* Charles Baudelaire / Les Fleurs du mal 1857 / Schöne Jugend
Computerlogbuch der Voyager, Sternzeit 53950.4 – Captain Janeway:
"Die Voyager hat Kontakt mit den Bewohnern des Planeten Poesis aufgenommen, einer hochentwickelten humanoiden Spezies, deren gesamte Kommunikation auf lyrischen Strukturen basiert. Die Poesier führen diplomatische Verhandlungen ausschließlich in einem Theatron, begleitet von einem Chor aus zwanzig Personen, der den Verlauf kommentiert und am Ende über das Ergebnis abstimmt.
Um Zugang zu den Dilithiumvorkommen auf einem der umliegenden Monde zu erhalten, müssen wir uns diesem Ritual anpassen. Der Doktor hat sich bereit erklärt, die Rolle eines der beiden Sprecher zu übernehmen und die Crew auf die Anforderungen der bevorstehenden Verhandlung vorzubereiten. Eine erste Probe findet auf dem Holodeck statt."
[Holodeck – Theatron der Poesier]
[Der Doktor betritt das Holodeck, es materialisiert ein weitläufiges, halbrundes Theatron, das in einen natürlichen Hang hineingebaut ist. Fünf breite, halbkreisförmige Stufen aus weißem Stein steigen nach oben an, jede tief genug, um einem Chor Platz zu bieten. An der obersten Stufe verläuft ein Säulengang, der von feinen Pflanzenranken umwachsen ist. Die Luft ist klar und still.
Auf der rechten Seite sitzt der holographische Chor der Poesier: zwanzig großgewachsene, schlanke Personen in weißen Gewändern, vollkommen regungslos. Nur ihre Augen bewegen sich synchron und folgen jeder Bewegung im Raum.
Der Doktor hat die Hände auf dem Rücken verschränkt und bewegt sich mit der Haltung eines Dirigenten, der endlich sein Traumorchester bekommt.]
Der Doktor: „Ah … ausgezeichnet.“
[Er klatscht einmal in die Hände und lauscht dem klaren, weichen Echo.]
„Perfekt, absolut perfekt. Ein Theatron, das die Stimme trägt, ohne sie zu verfälschen. Wahrlich ein architektonisches Meisterwerk.“
[Er geht die Stufen hinauf, prüft die Breite, streicht mit der Hand über die Steinoberfläche, betrachtet den Säulengang.]
[ehrfürchtig] „Fünf Stufen … jede mit idealer Resonanzfläche. Und dieser Säulengang! Die Poesier verstehen etwas von Ästhetik. Und Akustik. Und … [er schnippt mit den Fingern] … Klangräumen.“
[Er betrachtet den Chor der Poesier. Dieser bewegt sich nicht. Nur die Augen folgen ihm synchron.]
Der Doktor: [leicht irritiert] „Äh … ja. Sehr aufmerksam. Gut.“
[Auftritt Neelix. Er kommt mit einem Pad unter dem Arm herein, voller Energie und Vorfreude.]
Neelix: „Doktor! Ist das nicht aufregend? Eine völlig neue Spezies! Eine diplomatische Herausforderung! Ein kultureller Austausch! Ich habe schon drei mögliche Eröffnungsreden vorbereitet!“
Der Doktor: [tritt begeistert an Neelix heran] „Und ich habe bereits sieben poetische Begrüßungsvarianten ausgearbeitet. Die Poesier verwenden ausschließlich eine lyrische Sprechweise. Eine faszinierende Kultur! Reinste Kunst!“
Neelix: [nickt heftig] „Und eine große Verantwortung! Wir müssen sie beeindrucken. Wir müssen zeigen, dass die Voyager ein würdiger Partner ist.“
Der Doktor: [stolz] „Deshalb leite ich diese Probe.“
[Neelix lächelt höflich, aber etwas angespannt.]
[Auftritt Tom, B’Elanna, Harry, Seven und Tuvok. Sie kommen in gemischter Formation herein und setzen sich in die erste Reihe.]
Tom: [leise zu Harry] „Ich wette, der Doktor lässt uns gleich Atemübungen machen.“
Harry: [flüstert zurück] „Ich hoffe, es sind nicht die gleichen wie beim letzten Mal.“
B’Elanna: [setzt sich, verschränkt die Arme] „Ich bin nur hier, weil der Captain gesagt hat, es sei wichtig.“
Seven: [trocken] „Ihre Teilnahme ist obligatorisch, Lieutenant. Nicht optional.“
Tom: [grinst] „Das macht es doch gleich viel angenehmer.“
Tuvok: „Ich erwarte eine effiziente Probe. Auf Vulkan wird Lyrik sehr hoch geschätzt.“
Der Doktor: [strahlt] „Sehen Sie? Commander Tuvok versteht die Bedeutung dieser Aufgabe!“
Seven: [trocken] „Commander Tuvok versteht die Bedeutung von Effizienz.“
Der Doktor: [dreht sich um, empört] „Effizient wird sie nur, wenn alle pünktlich und konzentriert sind!“
[Weitere Crewmitglieder trudeln ein. Sie reden, lachen, tauschen Anekdoten aus. Jemand erzählt von einem Replikatorfehler, jemand anderes von einem missglückten Shuttlemanöver.]
Der Doktor: [dem Voyager-Chor zugewandt, klatscht einmal in die Hände] „Ruhe bitte! Wir beginnen! Konzentration! Absolute Konzentration!“
[Die Crew verstummt langsam, aber nicht vollständig. Ein paar letzte Flüstereien.]
Der Doktor: [räuspert sich] „Bevor wir mit den Übungen beginnen, möchte ich Ihnen die Kultur der Poesier näherbringen. Eine Spezies, deren gesamte Kommunikation auf poetischen Strukturen basiert. Jede Aussage ist ein Vers, jeder Gedanke ein Bild, jede Emotion ein Klang. Ihre Sprache ist ein Tanz aus Metaphern, ein Meer aus …“
Seven: [unterbricht ruhig] „Doktor. Die Mission.“
Der Doktor: [beleidigt] „Ich komme ja schon dazu.“
Neelix: [tippt auf sein Pad, voller Eifer] „Bei den Verhandlungen werden wir von den Poesiern nur akzeptiert, wenn wir uns ihren Gepflogenheiten anpassen. Das heißt, dass alles, was wir vorbringen, in Reimen gesprochen werden muss.“
[Der Doktor friert kurz ein. Sein Gesicht zeigt ein gequältes Lächeln, als hätte Neelix gerade die „Ode an die Freude“ als „ein nettes Liedchen“ bezeichnet.]
Der Doktor: [angestrengt höflich] „Nun, ja … technisch korrekt. Aber es geht nicht nur um Reime, Mister Neelix. Die Poesier kommunizieren in kunstvoll geformten Versen. Jede Aussage folgt einem präzisen lyrischen Aufbau, einem rhythmischen Fluss, einem …“
Tom: [flüstert zu Harry] „Also … Reime.“
Harry: [nickt] „Reime.“
Der Doktor: [dreht sich scharf um] „Nicht einfach Reime! Es ist eine hochentwickelte poetische Ausdrucksform! Ein kulturelles Meisterwerk! Ein …“
Seven: [trocken] „Doktor. Sie schweifen erneut ab.“
Der Doktor: [seufzt, richtet sich wieder auf] „Gut. Dann eben Schritt für Schritt.“
Paris: [richtet sich auf] „Okay, ich versuch’s mal. Ähm … Bello ist ein Hund, er ist braun und nicht bunt.“
Der Doktor: [empört] „NEIN! Nein, nein, nein! Das ist … das ist … eine akustische Beleidigung!“
Seven: „Es ist ein korrekter Endreim. Die semantische Qualität ist jedoch fragwürdig.“
Paris: „Ich dachte, wir fangen einfach an?“
Der Doktor: „Wir fangen niemals mit bunten Hunden an!“
Tuvok: [hebt eine Augenbraue] „…ein vollkommen legitimer Reim. Formal korrekt. Inhaltlich simpel, aber funktional.“
Der Doktor: [entsetzt] „Funktional? Commander, wir versuchen hier nicht, ein Kinderbuch zu verfassen!“
Tuvok: „Kinderbücher sind auf Vulkan hoch angesehen. Sie vermitteln grundlegende poetische Strukturen.“
Der Doktor: [schluckt hörbar] „Ich … ich … das … das ist irrelevant!“
B’Elanna: [steht auf, knackt die Finger] „Na gut, wenn Tom darf, dann ich auch. Aber auf Klingonisch.“
Tom: [flüstert zu Harry] „Oh nein.“
Harry: „Oh ja.“
B’Elanna: [stellt sich breitbeinig hin, hebt das Kinn] „quv nejbogh nuv, ’Iw DIchopnIS,
jagh wIjeghmoH, ’ej wI’uy’…“
Der Doktor: [reißt die Hände hoch] „STOPP! STOPP! STOPP! Das ist eine diplomatische Mission, kein Opernabend in der Großen Halle von Qam-Chee!“
B’Elanna: [schnaubt] „Das war die diplomatische Version.“
Tom: „Ich fand’s gut.“
Seven: „Es war… kraftvoll. Aber für die Poesier vermutlich zu destruktiv.“
Tuvok: [räuspert sich] „Der Rhythmus war unregelmäßig. Die Betonung ist inkonsistent. Die Metaphern … brutal.“
B’Elanna: [funkelt ihn an] „Das soll so!“
Der Doktor: [verzweifelt] „Wir brauchen etwas Sanftes! Harmonisches! Etwas, das die Poesier nicht sofort als Kriegserklärung interpretieren!“
Tuvok: [leise, aber mit wachsender Schärfe] „Doktor, Ihre Definition von Harmonie ist bemerkenswert eng gefasst. Auf Vulkan gilt ein Gedicht erst dann als gelungen, wenn es die innere Logik des Universums widerspiegelt.“
Der Doktor: „Wir verhandeln aber nicht mit Vulkaniern!“
Tuvok: „Ein Fehler, den ich zunehmend bedauere.“
[Einige Crewmitglieder kichern. Der Doktor ignoriert es – oder versucht es.]
Der Doktor: „Commander, bitte. Ich leite diese Probe. Ich erwarte Disziplin.“
Tuvok: [zieht erneut eine Augenbraue hoch] „Ich erwarte Qualität.“
[Der Doktor blinzelt. Ein Nerv zuckt an seinem Auge.]
Tom: [flüstert zu Harry] „Oh oh. Jetzt geht’s los.“
Harry: „Wetten, dass einer von beiden gleich explodiert?“
Seven: „Ich halte es für wahrscheinlicher, dass beide explodieren.“
Der Doktor: [scharf] „Commander Tuvok, wenn Sie glauben, Sie könnten es besser –“
Tuvok: „In der Tat, das tue ich.“
Der Doktor: „Dann bitte! Zeigen Sie uns Ihr… erhabenes vulkanisches Meisterwerk!“
Tuvok: [tritt vor, faltet die Hände hinter dem Rücken]
„Im Gleichmaß kreist der Stern im Raum,
Die Logik fließt wie stiller Traum.
Wer Klarheit sucht, der schweige still –“
Der Doktor: [platzt dazwischen] „LANGWEILIG!“
Tuvok: [blinzelt langsam] „Ihre Unterbrechung war unhöflich.“
Der Doktor: „Ihre Lyrik war einschläfernd! Ich gebe ihnen ein Beispiel für wahre Poesie! Etwas Erhabenes! Etwas, das die Poesier beeindrucken würde!“
[Er richtet sich auf, hebt eine Hand, als würde er gleich eine Opernarie beginnen.]
„Nehmen wir zum Beispiel Charles Baudelaire. Schöne Jugend. Ein Meisterwerk des Symbolismus!“
Tom: [flüstert] „Oh nein, jetzt kommts. Ich hätte mir Popcorn mitnehmen sollen.“
Harry: „Ich hab Angst.“
Der Doktor: [tief einatmend, mit Pathos]
„Der Mund eines Mädchens,
das lange im Schilf gelegen hatte,
sah so angeknabbert aus.
Als man die Brust aufbrach,
war die Speiseröhre so löchrig …“*
[Er senkt die Hand, zufrieden mit seiner eigenen Darbietung.]
Tom: [flüstert zu Harry] „Ich nehme alles zurück. Der bunte Hund war harmlos.“
Harry: „Ich möchte das bitte nie wieder hören.“
B’Elanna: [steht halb auf, völlig fassungslos] „Moment! MOMENT! Das soll sanfter sein als mein klingonischer Reim über Blut und Ehre? Doktor, das ist ja … das ist ja …“
Tom: „…Leichenhaus-Lyrik.“
Harry: „… Horror-Poesie.“
Seven: „…eine unzureichende Beschreibung eines forensischen Befundes.“
Der Doktor: [beleidigt] „Das ist Baudelaire! Symbolismus! Ein Meisterwerk der modernen Dichtung!“
Tuvok: [hebt eine Augenbraue, sehr langsam] „Doktor … ich muss Einspruch erheben.“
Der Doktor: „Natürlich müssen Sie das.“
Tuvok: „Es ist unlogisch, ein Gedicht über ein verwesendes Mädchen im Wasser zu verfassen.
Die Beschreibung ist weder ästhetisch noch funktional. Die Metaphern sind inkonsistent. Die Struktur ist chaotisch. Und der Inhalt…“ [Pause] „… ist schlicht morbide.“
Der Doktor: [schnappt nach Luft] „MORBIDE?! Das ist Kunst!“
Tuvok: „Es ist ein Bericht. Ein unnötig ausgeschmückter Bericht. Ohne poetischen Wert.“
B’Elanna: [nickt heftig] „Danke! Genau das wollte ich sagen! Mein Gedicht war wenigstens ehrlich brutal. Das hier ist einfach nur… eklig.“
Tom: „Ich stimme B’Elanna zu. Und das passiert nicht oft.“
Seven: „Die Wahrscheinlichkeit, dass die Poesier dieses Werk als diplomatisch geeignet einstufen, liegt bei 0,004 Prozent.“
Der Doktor: [verzweifelt] „Sie alle haben keinen Sinn für Kunst! Für Tragik! Für –“
Tuvok: „Für Logik, Doktor. Wir haben Sinn für Logik.“
Der Doktor: „Logik ist nicht alles!“
Tuvok: „In der Poesie schon.“
Der Doktor: „NEIN!“
[Der Doktor und Tuvok stehen sich gegenüber wie zwei Kontrahenten in einem lyrischen Duell.]
Der Doktor: [verzweifelt] „Sie verstehen es alle nicht! Die Poesier suchen Tiefe! Gefühl! Tragik! Schönheit!“
Tuvok: „Dann sollten Sie vielleicht ein Werk wählen, das diese Eigenschaften tatsächlich besitzt.“
[Der Doktor erstarrt. Ein Nerv zuckt an seiner Schläfe.]
Tom: [leise] „Jetzt hat er’s getan.“
Harry: „Das war der Todesstoß.“
Seven: „Ich empfehle Deckung.“
Der Doktor: „Commander Tuvok … Ich werde Ihnen jetzt etwas sagen, das ich nie für möglich gehalten hätte: Sie… haben… KEINEN… Sinn für lyrische Ästhetik!“
Tuvok: [blinzelt langsam] „Im Gegenteil, Doktor.“
[Der Doktor stößt einen Laut aus, der irgendwo zwischen einem Wimmern und einem Opernsopran liegt.]
Tom: [zu B’Elanna] „Ich geh schon mal. Das dauert jetzt.“
B’Elanna: „Ja. Wenn die beiden anfangen, über Kunst zu diskutieren, ist der Abend gelaufen.“
Harry: „Ich nehme die Seitentür.“
Seven: „Ich werde regenerieren. Das ist effizienter.“
[Nach und nach verlassen die Crewmitglieder das Holodeck. Leise. Einer nach dem anderen. Der Doktor und Tuvok bemerken nichts.]
Tuvok: „Doktor, Ihre Kritik entbehrt jeder Grundlage.“
Der Doktor: „Ihre Verse entbehren jeder Emotion!“
Tuvok: „Emotion ist irrelevant.“
Der Doktor: „Für die Poesier NICHT!“
Tuvok: „Dann ist ihre Kultur … ineffizient.“
Der Doktor: [schnappt nach Luft] „Sie … Sie … Sie sind ein… ein… LYRIK-SABOTEUR!“
Tuvok: „Ich bevorzuge den Begriff ‚Qualitätskontrolleur‘.“
[Pause. Beide atmen schwer. Dann drehen sie sich gleichzeitig um.]
Der Doktor: „… Wo ist die Crew?“
Tuvok: „Sie hat den Raum verlassen.“
Der Doktor: „WAS?!“
Tuvok: „Offenbar war unsere Diskussion … abschreckend.“
[Der Doktor starrt ins leere Theatron. Der Chor der Poesier blickt synchron auf ihn herab.]
Der Doktor: [flüstert] „Ich hasse Proben.“