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Interview mit einem Schneider

von Mrs. Black

Ein Gespräch wie eine Orchidee - schön, selten, tödlich

Sisko: „Computer, Beginn der Aufzeichnung … Jake Sisko, Sternzeit 67749.1, es ist der 01. Oktober 2390. Ich befinde mich auf Bajor, in der westlichen Region der Rakanta-Provinz, im Vorgarten des Cardassianers Konsul a. D. Elim Garak.“

Garak: „Mr. Sisko, welch unerwarteter Besuch hier in meinem Vorgarten. Ich hatte mit einem Vertreter für Replikatorenadapter der cardassianischen Geschmacksprofile gerechnet. Von diesen fliegenden Händlern wimmelt es in letzter Zeit nur so. – Was kann ich für den Sohn des Abgesandten tun?“

Sisko: „Mr. Garak, wir haben uns nun schon seit dem Ende des Dominion-Kriegs nicht mehr gesehen und ich würde Sie gerne um ein Gespräch bitten. Ich sammle Geschichten von Veteranen des Krieges für ein Buch der Erinnerungen.“

Garak: „Oh, das hört sich interessant an – aber bitte, einfach nur Garak. Kommen Sie, setzen wir uns in den Wohnraum, im Vorgarten ist es um diese Jahreszeit etwas frisch.“

Sisko: „Sie haben es sehr gemütlich eingerichtet.“

Garak: „Danke, ich habe die meisten Dinge von Cardassia mitgebracht. Kann ich ihnen ein Getränk anbieten – vielleicht einen Raktaccino?“

Sisko: „Ja, danke. Ein Raktaccino wäre genau das Richtige.“

Garak: „Gut, bitte, nehmen Sie Platz … … … So, mein junger Freund, an welchen Erinnerungen meinerseits sind Sie interessiert?“

Sisko: „Garak, Sie waren Botschafter auf der Erde, davor Wortführer bei den Friedensverhandlungen nach dem Dominion-Krieg, aber Sie bestehen immer noch darauf, einfach Garak genannt zu werden. Wie kommt das?“

Garak: „Nun, das ist eine gute Frage, die mir schon öfter gestellt wurde. Aber wissen Sie, Mr. Sisko, Anreden oder Titel sind wie Uniformen – sie sagen viel über das aus, was man sieht, und nicht über das, was man ist. Nehmen wir einmal an, ich wäre zur Zeit der Besatzung ein Gul gewesen, dann hätten mir die Föderation oder die bajoranische Regierung doch nie auf ihrer Station Zuflucht gewährt.“

Sisko: „Aber als Konsul Garak, der Sie sind, genießen Sie doch ein hohes Ansehen.“

Garak: „Egal ob ein hohes Ansehen oder das Misstrauen der anderen, ich genieße die Einfachheit eines Namens ohne Titel oder Anrede.“

Sisko: „Aber werten Sie dadurch Ihre Leistung nicht ab?“

Garak: „Das liegt im Auge des Betrachters.“

Sisko: „Hat das etwas mit ihrer Vergangenheit als Spion des Obsidianischen Ordens zu tun?“

Garak: „Mr. Sisko, wie ich erfreut feststelle, stellen Sie die Fragen genauso präzise wie Ihr Vater und immer mit einem Hauch Unverschämtheit. Aber nein, der Obsidianische Orden lehrte mich, dass ein Name ein Werkzeug ist: Gul Garak, der gefürchtete und unbestechliche General des Schreckens, oder der einfache Schneider Garak, der immer ein wenig die Wahrheit verdreht.“

Sisko: „Also ist Garak ein Deckname?“

Garak: „Nein, Garak ist das, was überbleibt, wenn man jemanden völlig entkleidet, einfach nur Garak.“

Sisko: „Das klingt, als hätte ihnen jemand ihre Identität genommen.“

Garak: „Das ist so, aber nicht jemand, sondern ich selbst.“

Sisko: „– Als man Sie damals ins Exil verbannte?“

Garak: „Das Exil habe ich gewählt.“

Sisko: „Ich dachte immer, der Obsidianische Orden hätte Sie von Cardassia verbannt.“

Garak: „… Der Obsidianische Orden verzeiht nicht, Mr. Sisko.“

Sisko: „… … Verstehe ich das richtig, dass Sie ins Exil geflohen sind, da man Sie sonst getötet hätte? … Was ist eigentlich vorgefallen? Warum wählten Sie das Exil?“

Garak: „… Was vorgefallen war … Nun, ich habe jemanden enttäuscht.“

Sisko: „Ihren Vorgesetzten oder jemanden, der ihnen nahestand?“

Garak: „Ja.“

Sisko: „Sie standen ihrem Vorgesetzten nahe?“

Garak: „Das könnte man so sagen, ja.“

Sisko: „Inwiefern haben Sie diesen Vorgesetzten enttäuscht? Ging es dabei um eine Frau?“

Garak: „… Sie war verheiratet mit dem Mann, den ich observieren sollte – könnte man so sagen. Er hat es natürlich alles herausgefunden, ich war verliebt und unaufmerksam – und er hat mich um ein Haar enttarnt.“ 

Sisko: „Sie wirken so nachdenklich. Dass Sie ihren Vorgesetzten dadurch enttäuscht haben, scheint Sie selbst zu bewegen. Wie war das Verhältnis zu ihm?“

Garak: „Das haben Sie sehr gut beobachtet – Sie sind ein ausgezeichneter … wie sagen Sie auf der Erde … Menschenkenner. Enabran Tain war damals der Führer des Obsidianischen Ordens. Ich lebte zusammen mit meinen Eltern in einer kleinen Wohnung im Untergeschoss von Tains Haus. Meine Mutter war seine Haushälterin und mein Vater sein Gärtner – ich nannte Tain meinen Onkel.“

Sisko: „Ich bin beeindruckt. Ich habe gedacht, Sie sprechen von einem Abteilungsleiter, einem höhergestellten Kollegen, aber dass Sie mit Enabran Tain unter einem Dach lebten, ist unerwartet … familiär.“

Garak: „Familiär … ist jetzt nicht das Wort, was mich an meine Kindheit erinnert. Enabran Tain war sowohl mein Mentor als auch mein Richter. Er wusste alles über mich, verfolgte jeden meiner Schritte wie ein Schatten.“

Sisko: „Ich versuche, mir das vorzustellen – mit Tain als alles überwachendem Onkel – hat man ihnen überhaupt Freiraum für eine eigene Entfaltung gegeben?“

Garak: „Eine eigene Entfaltung gibt es in der cardassianischen Erziehung nicht, mein menschlicher Freund. Wir werden alle dazu erzogen, dem Staat und der Familie zu dienen. Es gibt keinen Platz für, wie Tain es nennen würde, Sentimentalitäten.“

Sisko: „Dann wurde Tain von ihren Eltern in seinem Vorhaben unterstützt?“

Garak: „Ja und nein. Meine Mutter war pragmatisch. Sie und Tain waren darauf bedacht, dass ich auch dem Orden beitrete, und daher wurde ich von beiden bereits früh auf meinen „Beruf“ vorbereitet. Aber mein Vater war ein Anhänger einer religiösen Sekte, die für einen freien Geist stand. Er lehrte mich, die Schönheit in den kleinen Dingen des Lebens zu sehen, fernab von Verpflichtungen und Traditionen.“ 

Sisko: „War es denn ihr Wunsch, Spion zu werden?“

Garak: „Ha ha ha, mein Wunsch? Wenn ich einen Berufswunsch hätte äußern dürfen, ohne von meinem Onkel eine Ohrfeige zu erhalten, dann hätte ich ebenfalls wie mein Vater Gärtner werden wollen.“

Sisko: „Da fällt mir ein, es gab da so ein Gerücht, dass Sie einen romulanischen Konsul mit einer giftigen Orchidee ermordet haben sollen.“

Garak: „Mein lieber, junger Freund. Gerüchte sind wie … Orchideen. Sie sind schön anzusehen, selten und manchmal tödlich. Aber wie diese Blumen gedeihen sie nur unter den richtigen Bedingungen. Und ich pflege meine Gerüchte wie meinen Garten. Dennoch kann man ein guter Gärtner sein und nie wissen, wo die Wurzeln enden.“

Sisko: „Gerüchte also … Nun, die Gerüchte ranken sich um Sie, wie, wenn ich mir Ihre Metapher zu eigen machen darf, eine Orchidee um einen Wirt, und man weiß nie, ob die Blume erblüht, weil der Wirt stark ist, oder ob Sie ihn langsam verzehrt.“

Garak: „Wie treffend und poetisch zugleich, Mr. Sisko. Vielleicht ging an ihnen ein Gärtner verloren. Sie haben recht – manchmal blüht eine Orchidee, weil der Wirt stark ist, und manchmal, weil er sich nicht dagegen wehren kann.“

Sisko: „Gibt es denn ein Gerücht, gegen das Sie sich nicht wehren konnten?“

Garak: „Lassen Sie mich ihre Frage mit einer Gegenfrage beantworten. Gibt es ein Gerücht, an das Sie dabei denken?“

Sisko: „Ich denke da weniger an Attentate als an die, die sich mit … persönlichen Vorlieben beschäftigen. Ich frage mich, ob Sie auch diese mit derselben Hingabe kultivieren wie Ihre Pflanzen.“

Garak: „Sie denken dabei an einen ambitionierten und charismatischen Arzt? Nun, Mr. Sisko, manche Orchideen gedeihen besonders gut in der Nähe von Licht. Und Doktor Bashir war stets … sehr hell. Die Freundschaft zwischen ihm und mir war intim genug, um Gerüchte zu nähren, und diskret genug, um sie nie zu bestätigen. Ich hoffe, dies befriedigt Ihre journalistische Neugier.“

Sisko: „Es gibt Gerüchte, die blühen, und andere, die verwelken, bevor man sie erkennt. Ich muss an Tora Ziyal denken. Sie war jung, offen und … in Sie verliebt. Und doch sagen manche, dass Sie erst an ihrem Totenbett die Liebe zu Ziyal erkannten. Ist das wahr?“

Garak: „Ich möchte, wenn Sie erlauben, nicht über Tora Ziyal sprechen. – Ihr Raktaccino ist kalt geworden. Ich werde Ihnen ein neues Getränk bringen … … …“

Sisko: „Danke. Lassen wir dieses Thema besser ruhen. Vielleicht sprechen wir über etwas, das Sie selbst oft in Bewegung gehalten hat: Loyalität. Sie waren Schneider, Agent, Gärtner, Diplomat. Gibt es einen Moment, in dem Sie wussten, dass sich Ihre Loyalität verschoben hat – nicht nur politisch, sondern persönlich?“

Garak: „Da sprechen Sie ein heikles Thema an. Loyalität ist für manche freiwillig und für andere ein Zwang … Tatsächlich war es eine Rettungsmission, die meine Loyalität auf eine neue Probe stellte. Ich wusste, dass der Obsidianische Orden etwas plante. Ich wusste, dass Tekeny Ghemor nicht der war, für den man ihn hielt. Und dennoch – ich flog mit ihrem Vater und dem Constable mit. Ich half. Nicht für Ruhm, nicht für Cardassia. Vielleicht nicht einmal für Major Kira. Ich denke, das war der Moment, in dem ich begriff: Meine Loyalität galt nicht mehr dem alten Cardassia. Sondern dem, was es vielleicht hätte sein können.“

Sisko: „Und was hätte es sein können – dieses Cardassia, dem Ihre Loyalität galt?“

Garak: „Mit Tekeny Ghemor starb die Vision eines Cardassias, das nicht auf Angst, sondern auf Würde gebaut werden sollte. Aber wir werden dieses Cardassia nicht erleben.“

Sisko: „Und das neue Cardassia, jenes, das sie mitformten – hat es ihre Loyalität verdient?“

Garak: „Ach, das neue Cardassia. Ich habe geholfen, es aus den Trümmern zu ziehen – mit blutigen Händen und zerrissenen Idealen. Ob es meine Loyalität verdient? Nun, ich bin ein einfacher Schneider und kein Philosoph. Aber ich nähte ein kleines Stück der Uniform des Systems mit, das mich mein Leben lang formte, und manchmal passt sie einem besser, als man zugeben möchte.“

Sisko: „Sie denken, dass in der neuen Welt kein Platz mehr für sie ist. Ist dies der Grund, warum sie hier auf Bajor wohnen?“

Garak: „Sehr scharfsinnig beobachtet. Ich bin ein Relikt aus einer Zeit, in der politische Intrigen das Lebenselixier eines jeden ambitionierten Cardassianers waren. Die neue Welt gehört den jungen, freien Geistern, die sich – wie sie es eingangs nannten – entfalten wollen und nun auch können.“

Sisko: „Sie sagen, sie sind ein Relikt – welcher Teil der alten Welt ist von Ihnen noch übriggeblieben? Ich meine nicht den Schneider oder den Agenten, sondern den Garak, der weiß, wie man Regierungen stürzt, Leben rettet oder auch beendet. Gibt es etwas aus dem alten Cardassia, das sie nie erzählten oder nie erzählen durften?“

Garak: „Sie sind ein scharfer Beobachter, Mr. Sisko. Denn sie wissen, Fragen zu stellen, die nicht nur Antworten provozieren, sondern auch Erinnerungen. Manche davon waren nie für die alte Welt bestimmt und einige werden es auch für die neue nicht sein. Und manche nicht für diese Aufzeichnung.“

Sisko: „Aber sie existieren und sie formen diese Welt weiterhin mit – ob sie dies wollen oder nicht.“

Garak: „Da haben Sie leider recht.“

Sisko: „Ich habe mir während unserer Unterhaltung die Frage gestellt, warum Enabran Tain sie am Leben ließ. Warum gewährte ihnen der Führer des Obsidianischen Ordens, der mit einer Armada im Gamma-Quadranten skrupellos einen ganzen Planeten eliminierte, das Exil? Liegt hier das Unausgesprochene, was sie ihr Leben lang verbergen?“

Sisko: „Tain war der Mann, der sie ausbildete, kontrollierte und letztlich verstieß. War er mehr als nur ein Mentor für Sie?“

Garak: „Tain war ein Mann, der wusste, wie man Informationen schützt. Und wie man sie vernichtet. Ich habe viel von ihm gelernt!“

Sisko: „… Manche sagen … Tain war ihr Vater.“

Garak: „Manche sagen vieles, Mr. Sisko. Und manche sagen zu viel.“

Sisko: „Wenn dem so wäre, also Tain als ihr Vater, wer war dann Tolan Garak? – Wäre er nicht vielleicht sogar der Onkel in dieser Geschichte?“

Garak: „Sie sind ein gefährlicher Zuhörer.“

Sisko: „Ich bin nur ein Journalist, der Fragen stellt.“

Garak: „Genau, und manche Fragen durchbohren das Gewebe, welches nie für Licht bestimmt war.“

Sisko: „Aber sie haben die Fragen beantwortet.“

Garak: „Nicht alle. Und nicht freiwillig. Sie haben etwas rekonstruiert, das nie existieren durfte. Eine Wahrheit, die nicht nur mich betrifft, sondern Cardassia, den Orden, Bajor … vielleicht sogar Ihre Familie.“

Sisko: „Ich verstehe nicht – Garak, was soll der Phaser… Okay, okay. Ich werde das Band löschen, ich werde schweigen.“

Garak: „Ich glaube Ihnen, dass Sie schweigen würden. Aber ich glaube nicht an Schweigen – ich glaube an Kontrolle.“

Garak: „Computer, Aufzeichnung beenden … und löschen.“

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