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Starship Vengeance: Die letzte Fahrt

von Thilo

Kapitel 1

Die Idee für diese Geschichte kam mir, nachdem ich das Finale der dritten Staffel von Picard gesehen hatte, zu dessen Zeitpunkt sie parallel geschieht, als die Borg sämtliche jungen Starfleet-Offiziere aus der Ferne übernehmen.



Im Jahr 2401 …

 

Ineiau hatte sich bei der jungen Ani, die sie als Shuttlepilotin zur Vengeance gebracht hatte, für ihre Dienste bedankt und schritt nun von der Fähre zu den beiden wartenden Offizieren im Hangar des alten Schlachtschiffes. Hinter ihr hob die Fähre schon wieder ab, um zur Sternenbasis zurückzukehren.

Sie musterte kurz die strammstehende, graziöse aschblonde Frau, die in Würde gealtert und gereift war. „Freier Himmel, ich bitte um Erlaubnis, an Bord kommen zu dürfen, Commander Fisher.“

„Captain Ineiau, willkommen zurück auf der Vengeance“, erklärte Rebecca Fisher steif.

„Danke Rebecca, ich freue mich, dass Sie und die anderen Mitglieder Ihrer Serie inzwischen wieder Ihren Dienst aufnehmen konnten und nicht mehr vom Androidenbann betroffen sind.“ Ineiau wandte sich an die kleine vulkanisch aussehende Frau, die ein breites Grinsen nicht unterdrücken konnte. „Freier Himmel, Captain Hel!“

Hel warf jedes Protokoll über Bord und umarmte ihre ehemalige Kommandantin. „Willkommen zurück, Skipper!“

Ineiau erwiderte ebenso herzlich die Umarmung, während ihr wieder bewusst wurde, dass Hel in ihren Armen wie ein Kind wirkte. „Sollten Sie nicht inzwischen so genannt werden, Hel?“, fragte sie mit einem Lächeln.

„Nicht wenn Sie wieder hier sind. Und ja, mir ist es dabei egal, dass Sie inzwischen endgültig im Ruhestand sind“, erklärte Hel immer noch mit einem Grinsen.

„Das ist unlogisch, Captain“, widersprach ihr Fisher.

Ineiau musterte ihre beiden ehemaligen Untergebenen. „Wie oft wird bei Ihnen beiden vermutet, dass Sie im Körper der jeweils anderen aufgewacht sind?“, zog sie Hel und Fisher mit freundlichem Spott auf. Trotz ihres Äußeren war Hel eine Marikanerin und keine Vulkanierin. Und als solche war sie fast das genaue Gegenteil der ihre Emotionen unterdrückenden Logiker.

„Ständig! Man könnte fast glauben, dass niemand in Starfleet jemals von uns gehört hat! Dabei sollten wir doch genauso zahlreich wie Vulkanier sein.“

Fisher wollte zu einer Antwort ansetzen, wurde jedoch von Hel gestoppt. „Und nein, ich möchte keine genauen Zahlen mit zwölf Stellen hinter dem Komma hören!“

Ineiau hatte fast das Gefühl, dass die Androidin einen Stoßseufzer ausstieß. „Wir haben für diese Fahrt nur noch eine Minimalbesatzung auf der Vengeance. Wenn Sie irgendetwas benötigen sollten, bin ich für Sie da, Ineiau.“

„Danke Rebecca!“ Sie wandte sich wieder an Hel: „Wenn die Vengeance jetzt im Starfleet Museum ausgestellt wird, bedeutet das wohl zwangsläufig, dass sie dann jetzt auch der Öffentlichkeit bekannt gemacht wird. Hat Commodore La Forge Ihnen diesbezüglich bereits Näheres erzählt?“

Hel schüttelte den Kopf, während sie zusammen mit Fisher und Ineiau zum Ausgang des Hangars ging. „Nein, er macht daraus ein ziemliches Geheimnis. Aber das passt dann wohl zu diesem Schiff. Ich meine, sie wurde vor fast dreißig Jahren im Dominionkrieg reaktiviert …“

„Siebenundzwanzig Jahre, drei Monate und vier Tage“, berichtigte Fisher sie.

Hel ignorierte anscheinend schon gewohnheitsmäßig den Einwurf. „… und trotzdem hat sie immer noch ihre Geheimdienstkennung NCIA-300 und erscheint in keiner Flottenliste von Starfleet.“

„Wissen Sie, ob es einen bestimmten Grund hat, dass wir erst nach der Flottenparade auf der Erde eintreffen?“, fragte Ineiau.

„Wahrscheinlich, weil, der neue hochgelobte Flottenformationsmodus und das Starfleet-Flottennetzwerk nicht mit der Vengeance kompatibel sind“, antwortete Hel mit einem neuerlichen Grinsen.

Ineiau sah sie überrascht an.

„Der Computer der Vengeance hat jeden Versuch das Starfleet-Flottennetzwerk zu installieren, einfach abgeblockt. Wir haben für die Installation sogar Virenschutz und Firewall abgeschaltet. Aber der Computer nimmt es einfach nicht an und löscht sogar die Installationsdaten wieder selbstständig“, erklärte Fisher.

„Damit dürfte die Vengeance mehr gesunden Menschenverstand besitzen, wie die Lamettaträger, die die Entwicklung und Installation dieses Flottennetzwerks angeordnet haben“, hielt Hel nicht mit ihrer Meinung hinterm Berg hervor. „Es und der Flottenformationsmodus lassen sich nicht von der Besatzung widerrufen. Nach meiner bescheidenen Meinung kann man bei einem solchen Automatismus ein Unglück schon fast planmäßig erwarten.“

Ineiau nickte düster, während sie an den katastrophalen Ausgang des Experimentes mit dem M-5 Supercomputer auf der ersten Enterprise dachte. Sie selbst hätte beinahe an diesem Flottenmanöver teilgenommen, wenn Starfleet Command nicht im letzten Moment ihre Shiva durch die Excalibur ersetzt hätte, um eine homogene Flotte aus Sternenschiffen der Constitution-Klasse einsetzen zu können. Und die Excalibur war dann mit ihrer gesamten Besatzung von M-5 zerstört worden.

Sie schüttelte die düsteren Gedanken ab. „Das sehe ich ebenso“, stimmte sie Hel zu. „Besteht die Möglichkeit, dass das Betriebssystem einfach nicht ausreichend aktualisiert wurde?“

Rebecca schüttelte den Kopf. „Nein, das Betriebssystem ist immer noch mindestens ein Update den anderen Computern in Starfleet voraus.“

Ineiau sah sie erstaunt an. „Ein Computersystem aus der Zukunft weigert sich das neue Flottennetzwerk zu installieren und niemand sieht das als Alarmsignal an?“

„Da sich das OS nicht auslesen lässt, und es immer noch geheim ist, dass Sektion 31 selbst aus heutiger Sicht Technik aus der Zukunft für den Bau der Vengeance verwendet hat, sehe ich das als wenig überraschend an“, antwortete Fisher gleichmütig.

Sie betraten gemeinsam den Turbolift.

„Brücke“, befahl Fisher dem Computer.

„Wobei ich trotz der Erklärungen ebenfalls über den Computer der Vengeance gelegentlich irritiert bin. Nach wie vor sind Sie dort als höherrangige Kommandantin vor mir eingetragen.“

„Ich dachte, dass wir alles gemeinsam geändert hätten, als Sie Captain wurden?“, fragte Ineiau schuldbewusst.“

„Haben wir! Aber das blöde Ding hat die Änderungen selbstständig wieder rückgängig gemacht. Selbst Ihr Vorgänger, Admiral Alexander Marcus ist weiterhin noch vor uns beiden eingetragen.“

„Nun, wahrscheinlich hat Sektion 31 ihn deshalb nicht am Leben gelassen, nachdem er bei den Vorbereitungen seines Coups von ihnen gestoppt wurde“, vermutete Ineiau mit einem Schauern.

Der Turbolift stoppte und entließ sie auf die große ovale Brücke der Vengeance.

„Hier ist unsere gesamte Besatzung für die Reise zur Erde, Skipper“, erklärte Hel mit einem Grinsen und einer ausladenden Geste mit beiden Armen.

Ineiau sah sich um. Außer der Ani an der großen, doppelten Taktischen Station kannte sie niemand von der teilweise sehr jung wirkenden Crew. „Freier Himmel, Aki! Es ist schön, sie wieder dabei zu haben.“

„Freier Himmel! Wie in alten Zeiten, Skipper!“, erwiderte Lieutenant Commander Aki mit einem zufriedenen Lächeln.

Ineiau sah sich weiter um.

„Lieutenant Karl Grewemann“, stellte sich der mittelalte Mann mit kurzen bereits ergrauten Haaren an der doppelten Ingenieursstation vor.

„Ensign Patrick Ellerman“, kam neben ihm halb verdeckt durch die große Stützstrebe von der Umweltkontrolle.

„Ensign Viola Kind“, meldete sich eine kleine, junge afro-amerikanische Frau von der Steuerkonsole.

„Ensign Concepcion Vasquez“ Sie winkte von der Sensorstation, verdeckt durch die große rechte Stützstrebe, Ineiau zu.

„Lieutenant Frederick Dreyer“, stellte sich der Kommunikationsoffizier an seiner doppelten Station vor.

„Cadet Elnor, Sicherheit“, meldete sich neben Aki ein junger, vulkanisch oder marikanisch aussehender Mann mit ungewohnt langen schwarzen Haaren.

Hel klatschte einmal mit ihren Händen. „Dann wollen wir aufbrechen. Skipper, ich möchte nicht, dass Sie dabei die ganze Zeit stehen.“

Mit diesen Worten schob sie Ineiau zum zentralen Kommandosessel und ließ sie sich dort hinsetzen. Dann nahm sie daneben ihren üblichen Standort aus ihrer Zeit als Erster Offizier bei einer der beiden winzigen Wissenschaftsstationen ein. Fisher begab sich währenddessen zu ihrer Navigationsstation neben Kind.

„Wir haben Startfreigabe vom Raumdock“, meldete Dreyer hinter ihnen.

„Bringen Sie uns raus, Viola“, befahl Hel.

Auf dem Hauptbildschirm konnte Ineiau sehen, wie sich die Vengeance aus dem Raumdock schob.

Nach ein paar Minuten meldete Kind: „Wir haben ausreichend Sicherheitsabstand für Warpgeschwindigkeit.“

„Kurs zur Erde ist berechnet und einprogrammiert“, bestätigte Fisher.

Hel sah Ineiau auffordernd an.

Ineiau lächelte zufrieden und beinahe von Erinnerungen überwältigt, bevor sie befahl: „Starten Sie, wenn Sie bereit sind!“

Die Sterne schienen sich seitwärts von der Vengeance wegzubewegen, als das Schlachtschiff in den Warp sprang, für eine Reise, die vor einigen Jahrzehnten noch mit einen anderen Sternenschiff Tage oder Wochen gedauert hätte statt nur einige Stunden.

„Hel, ich empfange eine ganze Reihe Notrufe von anderen Starfleet-Einheiten …“, begann Dreyer und brach mitten in der Meldung ab.

Hel und Ineiau sahen überrascht zu ihm. Er saß steif und reglos an seiner Konsole.

Vasquez, Kind und Ellerman saßen ebenso steif und reglos an ihren Stationen.

„Was geht hier vor sich? Soll das ein Scherz sein?“, fragte Aki.

 „Wir sind Borg! Widerstand ist zwecklos“, intonierten die vier jungen Offiziere erschreckend emotionslos und griffen an die Unterseite ihrer Sessel, an denen Phaserpistolen für Notfälle untergebracht waren.

Fisher sprang von der Navigationskonsole auf und betäubte Kind mit einem vulkanischen Nervengriff. Gleichzeitig griff Elnor Dreyer an, schlug ihm die Phaserpistole aus der Hand, bevor dieser auf Ineiau schießen konnte, und schlug den jungen Mann dann schnell und systematisch zusammen.

Aki war ebenfalls aufgesprungen und kam Grewemann zur Hilfe, der verzweifelt mit Ellerman um dessen Pistole rang. Sie biss Ellerman in den Hals, woraufhin er sich noch einen Moment weiter wehrte, bevor Akis Gift seine Wirkung zeigte und er in sich zusammensackte.

Hel wollte sich trotz ihrer geringen Größe auf Vasquez stürzen, aber diese hatte bereits ihre Phaserpistole im Anschlag auf sie. Hel gelang es nur mit knapper Not sich hinter die Stützstrebe zu werfen, sodass der tödliche Strahl sie knapp verfehlte.

Vasquez trat jetzt um die Stützstrebe herum und wollte als Nächstes auf Ineiau schießen, die sich einfach nur aus dem Kommandosessel fallen ließ, in dem Wissen, dass sie in ihrem hohen Alter nicht mehr schnell und stark genug war, um es mit der jungen Menschenfrau aufzunehmen, selbst wenn diese keine Waffe hätte.

Fisher drang jetzt aber auf Vasquez ein.

Vasquez feuerte ein zweites Mal und traf die Androidin mitten in der Brust.

Fisher wurde nicht einmal langsamer. Sie riss der jungen Frau die Pistole mit solcher Gewalt aus der Hand, dass deren am Abzug liegender Zeigefinger einfach mit abgerissen wurde, was diese aber anscheinend nicht einmal bemerkte.

Elnor stürzte sich ebenfalls auf Vasquez und hielt sie fest, damit ein weiterer vulkanischer Nervengriff von Fisher sie dann ebenfalls als Letzte zu Boden brachte.

„Was zum Himmel war das?“, fragte Ineiau entsetzt, während sie sich mühsam wieder aufrappelte und dabei den Kommandosessel als Aufstehhilfe missbrauchte.

„Ich weiß es nicht“, erwiderte Hel ebenso entsetzt.

Elnor deutete auf in Vasquez’ Gesicht sichtbar gewordene schwarze Adern und etwas, was wie elektronische Schaltkreise aussah. „Sie verändern sich. Wir sollten sie erst so schnell wie möglich wegsperren und dann erst versuchen herauszufinden, was hier überhaupt los ist!“

Ineiau stimmte ihm mit einer knappen Geste zu. „Bringt sie auf den großen freien Bereich vor Navigation und Steuerung. Karl, sobald die vier … Besessenen dort sind, beamen Sie sie in die Zellen des Arrestblockes.“

„Wird gemacht“, erwiderte hörbar geschockt Grewemann.

Ineiau sah jetzt Fisher an, die Vasquez und Kind zum angegebenen Ort schleifte. „Große Mutter, Rebecca! Sind Sie in Ordnung?“

„Meine biologische Hülle wurde durch den Phasertreffer abgetötet. Meine eigentliche Struktur und Funktionsfähigkeit ist nicht betroffen“, erwiderte die Androidin ruhig trotz des schrecklichen Anblickes, den sie bot.

Sie hatte inzwischen zusammen mit Hel, Aki und Elnor die vier Besessenen vor dem Hauptbildschirm abgelegt. Ohne Vorwarnung verschwanden dann jedoch alle acht im Transporterstrahl.

Ineiau drehte sich fassungslos zu Grewemann um. „Was soll das? Sie sollten nur die vier …“ Sie brach ab, als sie sah, dass Grewemann seinen Phaser auf sie gerichtet hatte. „Sie ebenfalls?“

Er sah sie jetzt hasserfüllt an, bevor sich sein Gesicht und seine Gestalt veränderten, um zu einem Ebenbild von Ineiau zu werden. „Nein, ich nicht, blasphemische Perversion!“

Ineiau unterdrückte ihre Verwirrung, um ihn weiter ruhig anzusehen. „Ihrer blumigen Bezeichnung für mich und ihrem jetzigen Aussehen nach nehme ich an, dass sie ein Gründer und kein Mensch sind. Plant das Dominion einen neuen Krieg?“

Er lachte bösartig. „Nein, die Große Verbindung sieht uns als Abtrünnige an, obwohl wir dabei sind sie und das Dominion zu retten, indem wir die Föderation und dann die anderen Reiche des Alpha-Quadranten vernichten werden. Aber Sie werden das nicht mehr erleben, Häretiker!“

Ineiau blickte ihn nur äußerlich ruhig an, während in ihr ein verzweifelter Plan reifte. „Befindet sich meine Crew in der Sicherheit der Arrestzellen?“

Grewemann/Ineiau sah sie verächtlich an. „Ja, sie sind in den Arrestzellen. Ich benötige noch die Borgdrohnen. Obwohl das für Sie eigentlich vor ihrem eigenen Tod gleichgültig sein sollte. Sie werden wohl im Alter senil und sentimental.“

„Ich bin 195 Standardjahre alt. Und ich werde so oder so nicht mehr lange leben“, erinnerte sie ihn. Ruhig befahl sie: „Computer: Alle Arrestzellen öffnen. Code 73A ausführen.“

Um sie herum erloschen die Anzeigen und Displays der Brückenkonsolen, während die Vengeance gleichzeitig aus dem Warp fiel. Sie hörte das Summen eines Kraftfeldes, obwohl sie es nicht sehen konnte. „Code 73A ausgeführt“, hallte die Stimme der Vengeance durch das ganze Schiff.

Grewemann lachte bösartig. „Sie haben etwas vergessen! Computer: Code 73A wieder aufheben!“, befahl er mit Ineiaus Stimme.

„Fehlerhafter Befehl, bitte korrekten Befehl mit entsprechenden Freigabecode benutzen“, kam die emotionslose Antwort der Altstimme der Vengeance.

Die falsche Ineiau sah Ineiau kurz überrascht und dann mit wachsendem Zorn an.

„Ihre Tribalzeichnungen sollten sich jetzt eigentlich weiß verfärben“, erklärte Ineiau ihm hilfreich.

Grewemann/Ineiau hob seinen Phaser und feuerte auf sie. Der Phaserstrahl zerstob wirkungslos an dem Kraftfeld zwischen ihnen.

„Computer: Code 63B. Freigabe: Ineiau-Theta-Epsilon-3445-Heresiarch. Ausführen!“, befahl sie bedauernd.

Sie und ihr Doppelgänger wurden von der Brücke in den Weltraum gebeamt, während noch die mitleidlose Bestätigung des Computers abermals im ganzen Schiff erklang. „Code 63B ausgeführt.“

Ineiau bemühte sich nicht die Luft anzuhalten, damit ihre Lungen nicht platzen würden, obwohl es eigentlich keinen Einfluss auf ihr Schicksal haben würde. Sie würde sehr bald ihrer Lebensgefährtin Hekari an das andere Ufer folgen. Schmerz und Kälte krochen in ihren Körper bis in ihre Knochen. Ein paar hundert Meter von ihr entfernt, blähte sich ihr Spiegelbild auf und löste sich durch die Schwerelosigkeit und das Vakuum in große Tropfen einer seltsamen dickflüssigen, braun schillernden Flüssigkeit auf, die wiederum weiter zerfielen und verteilten. Grewemann war also noch vor ihr gestorben, was dann wohl bedeutete, dass ein fester Körper durchaus seine Vorteile hatte.

Sie blickte mit verschwimmender Sicht zu der großen, schlanken Silhouette der Vengeance, die sich mit ihrem hellgrauen und blauen Anstrich trotz der weit entfernten Sonne vor der Schwärze des Alls hervorhob.

Ein zweiter Transporterstrahl erfasste sie und setzte sie in einen Transporterraum des Schlachtschiffes ab.

Hel und Aki knieten vor ihr und pressten eine Atemmaske auf ihr Gesicht. Gierig atmete sie ein. Als ihre Sicht wieder klarer wurde, sah sie die zombiehaft wirkende Fisher an der Konsole des Transporters. Neben ihr stand Elnor mit einem großen grünen Bluterguss über dem rechten Auge.

„Die anderen?“, fragte Ineiau heiser.

„Wir haben sie in den Arrestzellen gelassen. Sie stehen aber offenbar immer noch unter Fremdeinfluss, von was auch immer“, antwortete Aki. „Ohne Elnor und Rebecca hätten wir das aber nicht geschafft.“

„Und der Computer hat zum Glück meine Freigabe akzeptiert, und wir konnten Sie rechtzeitig wieder zurückbeamen, nachdem wir warten mussten, bis wir Sie endlich eindeutig identifizieren konnten. Das waren die längsten Momente meines Lebens. War das Grewemann? War er ein Gründer vom Dominion?“, ergänzte Hel.

Ineiau nickte nur stumm zur Bestätigung. Aki und Hel halfen ihr auf, um sie zur Krankenstation zu bringen. Fisher und Elnor folgten ihnen.

 

Die Vengeance lag in ihrer Parkposition dicht bei der von der Schlacht mit der von den Borg assimilierten Sektorflotte schwerbeschädigten Sol Station.

Ineiau las in einem schwarzen Sessel in ihrem ehemaligen Quartier den vorläufigen Bericht über die Katastrophe, die eigentlich die Feierlichkeiten zum Frontier Day 2401 hätte werden sollen. Im großen Fenster der inzwischen von Rebecca Fisher bewohnten Kabine sah sie die Erde und die unzähligen Trümmer der Schlacht.

Fisher hatte ihr die Benutzung ihrer Räumlichkeiten angeboten und umsorgte sie nun wie eine Glucke, wissend, wie schwer der Aufenthalt im Vakuum Ineiaus alten Körper irreparabel geschädigt hatte. Dankenswerterweise hatte Doktor Ohk von der Titan zwischenzeitlich die Gelegenheit gefunden, um Fisher in eine frische synthetische Biohülle, die als Reserve in Stasis eingelagert gewesen war, neu zu verkapseln, sodass die Androidin nicht mehr als verchromtes Metallskelett rumlief, nachdem sie selbst ihre abgestorbene Biohülle entfernt hatte, bevor bei dieser die Verwesung einsetzen konnte.

Der Türsummer wurde betätigt und auf Fishers Aufforderung traten die vier von den Borg assimilierten jungen Offiziere ein, die nach der Vernichtung der Borgkönigin und damit des Kollektivs durch Admiral Picard und die Enterprise ihren eigenen Willen wiedererlangt hatten.

Vasquez verlor beim Anblick der jetzt erschreckend jung wirkenden Fisher ihre mühsam aufrechterhaltene Fassung und begann zu weinen. „Rebecca, es tut mir so leid! Ich hätte Sie beinahe getötet! Ich wünschte …“ Sie brach schluchzend ab.

Fisher ging auf sie zu und nahm die weinende Frau in den Arm. „Es ist gut. Es ist vorbei. Und ich bedaure sehr, dass ich Sie verletzen musste, als ich Sie überwältigt hatte.“ Sie sah dabei auf die verstümmelte, bandagierte Hand der anderen.

Vasquez klammerte sich einfach nur laut schluchzend an die Androidin, die sie ihrerseits sanft tröstend in ihren Armen wiegte.

Dreyer sprach jetzt als Ranghöchster ebenfalls den Tränen nahe Ineiau an: „Sir, ich möchte für uns alle sprechen, dass wir selbst völlig davon entsetzt sind, was wir getan haben. Wir sind bereit dafür die Konsequenzen zu tragen.“ Er sah ebenso wie die anderen beiden betreten zu Boden.

Ineiau erhob sich immer noch mühselig mit schmerzenden Gliedern. Ihr wurde für einem Moment schwarz vor Augen. „Wenn Sie mit Konsequenzen ein Disziplinar- oder Strafverfahren meinen, so wird es das nicht geben. Niemand, weder Sie noch sonst irgendjemand der anderen Betroffenen konnte irgendetwas gegen diese … Übernahme durch die Borg tun oder sich dagegen wehren. Wir hatten hier auf der Vengeance unglaublich viel Glück, dass bei uns nichts Schlimmeres passiert ist. Und ich denke dabei nicht einmal an die Abertausenden Toten auf den anderen Sternenschiffen und Sternbasen hier im Sol-Sektor. Und ich muss ganz offen sagen, dass ich nicht einmal ansatzweise nachempfinden kann, wie sehr Sie alle darunter leiden, dass Ihre Körper und Seelen so brutal übernommen und praktisch geistig vergewaltigt wurden, als Sie zusehen mussten, wie die Borg mit Ihren Körpern schreckliche Dinge getan haben. Niemanden wurde vorher etwas derartig Grausames angetan.“

Sie trat zu den anderen und umarmte sie nacheinander. Bei Vasquez schloss sie einfach Fisher in die Umarmung ein. Auch Ineiau hatte jetzt Tränen in ihren immer noch schmerzenden Augen. „Und es tut mir in meiner Seele weh, dass ich als einzigen Trost sagen kann, dass wir alle gemeinsam dafür arbeiten werden, dass so etwas nie wieder passieren kann und darf. Ich kann nur hoffen, dass es uns gelingt, Starfleet neu und besser wieder aufzubauen.“

Sie sah mit tränenverschleiertem Blick auf die unschuldig wirkende Erde. „Hel hat mich darum gebeten, Sie zusammen mit Rebecca, Aki und Elnor für die Brückencrew ihres neuen Kommandos zu empfehlen. Ich bin der Bitte nachgekommen, aber ich wollte Sie vorher um Ihre Einwilligung bitten, bevor ich diese Empfehlung wirklich absende.“ Sie blinzelte und lächelte traurig. „Vor rund einhundertundsiebzig Jahren war ich ebenfalls kurz davor meine Laufbahn in Starfleet zu beenden, bevor sie überhaupt begonnen hatte. Und mein Grund dafür ist gegenüber ihrem Leid ziemlich trivial gewesen. Mir wurde alle Zeit gegeben, um meinen Schmerz zu verarbeiten.“ Sie sah jetzt nacheinander die vier jungen Menschen an. „Ich möchte, dass Sie ebenfalls diese Zeit haben, bevor Sie sich entscheiden. Und ich akzeptiere bereitwillig, dass ich möglicherweise nicht mehr lange genug lebe, um Ihre Entscheidungen zu hören. Aber das ist irrelevant, weil es einzig und allein Ihre eigenen Entscheidungen sein werden.“

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