Historische Anmerkung
Diese Geschichte spielt im Jahr 2372
Die Wellen trafen mit einem gleichmäßigen, fast hypnotischen Rhythmus auf das Ufer. Es war kein bedrohliches Tosen wie bei einem Sturm, sondern ein sanftes, tiefes Rauschen, das den gesamten Horizont ausfüllte.
Ro Laren stand im seichten Wasser. Der weite Ozean war ungewöhnlich warm, spiegelglatt bis zu den Schimmerzonen am Horizont, wo zwei kleine Monde langsam aufstiegen. Sie schob die Ärmel ihrer schlichten, rauen Leinenkleidung hoch – die Uniform des Maquis lag zusammengelegt in ihrer Hütte – und spürte den feinen, kühlen Sand zwischen den Zehen, sobald sich das Wasser wieder zurückzog.
Für jemanden, die ihr halbes Leben in engen Raumschiffkorridoren, überfüllten Flüchtlingslagern auf Bajor oder in den staubigen Höhlen der Maquis-Verstecke verbracht hatte, war dieser Ort wie ein Paradies. Die Insel bestand fast nur aus hoch aufragenden Palmenwäldern, glatt geschliffenem Fels und endlosem Sand. Ro war eher zufällig an die Koordinaten gelangt – der Hinweis eines Maquis-Kameraden hatte sie durch den dichten, unwegsamen Rolor-Nebel gesteuert. Dieses abgelegene System diente als Refugium für Verfolgte, egal ob sie vor den Cardassianern, dem Obsidianischen Orden oder den Gesetzen der Sternenflotte flohen. Hier herrschte absolute Stille, uneinsehbar für jeden Sensor.
Ro atmete tief ein. Die Luft schmeckte nach Salz, der unbekannter Flora und Fauna dieser Welt und der verbleibenden Hitze eines langen Sommertages. Es war eine jener warmen Nächte, in denen die Dunkelheit keine Kälte brachte, sondern sich wie ein weicher Mantel über die Insel legte. Sie ließ sich in den Strandhafer zurückfallen, schloss die Augen und lauschte dem Wind, der leise durch die Palmwedel strich.
Für ein paar Stunden wollte sie vergessen. Vergessen, dass draußen im Sektor Maquis-Zellen aufgerieben wurden. Vergessen, dass ihr Verrat an der Sternenflotte – an Captain Picard – noch immer wie eine dunkle Wolke über ihr schwebte. Hier gab es nur das Meer, den Himmel und die Stille.
Doch die Ruhe sollte ihr nicht für lange vergönnt sein.
Ein leises, hochfrequentes Piepen schnitt durch die Nachtmusik der Brandung. Ro fuhr herum und war mit einem Satz auf den Beinen. Ihr Waffenholster lag griffbereit auf einem flachen Stein neben ihrer Hütte. Mit einer fließenden Bewegung griff sie nach dem Phaser, schaltete ihren Tricorder auf Breitband-Passiv-Scan und rief die verschlüsselten Telemetriedaten des Subraum-Repeaters ab, den sie in den Klippen versteckt hatte. Die Sensoren registrierten weder die typische Graviton-Signatur eines Warp-Kerns noch die verschlüsselten Trägerfrequenzen eines cardassianischen Militärkanals.
Es war ein stotterndes, schwaches Signal auf einer veralteten Notfrequenz der Sternenflotte.
Ro runzelte die Stirn. Ein Sternenflottensignal mitten im Rolor-Nebel? Und das Signal kam nicht aus dem Orbit, sondern verlor rasant an Höhe. Sie trat aus dem Schatten der Hütte an die Wasserkante und blickte hinauf in den nächtlichen Himmel.
Erst sah sie nur das Dämmern der Sterne. Dann zog ein glühender Punkt eine feine, rote Spur durch die obere Atmosphäre – wie eine Sternschnuppe, die viel zu langsam fiel und spuckende Funken schlug.
Eine Rettungskapsel. Das Triebwerk hustete in unregelmäßigen Abständen, versagte vollends und schlug in einem flachen Winkel etwa zweihundert Meter vor der Insel auf das offene Meer auf. Gischt schoss hoch in den Nachthimmel, begleitet von einem hohlen Wumm, das über das Wasser dröhnte.
Ro entsicherte die Waffe, stellte die Leistung auf Betäubung und machte sich auf das Schlimmste gefasst. Ein verirrter Sternenflottenpilot? Ein cardassianischer Spion in einer Rettungskapsel?
Sie wartete nicht. Sie stieß den kleinen, flachen Gleiter ins Wasser und steuerte direkt auf die Absturzstelle zu.
~
Die Rettungskapsel trieb träge im sanften Wellengang. Sie war schwer beschädigt – Brandspuren überzogen die Hülle, das Sichtfenster war von innen beschlagen und rußgeschwärzt. Als Ro ihren Gleiter längsseits steuerte, stieg ihr der beißende Geruch von geschmolzenem Kunststoff und verbranntem Plasma in die Nase.
Mit dem Griff ihres Phasers schlug sie gegen die manuelle Notentriegelung der Luke. Zischend entwich der Druck, und die Luke klappte schwer nach außen.
Ro leuchtete mit einer Handlampe in den engen, raucherfüllten Innenraum.
„Keine Bewegung, wer auch immer da—“, begann sie mit harter, geschulter Stimme. Doch die Worte blieben ihr im Hals stecken.
Am Boden der Kapsel, zusammengekauert zwischen herausgerissenen Kabeln und zerstörten Instrumenten, lag eine bewusstlose Frau. Die gelbe Uniform der Sternenflotte war zerrissen, verrußt und an der Schulter von getrocknetem Blut durchtränkt.
Ro beugte sich vor, packte die Verunglückte am Oberarm, um sie herauszuziehen, und leuchtete ihr ins Gesicht, um die Vitalfunktionen zu prüfen.
Das Licht traf auf eine feine, charakteristische Riffel-Struktur auf dem Nasenrücken. Auf dunkles, verfilztes Haar. Und auf die blassen, erschöpften Züge einer jungen bajoranischen Frau.
Ro erstarrte. Das Herz hämmerte ihr plötzlich gegen die Rippen. Sie kannte dieses Gesicht. Sie hatte es schon mehrere Male gesehen.
„Das... das ist unmöglich“, flüsterte Ro in die Stille der Nacht.
Sie blickte nicht auf eine fremde Person, sondern in ein Gesicht, das sie vor zwei Jahren fast täglich in den Korridoren, in den Turboliften und in der Messe der Enterprise gesehen hatte. Sito Jaxa. Die leise, pflichtbewusste Junior-Sicherheitsoffizierin, die zusammen mit ihren Freunden gescherzt und gelacht und die sich zuletzt den Respekt des Sicherheitschefs Worf verdient hatte. Die junge Frau, die im Holodeck bis zur Erschöpfung trainierte, um ihre Vergangenheit nach dem Skandal des Nova-Geschwaders wiedergutzumachen.
Sie hatten zusammen auf der Enterprise gedient. Ro erinnerte sich noch daran, wie Sito sie einmal in der Messe mit einer Mischung aus Respekt und Scheu angesehen hatte – zwei Bajoranerinnen in der Sternenflotte, beide von Captain Picard gefördert, beide mit einer schweren Last aus der Vergangenheit.
Und dann kam die Mission hinter den cardassianischen Linien. Worf hatte nach Sitos mutmaßlichem Tod Wochen gebraucht, um den Verlust zu verarbeiten; er hatte sich selbst die Schuld daran gegeben. Und ihre Freunde... sie saßen fortan viel zu oft stumm am gewohnten Tisch im Zehn Vorne. Das Lachen war aus ihrer Runde verschwunden.
„Sito...“, flüsterte Ro. Die Worte fühlten sich fremd auf ihren Lippen an. „Du bist tot... Du solltest tot sein.“
Sito regte sich schwach, ein leises Stöhnen entwich ihren trockenen Lippen, doch die Augen blieben geschlossen.
Ro verlor keine Sekunde mehr. Sie packte Sito fest unter den Achseln, zog ihren geschundenen, abgemagerten Körper aus den Trümmern der Kapsel und hob sie vorsichtig auf den kleinen Gleiter.