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Berühren auf eigene Gefahr

von Emony

Eine ganz schlechte Vorahnung

Die USS Cerritos hing im Orbit von Glarb-9 wie ein pflichtbewusster, leicht überforderter Beobachter.

Von oben wirkte der Planet fast schon zu perfekt. Weite Ozeane reflektierten das Licht eines fernen Sterns in schimmernden Blautönen, während Kontinente in sattem Grün unter langsam ziehenden, irisierenden Wolken lagen. Alles daran wirkte… einladend. Harmlos. Fast schon so, als hätte jemand bewusst versucht, eine ideale Erstkontaktwelt zu entwerfen.

Und genau das machte ihn verdächtig.

Auf einem Schiff wie der Cerritos hatte sich über die Zeit eine unausgesprochene Regel etabliert:
Wenn etwas einfach aussah, war es das ganz bestimmt nicht.

Und wenn Captain Freeman es als „eine großartige Gelegenheit für einen sauberen, unkomplizierten Ersten Kontakt“ bezeichnete…

…dann war das Universum wahrscheinlich schon dabei, das Gegenteil zu organisieren.

***

Deck 9 hingegen war weit entfernt von „sauber“ oder „unkompliziert“.

Hier unten war die Luft etwas wärmer, die Beleuchtung ein kleines bisschen flackernder, und irgendwo summte immer etwas, das entweder absolut essenziell für den Schiffsbetrieb war… oder schon seit Wochen hätte repariert werden sollen.

Mitten in diesem kontrollierten Durcheinander stand Beckett Mariner auf einem umgedrehten Versorgungskasten wie eine selbsternannte Kommandantin des Chaos.

In der Hand hielt sie ein PADD, das sie mit demonstrativer Wichtigkeit schwenkte — obwohl sie es nur halb las. Der eigentliche Inhalt war zweitrangig. Es ging ums Prinzip.

„Okay, hört zu!“

Ihre Stimme schnitt mühelos durch das Hintergrundgeräusch aus summenden Leitungen und entfernten Wartungsarbeiten.

„Das hier ist offiziell ein First Contact Mission Briefing. Wisst ihr, was das bedeutet?“

Rutherford, der gerade dabei gewesen war, ein kleines Interface-Modul auseinanderzunehmen (und vermutlich in etwas völlig Neues umzubauen), blickte auf.

Seine Stirn legte sich in Falten, während er die Frage ernsthaft durchdachte.

„Dass wir nicht beteiligt sind?“, fragte Rutherford vorsichtig.

Für ihn war das keine rhetorische Frage. Es war eine logische Schlussfolgerung basierend auf bisherigen Erfahrungswerten. Lower Decks Crew + wichtige Mission = Abstand halten.

„Exakt!“ Mariner grinste breit.

Dieses Grinsen war gefährlich. Es war das Grinsen von jemandem, der nicht nur wusste, dass etwas eine schlechte Idee war — sondern genau deshalb Interesse daran hatte.

„Also werden wir natürlich beteiligt sein.“

Boimler reagierte, als hätte jemand einen stillen Alarm in seinem Kopf ausgelöst.

„Nein! Nein, nein, nein, wir dürfen da nicht reinfunken!“

Er trat einen Schritt nach vorne, die Hände halb erhoben, als könnte er die Situation allein durch korrektes Zitieren von Vorschriften stabilisieren.

„Erster Kontakt ist super empfindlich! Da gibt es Protokolle, Richtlinien, Unterrichtsmodule—ich habe die alle gemacht! Mit Auszeichnung!“

In seinem Kopf liefen bereits Szenarien ab.

Diplomatische Krise. Interstellare Verwicklungen. Ein Bericht. Ein sehr langer Bericht. Mit meinem Namen darauf. Mehrmals. Fett gedruckt.

Tendi, die neben Rutherford saß und interessiert zwischen PADD und Mariner hin und her blickte, neigte leicht den Kopf.

„Du hast auch mal einen Phaser falsch herum gehalten“, murmelte Tendi.

Es war kein Angriff. Mehr eine sanfte Erinnerung an… statistische Unzuverlässigkeit.

Boimler drehte sich sofort zu ihr.

„Das war einmal! Und er war sehr symmetrisch gebaut!“

Einen Moment lang schien er selbst zu überlegen, ob das wirklich eine gute Verteidigung war.

War es nicht.

Tendi lächelte nur leicht und wandte sich wieder ihrem PADD zu. Ihre Neugier hatte bereits ein neues Ziel gefunden.

„Leute“, sagte Tendi und setzte sich etwas aufrechter, „der Planet heißt… äh…“

Sie runzelte die Stirn. Die Buchstaben schienen sich fast gegen eine elegante Aussprache zu wehren.

„…Glarb-9?“

Ein kurzer Moment der Stille.

Mariners Reaktion kam sofort.

„Oh nein“, sagte Mariner.

Nicht laut. Nicht panisch.

Sondern mit der ruhigen Gewissheit von jemandem, der ein bestimmtes Muster im Universum erkannt hatte — und es absolut nicht mochte.

Tendi blinzelte. „Was?“

Mariner sprang vom Versorgungskasten und begann, langsam im Raum auf und ab zu gehen, als würde sie eine tiefgehende Analyse durchführen.

„Planeten mit Namen, die nach Schleim klingen, enden nie gut.“

Sie zählte an den Fingern ab.

„Gloop-7? Säurestürme. Blargus Prime? Lebende Pilze, die dich anschreien. Und jetzt Glarb-9?“

Sie blieb stehen und sah die anderen an.

„Das ist kein Planet. Das ist eine Warnung.“

Rutherford hob leicht die Hand.

„Technisch gesehen ist es ein Planet—“

„Du weißt, was ich meine.“

Boimler sah zwischen ihnen hin und her.

Ein Teil von ihm wollte widersprechen. Wollte sagen, dass Namen keine wissenschaftliche Grundlage für Risikoanalysen darstellten.

Ein anderer Teil erinnerte sich sehr lebhaft an Blargus Prime.

„…Ich hasse es, aber sie hat ein bisschen recht“, murmelte er.

Tendi hingegen strahlte.

„Ich finde den Namen süß! Vielleicht sind die Bewohner total freundlich! Und glibberig! Oh, stell dir vor, sie sind komplett aus Gel!“

Rutherford nickte begeistert.

„Oh! Dann könnten ihre Zellstrukturen völlig anders organisiert sein! Vielleicht haben sie keine festen Membranen, sondern—“

„—oder sie lösen dich einfach auf, wenn du sie berührst“, warf Mariner ein.

Kurze Pause.

„…Das wäre auch interessant“, sagte Tendi nachdenklich.

Boimler rieb sich die Schläfen.

Warum klingt für sie alles nach einer Gelegenheit und für mich nach einem Bericht, der mit „bedauerlicherweise“ beginnt?

Mariner blieb stehen und sah wieder auf ihr PADD.

Dann auf die anderen.

Dann zurück auf das PADD.

Langsam breitete sich dieses Grinsen wieder aus.

„Also“, sagte sie ruhig, „Erster Kontakt… neuer Planet… mysteriöse Spezies…“ Sie deaktivierte das PADD und warf es auf ihre Schlafkoje. „Ich sage, wir schauen uns das aus der Nähe an.“

Boimler erstarrte. „Wir schauen uns das nicht aus der Nähe an.“

„Doch.“

„Nein.“

„Doch.“

„NEIN.“

Mariner verschränkte die Arme.

„Boimler.“

„Mariner.“

Ein Beat.

Tendi und Rutherford sahen gespannt zwischen ihnen hin und her, als würden sie ein besonders gut eingespieltes Tennismatch beobachten.

Dann seufzte Boimler.

Leise.

Resigniert.

Ich werde das bereuen.

Mariner grinste.

Er wird das bereuen.

Und irgendwo über ihnen bereitete sich die Brücke der Cerritos darauf vor, alles richtig zu machen.

Was bedeutete, dass hier unten gerade alles vorbereitet wurde, um es komplett falsch zu machen.

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