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Ein Mensch, eine Gestaltwandlerin & ein Geist

von Thilo

Ankunft in Klaxdonnersbüll

Nachdem bei den letzten drei KDB-Romane als Testleser beteiligt war, habe ich diese Geschichte geschrieben.

Tanja ist auch diesmal bei mir als Lektorin durchgegangen. Und dabei hat sie auch Kleinigkeiten ausgebügelt (wie zum Beispiel das von mir völlig umgestellte Herrenhaus ;) ).


Sil

 

Ihr Liebhaber Jordan Müller lenkte das gemietete Radfahrzeug auf die Auffahrt des kleinen Ferienhauses, welches etwas abseits von der schmalen Straße auf seiner kleinen Waldlichtung stand. Es gab wirklich keine direkten Nachbarn, wie es Sil und Jordan gemäß der Beschreibung des Vermieters gehofft hatten. Nachbarn hätten trotz ihrer guten Fähigkeit zur Gestaltwandlung womöglich irgendwann bemerkt, dass Sil kein Mensch war.

Es hätte eigentlich nur eine kurze Mission in der Vergangenheit sein sollen. Aber aus welchen Gründen auch immer hatte der Wächter der Ewigkeit Sil und Jordan getrennt von ihren Begleiterinnen in das falsche Jahr und an dem falschen Ort abgesetzt. Und ihnen bisher nicht die Möglichkeit zur Rückkehr gegeben. Als würde es hier für sie beide eine Aufgabe geben, die sie vorher zu erfüllen hätten.

Zum Glück im Unglück saßen sie jetzt nur etwas über ein Jahr nach ihrem vorgesehenen Einsatzdatum in Schleswig-Holstein des frühen 21. Jahrhunderts fest. Was bedeutete, dass ihre Ausweise und EC-Karten weiterhin gültig waren. Und da sie echt und keine Fälschungen waren, würde es ihnen möglich sein, nach deren Ablauf relativ einfach neue Dokumente zu erhalten.

Die Anweisung der Abteilung für Temporäre Ermittlungen für die eingetretene Situation lautete, dass sie möglichst unauffällig blieben und auf ihre Rettung warteten. Oder, dass sie im schlimmsten Fall ihr restliches Leben still und leise hier verbrachten, ohne dabei den Ablauf der Geschichte zu beeinflussen.

Aber wenigstens war sie dafür mit Jordan zusammen.

»Willkommen Zuhause, Süße«, sagte Jordan, nachdem er das Radfahrzeug abgeschaltet hatte. Er beugte sich zu ihr herüber und küsste sie sanft auf die Wange.

Sie erwiderte den Kuss. Dann gab sie sich einen Ruck und öffnete die Wagentür. Die Luft roch sauber und nach den Fichten, die das Ferienhaus umgaben. Sie hörte Möwen kreischen, die wahrscheinlich irgendwo in der Nähe auf dem Acker ein Erntefahrzeug umschwärmten.

Jordan stieg ebenfalls aus und öffnete die Heckklappe des Wagens, damit sie ihr Gepäck ins Haus tragen konnten. Das meiste hatten sie in Kiel gekauft.

Sil nahm die beiden großen Reisetaschen und ging damit an dem leeren Flaggenmast vorbei durch den Rosenbogen zur Haustür. Sie musste eine der Taschen abstellen, um die Tür aufzuschließen.

Im Haus war es dunkler und kühler. Ein kleines Wohnzimmer mit einer schon sichtbar älteren Couch und ansonsten Holzmöbel: ein Esstisch mit vier kunterbunt gepolsterten Stühlen, eine kleine Schrankwand, in deren Vitrine nur ein paar zurückgelassene, zerfledderte Taschenbücher standen, und eine halb offene Küche im gleichen Holzfarbton mit Porzellanknäufen. Es gab außerdem zwei Schlafzimmer, von denen das kleinere ursprünglich als Kinderzimmer vorgesehen gewesen war, und ein Bad. Weiter hinten lagen noch zwei Wirtschaftsräume mit der Heizung und der Waschmaschine.

Missmutig stellte Sil ihre Taschen erst einmal auf den Laminatboden des Wohnzimmers und ging zur Küche. Sie öffnete nacheinander mehrere Schranktüren. »Geschirr, Töpfe und Kaffeemaschine sind wirklich da. Aber bis auf Kaffeefilter, Salz und Zucker ist wie zu erwarten nichts Essbares im Haus«, stellte sie nach ihrer Inspektion fest.

»Was ist mit dem Kühlschrank?«, fragte Jordan mit wenig Hoffnung, während er seine eigenen Taschen zu denen von Sil stellte.

»Ist abgeschaltet und mit geöffneter Tür, damit er keinen Mundgeruch entwickelt.«

Jordan blickte auf seine Armbanduhr. »Der Kaufladen im Ort hat noch etwas über drei Stunden geöffnet. Nicht, dass du mich sonst aufessen möchtest.«

Sil grinste trotz der Umstände, wie wahrscheinlich von ihm beabsichtigt, und spürte ihre Tribalzeichnungen durch ihre menschliche Gestalt rot durchschimmern. »Ohne Toast? Mit Kaffeefiltern garniert? Abgesehen davon würdest du nicht in den Ofen passen.« Sie zeigte auf das Tischgerät, welches auf der Küchenarbeitsfläche stand.

 

Zu Sils Erleichterung gelang es ihr mit Jordans Hilfe in der Navigationssoftware ihres Mobiltelefons den Kaufladen in Klaxdonnersbüll als Zielort einzugeben. Und jetzt leitete sie ihn durch das Ferienhausgebiet, an Feldern und Wäldern vorbei in den eigentlichen Ort. Sie war dankbar, dass ihr menschlicher Begleiter ausreichend Übung im Simulator erworben hatte, um das Radfahrzeug sicher auf dem engen Parkplatz vor dem Geschäft zwischen den anderen Wagen abzustellen.

Trotzdem bemerkte sie seine Anspannung. Sie legte ihre Hand auf seinem Arm. »Hey, du machst das doch gut.«

»Im Simulator ist es doch irgendwie etwas ganz anderes. Egal, wie realistisch er ist.«

»Immerhin hast du es im Gegensatz zu mir gelernt.« Sie blickte sich im Cockpit um. »Und wir werden das Ding nicht ewig mieten können. Alleine schon aus Finanzgründen.«

»Ich weiß. Aber wenn wir Jobs im Ort kriegen, sollten wir alles mit Fahrrädern erledigen können.«

Sil grinste. »Dazu brauchen wir erst einmal Jobs und Fahrräder, Süßer.« Sie stieg aus und sah sich auf dem Parkplatz um. Auf den beiden Abstellflächen standen vielleicht ein Dutzend Radfahrzeuge. Dem Geruch nach besaß ein Großteil von ihnen noch Verbrennungsmotoren für Dieselöl oder Benzin. Zur Straße hin standen unter einem Schutzdach Einkaufswagen. Daneben befand sich gegenüber dem Eingang eine große Auslage mit Blumen und anderen Pflanzen in Töpfen. Ein Plakatständer bewarb einen anstehenden Mittelaltermarkt in Rothenbüll. Sie wich auf dem Weg zu dem Wagenständer einer Mutter mit Einkaufswagen aus, die außer ihren Einkäufen auch ihr kleines Kind damit transportierte und förmlich aus dem Laden geschossen kam. Im Vergleich zu der Frau war Rebecca Fisher als mobiles Hindernis beim Joggen im großen Korridorring auf Deck 6 der Shiva geradezu harmlos.

Zu ihrer Überraschung waren die abgestellten Einkaufswagen aneinander gekettet. Sie studierte die auf dem Lenker angebrachten Symbole zum Pfand und zog ihr Portemonnaie aus der Hosentasche.

Jordan kam dazu und sah sie fragend an.

»Wir benötigen eine Münze mit dem Wert von einem Euro als Pfand«, erklärte Sil. Sie fand in dem Wechselgeld des Münzfachs ein hoffentlich passendes Geldstück und legte es in das offenstehende Schubfach des Wagenlenkers. Dieses ließ sich jetzt schließen und gab den Wagen frei.

Gleichzeitig bemerkte sie, dass ihr ein alter Mann mit Rollator vom Gehweg aus erstaunt zusah. Wahrscheinlich fragte er sich, warum sie mit so etwas für ihn Alltäglichem ihre Probleme hatte. Er setzte sich in ihre Richtung in Bewegung.

»Wolfgang, wir kommen zu spät zum Kaffee bei Ticktackoma, wenn du dich jetzt wieder festquasselst«, rief ihm ein schlanker, junger Mann mit freundlichem Spott zu, der auf zwei Krücken gestützt neben einem schwarzen Radfahrzeug auf dem zweiten Parkstreifen stand. Ein anderer ebenso junger Mann verstaute gerade Einkäufe in dem Vehikel.

Mit einem fast hörbaren Seufzen eilte der alte Mann trotz seines Rollators erstaunlich schnell zu den beiden jungen Menschen. Er stieg ohne weitere Hilfe durch die hintere, linke Wagentür ein. Der kräftige Mann mit den unversehrten Beinen faltete den Rollator zusammen und verstaute ihn bei den Einkäufen im hinteren Laderaum. Der schlanke Mann humpelte währenddessen um den Wagen herum, um sich auf den Kopilotensitz zu setzen.

Unvollständig geheilte Fußknochen vermutete Sil angesichts seiner Bewegungen. Dafür waren zu dieser Zeit noch die Möglichkeiten ziemlich eingeschränkt. Auf der Shiva hätte die Heilerin T’Ra den Fuß innerhalb von einer Woche wieder vollständig hergestellt.

Sie überließ Jordan den Einkaufswagen – immerhin war er ja ihr Fahrer – und ging vor ihm durch die automatische Schiebetür in den Windfang des Geschäftes. Statt der direkt gegenüberliegenden nächsten Tür öffnete sich stattdessen die rechte Tür. Also war der Kaufladen eine Einbahnstraße entgegen dem Uhrzeigersinn. Sie trat in die Obst- und Gemüseabteilung. Nun, das sah zumindest vertraut aus. Sie fühlte sich unvermittelt an den Gemüseladen ihrer Mütter erinnert.


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