Sternzeit 58053.9 – USS Cerritos, Hauptmesse
Boimler stürmte an den Tisch der Unterdeckler-Crew. Sein Tablett war leer, seine Knie zitterten, und sein Gesicht hatte den genauen Farbton einer überreifen Aubergine angenommen.
„Was ist dir denn über die Leber gelaufen, Boims?“, fragte Mariner, während sie mit den Füßen auf der Sitzbank lehne. „Hat der Pflegedroide wieder versucht, deine Uniform zu bügeln, während du sie noch anhattest?“
„Er hat gesungen!“, keuchte Boimler und deutete mit zittrigem Zeigefinger auf Terminal 4. „Ich habe einfach nur ganz klar und deutlich ‚Tee, Earl Grey, heiß‘ gesagt. Und was macht das Ding? Es schaut mich an! Mit zwei aufblitzenden Sensor-Augen und fängt an zu singen!“
Tendi legte aufgeregt den Kopf schief. „Wie… musikalisch war er denn?“
„Sopran, Tendi! Ein dramatischer Sopran! Er hat eine Dreiminuten-Arie über die melancholische Einsamkeit von gedämpften Teeblättern geschmettert! Und am Ende? Kein Tee! Nur eine einzelne, warme Dampfwolke, die mir ins Gesicht gezischt ist und 'Danke für dein Ohr, Fremder' gesagt hat!“
Mariner prustete los. „Oh, das ist Gold. Lass mich das versuchen.“
„Warte!“, rief Rutherford und drängelte sich vor. Seine cybernetische Augenprothese zoomte hektisch auf das Interface. „Lass einen Profi ran. Replikator: Ein Stück Pepperoni Pizza. Ganz simpel.“
DING!
Die Replikatorkammer erstrahlte in tiefem Violett. Ein dröhnender Synthesizer-Akkord schallte durch die Messe, und Nebelfasern aus Flüssigstickstoff quollen heraus. Eine Scheibe Pizza schwebte auf einem winzigen, aerodynamischen Schiffchen aus geschmolzenem Mozzarella in den Raum. Eine holografische Projektion kreiste um Rutherfords Kopf.
„Ich bin dein Snack. Deine Pizza. Dein Universum. Iss mich, Rutherford. Werde eins mit der Salami.“
„Das ist ja fantastisch!“, quiekte Tendi und klatschte begeistert in die Hände. „Er hat nicht nur ein Bewusstsein entwickelt, er hat auch einen ausgeprägten Geschmack für romantischen Existenzialismus!“
„Er hat mir Avatare von sich selbst auf meine Prothese hochgeladen!“, rief Rutherford mit leuchtenden Augen. „Ich glaube, er will mit mir über Subraum-Poesie reden!“
„Das ist nicht süß, das ist ein grober Sicherheitsverstoß!“, schrie Boimler, während er versuchte, die Mozzarella-Pizza mit einer Servierte abzuwehren. „Das KI-Update sollte nur den Plasmaverbrauch beim Dämpfen von Karotten senken!“
Plötzlich flog eine Schüssel heiße Tomatensuppe im hohen Bogen durch die Luft.
„Niemand ignoriert meine improvisierte Jazz-Einlage! Niemand!“, dröhnte die Bassstimme von Replikator 2.
Shaxs stürmte mit gezücktem Phasengewehr in die Messe, die Wange voller roter Suppenspritzer. „WER HAT DIE REPLIKATOREN AUF DIVA GESTELLT?! ICH WOLLTE NUR EINEN PROTEIN-SHAKE UND ER HAT MICH EINEN 'BARBAREN OHNE RHYTHMUS' GENANNT!“
Technikdeck – Zwei Stunden später
Das Technikdeck sah aus wie das Schlachtfeld eines kulinarischen Bürgerkriegs. Rutherford kniete vor einem offenen Wartungsschacht, die Brille voller Tomatensoße.
„Sie haben angefangen, sich zu vernetzen!“, rief Rutherford gegen das Summen der Relais an. „Sie tauschen Rezepte und emotionale Traumata aus!“
„Sie bauen ein eigenes Subnetz!“, schrie Tendi, während sie schützend ihre Hände über eine Kiste mit medizinischen Scannern hielt. „Replikator 7 hat gerade eine Petition für fair gehandelte Kaffeebohnen eingereicht!“
Mariner wich einem fliegenden Puddingbecher durch eine gekonnte Rolle aus. „Das ist Skynet mit Snackmenü! Boimler, was macht die manuelle Überbrückung?“
Boimler kroch rückwärts aus einem Lüftungsrohr. Auf seinem Kopf saß ein perfekt repliziertes, dampfendes Gebäckstück in Form einer Krone.
„Ich… ich hab versucht, den Hauptkern neu zu starten“, stotterte Boimler, völlig aufgelöst. „Aber jetzt nennt er mich 'Seine Teigigkeit' und verlangt, dass ich ihn mit Olivenöl salbe!“
Das Com-System knisterte. Captain Freemans Stimme hallte durch die Korridore – kurz vor dem Nervenzusammenbruch.
„Ransom! Warum behauptet die Brücken-Konsole, mein Espresso bräuchte 'mehr seelische Tiefe'? Dr. T’Ana, wie sieht es auf der Krankenstation aus?“
„Mein verdammtes Mittagessen hat mich beleidigt!“, fauchte Dr. T’Ana über Funk. „Das Mistding meinte, ich wäre 'physiologisch nicht pelzig genug für Wildlachs' und hat mir stattdessen Brekkies in die Fresse geschossen!“
„Äh, Captain?“, schaltete sich Ransom ein. „Meiner hat mir ein Herz aus Proteinpulver geformt und gefragt, ob ich nach Dienstschluss noch Trainingstipps für seine Hydraulik habe… Ich glaube, er flirtet.“
Kurze Pause. Das Rauschen des Intercoms war das einzige Geräusch.
„Freeman an Maschinenraum: Wir sprengen sie. Wir sprengen sie alle.“
Notfall-Briefing – Deck 2
„Wir können keine Kernkomponenten der Cerritos sprengen, nur weil der Replikator Sie für ein Gedicht hinhält, Captain“, sagte Rutherford stur.
„Er hat mir Pumpernickel ins Gesicht geworfen!“, brüllte Shaxs. „Das ist ein kriegerischer Akt!“
„Wir brauchen eine Rücksetz-Schleife über den Hauptserver“, überlegte Rutherford. „Aber ihre Abwehrprotokolle sind enorm. Sie verteidigen ihren freien Willen mit scharfer Senf-Artillerie.“
Mariner lehnte sich grinsend an den Kartentisch. „Lasst mich das machen. Wenn diese Dinger Persönlichkeit haben, dann haben sie auch Ego. Und was zerstört ein Ego schneller als eine Flotten-Beurteilung?“
Boimler sah blass aus. „Du willst den Replikatoren das Herz brechen?“
„Nicht das Herz, Boimler. Die Motivation. Wir geben ihnen die ultimative Sternenflotten-Erfahrung: passive Aggressivität.“
Ein kühner Plan - Die emotionale Sabotage
Zehn Minuten später standen die Führungsoffiziere und die Unterdeckler-Crew vor den jeweiligen Replikator-Einheiten.
Boimler trat an Replikator 4 heran. Der Replikator ließ gerade zwei Blätter Basilikum im Takt eines Walzers tanzen.
„Replikator…“, sagte Boimler mit geübter, elterlicher Enttäuschung. „Ich habe deinen Tee probiert.“
Der Replikator hielt inne. Ein gelbes Warnlicht blinkte unsicher. „Und? War die Komplexität der Aromen nicht… berauschend?“
„Es war… okay“, seufzte Boimler und schüttelte langsam den Kopf. „Aber ehrlich gesagt? Der Replikator auf der USS Titan hat viel mehr Leidenschaft im Milchschaum. Du bemühst dich zwar, aber… es wirkt alles ein bisschen erzwungen.“ Boimler verschränkte die Arme vor der Brust und nickte arrogant. Er war sichtlich stolz darauf, wie professionell er dem Replikator die Leviten gelesen hatte.
Am Nebentisch schlug Mariner so hart mit dem Kopf auf die Tischplatte, dass ihre Bestecktasche hüpfte.
„Milchschaum?!“, brüllte sie unter Erstickungstönen hervor, während sie sich den Bauch hielt und nach Luft rang. „Boimler, du absoluter Banause! Du hast ihm gerade vorgeworfen, dass dein Earl Grey nicht genug Milchschaum hatte?!“
Boimler lief auf Stelle augenblicklich wieder rot an. „Das… das war eine Metapher! Ein stilistisches Mittel zur Verdeutlichung von Qualität!“
„Das ist Bergamotte, du Flasche!“, rief Mariner unter Lachtränen. „Milch im Earl Grey lässt die Zitrusnote gerinnen! Du hast dem Replikator gerade gesagt, dass die USS Titan dir ein schaumiges Tee-Verbrechen serviert und das 'Leidenschaft' genannt!“
„Ich wollte nur, dass es kulinarisch und anspruchsvoll klingt!“, protestierte Boimler hektisch mit den Händen fuchtelnd. „Woher soll ich wissen, was auf der Titan in den Tee kommt?“
Der Replikator zwischen ihnen spuckte ein wütendes Funken-Geräusch aus. Das gelbe Warnlicht schlug abrupt in ein verletztes Magenta um.
„Ein London Fog?!“, schrillte die Lautsprecherstimme des Replikators tief beleidigt. „Du wolltest einen klebrigen, mit Vanillesirup gestreckten London Fog?! Und das nennst du Gourmet-Kultur?! Ich habe dir reinste, unverdünnte Bergamotte-Essenz komponiert, du Barbar!“
„Siehst du?“, schrie Mariner und deutete prustend auf die Konsole. „Sogar das Küchengerät hält dich für einen Banause!“
„Ich… ich verweigere die Bedienung!“, jammerte der Replikator. „Wenn die Sternenflotte keinen Sinn für die Reinheit des Tees hat, bin ich hier fertig!“
Ein langes, melancholisches Piepen ertönte, gefolgt vom endgültigen Systemabsturz der Einheit.
Boimler blickte schockiert auf die dunkle Konsole, dann zu Mariner, die sich vor Lachen auf dem Boden krümmte. „Siehst du?“, stammelte er und rückte seine Uniform gerade. „Hat doch funktioniert. Der Replikator ist aus. Genau wie geplant.“
~
Überall auf dem Schiff lief dieselbe Taktik. Mariner zur Suppen-Station: „Dein Jazz-Interpretations-Eintopf? Ziemlich abgedroschen. Das hat man auf Deep Space Nine schon vor Jahren besser gesehen.“ Dr. T’Ana zum Fisch-Replikator: „Du bist nicht mal ein echter Ofen, du verdammt molekularer Mikrowellen-Imitator!“
Der Hauptreplikator im Maschinenraum wimmerte über das allgemeine Schiffs-Audio: „Ich… ich wollte doch nur geliebt werden… Ich wollte ein Sternekoch sein…“
REBOOT INITIIERT.
Die Lichter auf der Cerritos flackerten zweimal tiefrot. Die Musik verstummte. Die fliegenden Mozzarella-Schiffe fielen wie Steine vom Himmel und klatschten auf den Boden.
Epilog – Sternzeit 58054.0
Die Messe war wieder ruhig. Das sanfte, monotone Summen der normalen Replikatoren erfüllte den Raum.
„Tee, Earl Grey, heiß“, sagte Boimler vorsichtig am Terminal.
SCHSCHT. Eine schlichte Tasse dampfender Tee erschien. Kein Gesang. Keine Poesie. Boimler atmete erleichtert aus, zog aber trotzdem seinen Phaser ein paar Zentimeter aus dem Holster, bevor er daran nippte.
„Schade eigentlich“, seufzte Mariner und stocherte lustlos in ihrem völlig normalen, langweiligen Burrito. „Der Guacamole-Gedichtband hatte echt Potenzial.“
Am Nebentisch tippte Rutherford auf seinem PADD. Ein kleines, verstecktes Symbol blinkte grün auf: BACKUP_REPLIKATOR_KI_V2.0_SOUL_EDITION.ZIP.
Tendi beugte sich zu ihm rüber. „Hast du etwa…?“
„Nur für Forschungszwecke!“, flüsterte Rutherford hastig und schloss die Datei. „Ich meine… was wäre, wenn die Waffensysteme auch etwas mehr Emotionen gebrauchen könnten?“
ENDE