Elim Garak saß allein in seinem Quartier. Er wollte die Einsamkeit, ja, er suchte sie sogar. Obwohl der Wohnraum nicht sonderlich groß war, fühlte es sich wie eine Erlösung an – er musste nicht mehr in die Enge zurück, nicht mehr hinter den Wandpanelen der Zelle auf dem Asteroiden der Jem'Hadar. Er war zuhause. Oder an dem Ort, den er sich selbst seit Jahren als ‚Zuhause‘ einredete. Denn zurück nach Cardassia konnte er nicht, auch wenn es ihn gerade jetzt stärker als je zuvor dorthin zog. Er wollte zu Mila, seiner Mutter, der einzigen Person, der er wirklich noch vertrauen konnte. Er wollte sie in den Arm nehmen, ihr sagen, dass Enabran Tain nicht allein sterben musste. Und auch, dass er noch die Gelegenheit bekam, ihm sein Shri’Tal anzuvertrauen.
„Ich bin stolz auf Dich“, hatte Tain mit letzter Kraft gesagt, und dies waren Worte, die mehr Gewicht als irgendein Geständnis oder ein Schwur hatten. Elim spürte diesen Stolz und zum ersten Mal in seinem Leben fühlte er einen zarten Hauch väterlicher Liebe, die ihm im Leben verwehrt geblieben war. Aber er konnte nicht nach Hause, nicht zurück zu Mila.
Als Junge hatte Elim seine Mutter immer für unerschütterlich gehalten. Und doch gab es diese seltenen Augenblicke, in denen sie weich wurde – wenn sie ihm abends die Decke zurechtzog oder ihm heimlich ein Stück Kuchen aufs Zimmer brachte, obwohl er längst im Bett sein sollte. Diese kleinen Gesten hatten sich tief in ihm verankert, wie Beweise dafür, dass unter all ihrer Strenge ein warmes Herz schlug. Nach außen wirkte Mila wie eine Frau, die nie müde wurde, die früh aufstand und spät ins Bett ging, die mit schmalem Mund und schnellen Händen das Haus zusammenhielt. Für Elim war sie eine Art Naturkraft gewesen: streng, resolut, eine Frau, die nie Zeit für Sentimentalität gehabt hatte und die gelernt hatte, ihre Gefühle so präzise zu falten wie die Hemden, die sie für Enabran Tain wusch.
Dennoch hatte Elim nie verstanden, warum sie manchmal so still wurde, wenn Tain in der Nähe war, warum ihre Schultern dann ein wenig höher standen und ihre Stimme ein wenig leiser wurde. Für Elim war das einfach „Mamas Art“.
Doch trotz allem: Wenn sie ihn ansah, war da immer ein Blick, der niemandem gehörte außer ihm. Ein Blick, der sagte, dass sie ihn liebte – auch wenn sie nie die Zeit, die Freiheit oder die Erlaubnis hatte, es auszusprechen. Und über all dem stand der Mann, der ihr Leben enger gemacht hatte, als sie es je zugeben würde.
Für ihn war Enabran Tain immer der Mann gewesen, der allein in diesem großen Haus lebte, in dem seine Mutter tagtäglich für Ordnung sorgte und sein Vater den Garten pflegte. Ein Schatten in den Räumen, eine Stimme, die man nur hörte, wenn etwas nicht nach seinen Vorstellungen lief. Enabran Tain war ein Mann, der nie laut werden musste, um einen Raum zu beherrschen. Für Elim war der Führer des Obsidianischen Ordens schon als Kind ein Mann gewesen, dem man nicht widersprach. Er erinnerte sich an die seltenen Momente, in denen Tain sich zu ihm herabbeugte, ihm eine Hand auf die Schulter legte und mit dieser warmen, kontrollierten Stimme sprach. Es war ein Tonfall, der Vertrauen wecken sollte – und gleichzeitig klarmachte, dass Widerspruch keine Option war.
Heute sah Elim die Mechanik dahinter, wie Tain Räume formte, Menschen lenkte, Entscheidungen erzwang, ohne jemals die Stimme zu heben. Tolan Garak hatte ihm immer gesagt, er solle sich von dem Haus fernhalten, und doch war es Enabran gewesen, der ihn förderte und ihm Plätze an den besten Schulen und Instituten Cardassias verschaffte. Für Elim hatte das nie wirklich Sinn ergeben – das Kind einer Haushälterin und eines Gärtners gehörte nicht an solche Orte. Und dann hatte ihn die Erkenntnis, ein uneheliches Kind von einer der mächtigsten Personen Cardassias zu sein, wie ein Schlag getroffen.
Ironischerweise war es genau eine dieser Schulen, die das Geheimnis ans Licht brachten.
Ein Projekt seines Biologiekurses.
Die Aufgabe war simpel: Erstellen Sie einen genetischen Stammbaum Ihrer Herkunft.
Elim entnahm ein paar Haare der Bürste seiner Mutter und tauschte die Zahnbürste seines Vaters aus. Dann extrahierte er im Schullabor die DNA und ließ den Computer rechnen. Kurze Zeit später erschien das Ergebnis:
Mutter, Mila Garak – Übereinstimmung 99,8 %.
Vater, Tolan Garak – Übereinstimmung 25 %.
Elim wurde stutzig. Das musste ein Fehler sein. Er nahm eine weitere Probe, dieses Mal ein benutztes Taschentuch. Doch auch hier wieder dasselbe Ergebnis: Tolan Garak war nicht sein leiblicher Vater, er war mit ihm verwandt, aber gewiss nicht sein Sohn.
In dieser Nacht schlich er sich aus der Kellerwohnung hinauf ins Haus und verschaffte sich Zugang zu Tains Arbeitscomputer. Das Umgehen der Sicherheitssperren löste einen stillen Alarm aus, der Enabran weckte. Als er sein Arbeitszimmer betrat und einen Einbrecher erwartete, fand er Elim, wie er auf die zentrale Genetik-Datenbank starrte – ein Popup blinkte: „Daten nicht gefunden.“
Noch ehe Enabran etwas sagen konnte, drehte sich Elim um. Seine Stimme war kaum mehr als ein Atemzug.
„Wer ist mein Vater … wer bin ich?“
Enabran erstarrte. Er wollte ihn rügen, ihm für seine Dreistigkeit eine Ohrfeige verpassen, doch diese traf ihn nun selbst.
„Komm, lass uns reden.“ Sagte er besonnen und trat einen Schritt beiseite, um den Weg aus dem Zimmer freizugeben.
Sie setzten sich ins Wohnzimmer, ungewöhnlich nah beieinander, als wollte Enabran nicht, dass das Gesagte den Raum verließ. Aber es folgte ein Schweigen. Das mächtige Oberhaupt des Obsidianischen Ordens wusste nicht, wie er einem Teenager erklären sollte, dass er sein Vater war.
Es war Mila, die die Stille durchbrach: „Elim … Du musst verstehen … Ich hatte keine Wahl.“
Ihre Stimme war kaum hörbar, rau, als hätte sie Angst, dass jedes Wort zu laut sein könnte. Sie warf einen schnellen Blick zu Enabran, nicht bittend, sondern prüfend – wie jemand, der seit Jahren gelernt hat, welche Sätze man sagen darf und welche nicht.
„Als ich mit Dir schwanger war …“ Sie stockte, ihre Hände verkrampften sich ineinander. „… da war klar, dass ich niemals Deine Identität preisgeben darf.“
Enabrans Kiefer spannte sich, doch er sagte nichts.
„Er wollte … sicher sein“, flüsterte sie. „Sicher, dass ich nichts erzähle. Sicher, dass niemand erfährt, was passiert ist. Deshalb mussten wir in seiner Nähe bleiben. Deshalb dieses Haus. Deshalb … alles.“
Sie atmete flach, als würde allein das Erinnern sie ersticken.
„Tolan …“ Ihre Stimme brach kurz. „Tolan ist mein Bruder. Er hat mich geheiratet, um uns zu schützen. Es hat Enabran einiges an Mühen gekostet, die Spuren zu verwischen und uns neue Identitäten zu geben. Damit ich nicht …“ Sie wagte nicht, den Satz zu Ende zu sprechen.
„Dein Onkel hat Dich wie seinen eigenen Sohn behandelt, obwohl er wusste, dass Du es nicht bist. Und ich …“
Sie sah Elim an, und in ihrem Blick lag eine Mischung aus Schuld und Verzweiflung. „Er hat mir verboten, Dir die Wahrheit zu sagen.“
Wieder dieser Blick zu Enabran. Dann atmete er hörbar aus, als hätte Milas Geständnis etwas in ihm gelöst, das er jahrelang festgehalten hatte. Er sah Elim an, lange, bitter, und als er schließlich sprach, war seine Stimme ruhig, aber auch ohne jede Beschönigung.
„In dieser Welt“, begann er, „überlebt ein uneheliches Kind nicht. Nicht in meiner Position. Nicht in meinem Umfeld. Du wärst … ein Angriffspunkt gewesen. Ein Druckmittel. Ein Makel, den man gegen mich hätte verwenden können.“
Tain stand auf, lief um das Sofa herum und sprach mit jener festen Stimme, die Elim bereits als kleiner Junge so fürchtete.
„Ich kann mir keine Fehler erlauben. Und doch … bist Du hier.“
Ein bitteres, fast ungläubiges Lächeln huschte über sein Gesicht.
„Du hättest niemals existieren dürfen. Nicht offiziell. Nicht in den Akten. Nicht in den Köpfen der Leute, die mich beobachten. Deshalb habe ich Dich geschützt, wie man etwas schützt, das nicht auffallen darf. Indem man es … unsichtbar macht.“
Er sah kurz zu Mila, dann wieder zu Elim.
„Ich kann Dir keine väterliche Liebe geben, aber ich habe Dich gefördert. Ich habe Dich gefördert, weil Du Talent hast – und weil Talent ohne Herkunft auf Cardassia nichts wert ist. Ich wollte Dir eine Chance geben, die Du ohne Namen nie bekommen hättest. Aber meinen Namen …“ Er schüttelte den Kopf. „… meinen Namen konntest Du nie tragen. Er hätte Dich getötet.“
Dann, nach einem Moment, in dem er die Fassung fast verlor, fügte er hinzu: „Und vielleicht … vielleicht hätte er mich auch zerstört.“
Elim stand auf und ging. Er sah weder zu Enabran noch zu seiner Mutter. Er ging ruhig, ohne jede Regung, und verließ seine Eltern. Am nächsten Morgen fand er sein Pad mit der Biologieaufgabe auf dem Küchentisch:
Ergebnis der genetischen Herkunftsanalyse von Elim Garak:
Mutter, Mila Garak Übereinstimmung 99,8 %
Vater, Tolan Garak Übereinstimmung 99,8 %