Die Kisten waren alle gepackt, und auch die letzten Taschen fanden noch einen Platz in der großen Eingangshalle, in der das Hab und Gut gestapelt wurde. Die Familie saß am Frühstückstisch. Die Sonne wurde an diesem trüben Wintervormittag von einer dichten, grauen Wolkendecke verdeckt, und langsam begann es zu schneien.
Garak war froh, dass heute sein letzter Tag auf Sol III war – oder wie ihn seine Bewohner nannten: dem Planeten Erde. Zu nass, zu kalt, im Winter Schnee. Er fragte sich oft, was ihn dazu getrieben hatte, die Stelle als cardassianischer Konsul auf einem so ungastlichen Planeten anzunehmen. Umso größer war nun die Vorfreude auf die Heimreise und darauf, endlich in den langersehnten Ruhestand zu treten. Beinahe fünfzehn Jahre hatte er, wie er es nannte, in seinem zweiten Exil verbracht. Die einzigen Lichtblicke waren seine zwei Kinder – aber auch diese wurden nun langsam erwachsen, und er fürchtete sich davor, bald wieder allein zu leben.
Der Vater bedankte sich und versuchte es erneut: „Freust du dich schon auf Cardassia? Wir machen vorher noch einen kurzen Zwischenstopp. Onkel Julian und Tante Ezri haben sich ein Haus auf Bajor gekauft. Wie findest du das?“
Mila erklärte weiter – jetzt wurde auch Tolan aufmerksam: „Ich habe die Aufnahmeprüfung bestanden und wurde angenommen. Admiral Janeway hat mir persönlich gratuliert. Sie sagte, dass mit meiner Aufnahme eine neue Ära der Freundschaft zwischen Cardassia und der Föderation eingeläutet werde.“
Aber Garak war weniger begeistert, versuchte jedoch, seine Enttäuschung zu überspielen: „Wann hattest du Zeit dafür?“
„Nun ja … Also, der diplomatische Dienst ist jetzt nicht sonderlich anspruchsvoll und in meiner Freizeit habe ich für die Prüfungen gelernt“, antwortete sie vorsichtig.
„Meine Freunde haben mir dabei geholfen. Sie sind schon seit einem Jahr auf der Akademie.“
Doch nun konnte Garak seine Gefühle nicht mehr verbergen: „Mila, die Sternenflotte? Warum gehst du nicht auf eine Militärakademie auf Cardassia? Und was hast du gegen den diplomatischen Dienst? Ich dachte, die Aufgaben gefallen dir.“
Aber unbeirrt schwärmte sie weiter: „Alle meine Freunde sind hier. Das ist wirklich ein großer Schritt für mich … und für Cardassia!“, unterstrich sie noch einmal ihr Argument, denn sie wusste, dass die Größe und das Ansehen der Heimatwelt ihrem alten Herrn viel bedeuteten.
Garak legte die Serviette auf den Tisch und stand auf: „Nun ja, du bist alt genug, um selbst zu wissen, was du machen willst.“
„Dann erlaubst du es?“, fragte sie – obwohl sie auch ohne seine Erlaubnis dorthin gehen würde. Aber es war ihr wichtig, dass ihr Vater mit dieser Entscheidung einverstanden war und vor allem verstand, wie sehr sie sich darüber freute.
Garak stand bereits in der Tür. Sie hatte einfach den Dickschädel ihrer Mutter – und wenn es ihr so viel bedeutete, dann würde sie dort auch glücklich werden. Und was möchte ein Vater mehr als das Glück seiner Kinder?
„Ja, mein Schatz.“ Er drehte sich um und ging zu ihr. Mila stand auf, und er nahm sie in die Arme: „Aber du meldest dich mindestens einmal in der Woche – versprochen?“
„Versprochen. Danke, Vater. Das bedeutet mir sehr viel.“
Garak zog sich in sein Arbeitszimmer zurück. Er musste noch die letzten Dokumente sortieren, die er am Nachmittag an seinen Nachfolger übergeben wollte. Diesen und dessen Frau hatte er erst bei seiner Ruhestandsfeier kennengelernt. Der neue Konsul war ein junger, enthusiastischer Cardassianer, der nur so vor Idealen strotzte.
„Spätestens in einer Woche sehnt er sich zurück in die Heimat“, lachte Garak, während er den beginnenden Schneefall betrachtete.
In seiner Zeit auf der Erde hatte er alle Kontinente bereist und sich dabei oft gefragt, warum man ihn ausgerechnet in jenem Landstrich untergebracht hatte, den die Menschen die Schweiz nannten. Man beteuerte, es sei einer der schönsten Flecken und der diplomatisch traditionsreichste Ort der Erde. Doch Garak empfand die Sommer als zu kühl, und im Winter fiel das Thermometer regelmäßig unter den Gefrierpunkt. Er konnte der Schweiz nichts Schönes abgewinnen – Südeuropa oder vielleicht Nordafrika wären ihm lieber gewesen.
Höflich, wie er nun einmal war, hatte der Konsul stets versucht, sein Unbehagen über diese unangemessene Unterbringung vor den Menschen zu verbergen. Er hoffte, dass sie einfach nur naiv gewesen waren, als sie dieses Domizil für ihn wählten – und nicht aus Bosheit gegenüber dem cardassianischen Volk handelten. Immerhin war allgemein bekannt, dass seine reptiloide Spezies sehr kälteempfindlich war.
Diese Hoffnung bestätigte sich bei seinen Recherchen über das Land: Genf hatte in der Vergangenheit großes Ansehen bei der Erdbevölkerung genossen. Man kam hierher zur Erholung, es gab ein breites Angebot an Freizeitaktivitäten wie Wandern oder Skifahren. Dennoch war Garak froh, bald wieder in die warmen Gefilde seines Heimatplaneten zurückzukehren – auch wenn seine Tochter nicht mitkommen würde.
Tolan und Mila saßen noch am Frühstückstisch. Das Müsli war endlich aller Rosinen beraubt, und der Teenager löffelte sein Essen langsam in sich hinein.
„Tolan, das war nicht nett, wie du reagiert hast. Es hat Vater viele Mühen gekostet, dich am Bamarren-Institut unterzubringen“, tadelte die große Schwester den jungen Mann.
Er sah sie an. Sie sah so anders aus als er: Ihre Haut war weiß, leicht gräulich, kein rosafarbener Schimmer; ihre Grate und Schuppen waren deutlich ausgeprägter als bei ihm, ihre Augen eisblau. Nur die haselnussbraune Farbe ihres Haars deutete darauf hin, dass sie vielleicht nicht reinrassig war. Mila sah nicht aus wie ein Mischlingskind. Warum er? Warum sah man es bei ihm so deutlich – und bei Mila nicht?
Sie hatten doch beide dieselbe Mutter. Und obwohl Mila aus der ersten Ehe stammte, waren beide Väter doch wahre Cardassianer. Wenn er mehr wie seine Schwester wäre, hätte er vielleicht nicht so viel Angst vor der Rückkehr nach Cardassia.
Und dann war da noch diese eine Erkenntnis, die alles verändert hatte.
Gegen Mittag kamen zwei von Milas Freunden, Tebogo Banda und Josh Arden. Sie trugen beide die Kadettenuniform der Sternenflottenakademie und hatten sich von dort einen Transporter geliehen, um Mila bei ihrem Umzug nach San Francisco zu helfen. Tolan stand am Fenster des Flurs im Obergeschoss und beobachtete die Männer, wie sie die Kisten einluden. Er mochte Milas Freunde, sie hatten ihn nie wie den kleinen Bruder behandelt, wenn er seine Schwester begleiten musste. Tebogo, oder einfach nur Bogo, wie ihn seine Freunde nannten, war es auch, der ihm die Tücken und Vorzüge des weiblichen Geschlechts erklärte.
Es ärgerte den Teenager, dass er mit seinem Vater mitfliegen musste. Er wäre auch lieber hiergeblieben. Seine Schwester war so glücklich, dass sie an der Akademie aufgenommen wurde, und sie konnte das machen, was sie schon immer wollte – Mila würde lernen, wie man ein Raumschiff fliegt, und er, der introvertierte, verschlossene Junge? Tolan wusste nicht, was er einmal machen sollte. Er war mit all den Möglichkeiten überfordert, hatte so viele Talente, aber dann doch keins, was ihn dazu bewegen könnte, sich beruflich für den Rest seines Lebens damit zu beschäftigen. Tolan grübelte über mögliche Berufe und sah Tebogo zu, wie der großgewachsene und dunkelhäutige Mann zwei von Milas Kisten trug, in jeder Hand eine, als wären es nur Omas Einkaufstaschen. Für ihn war klar, dass er seinen Platz in der Sicherheit finden würde. Josh hingegen war genauso schmächtig wie Tolan, immer etwas blass im Gesicht, aber flink und wendig. Durch sein Engagement bei der Bergwacht war er aber im Gegensatz zu dem jungen Halb-Cardassianer sehr aufgeschlossen und hilfsbereit. Nun befand er sich bereits im sechsten Semester seines Medizinstudiums und in ein paar Jahren würde er als Arzt auf einem Raumschiff dienen.
Zu Josh hatte Tolan seit dem letzten Sommer ein besonderes Verhältnis. Zu Beginn der Semesterferien besuchte er Mila hier in Genf. Aus Höflichkeit fragte Garak, was er nun in der freien Zeit plante, und Josh antwortete, er wolle mit einer kleinen Gruppe im Zermatt-Gebirge wandern und klettern. Dabei erzählte er von den alten Wanderpfaden, die sich seit Jahrhunderten der modernen Technik verschlossen hatten. Josh schwärmte von den archaischen Wegen, die ins Gebirge führten, ganz ohne Technik – nur der Mensch und der Fels. Angetan von dieser Idee überredete der Konsul ihn, Tolan mitzunehmen, da er sich sonst den ganzen Sommer über im Haus verstecken würde.
„Es ist schwierig für ihn. Er hat keine wirklichen Freunde und sitzt am liebsten nur in seinem finsteren Zimmer und liest. Nicht, dass ich Selbststudium nicht gutheißen würde – aber ein Junge in seinem Alter muss doch etwas erleben.“
Auch Josh erkannte, dass ein Teamsport den schweigsamen Jungen aus der Reserve locken konnte – denn beim Klettern zählte nicht das Reden, sondern das gegenseitige Vertrauen. Der Kadett kannte Tolan bislang nur als den kleinen Bruder, der stets mit mehreren Metern Abstand hinter seiner Schwester herlief und immer ein Buch unter dem Arm trug, in dem er las, während sie sich am See oder auf der Piste vergnügten.
Diskussionen waren zwecklos. Wenn der Vater einen Entschluss gefasst hatte, musste sich der Sohn fügen – und so packte Tolan missmutig seinen Rucksack, den Garak eigens für dieses Unternehmen organisiert hatte. Anschließend begleitete der Konsul den Jungen in ein Geschäft für alpinen Sport. Er benötigte die richtige Ausrüstung: Wanderstiefel mit Steigeisenfunktion, Kletterschuhe, zehn Meter Seil, Karabiner, eine Tasche mit Talkumpuder und jede Menge anderer Ausrüstungsgegenstände, die Josh auf eine Liste geschrieben hatte.
Gegen Mittag des 4. August 2395 fuhr das vierköpfige Sportlerteam mit einer alten Gondel von Zermatt hinauf zum Schwarzsee. Diese Gondel war bereits seit annähernd dreihundertfünfzig Jahren in Betrieb – Liebhabern dieses antiquierten Beförderungsgeräts war es zu verdanken, dass die restaurierte Bergbahn noch immer Alpinisten transportieren konnte.
Als sie sich von der Bergstation auf den Weg zur Hörnlihütte begaben, hielt Tolan kurz inne und blickte über den sanft abgeflachten Talkessel, in dem der Schwarzsee lag. Und er machte seinem Namen in der Tat alle Ehre: Das Wasser war so dunkel wie Tolans Augen und die Oberfläche so glatt und still, dass sich das schneebedeckte Matterhorn wie ein gemaltes Spiegelbild darin abzeichnete.
„Es ist so wunderschön“, flüsterte er, als sich Josh neben ihn stellte und ebenfalls diesen einzigartigen Ausblick genoss.
Zur Hörnlihütte führte ein Wanderpfad von etwa zwei Stunden durch die karge Felslandschaft. Hier oben war es deutlich kühler als in dem Vorort von Genf, wo der Halbcardassianer lebte – dennoch brannte die Sonne mit aller Kraft auf die Gruppe und ließ sie während des steten Aufstiegs schwitzen. Mehrmals drehte sich der Junge um und genoss den Ausblick. Die schneebedeckten Berggipfel hoben sich majestätisch von dem tiefblauen Himmel ab. Nur vereinzelt schwebten schwerelos kleine Wölkchen über dem Panorama.
Der anfängliche Ärger darüber, dass ihn sein Vater zu dieser Tour gezwungen hatte, war mit dem Überschreiten der Baumgrenze verflogen – zu schön empfand er die Landschaft, die ihn nun umgab. Diese Ruhe und Stille war ein Spiegel seiner Seele, und er spürte, wie sie sich hier oben in der freien Natur entfalten konnte. Die Luft war so klar und frisch, dass jeder Atemzug seinen Körper durchdrang und den Griff der strengen Hand seines Vaters sprengte, die ihn sonst fest unter Kontrolle hielt.
Und doch wünschte sich der Sohn für einen Moment, dass der alte Herr dabei wäre – um sich an der Schönheit dieser Tristesse zu erfreuen. Vielleicht hätte er der Erde dann doch noch etwas abgewinnen können.
Mit dem steten Anstieg wurde der Weg anspruchsvoller und erforderte von der vierköpfigen Gruppe nicht nur einen sicheren und festen Tritt, sondern auch Schwindelfreiheit. Denn sie erreichten eine Passage, an der der Pfad aussetzte und die nur über einen schmalen eisernen Steg entlang der Felswand überquert werden konnte. Josh überprüfte die Brücke und die Sicherungen, dann noch einmal die Ausrüstung seiner Kameraden. Dabei erkannte er in Tolans Blick eine aufkeimende Unsicherheit.
„Das schaffst Du, Tolan. Ich bin direkt hinter Dir.“ Sprach er ihm Mut zu und klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter.
Mit einem mulmigen Gefühl bestieg der Junge als Vorletzter den Steg. Sein Blick blieb zwischen dem Eisengitter hängen, durch das er in den Abgrund blicken konnte. Höhenangst kannte er bis dahin nicht, aber nun bekam er weiche Knie. Der Griff umschloss das Stahlseil, das an der Wand befestigt war, immer fester, die Schritte wurden schwerer und langsamer, der Atem schneller.
Er schreckte auf, als Josh ihm seine Hand auf die Schulter legte: „Ist alles okay? Sieh nicht nach unten, konzentrier dich auf deinen Schritt. Schau nach vorne, du kannst das Ende schon sehen. Es ist nicht weit.“
Dreimal schnaufte Tolan tief ein und wieder aus, bis er den Blick vom Abgrund lösen konnte. Josh hatte recht: Das Ende des Stegs war nicht weit. Zehn Meter noch, dann erreichte er festen Boden. Mit einem leichten, stolzen Lächeln sprang Tolan über die Schwelle auf den Felsen und drehte sich zu Josh um. Der Bergführer erwiderte sein Lächeln – ein stilles Lob für seinen Mut und ein Zeichen, dass seine Zweifel, den Fünfzehnjährigen mitzunehmen, unbegründet gewesen waren.
Nachdem sie ihre Betten im Matratzenlager bezogen hatten, verteilte sich die Gruppe auf der Sonnenterrasse des Schutzhauses. Der Wirt brachte Tolan eine Apfelsaftschorle und ein Käsebrot. Er setzte sich abseits der anderen in den Schatten, das Buch auf dem Schoß, doch die Berglandschaft fesselte ihn so sehr, dass an Lesen nicht zu denken war. Wenig später setzte sich Josh zu ihm. Beide schwiegen und ließen den Blick über das Zermatt-Gebirge wandern – ein stilles Nebeneinander, das Tolan überraschend angenehm fand.
Zum Abendessen trafen sich alle im Gastraum. Durch das große Panoramafenster beobachtete Tolan, wie die Schatten der Felsen im Licht der untergehenden Sonne immer länger wurden und sich aus dem Abendrot ein feuriges Alpenglühen entfaltete. Dieses Schauspiel hatte er jeden Sommer von seinem Garten aus gesehen, doch hier oben, mitten in den Bergen, wirkte es anders – näher, eindringlicher, als würde es etwas in ihm berühren, das tief verborgen lag und für das er noch keine Worte fand.
Neben den vier jungen Männern waren noch drei weitere Gruppen zu Gast. Die Bergführer, zu denen auch Josh gehörte, hießen alle willkommen und besprachen mit den einzelnen Teilnehmern die Routen für den kommenden Tag. Zwei Gruppen à drei Personen wollten das Matterhorn besteigen. Sie würden nach dem Frühstück um vier Uhr morgens aufbrechen. Die dritte Gruppe berichtete von ihren Erfahrungen – sie war am späten Nachmittag vom weltberühmten Gipfel zurückgekehrt und wollte am nächsten Tag den Abstieg ins Tal antreten.
Josh setzte sich zu seiner Gruppe und zeigte anhand einer Karte die Route zur „Mammut-Kletterwand“. Eine Tour, die über eine Gletscherzunge zu einer freien Felswand führte, an der sich Einsteiger im alpinen Klettern üben konnten. Sie wollten zunächst die Westseite besteigen, bevor es am nächsten Tag in die anspruchsvollere Südwand ging. Josh hatte zunächst Bedenken, Tolan mitzunehmen – der Junge war gerade einmal fünfzehn Jahre alt und, soweit er wusste, noch unerfahren. Doch er erkannte, dass Tolan trittsicher und hochkonzentriert war. Er schätzte ihn so ein, dass er seine Grenzen kannte und sich nicht aus falschem Ehrgeiz in Gefahr bringen würde.
Der Abend auf der Hütte war zwar kurz, aber sehr gesellig. Die zwei Klingonen der Gruppe, die am nächsten Morgen den Aufstieg wagen wollten, sangen eine Arie aus einer Oper, die die meisten kannten. An manchen Stellen sangen alle mit – was Tolan ein leichtes Lächeln entlockte. Ein Vulkanier war mitgereist, um die Worte Captain Kirks zu ergründen, warum man auf einen Berg steigt. Denn mit „weil er da ist“ wollte er sich nicht zufriedengeben.
Um sechs Uhr stand bereits das Frühstück auf dem Tisch. Jeder packte sich eine Brotzeit ein, dann wurde das Equipment noch einmal überprüft. Der Weg über den Gletscher war für Unerfahrene gefährlich, aber ihr Bergführer kannte die Tücken und den sicheren Weg. Auch der Hüttenwirt erklärte, dass das Wetter stabil war und sie mit keinen unvorhergesehenen Hindernissen rechnen mussten. Dennoch war Vorsicht geboten. Josh blieb am Rand des Firnfeldes stehen und hob die Hand, damit die anderen anhielten. Der Wind strich kühl über die Fläche, und unter der dünnen Schneeschicht schimmerte das bläuliche Eis des Gletschers.
„Hier legen wir die Ausrüstung an“, sagte er ruhig. „Ab jetzt gehen wir am Seil.“
Die Gruppe stellte sich im Halbkreis um ihn. Tolan blieb einen Schritt weiter hinten stehen, doch Josh ließ sich davon nicht irritieren. Er öffnete seinen Rucksack, zog das Gletscherseil heraus und ließ es kontrolliert zu Boden gleiten. Die anderen begannen, ihre Gurte anzulegen; die Bewegungen wirkten routiniert, fast wie ein Ritual.
„Stiefel aktivieren“, erinnerte Josh, während er selbst den Knöchel seines Schuhs berührte.
Ein leises Surren ertönte, und die Steigeisen klappten aus der Sohle, rasteten mit einem metallischen Klicken ein. Die anderen taten es ihm nach. Tolan zögerte kurz, bevor er ebenfalls den Sensor an seinem Stiefel berührte. Das vertraute Summen beruhigte ihn ein wenig. Josh trat zu ihm, prüfte, ob der Sicherungsgurt straff genug war.
„Gut so“, sagte er leise, nur für Tolan bestimmt. „Ich binde dich als Zweiten ein. So hast du vorne und hinten jemanden.“
Tolan nickte, froh, dass Josh keine weiteren Worte verlor, die seine Unsicherheit hätten zeigen können, während er das Seil durch die Sicherung führte. Die Berührung war sachlich, ruhig, ohne jede Hast.
„Hält“, murmelte Josh, mehr zu sich selbst als zu Tolan.
Dann ging er weiter zur nächsten Person. Als die Seilschaft schließlich stand – vier Menschen, verbunden durch ein straffes, helles Seil –, blickte Tolan auf die Spur, die über den Gletscher führte. Der Weg wirkte fremd und gefährlich, aber nicht mehr unüberwindbar. Josh stellte sich an die Spitze, warf einen kurzen Blick zurück und nickte ihnen zu.
„Langsam. Gleichmäßig. Und wenn jemand rutscht, fangen wir ihn auf.“
Tolan spürte das Seil an seinem Gurt, warm von der Sonne, leicht gespannt. Zum ersten Mal fühlte es sich nicht wie Kontrolle an, sondern wie ein Versprechen.
Josh ging voran, stach vor jedem Schritt mit der langen Gletschersonde ins Eis – ein unbedachter Tritt auf eine dünne Schneeschicht könnte den Sturz in eine metertiefe Schlucht bedeuten. Tolan setzte seinen Tritt im Rhythmus seines Bergführers, ein ungewohnter Gleichschritt, der ihm zugleich Sicherheit bot. Der Mann hinter Tolan hielt nicht ganz Schritt und immer wieder spannte sich das Seil an seiner Hüfte, als würde jemand mit Zügeln versuchen, ihn zu bremsen. Tolan sah kurz nach hinten, vergewisserte sich, dass es keine Absicht war. Doch diese kurze Unaufmerksamkeit ließ den Jungen ausrutschen. Er hatte den großen Stein nicht bemerkt, der nur wenige Zentimeter unter der Schneeschicht durchschimmerte. Sein Steigeisen fand keinen Halt und glitt an dem harten Untergrund ab. Tolan strauchelte kurz, sah erschrocken zu Josh, der bemerkte, wie sich das Seil hinter ihm ruckartig spannte. Die Stimme seines Vaters tadelte ihn in seinem Kopf, doch Joshs Blick war ruhig, als er sah, dass Tolan wieder fest im Eis stand.
„Alles gut. Dafür ist das Seil da.“ Nickte er der Gruppe zu.
In diesem Moment spürte der Junge, dass das Seil nicht Kontrolle bedeutete, sondern Halt – und dass er die anderen nicht gefährdete, sondern sie ihn auffingen, wenn er fiel.
Nach der Überquerung des ewigen Eises deaktivierten die Kletterer ihre Steigeisen an den Wanderstiefeln und liefen noch etwa eine halbe Stunde über ein Schotterfeld bis zur Mammut-Westwand.
Als sich der knapp zwanzig Meter hohe, steile Fels vor ihnen erhob, ließ es sich Josh nicht nehmen, seiner Gruppe die Besonderheit dieser Formation zu erklären: „Diese Wand entstand während der Zeit des großen Klimawandels. Im Jahr 2048 löste sich ein etwa zwei Millionen Kubikmeter großer Fels vom Berg. Durch die Erderwärmung drang allmählich Wasser in eine Felsspalte, das im Winter gefror und so Stück für Stück den Fels aus dem Berg sprengte – bis er schließlich abrutschte und diese glatte Wand hinterließ.“
Er deutete dabei auf die Geröllmassen, die sich am Fuß der Felswand talabwärts ergossen. „Die Wand wurde nach einem Sportgeräteausrüster aus jener Zeit benannt, der sich weltweit für den Schutz der Berge eingesetzt hatte.“
Der Vulkanier fragte daraufhin: „Wodurch wurde der Klimawandel ausgelöst?“
Der vierte Teilnehmer, der neben dem Vulkanier stand, meinte: „Mit Beginn der Industrialisierung vor ungefähr fünfhundert Jahren stießen die Menschen immer mehr Treibhausgase in die Atmosphäre. Sie ignorierten alle Anzeichen, dass ein Klimakollaps bevorstand. Man könnte sagen: Zum Glück für das Klima brach der Dritte Weltkrieg aus – sodass sich die Erde nach der postatomaren Schreckenszeit langsam wieder erholen konnte.“
„Aber sein eigenes Klima zu vergiften, ist doch unlogisch“, zweifelte der Blaublütige mit hochgezogener Augenbraue.
Josh fügte hinzu: „Nur leider sind Menschen nicht logisch.“
An der Wand angekommen erklärte der Bergführer, dass bereits Haken im Fels angebracht seien, die regelmäßig überprüft würden, und wie man das Seil mit dem Karabiner daran befestigte. Er demonstrierte dies an seinem eigenen Seil, machte eine übergroße Schlaufe, damit man seine Schritte gut nachvollziehen konnte. Anschließend teilte sich die Gruppe in Zweierteams auf – einer stieg in die Wand, der andere sicherte ihn.
Josh überprüfte jeden Handgriff, jeden Knoten, achtete darauf, dass das Seil gespannt war, dass der Fuß richtig stand. Er war sehr akribisch – wie ein guter und verständlicher Lehrer nun einmal ist.
„Es geht hier nur drei Meter hinauf. Versucht, ein Gefühl für den Stein und eure eigene Trittsicherheit zu bekommen.“
Tolan stand ehrfürchtig vor dem Fels, der sich so starr und unbeugsam vor ihm erhob. Doch bei längerer Betrachtung konnte er seine Schwachstellen ausloten. Er setzte den ersten Griff, den ersten Tritt – und hangelte sich, wie er es von seinem Vater gelernt hatte, mit Disziplin, Kontrolle und dem festen Willen, sich niemals von Angst oder Zweifel lähmen zu lassen, nach oben. Seine Finger spürten den harten Fels, der so unnachgiebig war wie sein alter Herr. Doch wer ihn verstand, wer seine Struktur erkannte, konnte ihn bezwingen. Und Tolan wusste: Jeder Griff war ein Schritt aus dem Schatten seines Vaters – und zugleich ein Beweis, dass er dessen Stärke in sich trug.
Er hatte sein Ziel erreicht. Auch wenn es nur drei Meter waren, lächelte der junge Mann, als hätte er die ganze Welt bezwungen. Und als er sich vom Fels abstieß und am Seil hinunterglitt, fühlte es sich wie eine Befreiung an. Alle starren Regeln, die strengen Blicke und das Gewicht der Erwartungen fielen mit ihm hinab. Der Wind rauschte ihm um die Ohren, das Seil spannte sich unter seinem Griff – und für einen flüchtigen Moment war er nicht der Sohn des cardassianischen Konsuls Elim Garak, sondern einfach nur der Teenager, der er immer sein wollte: leicht, lebendig und frei.
Der Vulkanier, der ihn bislang stets skeptisch betrachtet hatte, sprach ihm sogar ein Lob für seine Geschicklichkeit aus – was Tolans Selbstbewusstsein zusätzlich befeuerte. Er war nun in der Gruppe angekommen. Er gehörte dazu.
Nach einer kleinen Mittagsjause, bei der er sich nicht wie sonst abseits hielt, sondern sich zu seinen Kameraden setzte und sich angeregt mit ihnen unterhielt, plante die Gruppe den nächsten Aufstieg – zu einem Felsvorsprung in etwa fünfzehn Höhenmetern.
Nach ungefähr zwei Dritteln der Strecke hatte Tolan verschwitzte Hände und griff nach seinem Talkumbeutel. Da rutschte er ab – und durch die Wucht riss der Sicherungshaken aus der Wand. Der Junge stürzte knapp drei Meter tief und prallte hart gegen einen hervorstehenden Felsen. Dabei brach er sich sechs Rippen, von denen eine die Milz durchbohrte und innere Blutungen verursachte. Durch den Aufprall war er wie paralysiert. Er konnte sich nicht mehr bewegen, und ihm stockte der Atem. Wie eine leblose Marionette hing er regungslos im Seil, die Augen weit aufgerissen, japsend nach Luft.
Josh rief seinen Namen – doch Tolan reagierte nicht mehr. Er gab den beiden anderen die Anweisung, sich zusätzlich zu sichern und sich nicht weiter zu bewegen, um einen möglichen Steinschlag zu verhindern, während er sich langsam zu dem Verunglückten abseilte.
Mittlerweile hatte Tolan das Bewusstsein verloren. Josh zog ihn vorsichtig zu sich heran, hakte ihn bei sich ein und prüfte seine Vitalzeichen. Er hatte noch Puls – aber er atmete nicht mehr. Über seinen Notfallkommunikator alarmierte Josh die Basisstation der Bergwacht im Tal und übermittelte ihre Koordinaten für den Notfalltransport. Immer noch in der Felswand hängend, begann er, den Bewusstlosen zu beatmen.
Dann kam der erlösende Funkspruch: „Zwei zum Beamen bereit.“
Nachdem Tolan vom Notfallmediziner erstversorgt und nach Genf ins Krankenhaus gebeamt worden war, kehrte Josh zu seinen beiden Kletterern zurück, die sich – wie angewiesen – noch immer in der Wand befanden. Gemeinsam seilten sie sich ab. Bevor sie zum Schutzhaus zurückgingen, entdeckte Josh den ausgerissenen Haken zu seinen Füßen. Ein winziger Einschluss im Metall hatte eine Sollbruchstelle erzeugt und damit den Unfall ausgelöst.
„Er hätte halten müssen“, murmelte er und ballte die Faust um das Stück Metall. Dann blickte er noch einmal die Felswand hinauf. „Nur einen halben Meter und nicht drei.“
Irgendetwas passte nicht zusammen.
Tolan musste noch einige Tage in der Klinik verbringen, und ihm ging der Gedanke nicht aus dem Kopf, dass das Blut seines Vaters aufbereitet werden musste. Bei Cardassianern wurde die Blutgruppe über das männliche Genom vererbt – der Vater kam somit immer als Spender infrage. Aber wenn die Inkompatibilität durch seine menschliche Abstammung herrührte, hätte ihm doch eine synthetische Transfusion helfen müssen.
Sobald der Teenager wieder auf die Beine kam, setzte er sich an das Computerterminal in seinem Zimmer. Bereits in jungen Jahren hatte er gelernt, wie man Sicherheitssperren umgeht und an die verborgenen Datenbanken gelangt, die nicht für jedermann zugänglich sind. Dieses Talent, so sein Vater, habe er von seiner Mutter geerbt – sie konnte bereits mit neun Jahren einen Sicherheitsmechanismus umprogrammieren.
Tolan ließ sich die Unterschiede zwischen seinem Genom und dem seines Vaters aufzeigen. Zunächst dachte er, es müsse ein Fehler sein, und ließ den Computer erneut rechnen. Doch auch beim zweiten und dritten Mal kam dasselbe Ergebnis heraus: Elim Garak war nicht der Vater von Tolan.
Wie konnte das sein? Entsprang er etwa einem Seitensprung?
Der junge Halbcardassianer lebte zwar Zeit seines Lebens auf der Erde, aber er wusste, dass uneheliche Kinder in der cardassianischen Gesellschaft als Schandfleck galten – und dass Mutter und Kind oft mit dem Tod bestraft wurden. Warum wurde es verheimlicht? Und wer wusste davon – außer seinem Vater?
Tolan lud das Ergebnis auf ein Pad und legte es zu seinen Büchern.
Am Tag seiner Entlassung packte er gerade seine Utensilien im Badezimmer ein, während der Vater seine Kleidung zusammenlegte. Als Garak die Bücher nehmen wollte, sah er das Pad – und das geladene DNA-Ergebnis. Jetzt war es so weit. Der Moment, vor dem er sich so lange gefürchtet hatte, war gekommen. Ein lähmender Blitz durchfuhr ihn: Sein Sohn kannte das Geheimnis.
Garak wusste nicht, wie er beginnen sollte, und wog das Pad in seiner Hand: „Weißt du, von wem du deinen Namen bekommen hast?“
Tolan schüttelte den Kopf.
„Tolan Garak war der Bruder meiner Mutter, Mila. Sie hatte eine Affäre, aus der ich geboren wurde. Mein Onkel heiratete daraufhin meine Mutter und spielte den liebevollen Familienvater. Bis zu seinem Tod hielt er diese Maskerade aufrecht – um mich und meine Mutter zu schützen.“
Garak machte eine Pause und setzte sich neben seinen Sohn. „Und ich werde das Gleiche für dich tun. Ich bin nicht dein biologischer Vater – aber ich habe deine Mutter geliebt. Und ich liebe dich.“
„Wer ist mein Vater?“, fragte der schweigsame Junge mit rauer Stimme.
Auch Garak musste sich räuspern: „Dein Vater … Dein Vater heißt Kelas Paramak. Er war Arzt und … und hat illegale Experimente an Menschen durchgeführt. Auch an deine Mutter. Zudem hat er sie betäubt – und so bist du gezeugt worden.“
Schweigen breitete sich im Zimmer aus. Ein Schweigen, das so schwer war wie die Felswand, die sich damals aus dem Gestein löste – und nun Tolan überrollte.
„Dann hast du Mutter nur geheiratet …“, flüsterte Tolan, während er versuchte, seine Finger zu verknoten.
Garak fuhr fort: „Ich habe deine Mutter geheiratet, um dich zu schützen – wie es mein Onkel damals für mich getan hat.“
Tolan blickte auf seine Hände, die sich nicht mehr entwirren ließen. Seine Stimme war kaum hörbar: „Und du … Bereust du es?“
Garak sah ihn an, legte ihm die Hand auf den Rücken – vorsichtig, fast zaghaft. Er musste nicht lange überlegen: „Ich bereue vieles, Tolan. Aber nicht den Weg, den ich für dich gehe.“
Obwohl Tolan einen schweren Unfall erlitten hatte, war dieser Sommer wie ein Befreiungsschlag für seinen jungen Geist. Aus dem neugewonnenen Selbstbewusstsein konnte er Stärke für seine Zukunft auf Cardassia ziehen. In diesem einen, letzten Sommer auf der Erde fand Tolan den Weg aus dem Schatten seines strengen Vaters – und doch fühlte es sich an, als wäre er in einen neuen, noch undurchdringlicheren eingetaucht.