Kapitel 1: Der Mann, den sie liebte
Am Tag seines Rückfluges von Cardassia zur Raumstation fiel es weder Garak noch Julian selbst leicht, Abschied zu nehmen, wo sie sich ihrer Gefühle füreinander bewusst geworden waren und sich diese gegenseitig gestanden hatten. Aber immerhin verbrachte Julian vier Monate in Garaks Gegenwart. Im letzten davon versuchte er sich noch immer von jenem traumatischen Vorfall mit Parmak zu erholen, der ihn aus Rache an Garak missbrauchen wollte, es aber letztlich nicht fertigbrachte und das Vorhaben abbrach. Parmaks Selbstmord hatten weder er und noch Garak gewollt oder damit gerechnet.
Wohlmöglich hatte Julian seinen Freund auch deswegen am vorletzten Tag geküsst, als sie sich so offen miteinander unterhielten, um ihm etwas Tröstliches zu geben, bevor er abreiste. Seine geliebte Ezri wartete auf Deep Space Nine auf ihn, die Julian ebenfalls liebte. Während seiner Abwesenheit hielten sie trotzdem Kontakt per Nachrichten und Videobotschaften auf ihren Padds und schrieben sich Briefe.
Allerdings brachte Julian es nicht fertig, ihr von der Sache mit Parmak nachher zu erzählen. Er konnte aus der Ferne nicht mit ihr darüber reden. Das ging nur, wenn er wieder bei ihr war.
Keiner drängte ihn, es ihr zu sagen, nicht einmal Garak. Aber der knabberte sowieso an dessen eigenem Paket in Form eines Tagebuchs aus Parmaks Nachlass, über das Julian ihm keine Fragen stellte. Es ging ihn nichts an und irgendwie behagte es Julian nicht, in den Erinnerungen eines toten Mannes zu lesen, von dem er eigentlich kaum etwas wusste und der auf gewisse Weise die Hand an ihn gelegt hatte.
„Wir sehen uns auf der Hochzeit. Ich gebe dir wegen des genauen Datums Bescheid”, versprach Julian ihm. In seinen Augen glänzte es kurz verdächtig, was Garak nicht entging, doch er fühlte selber etwas Wehmut anlässlich der Abreise seines Freundes.
„Ich kann es kaum erwarten. ... Schick mir bitte auf jeden Fall eine Nachricht, sobald du auf der Station angekommen bist, damit ich mir keine Sorgen machen muss.”
„Das mache ich.” Julian drückte ihn ein letztes Mal an sich und stieg dann mitsamt Gepäck in das Shuttle, das ihn heimflog.
Garak eilte zu seinem Haus, so schnell ihn die Füße trugen. Ob ihn jemand dabei weinen sah oder nicht, war ihm egal.
*
Ezri hoffte, dass Garaks Besuch Julian die Gelegenheit für eine Aussprache der beiden geben konnte. Über zwei Jahre waren seit ihrer Vereinigung mit dem Dax-Symbionten vergangen, bei der aus Ezri Tigan Dax wurde. Eigentlich sollte sie gar nicht dafür vorgesehen werden, sondern bloß den Transport des Symbionten zum Planet Trill begleiten.
Sie fragte sich, ob der Name des Schiffes „USS Destiny” nicht als Omen dafür stand, welches ihr Schicksal und das einiger Personen auf Deep Space Nine bestimmen sollte. Inzwischen hatte sie sich schon längst daran gewöhnt und wollte gar nicht mehr in ihr altes Leben auf Trill zurück.
Lächelnd betrachtete Ezri ein Foto von Julian und sich als Paar, kurz nach dem Ende des Dominion-Kriegs. Kira knipste es, während sie sich küssten. Sie liebte das Bild. Es gab noch andere Fotos, sogar von Jadzia Dax stand eines in ihrem Quartier, das Ezri und Julian gemeinsam bewohnten.
Jadzia muss eine interessante Persönlichkeit gewesen sein. Das spürte Ezri anhand der Erinnerungen und Gefühle des vorigen Wirts Jadzia, die ebenfalls zu einem Teil von ihr geworden war. Sie bereute es nie, nicht mit Worf verheiratet geblieben zu sein, was in mehrfacher Hinsicht rechtlich auch gar nicht möglich war. Erstens endete mit dem Tod die Ehe zwischen Jadzia und Worf. Zweitens wäre sie von Trill verbannt worden, wenn sie eine Liebesbeziehung mit dem Mann ihres vorigen Wirts fortgeführt hätte. Zudem wäre in dem Fall nach ihrem Tod der Symbiont mit ihr gestorben, da er sich dann nicht mehr mit dem nächsten Wirt vereinigen dürfte.
Davon abgesehen liebte sie Worf nicht auf die Weise, wie Jadzia es getan hatte. Dafür trat Julian Bashir in ihr Leben, der von einem Freund schnell zu jemandem wurde, den sie wahrhaft liebte. Gleichzeitig wusste Ezri, dass seine Gefühle für mehr als eine Person ausreichten. Es gab sie und Garak.
Die Freundschaft zwischen dem Cardassianer und Julian konnten die Leute nur schwer durchblicken. Aber schon damals nahm Jadzia etwas von Julian wahr, als dieser ihr für das besondere Trill-Ritual als einer ihrer Freunde seinen Körper zur Verfügung stellte, damit sie mit einem früheren Trill-Wirt Erfahrungen austauschen konnte. Später half Ezri als Councelor Garak mit dessen Klaustrophobie umzugehen. So erfuhr sie ein paar Dinge über ihn, der kein leichtes Leben führte, ein Mann mit einer langen, komplizierten Vergangenheit. Da Julian eine nicht minder komplizierte Vergangenheit mit sich herumschleppte, passte das irgendwo zusammen.
Er fehlte ihr trotzdem jeden Tag ein bisschen mehr, weswegen sie sich umso mehr auf seine Rückkehr freute. An der Andockrampe wartete Ezri auf das Shuttle. Julians leichte Müdigkeit merkte man ihm an. Aber er hatte dort schließlich als Arzt auf einem gebeutelten Planeten gearbeitet und einem in Not geratenen Volk geholfen, wo es ging. Er trug seine Sachen und sie brachten alles in deren Quartier.
Etwas an seinem Lächeln hatte sich verändert, es erreichte nicht ganz die Augen so wie früher und er quasselte nicht drauf los, sondern blickte zu ihr.
„Ich habe dich vermisst”, brach Ezri die kurze Stille zwischen ihnen und spürte ihr Herz schneller klopfen. Er nahm ihre Hand. „Ich dich auch.”
Sie schaffte es nicht, sich zurück zu halten und umarmte ihn, ehe ein Kuss folgte. Darauf der zweite, dritte, vierte... Julian ließ sie gewähren, küsste zurück. Er brauchte nur ein paar Küsse, dann fühlte es sich so gut an wie früher, redete er sich ein. Doch er liebte sie nicht weniger oder mehr als zuvor.
„Ezri, ich... entschuldige.”
„Wofür? Es ist doch nichts passiert...”
„Doch. Vielleicht nicht hier, aber auf Cardassia ist etwas gewesen−”
„Du meinst zwischen Garak und dir? Oder etwas Anderes?”
„Sowohl als auch.” Julian fasste sich innerlich und begann ihr vom letzten Monat zu erzählen sowie dem Tag, an dem er erfuhr, dass Garak ihn liebte und Julian ihm die Wahrheit sagte einschließlich des Kusses oder eher der zwei Küsse. Er atmete aus und wusste nicht, wie seine Freundin reagieren würde.
„Das mit Parmak... wie furchtbar. Was alles hätte passieren können... ach, Julian...”, fiel sie ihm in die Arme.
„Bist du nicht böse mit mir wegen der Küsse mit Garak? Ich wollte dir das nicht verheimlichen. Das finde ich sonst unfair.”
„Nein, bin ich nicht. Mir ist schon lange klar, dass da mehr zwischen Garak und dir ist. Du musstest es für dich herausfinden, indem du mit ihm gesprochen und Zeit verbracht hast. Darum sagte ich dir, geh zu Garak und redet miteinander. Du bist wiedergekommen.”
„Natürlich bin ich zu dir zurückgekommen, Ezri. Du bist die Frau, die ich liebe.”
„Und du bist der Mann, den ich liebe. Mehr ist nicht wichtig.”
Sie hielten sich lange fest und verbrachten die Nacht zusammen.