Kira Nerys saß auf ihrer Veranda, beobachtete den Sonnenuntergang über den roten Felsformationen in der Ferne und lauschte in die Stille. Ein leiser Wind wehte durch ihr langes, rotes Haar, welches nun, in ihrem sechzigsten Lebensjahr, mit ein paar grauen Strähnen durchzogen war. Es war noch Frühling, aber der warme Wind kündigte schon den nahen Sommer an und sie wusste, es würde bald Zeit zum Gehen sein, denn den Sommer würde sie auf Cardassia kaum überleben.
Garak war tot.
Er hatte sich immer gewünscht, einmal im Frühling zu sterben, seiner liebsten Jahreszeit.
Sie schenkte sich ein Glas Kanar ein und prostete dem Wind zu, ihm in ihren Gedanken, wo auch immer er war… Sie konnte nicht richtig um ihn weinen und wusste nicht warum.
Julien und Ezri waren zur Bestattung da gewesen, aber nun war sie wieder allein.
Die Bestattung hatte beim Nomadenvolk, den Dour’tech stattgefunden, so wie er es sich gewünscht hatte. Vor Jahren schon, waren Kira und er als Ehrenmitglieder beim Stamm aufgenommen worden, so war auch bei der Feuer Bestattung der ganze Stamm anwesend gewesen. Die Feier danach, welche die ganze Nacht dauerte, war fröhlich gewesen, so wie die Dour’tech alle ihre Bestattungen feierten, für sie war der Tod nur der Übergang in ein anderes Leben. Garak hatte nie viel darüber erzählt, ob er an seine Götter glaubte, sie hatte ihn nie beten gesehen. Sie selbst hatte sich in einer Nische des Wohnraumes einen Schrein ihrer Propheten eingerichtet. Ab und an hatte er still im Wohnraum im Dunkeln gesessen und sie beobachtet, beleuchtet von Kerzen, wie sie zu ihren Propheten gesprochen hatte.
Sie hatte versucht, nach seinem Tod zu beten, aber es hatte ihr nicht viel Trost gegeben. Sie fühlte sich leer und einsam.
Zwanzig Jahre…
Zwanzig glückliche Jahre auf Cardassia hatte sie mit ihm verbracht. Nur zwanzig…Sie hatte sich noch viele mehr gewünscht…
Er hatte seinen achtzigsten Geburtstag noch erlebt und war dann gestorben. Dieses letzte Jahr war nicht schön gewesen, erschien er doch nur noch als Schatten seiner Selbst.
Sie hörte die Reithunde im Stall wiehern, wahrscheinlich hatten sie noch mal frisches Wasser und Futter bekommen. Sie hörte leise Stimmen, sicher würden die jungen Männer vom Stamm, welche bei ihr arbeiteten, nun Feierabend machen und zu ihren Angehörigen zurückreiten. Mit ihren Frauen, Kindern, Eltern den Abend verbringen…
Das Ehepaar, welches ihre Ranch versorgte und verwaltete, hatte sich schon eine Weile in eines der Nebenhäuser, welches sie bewohnten, zurückgezogen.
Das Haupthaus lag still da, ebenso leer und einsam wie sie, ohne ihn…
Sie hatte lange Gespräche mit Ezri geführt, als sie hier war. Der Kontakt war nie abgerissen, hatten sie ja auch jeden Sommer auf Bajor in Kiras Cottage verbracht und auch die ersten Jahre einige Wochen zu Gast auf DS9.
Auf DS9 hatten sie auch ein Jahr nach ihrer Umsiedlung nach Cardassia, die Hochzeit von Julien und Ezri gefeiert. Vor zehn Jahren hatten dann beide die Sternenflotte verlassen, Julien hatte dann als Chefarzt in eine Klinik auf Bajor gewechselt und Ezri hatte in der Nähe eine Praxis eröffnet. Sie hatten ein Haus gebaut, in der selben Provinz wie Kassidy Sisko, die dort mit ihrer Tochter lebte. Jake war schon vor Jahren zurück auf die Erde, managte mit einem Partner das Restaurant seines verstorbenen Großvaters und schrieb nebenher Novellen.
Ezri und Julien hatten eine Tochter, die ein Jahr nach ihrem Umzug nach Bajor auf die Welt gekommen war. Sie hatten ein großes Haus und Kira wurde, wie die Jahre zuvor Beide, herzlich eingeladen, dort mit ihnen den Sommer zu verbringen, falls sie nicht alleine die ganze Zeit in ihrem Cottage bleiben wollte und sie überlegte, zumindest ein paar Wochen auf Besuch zu kommen.
Plötzlich hörte sie Schritte.
Aus dem Dunkel schälte sich eine hagere Gestalt und einen Moment dachte sie…
Ihr Gehirn hatte ihr einen Streich gespielt, oder ihre Sehnsucht, denn er war ja auf immer fort…
Die Gestalt war auch viel größer und dann erkannte sie ihren Vorarbeiter Skraat Dahn. Ebenfalls vom Nomadenvolk, arbeitete er schon fast so lange für Garak, wie Kira hier wohnte.
Groß wie alle Cardassianer dieses uralten Nomadenvolkes der Dour’tech. Attraktiv, blaue Augen, schmaler Mund, der selten lächelte. Er sprach auch selten, nur das Nötigste. Sie schätzte ihn auf Mitte oder Ende vierzig, Anfang fünfzig, es war schwer zu sagen. Es gab keine schriftlichen Unterlagen, die Dour’tech lehnten alle Technologie ab, ihr Stammesgebiet lag unter einer Sperrzone, keine Flugzeuge durften dieses Gebiet überfliegen. Sie lebten nach ihren eigenen Regeln, die Gerichtsbarkeit Cardassias galt dort nichts. Sie regierten sich selbst. Es gab ca. dreißig bis fünfunddreißig Stämme verteilt über die Steppe, so genau wusste man das nicht. Sie bauten fast alles an Lebensmittel an, was sie brauchten. Hüteten und jagten die wilden Gettle Herden der Steppe.
Aber sie trieben Handel, hauptsächlich mit ein paar Ranches in der weiteren Umgebung und natürlich untereinander. Der Stamm, bei dem Garak und Kira Ehrenmitglieder geworden waren, hatte sich sehr nahe an die Grenze von Garaks und Kiras Farm niedergelassen. Einmal die Woche fand auf der Ranch, welche nun Kira gehörte, ein Markt statt. Die Frauen der Dour’tech kamen mit Lasttieren und boten ihre Waren an, hauptsächlich Lebensmittel, aber auch Flechtarbeiten, Webarbeiten und einfache Werkzeuge, welche in Kiras Küche verwendet wurde, in der Küche des Verwalterpaares und im ganzen Betrieb benötigt wurden. Im Austausch dafür, bekamen sie die Dinge, welche sie nicht anbauten oder jagen konnten und benötigten.
Auch die jungen Männer, welche bei der Zucht und Versorgung der Reithunde mithalfen, wurden in Naturalien bezahlt, meist mit Reithunden aus der Zucht, Geld oder andere Zahlungsmittel, kannten die Dour’tech nicht.
Kira hatte im Laufe der Jahre fast fließend cardassianisch von Garak gelernt und auch in der alten Sprache der Dour’tech konnte sie sich nun verständigen, denn auch Garak hatte diese rudimentär gesprochen und ihr seine Kenntnisse weitergegeben. Er hatte ihr alles beigebracht, was man über das Ranch Leben und die Arbeit dort wissen musste. Reiten hatte sie ja schon gelernt, da war sie nur zu Besuch gewesen, Kira hatte sich als Naturtalent entpuppt und schon bei ihrer ersten Jagd damals hatten ihr die Dour’tech den Namen ihrer Jagd Göttin gegeben: Arteft.
Sie fokussierte ihre Gedanken wieder auf den Mann, ihren Vorarbeiter, der vor ihrer Veranda stand und sie aufmerksam ansah.
„Guten Abend, Lady Kira,“ sagte er höflich. Seine Stimme war tief und wohltönend. Höflich, distanziert, aber sein Blick sagte etwas Anderes. Sie wusste nicht genau was sie darin sah oder meinte zu sehen. Sein ganzes Wesen hatte etwas von einem wilden, nur mühsam gebändigten Tier, im Gegensatz zu seinen stets höflichen Manieren und wohl überlegten Worten.
Sie stellte ihr Glas ab und erwiderte den Gruß.
Er lieferte einen kurzen Bericht ab, über kleinere Ereignisse des Tages, nichts Wichtiges. Eigentlich hätte er sich nicht extra herbemühen müssen, das hätte er auch morgen mit dem Verwalter besprechen können. Sie wartete gespannt, denn sie wusste, da gab es noch einen anderen Grund für sein Kommen. Er drehte den dunkelbraunen, aus Stroh gefertigten, dichtmaschigen, breitkrempigen Sonnenhut in den Händen, als sei er nervös. Aber Nervosität passte eigentlich so gar nicht zu dem sonst so kühl und beherrscht wirkenden Cardassianer.
Sie lächelte und frage ihn, ob er sich nicht auf einen Drink zu ihr setzen wolle.
Er hob überrascht eine Braue, dann nickte er, scheinbar erfreut.
„Schön, Dahn, ich hole Ihnen noch ein Glas.“
Traditionell sprachen sich die Dour’tech, welche nicht verwandt oder befreundet waren mit dem Nachnamen an. Garak und Kira hatten das dann für ihre Arbeiter und den Vorarbeiter aus dem Nomadenvolk so übernommen.
Sie kam mit einem Glas und er setzte sich zu ihr an den Verandatisch.
Die Sonne war inzwischen komplett untergegangen, nur noch ein ganz leichter rötlicher Streifen sah man noch am Horizont über den roten Felsformationen, die nur noch als Silhouetten zu erahnen waren.
Man hörte die Nachtvögel rufen und in der Ferne glaubte Kira einen Lurall zu hören, einen Wüstenfuchs der den aufgehenden Mond anheulte oder sein Weibchen rief…
Sie prosteten sich zu und eine Weile schwieg er und lauschte wie sie in die Nacht.
Dann begann er leise:
„Lady Kira. Seit der Bestattung von dem Lord war keine Gelegenheit, Ihnen auszudrücken, wie sehr wir alle betrübt und bestürzt über sein Hinscheiden sind. Sie haben einen anderen Glauben, wie wir und ob er etwas glaubte, kann ich nicht sagen. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass er nun ein anderes Leben lebt und irgendwann…
werden wir ihn wiedersehen.“
Kira schloss kurz die Augen und dachte über seine Worte nach. Noch nie hatte sie ihn so viel auf einmal sprechen gehört…
„Ich…danke Ihnen, Dahn. Er wüsste es zu schätzen. Ihr Volk war ihm wichtig, so wie mir.“
Sie tranken wieder eine Weile schweigend und Kira wartete auf sein Anliegen, dass er vorbringen wollte.
„Wir Dour’tech feiern den Tod zwar als Übergang in ein anderes Leben, aber trotzdem trauern wir Ich kenne Ihre Religion nicht gut, Lady Kira. Aber ich sehe, dass sie trauern und dass…niemand da ist, der mit Ihnen trauert, der sie auffangen kann, da Ihre Freunde wieder fort sind. Ich möchte Ihnen einen Vorschlag machen, Lady Kira. Aber wenn es…unangemessen ist, oder sich nicht mit ihrer Religion vereinbaren lässt, dann entschuldigen Sie bitte. Dann ziehe ich mich zurück und werde Sie nicht mehr belästigen.“
Sie sah ihn überrascht und abwartend an. ‚Wie schön seine Stimme ist…bisher habe ich meistens nur kurze Berichte, knappe Antworten auf Fragen die Ranch betreffend, mehr noch nicht von ihm gehört…
Sie nickte und wartete.
„Morgen Nacht ist wieder eine Jagd. Seit dem der Lord krank war, haben Sie an keiner mehr teilgenommen, das war klar, er war ihr Jagd Partner. Unsere Stammesältesten waren sich unsicher, ob sie eine Einladung aussprechen sollten, da die Traditionen unseres Volkes strikt eingehalten werden und sie keinen Partner mehr haben. Die anderen Männer, welche von unserem Stamm kennen und welche hier arbeiten, sind zu jung oder haben schon Partner oder Partnerinnen für die Jagdfeier oder die Jagd selbst. Ich wäre vom Alter passender und…meine Partnerin, welches auch meine Frau war, starb vor einem Jahr und ich habe mich noch nicht…für eine neue Partnerin entschieden.
Ich möchte Ihnen anbieten, eine Jagd Partnerschaft einzugehen, bis auf weiteres. Ohne Verpflichtungen, vielleicht auch auf Probe, wenn Sie das wünschen. Unsere Tradition besagt nicht, dass nur Ehe- oder Liebespaare Jagd Partnerschaften eingehen dürfen. Auch Freunde gleichen oder unterschiedlichen Geschlechts bilden Partnerschaften. Sie sind zwar meine Arbeitgeberin, aber ich biete Ihnen trotzdem die Freundschaft an. Falls Sie annehmen, haben unsere Ältesten nichts gegen unseren Jagd Partner Bund.“
Sie hatte ihre Überraschung gut versteckt und dachte über seine Worte nach.
Und er sprach weiter:
„Ich weiß, der Lord ist erst zwei Wochen bestattet und es mag sein, dass sie es vielleicht als zu früh empfinden, aber die Gesellschaft, die Feier und…ein Freund zum Reden, würden Ihnen vielleicht gut…“
„Ja,“ sagte Kira schlicht.
„Ich komme gerne zur Jagd und …fühle mich geehrt, nehme ihr Angebot dankend an.“
Sie sah ihn mit einem warmen Lächeln an. Er lächelte, ganz dezent zurück.
Dann trank er sein Glas aus, stand auf, deutete eine Verbeugung an und dankte ihr für ihr Vertrauen und verabschiedete sich.
Sie sah ihm nach, wie die Dunkelheit ihn verschluckte. Kurze Zeit später hörte sie seinen Reithund wiehern, den er bestieg und wie er sich dann in Richtung des Nomadenlagers entfernte.