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Das Auge der Verdammten

von Mrs. Black

Am Hang des Tesh´gulor

Der plötzliche Ausbruch des eigentlich erloschenen Vulkans Tesh'gulor im Dakhur-Gebirge stellte selbst erfahrene Vulkanologen und Geologen vor ein Rätsel. Es hatte keinerlei seismische Anzeichen einer bevorstehenden Eruption gegeben, die am Nordhang des Tesh´gulor einen Erdrutsch epischen Ausmaßes mit sich führte. Dabei wurde ein antiker Tempel freigelegt. Taran Vel, ein bajoranischer Archäologe und Spezialist für die Bestimmung antiker Tempelanlagen, wurde mit der Sondierung beauftragt. Taran war erstaunt, er kannte alle alten Tempel auf Bajor. Seit mehr als zwanzig Jahren erforschte er die Architektur und Grundmauern dieser Anlagen. Während der Reise aus der Rakanta-Provinz studierte der Wissenschaftler sämtliche Schriften der Vedeks auf Erwähnungen eines Tempels in den Dakhur-Bergen, aber dieser hier schien gänzlich unbekannt zu sein. Keinen Hinweis oder auch nur die kleinste Erwähnung fand er in den Aufzeichnungen der Geistlichen, die akribisch alle Bauwerke der Propheten dokumentiert hatten.

Da sein Team noch nicht eingetroffen war, wollte sich Taran zunächst allein ein Bild von dieser unbekannten Entdeckung machen. Also erklomm er von dem Basislager, in dem sich die Wissenschaftler aller Fachgebiete zusammenfanden, den durch die Gerölllawine freigelegten Pfad, der zur Tempelanlage führte. 

Die Pforte zum Haupttor war aus schwarzem, vulkanischem Gestein gehauen und öffnete sich zu einem Weg, der von rauen, meterhohen Wänden des Felsens gesäumt, zum Eingang führte. Bereits hier stellte Taran fest, dass die Architektur, das verbaute Material sowie die Inschriften dem Kanon der antiken Baumeister widersprachen. Schritt für Schritt, darauf bedacht, wohin er trat, tastete er sich vorsichtig über den breiten Pfad zu den Stiegen, die hinauf zum Tor führten. Taran erkannte, wie die Gesteinsschichten die einzelnen Epochen des Lebens von Tesh'gulor erzählten. Er war kein Geologe, aber anhand der verschiedenfarbigen Sedimentablagerungen konnte Taran in etwa abschätzen, dass dieser Tempel bereits vor der Entstehung des 3. Buches von Trekor erbaut worden sein musste. Grob schätzte der Archäologe das Alter dieser Anlage auf 4000 Jahre, was zu einem Paradigmenwechsel in der bajoranischen Religion führen könnte. 

Bei jedem Schritt voran spürte er, wie sich die Luft veränderte. Sein Mund trocknete aus, es wurde drückend heiß, dennoch elektrisch geladen, wie kurz vor einem Gewitter, bis er vor der ersten von drei Treppenstufen des unbekannten Ortes stand, den kein Vedek je erwähnt hatte und kein Prophet je segnete. 

Taran Vel belächelte die Vedeks, wie sie sich an ihre Propheten klammerten und versuchten, das Elend, das ihren Planeten heimsuchte, zu erklären. Als die Cardassianer kamen und seine Familie dahingemetzelten, suchte Taran Trost bei den Propheten. Aber weder die Antworten der Vedeks noch die Geborgenheit eines Klosters brachten ihm den erlösenden Frieden. Taran Vel legte seinen Glauben ab. Für ihn gab es keine höheren Wesen, die einen leiten, kein Leben nach dem Tod und kein Pagh. Er glaubte nur noch an die Wissenschaft, an Fakten, Daten und Analysen. Doch was er nun betrachtete, widersprach allem, was er bisher erforscht hatte. Hatte es tatsächlich einen Gotteskult vor den Propheten gegeben? Würde man seine Entdeckung feiern oder ihn der Blasphemie bezichtigen und mit Mistgabeln und Stöcken vom Planeten jagen?

Mit seinem Scanner betrachtete er die drei Stufen. Jede war aus kreisförmig angeordneten schwarzen Steinplatten gearbeitet, etwa einen Meter breit, und in jede war ein Vers eingraviert, aber nicht in gewöhnlicher bajoranischer Schrift, sondern in einer archaischen, kantigen Form, die sich beim Lesen zu bewegen schien. War dies nur eine optische Täuschung? Der Bajoraner kniete sich nieder und legte seine Hand auf eine der Stufen. Sie war warm, beinahe heiß, und schien zu pulsieren, als ob sie atmen würde.

Diese alte Schrift kannte Taran nicht, aber sein Scanner schien sie übersetzen zu können: 

So stand auf der ersten Stufe geschrieben: „Die Wahrheit ist das Messer, welches Licht zerschneidet.“

Erstaunt über diesen poetischen Satz, runzelte Taran die Stirn. Er versuchte, den Sinn dahinter zu entschlüsseln. Vielleicht war es eine Metapher für das Durchdringen von Illusionen. Das „Messer“ als kritisches Denken und das „Licht“ als naive Hoffnung. Er dachte, dass die Wahrheit oft brutal, aber notwendig war. Der Wissenschaftler nickte leicht, als würde er zustimmen, ohne zu merken, dass der Satz eine dunklere Bedeutung trug.

Taran machte sich hierzu Notizen in seinem kleinen roten Buch, zeichnete die Inschrift nach und wandte sich anschließend der zweiten Stufe zu: „Wer die Stimme der Propheten hört, hat die Stille der Verdammten vergessen.“ 

Hier stockte er, trat einen Schritt zurück und las die Übersetzung auf seinem Scanner erneut. Der Satz wirkte wie eine Kritik am Glauben der Bajoraner, als würde er sagen, dass Glaube die Schattenseiten des Seins verdrängte. Taran fühlte sich bestätigt. Für ihn waren die Propheten eine bequeme Antwort, eine Flucht vor der Realität. Mit Trauer musste man alleine zurechtkommen, es gab keine Propheten, die einem Erlösung brachten. Er deutete diese Inschrift als eine Warnung vor religiöser Selbsttäuschung, doch ahnte er dabei nicht, dass der Satz aus einem ketzerischen Werk stammte. 

Als Taran die letzte Stufe betrat, schien die Gravur zu ihm zu flüstern, aber nicht hörbar, sondern direkt in sein Bewusstsein. Noch bevor der Scanner die Übersetzung anzeigte, wusste er, was dort geschrieben stand: „Der Körper ist nur ein Gefäß. Die Seele gehört den Flammen.“ 

Ein Schauer lief ihm über den Rücken. Das klang nicht mehr wie Philosophie, sondern wie ein Kult. Dabei dachte er an alte Rituale, an fanatische Sekten, die den Tod verherrlichten, nur der Begriff „Flammen“ irritierte ihn. Stand dies für Reinigung? Zerstörung? Energie? Er versuchte, es naturwissenschaftlich zu deuten, aber etwas in ihm begann zu rebellieren. Der Satz fühlte sich nicht nur befremdlich, sondern feindlich an. Seine innere Stimme schien ihn anzuschreien, nicht diesen Tempel zu betreten, sollen sich andere damit auseinandersetzen. Er spürte, dass etwas Dunkles hinter diesem Tor lag. 

Er trat einen Schritt zurück, sah sich noch einmal um, er war alleine, kein anderer Bajoraner war zu sehen oder zu hören, noch nicht einmal das Gezwitscher der Vögel, es herrschte eine Stille, die keine Ruhe ausstrahlte, sondern wie eine Bedrohung wirkte. Taran schüttelte seinen Kopf, steckte sein Notizbuch in die Tasche und nahm wieder den Scanner in die Hand: „Das ist alles nur Einbildung. Das ist eine verlassene Ruine …“, bestärkte er sich und so betrat er das Innere des schwarzen Felsens. 

Die Lampe an seinem Scanner schaltete sich ein und erleuchtete einen staubigen und mit kleinen Steinchen bedeckten Gang, der beidseitig von Säulen gesäumt war. Eine weitere Treppe führte zu einer Halle hinab, in deren Zentrum ein zerbrochener Altar stand. Es wirkte, als sei der Stein erst durch den jüngsten Ausbruch zerborsten. Der Altar war vom allgegenwärtigen Staub wie freigeblasen, und aus der klaffenden Bruchstelle glomm ein anziehendes, rotes Licht. 

Wie hypnotisiert trat der Archäologe langsam heran, blickte auf die Bruchstelle des Steins, aus der der rote Lichtstrahl schien. Taran schob die eine Seite des Altars beiseite. Das Licht des Gegenstands leuchtete nun so stark, dass die ganze Halle in einen roten Schein getaucht wurde. Da erkannte er den Gegenstand – es war ein Drehkörper, der schwebend und langsam rotierend hervortrat. In dem leuchtenden Schimmer erkannte Taran Inschriften auf dem Sockel des Altars. Er brauchte seinen Scanner nicht, denn auch diese Worte drangen direkt in seinen Geist und er erkannte die Sprache der Verdunkelten Offenbarung des Kosst Amojan.

Der Drehkörper warf lange Schatten in die Halle, die sich nicht mit dem Artefakt bewegten, sondern mit Tarans Atemzügen. Es schien, als bewegte sich, was sich nicht bewegen durfte. Fremde Stimmen in alten, längst vergessenen Sprachen erklangen in seinem Geist, leises Flüstern zischte durch die Halle, der Boden unter seinen Füßen schien weich zu werden, als würde er seine Schritte auf lebendiges Fleisch setzen, das sich unter ihm regte. Das Licht des Drehkörpers griff mit seinen Klauen in Tarans innerstes, tiefverborgenes Dunkel und zerrte es wie ein Raubtier aus ihm heraus. Er betrachtete seine Hände, wie sie sich von rosig zu grau färbten und Blut warm und zäh von seinen Fingern tropfte. Er fasste sich an sein Gesicht und spürte Stirngrate und eine tropfenförmige Wölbung. Seine Kleidung wandelte sich in einen dunkelgrauen schuppigen Brustpanzer, Taran steckte im Körper eines Cardassianers. Wie in Trance betrachtete er das Treiben um sich herum. Zu seinen Füßen lag ein toter Mann, aus dessen kleiner Kopfwunde das Blut im Rhythmus des abklingenden Herzschlags herauspulsierte, als würde der Körper sich weigern, den Tod zu akzeptieren. Taran erkannte die Kleidung des Mannes, den Ohrring, der ihm entgegenblitzte – es war sein Vater. Ein Weinen und Flehen drang in seine Ohren. Ein cardassianischer Soldat zog seine Schwester an den Haaren aus dem Haus, in dem er seine glückliche Kindheit verbrachte. Aber nun stand das Haus in Flammen, wie das gesamte Dorf, in dem er aufwuchs. Es war nicht nur das Wimmern seiner Schwester zu hören, der ganze Ort schien in markerschütterndem Kreischen zu versinken. Taran konnte sich nicht bewegen, er war anwesend, konnte aber den Körper nicht kontrollieren. Der Soldat setzte die junge Bajoranerin vor ihm ab und sah ihn fragend an, was mit ihr geschehen sollte. Aber der Körper, in dem sein Geist steckte, gehorchte seinen Befehlen nicht und so streichelte er das Gesicht seiner Schwester, dabei hinterließ er blutige Spuren auf ihren blassen Wangen. Das Kleid war zerrissen, nur sie und der Soldat wussten, was in dem Haus zuvor geschah. Der cardassianische Körper griff zu einem Messer, das an seinem Gürtel steckte, und obwohl Taran verzweifelt sein anderes Ich daran hindern wollte, stach er in den Hals der jungen Frau, die verzweifelt nach Luft schnappend zu Boden sank und eines langsamen und qualvollen Todes starb. 

Unterdessen bahnten sich die Flammen ihren Weg zu seinem Elternhaus, fraßen sich durch alles hindurch, womit sie sich ernähren konnten, peitschten aus den Türen und Fenstern, wie ein gieriges Tier, das mehr verlangte. Eine Stimme schrie aus dem Gebäude, flehte um Hilfe, die Worte wandelten sich immer mehr in qualvolle Schreie, die nach ein paar Minuten abklangen. Es war die Stimme seiner Mutter, die man in dem Haus gefesselt zurückgelassen hatte. Als das Massaker an seiner Familie sein Ende fand, ließ ihn die Klaue des Drehkörpers wieder los, schickte ihn zurück in seine Realität, jedoch klebte immer noch das Blut an seinen Händen. Ein Zeugnis des Erlebten, das ihn nun nicht mehr loslassen würde. 

Worte drangen wieder in seinen Geist: „Wer zu lange bleibt, beginnt, die Verse auf dem Boden zu träumen, und wacht mit blutenden Fingern auf, als hätte er sie selbst in Stein geritzt.“

Benommen sah sich Taran um, glutrote Lettern formierten sich auf dem Boden der Halle und immer wieder drangen die Worte in seinen Geist: „Blicke ins Auge der Verdammten.“

Ihm wurde bewusst, dass er hier der Ursprung des Bösen war. An diesem Ort musste der epische Kampf zwischen Gut und Böse geführt werden – hier kämpften bereits vor Jahrtausenden die Propheten gegen die Pah-Geister und die Geister verloren die Schlacht, wurden in kristallene Käfige gesperrt und in die Feuerhöhlen, die sich unter seinen Füßen verbargen, verbannt. War dies alles doch kein Mythos, wurde er Zeuge all der Grausamkeit und der Dunkelheit, in die die Pah-Geister Bajor zu reißen vermochten. Ein schwarzer Schatten uralter Qual, der sich nun durch ihn hindurchbrannte wie das Feuer, das sein Zuhause zerstörte. 

Erneut zischten Stimmen durch die Halle, die Stimmen waren klar zu hören, ein Wortgemisch aus Wahnsinn, Betteln und Flehen nach Erlösung. Waren dies die Seelen jener, die ebenfalls mit diesem Drehkörper in Berührung kamen? Taran spürte, wie sich mehr und mehr der Wahnsinn auch in ihm zu formieren drohte. Er musste diesen Drehkörper vernichten, das Böse durfte nicht über das Licht siegen! 

Der Archäologe zog seine Jacke aus und wickelte sie um das Artefakt, dann erklomm er mit dem letzten Rest seines Verstandes den Tesh'gulor, immer weiter hinauf, immer der Hitze der Lava entgegen. Die Steine unter seinen Füßen glühten, seine Schuhe begannen, bei jedem Schritt immer mehr der Hitze nachzugeben, bis sie sich auflösten. Die Brandblasen an den Füßen rissen blutige und krustige Wunden auf, der Schmerz wurde zur Qual. Die Luft war beißend und mit seinen letzten Atemzügen erreichte er die Caldera. Es war bereits Nacht geworden und das kochende Gestein des Tesh'gulor erleuchtete das Innere des Kraters. Tarans letzter Blick sah, wie der Drehkörper aus seiner Jacke rollte und von dem weißglühenden Magma verschluckt wurde. Nun konnte er mit der Gewissheit sterben, dass niemand jemals mehr diese grausame Erfahrung erleben würde, die ihn in den Tod trieb. 



Ein letztes Raunen des Tesh'gulor erschütterte den Untergrund, das Magma blähte sich zu einem erneuten Ausbruch auf. Der Drehkörper tauchte langsam aus seinem Grab auf und begann, sich auf der Oberfläche zu drehen.

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