Kapitel 1: Die etwas andere Hochzeitsnacht
Ezri Dax kicherte, als ihr frisch angetrauter Ehemann Julian Bashir sie hochhob und über die Schwelle des gemeinsamen Quartiers tragen wollte. Sie half ihm, den Zahlencode bei der Tür einzugeben, damit sie überhaupt hinein konnten. Für einen verbesserten Menschen gelang es ihm nicht, seine Frau in den Armen festzuhalten und gleichzeitig mit einer Hand zu tippen.
„Wieso wurde in unserem Jahrhundert kein Sprachcode für diese Türen standardisiert erstellt? Trägt denn heute niemand mehr seine Frau über die Türschwelle? Ich habe es noch so in Erinnerung...”
„Du kannst deine Kraft nicht richtig aufteilen und tust dich schwer mit der Balance. Aber das ist ja nicht schlimm. Ich liebe dich trotzdem”, flüsterte sie ihm ins Ohr.
„Meine Bewegungen wurden so verbessert, dass es mir eigentlich leicht fallen müsste. Ich habe Miles so oft beim Darts besiegt, weil ich das Ziel im Prinzip immer getroffen habe. Erzähl ihm das bloß nicht. Ich musste deswegen einen weiteren Abstand beim Werfen einnehmen.”
„Hast du ihn gewinnen lassen?”
„Gelegentlich. Wäre doch langweilig, wenn ich immer ins Schwarze treffe.”
Sie lachte und beide verloren nach dem Durchschreiten das Gleichgewicht und stürzten zu Boden.
„Ups. Meine Schuld. Ich habe dich abgelenkt.”
„Geht schon. Hattest du eine weiche Landung?”, fragte Julian sie.
„Oh ja, ich bin auf dir gelandet”, amüsierte sie sich und schob sich von ihm runter.
Julians Gesicht wurde etwas rot. „Du wirst nicht herum erzählen, dass dein Mann dich nach ein paar Schritten hat fallen lassen, oder? Das wäre mir peinlich. Ich mag nicht der männlichste Mann sein, aber immer noch ein Mann.”
Ezri seufzte und gab ihm einen Kuss. „Natürlich nicht. Du erzählst doch auch nicht alles, was du so in deinem Beruf als Arzt siehst oder ziemlich private Angelegenheiten deiner Freunde und Familie.”
„Nein, das sind Dinge, die nur die Betroffenen etwas angehen. In meinem Beruf sowieso nicht. Tust du doch genauso wenig als Councelor.”
„Das stimmt. ... Was meinst du − lasse ich das Kleid noch etwas länger an? Es ist so wunderschön.”
„Ich würde sagen, lass es noch an. Es schmeichelt dir und außerdem ist es teilweise leicht durchsichtig.”
Er fuhr zärtlich am Stoff ihres Kleides mit seinen schlanken Fingern entlang; Ezri schloss die Augen und genoss die Berührung. Sie nahm seine Hände mit ihren und führte sie an ihrem Körper entlang. Die Wärme seiner Haut, die sich für einen Mann überraschend weich anfühlte. Die grazilen Finger, die genau zu wissen schienen, wo sie einen berühren durften. So etwas konnte man nicht lernen. Diese Fähigkeit besaß man oder nicht und er konnte sie anwenden.
Wieso Julian so lange suchen musste, bis er die Frau gefunden hatte, die ihn heiraten wollte, hatte er sich bestimmt schon oft gefragt. Als Frau konnte sie darauf eine ungefähre Erklärung abgeben: Julian war ein schöner Mann mit übermenschlichen Fähigkeiten und femininen Anteilen. Rein theoretisch würde ihm ihr Kleid mit leicht angepassten Maßen wohl ziemlich gut stehen. Er hätte von sich aus keinen Bedarf, ein Kleid zu tragen, so wie sie ihn kannte. Aber man konnte ihn auch nicht einfach in irgendwelche groben Klamotten stecken wie einen Klingonen.
Nicht wenige Frauen wollen nicht, dass ihre Männer besser aussehen als sie. Wenn der Mann dann zudem hochintelligent ist und gutmütig, übersteigt das die Toleranzgrenze. Sie konkurrieren plötzlich mit dem eigenen Mann und werden unsichtbar. Doch Ezri Dax sah es nicht so. Sie war ein anderer Typ Frau.
Nicht wie Jadzia Dax, die Männer wie Frauen für sich gewinnen konnte. Ezri musste sich mit niemanden messen oder duellieren. Julian hatte das auch nicht getan. Sie gehörten beide eher zu der zurückhaltenden Sorte, die mit der Zeit selbstbewusster wurde und waren sich viel ähnlicher als ihre vorigen Partner. Das hatte sie gespürt und dass sie zusammen gehörten. Ihre vermeintlichen Schwächen wandelten sie in Stärken um, die man ihnen nicht ansah.
Sie spürte, wie er sich an ihren Rücken schmiegte, seinen Atem im Nacken gefolgt von den Lippen, die ihre Haut berührten. Schon bald fühlte es sich an, als versuchten sie miteinander zu verschmelzen, obwohl beide angezogen waren, wanderten ihre Hände unter die Kleidung. Zeit wurde bedeutungslos...
„Ich will eine Familie mit dir gründen und ein Kind mit dir bekommen, gemeinsam Eltern sein”, sagte Julian zu ihr, als er sie nun anblickte. „Das möchte ich auch. Komm, lass uns ins Schlafzimmer gehen.”
Sie schlossen die Tür. Julian half Ezri, ihr Kleid auszuziehen. Sie stand in Unterwäsche da und streifte die Kleidung ihres Mannes ab bis auf die Unterwäsche. Im Begriff, ins Bett zu klettern, um sich ganz zu entkleiden, ertönte das Geräusch der Haupttür zum Quartier.
„Wer kann das denn nun sein? Es ist mitten in der Nacht...” Julian öffnete die Tür, wie er war. Vor ihm stand Garak. „Garak? Was machst du um die Zeit hier? Ich dachte, du würdest schlafen.”
Der Cardassianer lächelte entschuldigend, in dem Wissen, dass sein Auftauchen als Störung empfunden werden würde. Seine Erklärung hatte er sich zurecht gebastelt. Schließlich gab ihm sein zweites Ich, das ihn kurz vorher in seinem Quartier aufgesucht und ihm den Grund dargelegt hatte, was er tun musste, die Schritte vor. Ein Garak, der durch die Zeit gereist war, um Brüche in dieser zu reparieren. Kaum älter als er selbst.
Doch er kam aus der Zukunft zurück und berichtete ihm von seiner Tochter, die er haben würde. Ausgerechnet mit Ezri. Julian wäre nicht einmal der Vater, nein, er müsste sogar zur Leihmutter werden, weil Ezri das Kind nicht austragen konnte.
„Ich würde euch nicht stören, wenn es nicht sein müsste. Aber jemand hat mich in meinem Quartier besucht und mir einige wichtige Dinge gesagt, die er tun musste, bevor er weiter gereist ist. Ohne es zu ahnen, hat die Person die Existenz mehrerer Personen gerettet und mir eine Aufgabe aufgetragen, die ich erfüllen muss. Darf ich reinkommen, um es zu erläutern?”
Julian sah man seine Unlust an, sich von dem abhalten zu lassen, was er eigentlich vorhatte. „Kann das nicht bis später warten? Ezri und ich wollen jetzt wirklich für uns sein.”
„Das kann es nicht. Ich verstehe, dass ihr beide miteinander schlafen wollt−”
„Es geht nicht nur darum. Wir versuchen, ein Kind zu zeugen.”
„Ich weiß. Du wirst aber nicht der Vater sein.”
Julian zog ihn ins Quartier und schloss die Tür. „Was sagst du da? Warum sollte ich nicht der Vater sein? Und was meinst du mit ‚wirst’? Das klingt, als ob du bereits wüsstest, dass Ezri heute schwanger wird...”
„Mein Besucher ist durch die Zeit gereist. Er war mein zweites Ich, Elim Garak. Mich gibt es in diesem Universum nun doppelt.”
„Was? Kann es sein, dass du ein bisschen zu viel Kanar getrunken hast auf der Feier?”
„Julian, ich bin nüchtern und leide auch nicht unter Halluzinationen. Diese Dinge sind passiert bzw. manche werden sich noch ereignen. Ich habe eine Tochter namens Illa Dax, die später ins 32. Jahrhundert gereist ist und dort lebt. Der zweite Garak ist ihr kurz begegnet und kam danach hierher zurück. Den letzten Zeitsprung unternahm er in die Vergangenheit nach Cardassia, als ich dort ein junger Mann war. Er kommt nicht zurück.”
Julian musste sich setzen. Ihm schwirrte der Kopf. Dax? Illa Dax?
Ezri erschien im Raum. „Was ist los? Wer ist Illa Dax?”
Garak schaute zu ihr. „Sie ist unsere Tochter. Deine und meine. Julian wird eine entscheidende Rolle spielen als Leihmutter. Außerdem bekommt Illa irgendwann den Symbionten, wenn du das Ende deines Lebens erreichst, wann immer das auch sein wird”, erklärte er. „Die etwas ältere Version von mir hat es mir gesagt. Ich denke, er ist dir schon mal begegnet vor zwei Jahren.”
Ezri nickte langsam. „Ja, er tauchte kurz in meinem Quartier auf, als ich Jorans Geist herauf beschwören wollte, um einen Mordfall zu lösen. Er hielt mich davon ab, weil es mein Leben später in Gefahr gebracht hätte und half mir stattdessen, den Mörder zu überführen. Er bat mich, es für mich zu behalten und verschwand in der Zeit. Komischerweise habe ich seitdem immer an diesen Garak denken müssen.”
„Das beruht auf Gegenseitigkeit. Julian ist nicht die einzige Person, für die Garak bzw. ich gewisse Gefühle hege. Nur wollte ich es mir nie gestatten. Es sind so viele gestorben, die mir etwas bedeutet haben. Nicht jeden davon habe ich geliebt, aber dennoch sind ihre Verluste schmerzhaft für mich. Ziyal, Mila, Tain, Tolan, Damar...” Er schluckte schwer und behielt die Trauer für sich.
Ezri ging auf ihn zu. Er schaute zu Boden und spürte, wie sie seine Hände in ihre nahm. Julian erhob sich und kam hinzu.
„Ach Garak...”
„Sag nichts.”
„Doch, das muss ich. Ich weiß zufällig, wie das ist, wenn man von jemandem geliebt wird, dessen Liebe man nicht erwidert. Sie wusste es − Jadzia. Sie entschied sich für einen anderen Mann. Curzon hingegen hat sich nie ernsthaft auf etwas Festes eingelassen. Er lief lieber davon, weil er sich vor dem Verlust fürchtete. Er liebte sein Leben und erreichte ein hohes Alter für einen Trill, ohne jemals eine tiefgreifende Beziehung zu führen, wenn man von seinen freundschaftlichen Bindungen absieht.”
„Und ich bin derjenige, der sich in Frauen verliebt hat, mit denen Beziehungen entweder scheiterten oder im Fall von Jadzia gar nicht zustande kamen. Ihr Tod hat mich tief getroffen. Für dich war er auch schmerzvoll, habe ich recht?”, fragte Julian ihn, was Garak bejahte.
„Dann sollten wir diese Chance vielleicht nutzen, die uns gegeben wurde. Oder willst du noch immer nach Cardassia?”
„Der andere Garak lebt wahrscheinlich jetzt dort, wenn er nicht gestorben ist. Er baut meine Heimat gemeinsam mit Parmak wieder auf. Nein, ich will bei euch bleiben und Teil eurer Beziehung sein, wenn ihr mich lasst.”
Damit waren sie einverstanden. Die Schlafzimmertür öffnete sich erneut und schloss. Drei Personen kamen nun zusammen.