnert werden, dass sie älter werden?“
Tom Paris: „Ja, schon, aber beim Captain ist das, glaube ich, nicht so. Sie setzt Alter wohl mit Weisheit gleich.“
Vereinzeltes Kichern.
Neelix: „Ich könnte ihr einen Geburtstagskuchen backen!“
B’Elanna Torres: „Dann ist das Problem mit dem Altern auch gelöst. Vergiftete Menschen altern nicht mehr ...“
Lautes Lachen.
Neelix (beleidigt): „Sie haben meinen Kuchen auch überlebt, B’Elanna.“
B’Elanna Torres: „Ja, aber nur nach einem Besuch beim Doktor.“
Seven of Nine: „Kuchen sind irrelevant.“
Chakotay: „Bitte, Leute. Verlegt das doch auf später, ja? In einigen Minuten beginnt Kathryns Dienst.“
Harry Kim: „Wären Rosen nicht angemessen?“
Tom Paris (begeistert): „Ja! Genau! Von jedem Crewmitglied eine rote Rose, mit einem kleinen Zettel dran, auf dem der Name der jeweiligen Person steht!“
Tuvok: „Eine rote Rose symbolisiert Liebe. Weiße Rosen wären wohl eher angebracht.“
Neelix: „Das ist eine sehr gute Idee! Und jeder kann auf seinen Zettel noch etwas Persönliches schreiben, wenn er Lust hat!“
Chakotay: „Gut, dann müssen wir nur noch die restliche Crew fragen. Ich werde über den Computer an jeden eine kleine Nachricht schicken. Die Rosen können wir dann ja im Bereitschaftsraum hinterlegen.“
Harry Kim (erregt): „Vorsicht, der Captain ist im Anmarsch. Sie ist im Turbolift.“
Tom Paris: „Gut, dann gratuliert ihr aber niemand von sich aus zum Geburtstag, ja? Sonst ist das Ganze schließlich witzlos!“
Chakotay: „Klar. Aber jetzt redet über etwas anderes.“
Man hört noch das Zischen der Turbolifttüren.
Tondatei C-Omega-17 Ende
Die Aufnahme endete. Ich war gerührt. Die Idee war einfach wundervoll. Und ich hatte gedacht, sie hätten mich vergessen ... Fragend sah ich Chakotay an.
„Und warum haben Sie das dann nicht verwirklicht?“
Jetzt grinste er über das ganze Gesicht.
„Tja ... vielleicht ist es Ihnen nicht aufgefallen, aber ... Sie waren heute zwar mehrmals auf der Brücke, aber noch gar nicht im Bereitschaftsraum!“
Endlich begriff sie. Der verblüffte Ausdruck in ihrem Gesicht war Latinum wert und blieb immerhin einige Sekunden, bevor sie schallend zu lachen begann.
„Ich ... ich habe also Ihren ... ganzen Plan ... zunichte gemacht?“
Immer noch grinsend nickte ich. Gleichzeitig beobachtete ich fasziniert die Art, wie sie ihren Kopf in den Nacken warf. Bezaubert betrachtete ich sie. Da saß sie neben mir auf dem Bett, in enganliegender Freizeitkleidung, und ihre sonst so wachsamen Augen sprühten vor Vergnügen. Kathryn wirkte auf mich wie eine völlig andere Person.
Ich tat so, als würde ich nicht bemerken, dass er mich musterte. Sein Blick schweifte über meinen Körper, in einer Art, die mich schaudern ließ. Auf meinen nackten Armen bildete sich eine Gänsehaut. Und selbstverständlich sah er es sofort. Mit verständnisvollen Augen griff er nach der Decke, die am Fußende des Bettes lag. Ich lächelte und beugte mich vor, um sie ihm abzunehmen, doch er nutzte die Gelegenheit und hüllte mich damit ein. Kurz lagen seine Hände auf meinen, und unsere Blicke verschmolzen miteinander. Doch dann erhob er sich.
„Wenn Sie noch lange warten, vertrocknet Ihr Geburtstagsgeschenk. Lieutenant Paris hat sowieso schon einige Replikator-Rationen gegen Transporterenergie eingetauscht, damit er in Ihren Raum kommen und die Rosen gießen konnte.“
Ich musste grinsen, erkannte aber, dass er recht hatte. Mit einer schnellen Bewegung stand ich auf, wobei die Decke wieder von meinen Schultern glitt. Chakotay sah mir nach, als ich mit meiner Uniform im Bad verschwand.
Einige Minuten später ...
Als wir die Brücke betraten, richteten sich alle Blicke auf uns. Chakotay begann zu grinsen. Lieutenant Paris warf Harry Kim einen verschwörerischen Blick zu. Tuvok gab sich völlig unbeteiligt. B’Elanna Torres und Seven of Nine diskutierten ein physikalisches Problem, weshalb sie meine Anwesenheit anscheinend noch nicht bemerkt hatten. Ich versuchte so zu wirken, als übersähe ich all diese deutlichen Anzeichen dafür, dass etwas im Gange war.
„Status?“
Ich hatte die Worte an keine bestimmte Person gerichtet, einfach in den Raum geworfen. Und ich erzielte einen umwerfenden Erfolg. Tom Paris zuckte erschrocken zusammen, und Fähnrich Kim ließ das PADD los, das er in der Hand gehalten hatte. Kurz bevor es den Boden berührte, konnte er es jedoch auffangen. Verlegen sah er zu Chakotay herüber, der sein Lachen mühevoll zurückhielt. B’Elanna und Seven unterbrachen ihr Gespräch und wandten sich zu mir um. Und Tuvok schließlich beantwortete meine Frage, nur eine Augenbraue hebend – was bei einem Vulkanier ja auch schon viel war.
„Alles funktioniert innerhalb der normalen Parameter, Captain.“
Ich lächelte.
„Gut. Weitermachen.“
Dann winkte ich Chakotay.
„Commander, bitte folgen Sie mir in meinen Raum.“
Ein Rundblick über die Brücke zeigte mir, dass jetzt alle bis auf Tuvok gespannt in meine Richtung sahen. Ich wechselte einen kurzen Blick mit Chakotay und sah, dass er kurz vor einem Lachanfall stand. Also beeilte ich mich, meinen Bereitschaftsraum zu betreten.
Ich folgte Kathryn auf dem Fuße. Sobald sich die – zum Glück schalldichten – Türen geschlossen hatten, hielt ich mein Lachen nicht mehr zurück. Kathryn stimmte mit ein, sodass wir beide herzhaft lachend in ihrem Bereitschaftsraum standen – umgeben von einem Meer weißer Rosen. Es war eine dieser Situationen, an die ich mich noch oft erinnern würde. Insgeheim beobachtete ich jede ihrer Bewegungen: ihre blitzenden Augen, das fliegende Haar, wenn sie den Kopf zurückwarf, und die vollen Lippen ...
Was würde sie tun, wenn sie wüsste, dass uns das ganze Schiff über den aktivierten Bildschirm zusah?
Ich betrachtete sie versunken, als sie sich den Rosen zuwandte. Natürlich entdeckte sie sofort die einzelne rote Rose zwischen all den weißen. Sie warf mir einen überraschten Blick zu, bevor sie danach griff. Ob sie ahnte, dass diese Rose von mir war? Leise trat ich hinter sie und sah ihr über die Schulter. Mit zitternden Fingern zupfte sie den kleinen Zettel herunter und rollte ihn auf. Als sie meine kurze Botschaft gelesen hatte, drehte sie sich um. Ich sah die Antwort schon in ihren Augen, bevor sie einen Ton sagte. Und dementsprechend handelte ich auch. Lächelnd fing ich ihren Schwung ab und strich ihr das Haar aus dem Gesicht. Sie sah mich mit diesem Blick an, der immer dann entstand, wenn sie etwas gegen ihre Überzeugung tun würde. Das war für sie die Pflicht der Kommandanten. Doch dieses Mal durfte sie das nicht tun. Nicht, wenn es um so viel ging! Bevor sie überhaupt eine Chance hatte, Nein zu sagen, zog ich sie verzweifelt an mich und küsste sie.
Sie erstarrte. Doch dann schloss sie die Augen und erwiderte den Kuss gefühlvoll. Sie hatte ihre Zweifel überwunden. Für mich. Sie drängte mit ihrem Körper an meinen. In diesem Moment der Nähe entlud sich unsere ganze jahrelang aufgestaute Leidenschaft.
Nur ein heimlicher Beobachter – wie zum Beispiel Tom Paris – konnte den kleinen, weißen Zettel sehen, der unbemerkt aus ihrer Hand zu Boden flatterte.
„Liebe mich.“
ENDE