Lange hatte er auf diesen Abend hingearbeitet. Hatte Schichten so getauscht und verschoben, dass er mit Seven of Nine einen ganzen Abend alleine und ungestört den Valentinstag begehen konnte. Commander Chakotay hatte sogar Lieutenant Paris gebeten, ihm bei der Ausarbeitung des Holodeckprogramms zu helfen. Schließlich war er ein Spezialist für die Erde des 20. Jahrhunderts und es sollte so detailgetreu wie möglich sein. Neelix half ihm dabei, das passende Menü zu kreieren, und vom letzten Landurlaub auf Tennos IV hatte er eine Flasche des köstlichen Wildbeerenweins aufgehoben. Alles war perfekt für diesen Abend. Ein letzter Blick auf die Schiffssysteme und die Analyse der Langstreckensensoren verrieten, dass es ein ruhiger Abend werden würde, als er das Kommando für die Nachtschicht an Ensign Kim übergab.
Als Seven of Nine am Abend des 14. Februars das Holodeck 1 betrat, trug sie ein enganliegendes, schwarzes Kleid, ihr goldblondes Haar war mit einem Kamm an einer Seite hochgesteckt und legte sich geschmeidig um ihre Schulter. Eine kleine Handtasche mit einem glitzernden Riemen trug sie in ihrer Hand, als sie ein großes Entree betrat. Sie stand in einem nach oben weit offenen Raum, der von einer Glaskuppel mit Buntglas abgeschlossen war. Es führte eine breite Treppe, die sich am ersten Absatz in zwei Richtungen teilte, auf die nächste Etage. Das geschwungene Geländer war aus Holz und mit floralen Bronzeeinlagen. Auf dem ersten Absatz tickte eine Uhr, die in die hölzerne Wandvertäfelung eingearbeitet war und von zwei Figuren flankiert wurde, die Seven als die Personifizierung von Ruhm und Ehre identifizieren konnte. Ein Blick auf die Uhr verriet: Es war exakt 21:00 Uhr, pünktlich wie immer.
Commander Chakotay trat elegant in einem schwarzen Frack gekleidet die Treppe herunter und lächelte, als er seine Begleiterin erblickte. Er bot ihr den Arm und bemerkte: „Du siehst bildschön heute Abend aus.“
Seven bemerkte trocken: „Hätte ich gewusst, dass wir uns in einer Simulation der Zeit des Art déco befinden, hätte ich mich dementsprechend angekleidet.“
Ein Schmunzeln lief über Chakotays Lippen: „Das ist nicht nötig. Auch so bist du heute die schönste Frau an Deck.“
„Dann gehe ich recht in der Annahme, dass wir uns auf einem Schiff befinden? Aufgrund der floralen Ornamentik und der Kleidung tippe ich auf das frühe 20. Jahrhundert. Dies müsste die Titanic sein, oder irre ich?“ Kombinierte sie.
Ein älterer Mann mit grauem Vollbart und in die Uniform des Kapitäns gekleidet trat auf das Pärchen zu: „Dies ist das kunstvollste Bauwerk, das es je auf See gegeben hat … Captain Smith, ich hoffe, Sie erleben heute einen wundervollen Abend. Carson wird sich nun um sie kümmern.“ Der Kapitän winkte den Maître zu sich: „Dies sind meine Ehrengäste, bitte führen Sie die Herrschaften zu ihrem Tisch.“
Mit einem Nicken und einer Handgeste lenkte der junge Diener durch eine Glastür in den Speiseraum. Auch dieser war kunstvoll im Jugendstil eingerichtet. Kleine Lampen hingen an den hölzernen Säulen, die den Raum in mehrere Séparées teilten, Kronleuchter hingen über den großen runden Tischen, hingegen die kleineren von Kerzenschein erleuchtet wurden. Das Paar wurde zu einem Tisch am Fenster geführt. Es gab den Blick auf das tiefschwarze Meer frei, in dem sich nur leicht das Licht des Schiffes spiegelte. Die Sterne hingegen leuchteten hell, es war eine klare und kühle Nacht.
Als sie sich setzten, rückte der junge Maître Seven den Stuhl zurecht und sagte: „My Lord, My Lady. Die heutige Speisenabfolge finden Sie auf Ihrer Tischkarte.“ Und mit einem Nicken verließ er den Tisch.
Auf Sevens Teller befand sich ein kleines, schwarzes Schächtelchen, das mit einem weißen Samtband umwickelt war. Sie legte ihre Handtasche auf den Tisch neben sich. Dabei klappte der Verschluss auf und gab den Blick auf das Innere preis, das Chakotey nicht verborgen blieb: „Ein Tricorder zum Valentinstag?“
Elegant verschloss sie mit einer Handbewegung die Tasche wieder: „Ich möchte auf alle Eventualitäten vorbereitet sein.“ Erklärte Seven. Dann widmete sie sich ihrem Geschenk.
„Öffne es.“ Spornte er sie an.
Mit einer doch nicht ganz unerheblichen Neugier schob Seven das Samtband beiseite und sah in die Schachtel. Darin lag eine silberne Kette mit einem kleinen Anhänger. Es war ein etwa zwei Zentimeter langes, metallenes Stäbchen, das mit einer feinen Gravur von indigenen Ornamenten verziert war. „Diese Ornamente sind von meinem Stamm und sind Ausdruck für eine liebevolle Zuneigung zwischen zwei Menschen.“ Erklärte Chakotay.
„Es ist sehr schön, sehr schlicht und doch elegant.“ Bewertete Seven das Geschenk, als er ihr das Schmuckstück half anzulegen.
Als er wieder Platz genommen hatte, kam ein Kellner mit dem ersten Gang: „Als Horsd'œuvres servieren wir gratinierte Austern und dazu reichen wir einen 61er Bollinger.“ Und goss den Champagner ein.
Seven bemerkte nach dem ersten Gang: „Die Konsistenz dieser Nahrung ist gewöhnungsbedürftig und ihre Nährstoffbilanz unzureichend. Durch das Gratin erhalten diese marinen Bivalvia jedoch ein geschmacklich akzeptables Aroma. Dennoch erscheint eine Wiederholung nicht sinnvoll.“
Nach dieser trefflichen Analyse musste Chakotay sich beherrschen, den guten Bollinger nicht über den Tisch zu versprühen, und hustete: „Dann hoffen wir mal, dass der nächste Gang eine bessere Konsistenz aufweist.“
Der Suppengang klang weitaus beeindruckender, als er es tatsächlich war: „Zur Consommé à la Jardinière reichen wir Cherry.“ Erklärte der Kellner.
Die Suppe mit Gemüseeinlage mundete den beiden besser als die Austern. Hier müsse Chakotay nochmal mit Neelix sprechen, der darauf beharrte, diese Vorspeise zu servieren, da sie „amouröse Gefühle“ wecken sollte, wie er seine Wahl mit einem zweideutigen Augenzwinkern kommentierte.
Da sie bereits Austern hatten, beschlossen sie, den Fischgang – Forelle in Portweinsoße – auszulassen. Nun hatten bis das Entree serviert wurde etwas Zeit, sich zu unterhalten.
„Wie findest Du den Abend?“ Wollte der Commander wissen.
Seven sah sich im Raum um: „Diese Simulation ist sehr ansprechend, ein sehr romantischer Ort für ein Valentinstags-Date. Aber nach meiner Erinnerung kollidierte dieses Schiff mit einem Eisberg und versank.“
Captain Smith ging von Tisch zu Tisch und erkundigte sich nach dem Befinden seiner Gäste an Bord. Als er Seven hörte, sagte er: „Aber meine Dame, dieses Schiff ist unsinkbar. Und über Eisberge brauchen sie sich keine Sorgen zu machen, zu dieser Jahreszeit sind so weit südlich keine mehr zu finden. Zudem haben wir Männer im Krähennest, die kontinuierlich Ausschau halten.“
Mit einem skeptischen Blick wandte sich Seven wieder Chakotay zu, der ihr noch ergänzend erklärte: „Das Unglück passiert erst morgen Abend, am 14. April. Heute haben wir den 13. April. Du brauchst dich also nicht zu sorgen.“ Und mit diesem Satz ging eine Schockwelle durch das Schiff. Alles bebte, die Kronleuchter klirrten und die Gläser auf den Tischen kippten um. Durch diese Erschütterung standen die Männer alle erschrocken auf und die Damen an den Tischen hielten sich ihre Riechtücher vor die Nase, um nicht vor Schreck in Ohnmacht zu fallen.
Chakotay tippte auf seinen Kommunikator, den er unter seinem Frack trug: „Chakotay an Brücke, Bericht!“
Niemand meldete sich. Erneut versuchte er es, wieder keine Antwort. Seven nahm ihren Kommunikator aus der Handtasche: „Seven of Nine an Brücke! Seven of Nine an Maschinenraum … Hört mich jemand?“ Niemand antwortete auch ihr.
Von draußen kamen Menschen in den Gastraum. Einer rief: „Das war ein Eisberg, das ganze Oberdeck ist voller Eisbrocken, das müssen sie sich ansehen, kommen sie.“
Chakotay erhob sich sofort, sein Blick suchte den Ausgang, doch die Türen des Speisesaals waren verschlossen. Ein rotes Warnlicht blinkte über dem großen Kamin, als hätte das Holodeck selbst beschlossen, die Gäste einzuschließen.Sein Blick fiel auf die Uhr, die über dem Sims hing – sie zeigte 23:40 Uhr.
Seven zog den Tricorder aus ihrer Handtasche und aktivierte ihn. „Die Matrix hat sich verändert.“ Ein schnelles Surren erfüllte die Luft, während sie die Anzeigen studierte. „Es ist nicht mehr der 13. April. Die Simulation hat sich um mehr als 24 Stunden verschoben. Es ist exakt der 14. April, 23:40 Uhr.“
Chakotay sog scharf die Luft ein. „Der Moment der Kollision.“
Von draußen drangen Stimmen und hektische Schritte herein. Ein Steward stürmte in den Raum, sein Gesicht bleich: „Meine Herrschaften, bitte bewahren Sie Ruhe! Wir hatten eine kleine Kollision, nichts Ernstes. Captain Smith hat alles unter Kontrolle. Bitte begeben Sie sich in Ihre Kabinen.“ Doch seine zitternden Hände verrieten das Gegenteil.
Seven blickte nicht auf. „Die Titanic wird in zwei Stunden und vierzig Minuten sinken. Das Programm läuft exakt nach historischen Parametern.“
„Paris und seine Detailtreue …“ Chakotay versuchte erneut, den Communicator zu aktivieren: „Chakotay an Voyager. Chakotay an Brücke.“ – Nur ein verzerrtes Knacken antwortete.
„Die Verbindung ist unterbrochen.“ Seven sah von den Anzeigen ihres Tricorders auf. „Wir sind isoliert. Wir müssen zur Hauptkonsole gelangen, um das Programm zu beenden.“
Ein dumpfes Grollen ließ den Boden erzittern, als die Schotts auf dem Maschinendeck geschlossen wurden, und durch die Fenster sahen sie, wie Schaulustige die Eisbrocken über das Deck schleuderten.
Seven scannte den Raum: „Es sind sämtliche Zugänge zur Brücke verriegelt. Wir müssen einen alternativen Weg finden.“
„Dann gehen wir durch die unteren Decks“, schlug Chakotay vor. „Vielleicht gibt es im Maschinenraum eine Wartungskonsole.“
Sie bahnten sich ihren Weg durch den chaotischen Speisesaal. Holographische Passagiere drängten panisch Richtung Ausgang, die Damen klammerten sich an ihre Schmuckstücke, Männer riefen nach dem Kapitän, während Seven und Chakotay sich durch die Menge schoben.
Im Korridor war das Licht gedämpft, die Wände bebten unter dem Druck des Wassers, das bereits in die unteren Bereiche eindrang. Der Tricorder piepte. „Energiefluktuationen nehmen zu. Die Matrix versucht, unsere Bewegungen zu korrigieren. Faszinierend, als ob das Programm uns bewusst hindern will.“
„Dann müssen wir schneller sein“, erwiderte Chakotay und griff nach Sevens Hand, ein kurzer Moment der Nähe, bevor sie weitergingen.
Auf den Korridoren kamen ihnen immer wieder Bedienstete entgegen, die mit Rettungswesten bepackt waren und sie zum Umkehren bewegen wollten.
Sie erreichten eine Treppe, die hinunter ins Maschinendeck führte. Doch dort stand ein Steward, der den Durchgangversperrte. „Meine Herrschaften, bitte bleiben Sie im Speisesaal. Der Kapitän hat alles unter Kontrolle.“
Seven trat vor, ihre Stimme kühl und präzise: „Wir benötigen Zugang zu einer technischen Konsole. Das Schiff wird sinken. Ihre Protokolle sind unzureichend. Also geben Sie den Weg frei.“
Der Steward schüttelte den Kopf, unbeirrt von ihrer Logik. „Das ist unmöglich. Die Titanic ist unsinkbar. Sie brauchen keine Angst zu haben, werte Dame. Bitte begeben Sie sich in den Speisesaal.“
Chakotay tauschte einen Blick mit Seven. Dann lenkte er den jungen Mann mit Fragen über die Sicherheit des Schiffes ab, währenddessen Seven mit einer präzisen Bewegung die Gittertür beiseiteschob. Das Metall knirschte, sie drückte sich hindurch, und der Steward wandte sich überrascht zu ihr um. Chakotay nutzte den Moment, um ihr zu folgen. Als sie weiter die Treppe hinuntereilten, hörten sie noch die letzten Worte des Stewarts, der beteuerte, dass der Kapitän alles im Griff hätte.
Die beiden liefen hastig durch die engen Gänge, vorbei an Rohren, Ventilen und dem dumpfen Dröhnen der Maschinen. Das Schiff vibrierte unter ihren Füßen, als ob es gegen den Widerstand des Meeres kämpfte. Schließlich erreichten sie den Raum des Maschinenmeisters.
Dort, zwischen gewaltigen Kolben und dampfenden Leitungen, stand eine Konsole, getarnt als antiker Kleiderschrank, der so gar nicht in den Rest des simulierten Raumes zu passen schien. Seven öffnete die Türen und wie ein Fremdkörper in der historischen Umgebung wirkend zeigte sich ein Stück Holodeck-Technik, das wie ein Notanker Rettung versprach.
„Die Matrix ist instabil“, stellte sie fest, während der Tricorder die Anzeigen überlagerte. „Ich kann die Energieflüsse sehen … aber nicht beeinflussen.“
Auf dem Display erschien ein verzerrtes Bild: die Voyager, eingefroren in einem Moment. Man sah die Brücke, die Crew an ihren Stationen, Kim auf dem Kommandosessel. Doch es war nur eine Projektion – keine Verbindung.
Chakotay beugte sich neben sie. „Es sieht aus, als wäre der Rest des Schiffes nicht betroffen.“
„Die Systeme laufen normal. Keine Schäden, keine Anomalien. Aber wir können nicht interagieren. Es ist, als ob wir durch eine transparente Wand sehen.“ Bestätigte Seven.
Dann versuchte sie, die Schaltkreise zu überbrücken, um ein Comsignal auf die Brücke zu schicken. Sie verband ihren Kommunikator mit der Konsole, um mit dem Tricorder die Resonanz zu verstärken. Ein kurzes Aufblitzen, dann ein dumpfes Knacken. Der Bildschirm flackerte, erlosch und kehrte wieder zurück – unverändert.
„Versuch fehlgeschlagen“, sagte Seven nüchtern. „Die Matrix blockiert jede Manipulation. Allem Anschein nach will sie, dass wir die Katastrophe durchleben.“
Chakotay ballte die Faust. „Also bleibt uns nur, zuzusehen, wie alles geschieht.“
Seven sah ihn an, kühl und doch mit einem Hauch von Nachdenklichkeit. „Wir haben noch hundertdreißig Minuten. Wir können sie nutzen, um weitere Möglichkeiten zu suchen. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass wir erfolgreich sind, sinkt mit jeder Minute.“
Ein dumpfes Grollen ließ den Maschinenraum erzittern. Das Wasser schwappte über die unteren Schotts, und die Luft war von Dampf und Rauch erfüllt. Ein ohrenbetäubendes Zischen drang durch das Schiff, als sich das kühle Nass in die Heizkessel ergoss.
Chakotay legte eine Hand auf die Konsole, als wollte er, dass auch das Programm begriff: „Wir geben nicht auf. Nicht jetzt.“
Seven schloss den Tricorder. „Auch wenn ein Kampf gegen ein Computerprogramm zwecklos erscheint, erfordert die Situation, dass wir ihn dennoch aufnehmen, da Untätigkeit keine Alternative darstellt.“
„Was schlagen Sie also vor?“, fragte der Commander.
„Wir müssen die Brücke erreichen. Das Zugangsterminal dort gewährt uns Zugriff auf die schiffsweiten Systeme. Wir können so den Maschinenraum der Voyager erreichen, unsere Situation erklären und Lieutenant Torres muss die Energiezufuhr zum Holodeck abschneiden. So wäre diese Simulation zu beenden.“
Die Gänge waren ein Labyrinth aus Chaos. Maschinisten packten Chakotay und zerrten ihn in die falsche Richtung, ihre Gesichter verrußt von der Heizkohle und verzerrt von Panik und Schweiß. Immer wieder mussten sie sich aus den Griffen der Mannschaft befreien. Der Tricorder piepte warnend, während das Wasser bereits über die Stufen schwappte.
Passagiere der dritten Klasse drängten ihnen entgegen, schreiend, weinend, Kinder auf den Armen. Die Menge presste sie gegen die Wand, Hände griffen nach ihren Kleidern, als wollten sie sie festhalten. Chakotay schob sich durch, Seven drückte eine verschlossene Tür mit aller Kraft auf – dahinter ein weiterer Korridor, der schon halb unter Wasser stand.
„Noch siebenundfünfzig Minuten“, sagte Seven knapp, ihre Stimme klang kühl, doch ihre Augen verrieten die Anspannung. Der Weg durch die unteren Decks hatte mehr Zeit gekostet, als ihnen lieb war. Immer wieder stießen sie auf Hindernisse. Aber sie drängten unbeirrt weiter, bis sie endlich das offene Deck erreichten. Der eisige Wind peitschte ihnen entgegen. Hand in Hand standen sie an Deck und sahen, wie das schwarze Meer den Stahlkoloss unaufhaltsam verschlang, während die Lichter der Titanic wie Raubtieraugen Reflexe auf die Wellen warfen. Um das Paar herum herrschte Panik, ein paar Männer versuchten, sich einen Platz auf einem Rettungsboot zu erkaufen, wieder andere begannen, sich zu prügeln, irgendwo weinte ein Kind und Frauen kreischten vor Verzweiflung. Immer wieder fiel jemand über die Reling, wurden sie gestoßen oder sprangen sie freiwillig in den eisigen Tod – niemand konnte es in dieser Situation sagen. Beinahe bizarr wirkte das Streichquartett, das an Deck beordert wurde, um mit fröhlicher Tanzmusik die Passagiere zu beruhigen. Doch dann schlugen sie ihr letztes Lied an: einen Choral. Als die ersten Töne von „Nearer, My God, to Thee“ erklangen, ergriff diese schwere Melodie Chakotay. Er beobachtete die Menschen, die sich in Todesangst versuchten, zu retten.
Ein Steward packte Seven am Arm. „Madame, schnell! In diesem Boot ist nur noch Platz für eine Person. Sie müssen sofort einsteigen!“ Er zog sie entschlossen Richtung Rettungsboot, in dem bereits einige Frauen und Kinder saßen.
Seven riss sich los und fuhr mit scharfer Stimme den Stewart an: „Die strukturelle Integrität dieser Boote ist ausreichend, um die dreifache Menge an Personen zu tragen. Ihre Berechnungen sind fehlerhaft. Sie schicken Menschen in den Tod, weil Sie die Kapazität nicht ausschöpfen.“
Der Steward starrte sie fassungslos an, unfähig, ihre Worte zu begreifen. „Das ist unmöglich. Die Boote sind nur für eine begrenzte Zahl ausgelegt.“
Chakotay sah in die Augen der Frauen, die einerseits bedrückt waren, da sie ihre Ehemänner zurücklassen mussten, aber sie waren auch erleichtert, denn sie würden nicht sterben.
In diesem Moment wurde auch er von Panik ergriffen. Es würde keinen Ausweg geben und wenn wenigstens die Frau, in die er sich verliebt hatte, gerettet werden konnte, sollte sie gehen. „Seven, steig in das Boot! Du kannst überleben.“
Chakotay sah sie an, sein Blick schwankte zwischen Angst und Entschlossenheit. „Du wirst in Sicherheit sein …“
„Ich bleibe“, unterbrach sie ihn bestimmt. „Es ist irrational, Ihre Nähe zu verlassen. Es ist effizienter … unsere Ressourcen zu vereinen.“
Für einen Moment war da nur der Lärm der Menge, das Kreischen der Winden, das Knarren der Davits. Dann packte Chakotay sie fest, zog sie vom Stewart weg und lächelte sie entschlossen an. Er ließ nun ihre Hand nicht mehr los, als sie sich weiter durch die panische Menschenwalze Richtung Brücke drückten.
Langsam zerbarst das Schiff, der Bug neigte sich schneller als das Heck. Splitternd brachen die Planken, das Licht flackerte, und die Stahlträger gaben im langsamen Todeskampf ihr letztes Stöhnen von sich.
Die Szenerie wurde immer grotesker – das Streichquartett wiederholte in einer Endlosschleife den schweren Choral, eine Menge kniete vor einem Priester, der ihnen die letzte Salbung erteilte, während Leuchtraketen in den Himmel geschossen wurden und wie ein funkelndes Feuerwerk den Himmel immer wieder rot färbten.
Endlich erreichten sie die Brücke. Auch hier stand wieder ein Steward, der sie am Eintreten hindern wollte, aber Chakotay riss ihn beiseite und trat die Tür ein. Das Wasser stand bereits über dem Bug, hellgrün und glasklar, von den letzten Lichtern der Titanic gespenstisch durchleuchtet. Die Luft war eisig, jeder Atemzug schmerzte und die Wellen schwappten bereits um ihre Füße, bereit, auch sie zu verschlucken.
Seven klappte ihren Tricorder auf, um die Kontrolleinheit zu lokalisieren. Als sie sich dem Schrank näherte, in dem die Konsole versteckt lag, stellte sich ihnen Captain Smith in den Weg. Seine Uniform war durchnässt, sein Blick fanatisch und mit ausgebreiteten Armen schrie er sie an: „Sie dürfen das Ruder nicht berühren! Dieses Schiff ist unsinkbar!“
Chakotay trat vor. „Mann! Gehen Sie beiseite! Sehen Sie nicht, was hier passiert?“
Smith griff nach ihm, doch Chakotay hatte nun genug und schlug zu – ein gezielter Schlag, der den Kapitän zu Boden schickte.
Seven erreichte die Konsole, ihre Finger flogen über die Anzeigen. „Die Matrix reagiert nicht. Ich kann es nicht aufhalten.“
Noch ehe sie einen weiteren Versuch starten konnte, brach das Wasser durch die Fenster der Brücke. Ein gleißender Schwall überspülte alles, riss sie beide von den Füßen, eiskalt und gnadenlos.
Plötzlich Stille. Das Dröhnen des Wassers verstummte. Sie lagen klatschnass und frierend auf dem Boden von Holodeck 1, die Simulation war erloschen.
Einen Moment lang starrten sie sich erschrocken an, unfähig, zu begreifen, dass es vorbei war. Dann brach ein Lachen aus ihnen hervor – befreit, erleichtert, fast ungläubig.
Chakotay zog Seven zu sich, und ohne ein weiteres Wort fielen sie sich in die Arme. Der Kuss war nicht geplant, nicht berechnet, sondern ein spontaner Akt der Nähe nach einem gemeinsamen Überleben.
„Ich werde ein Wörtchen mit Lieutenant Paris sprechen müssen“, scherzte der Commander.