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Summer in the City

von Verena

Kapitel 1

"Harry?"

"Ja?"

"Töten Sie mich!"

Tom Paris ließ sich über dem Tisch zusammensinken und stöhnte. Doch damit war er nicht der einzige im Kasino. Sämtliche anwesende Offiziere hingen abgeschlafft in ihren Sesseln oder fächelten sich mit irgendetwas Luft zu. Manche benutzten dafür sogar die schweren Essenstabletts aus der Küche, die Neelix gutmütig herausgab. Harry musste trotz allem bei diesem Anblick und vor allem wegen des Gejammers seines besten Freundes lächeln. Der junge Asiate wischte sich den Schweiß von der Stirn und zerrte dann am Kragen seiner Uniformjacke.

"Kommen Sie, Tom, es ist doch nicht so schlimm! In ein paar Stunden hat B’Elanna das Problem mit der Temperaturkontrolle wieder im Griff und das hier wird Ihnen dann als böser Traum erscheinen." Er glaubte zwar nicht wirklich an das, was er sagte, aber es hörte sich zumindest gut an.

"Als Fata Morgana!", korrigierte Tom entnervt. "Wissen Sie, wo ich eben war? Auf dem Holodeck in einer Wintersportsimulation. Und ich schwöre Ihnen", verschwörerisch beugte sich der Navigator vor, "der Schnee ist geschmolzen."

Harry winkte ab und blickte dann erwartungsvoll Küchenchef Neelix entgegen, der ihr Mittagessen brachte.

"Was ist es denn, Neelix? Kalte Suppe?", erkundigte er sich hoffnungsvoll. Die Barthaare des Talaxianers zitterten vernehmlich, als er die Tabletts vor den Senioroffizieren abstellte. Neelix sah aus, als hätte ihn etwas oder jemand schwer getroffen. Und er scheute sich wie stets nicht, seinem Kummer Luft zu machen.

"Ich habe den ganzen Morgen in der Küche gestanden, um mein berühmtes Grugl-Borscht zu kochen!", beschwerte er sich und verschränkte beleidigt die Arme. "Dann kam diese Hitze und nun will es keiner mehr essen. Sie sind die ersten."

Misstrauisch beäugte Tom Paris die Mahlzeit und die Feststellung, dass es dampfte und offensichtlich HEISS war, beunruhigte ihn umso mehr. Wenn er jetzt nicht dieses Grugl-Etwas aß, dann würde Neelix auch für den Rest des Tages beleidigt sein – und für den Rest der Woche. Das konnten sie sich alle nicht leisten.

"Ich bin überzeugt, etwas HEISSES zu essen ist gar nicht so schlecht", brachte der blonde Pilot mit gezwungen freundlicher Mienen hervor und beschwor Harry mit Blicken, jetzt ja nicht aus der Rolle zu fallen. Er nahm sich den Löffel zur Hand und probierte unter den wachsamen Augen der anderen. Zumindest versuchte er es, denn zuerst verbrannte er sich einmal kräftig die Lippen. So schnell wie möglich schluckte er den Eintopf hinunter und erstarrte dann. Sein Gesicht veränderte sich, nahm einen entsetzten Ausdruck an und danach einen satten Rotton. Schließlich sprang er auf und hetzte, wie von den Furien getrieben, aus dem Kasino. Ein verdutzter Harry und ein nachdenklicher Neelix blieben zurück.

"Ich hätte dieses neue Gewürz doch nicht so großzügig anwenden sollen", stellte der Talaxianer kopfschüttelnd fest und kehrte in seine Küche zurück.

***

Kathryn stand vor ihrem Replikator in ihrem Bereitschaftsraum und starrte ihn feindselig an. Drei Versuche hatte sie inzwischen hinter sich gebracht, drei Rationen verschwendet, die sie sehr gut hätte für Kaffee verbrauchen können. Mit entschlossenem Gesicht zog sie ihre Uniformjacke aus und warf sie auf ihren Stuhl.

Wenn der Replikator nicht spurte, dann würde sie ihm schon zeigen, wo die Harke hing. Gereizt löste sie die Deckplatte des Geräts und griff dann nach dem Reparaturset, das sie sich von B’Elanna geliehen hatte. Es wäre doch gelacht, wenn es ein Captain der Sternenflotte nicht schaffte, sich einen Eiskaffee zu bestellen! Mit einem Plasmaflussrekalibrator versuchte sie zunächst, die Hauptenergieleitung abzustellen, damit sie sich ungefährdet mit den kaputten Schaltkreisen befassen konnte. Um Gottes Willen, für etwas Kaltes hätte sie auch zu Fuß Eiswasser durch die Gegend getragen, aber dies hier erschien ihr angebrachter. Sie verfluchte die Chefingenieurin, dass sie es bisher noch nicht geschafft hatte, das Kühlsystem wieder zum Laufen zu bringen.

Seit zehn Uhr morgens stiegen die Temperaturen kontinuierlich und lagen momentan bei vierunddreißig Grad Celsius – oder etwa nicht? Kathryn wagte es schon gar nicht mehr, auf das Thermometer zu schauen. Stattdessen beugte sie sich neu motiviert über die Kontrollen, die vor ihr lagen. Sie schob den Rekalibrator in den Replikator - und fuhr entsetzt zurück, als sie merkte, dass sie doch eine Leitung erwischt hatte, in der noch "Saft" floss, wie es ihr Navigator ausgedrückt hätte. Von einem leichten Schlag getroffen, taumelte sie zurück und prallte gegen ihren Schreibtisch. Dort standen noch die drei erfolglosen Replikationsversuche, drei Tassen mit einer dunkelbraunen Brühe, die zwar an Kaffee erinnerte, allerdings lauwarm war und wie eingeschlafene Füße schmeckte. Allerdings überlebten diese die Kollision des Captains mit der Platte nicht und ergossen sich halb auf den Sessel, halb auf den Tisch und halb auf die entsetzte Kathryn, die sich noch von ihrem Schock erholte.

"Verdammt", war alles, was ihr dazu einfiel, als sie die Sauerei erblickte. Himmel, an diesem Tag ging nichts gut! Erst bohrte Seven bei dem Versuch, die Systeme zu optimieren, die ominöse Leitung zur Kühlkontrolle an, wohl wissend, was sie Folge davon war ("Beschwerden sind irrelevant!"), dann schnappte Neelix ein und kündigte einen Streik an und schließlich wurde Tom mit einer leichten Magenschleimhautverbrennung – sie wusste nicht, wie so etwas möglich war - in die Krankenstation eingeliefert.

Sie war kurz davor, irgendetwas durch den Raum zu pfeffern und ihren Frust laut herauszubrüllen. Doch das Summen des Türmelders hielt sie davon ab, als sie gerade schon nach der Werkzeugtasche griff. "Herein", sagte sie ganz automatisch und in dem Moment, in dem sich die Tür öffnete, verstand sie erst, dass das ein Fehler gewesen war.

In ihrem Aufzug konnte sie doch niemandem entgegentreten! Doch zu spät. So würdevoll wie möglich lehnte sie sich an ihren Schreibtisch und atmete tief durch. Tuvok und Chakotay kamen herein und verharrten dann in einer fast synchronen Bewegung, als sie sie erblickten. "Meine Herren", begrüßte sie die beiden Männer und bemühte sich, Tuvoks hochgezogene Augenbrauen und das Zucken in Chakotays Mundwinkeln zu übersehen, "was kann ich für Sie tun?"

"Der heutige Sicherheitsbericht!", meldete der Vulkanier und überreichte ihr ein Padd. Trotz allem war er ausgeglichen und ruhig wie immer und wenn Kathryn genauer hinsah, dann war sie fast so weit, neidisch aufzuseufzen – er schwitzte nicht ein bisschen. Und auch Chakotay, der seine Jugend in subtropischen Klima verbracht hatte, wirkte ausgesprochen fit. Er besaß sogar die Frechheit, noch amüsiert dreinzuschauen! Erbost wandte sich Kathryn an ihn.

"Und Sie, Commander?"

"Ich würde Sie gern unter vier Augen sprechen, Captain", bat er freundlich und lächelte sie auf eine Weise an, bei der es sie heiß überlief – und das hatte diesmal nichts mit den Außentemperaturen zu tun.

"Mmh, ja, gut", antwortete sie und entließ Tuvok mit einem Nicken. Der Vulkanier zog sich zurück und Sekunden später standen die beiden Offiziere allein in Kathryns Bereitschaftsraum. "Und was gibt es so Wichtiges, was Sie mir sagen wollen?" Obwohl ihre Worte ungeduldig waren, fehlte ihnen doch die Gereiztheit. Kein Wunder. Es bedurfte nur eines Blickes in Chakotays wunderschöne braune Augen, um sie wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen.

"Die Crew hat den Antrag auf kurze Hosen und auf den Verzicht der Uniformjacken gestellt, bis die Krise überwunden ist. Tom hat von der Krankenstation aus einen Aufruf gestartet, den alle unterzeichnet haben." Chakotay schwenkte das Padd wie eine Fahne und lächelte wieder. "Das ist schon fast so etwas wie eine Meuterei. Ich an Ihrer Stelle wäre froh, wenn mich die Crew in einem Shuttle aussetzen würde – da ist es wenigstens kühl."

Kathryns Augen wurden groß, aber nicht vor Schreck. Stattdessen hatte sie eine geniale Idee – doch die musste sie fürs erste verschieben.

"Die Kleidungsvorschriften sind meinetwegen aufgehoben", verkündete sie großzügig und erstarrte dann, als Chakotay sich plötzlich die Jacke auszuziehen begann.

"Was ... machen Sie denn da?", erkundigte sie sich perplex.

"Ich ziehe mich aus", lautete die lapidare Antwort des Commanders, doch der Captain hätte schwören können, dass in seinen Augen der Schalk blitzte. "Ihr Replikator sieht aus, als könnte er vier anstatt zwei Mechanikerhände gebrauchen."

"Ach so." Kathryn rief sich zur Ordnung – sie hatte doch glatt enttäuscht geklungen. Dann jedoch entschloss sie sich, die Situation zu genießen. Schneller als erwartet gelang es ihnen gemeinsam, die entsprechenden Rekalibrierungen vorzunehmen. Dabei wurde Kathryns Blick immer wieder auf Chakotays starke Hände und die Muskeln seiner Arme gelenkt, die sich unter dem violetten Rollkragenpullover nur allzu deutlich abzeichneten. Als sie schließlich die Deckplatte wieder auf den Replikator setzten, war die Spannung, die zwischen ihnen herrschte, fast körperlich zu spüren. Chakotay durchbrach sie als erster.

"Was wollten Sie noch gleich?", erkundigte er sich und blickte auf die noch immer völlig verschmierte Kathryn. "Sieht wie Kaffee aus."

"Eiskaffee", korrigierte sie ihn.

"Computer, eine Portion Eiskaffee mit Sahne", bestellte Chakotay und beugte sich erwartungsvoll vor, als leise Geräusche erahnen ließen, dass sie den Replikator zumindest einigermaßen richtig wieder zusammengesetzt hatten. Das leise Summen verwandelte sich jedoch schnell in ein Gurgeln und bevor sich die beiden Offiziere mit einem Sprung retten konnten, schoss ein dicken Strahl Flüssigkeit hervor und deckte endgültig den gesamten Raum und die Anwesenden mit Eiskaffee ein.

Als das Gerät endlich aufhörte zu spucken, kehrte eine unheimliche Stille ein. Kathryn und Chakotay blickten sich sprachlos an, tropfend und hier und da mit einem Spritzer Sahne garniert. Der Captain entdeckte auf der Nase ihres Ersten Offiziers einen Klecks Eiscreme und musste schließlich grinsen.

"Na, ja, zumindest ist es kalt", brachte sie hervor, bevor das Lachen endgültig aus ihr herausbrach.

Chakotay, der noch immer etwas erschüttert wirkte, starrte sie einen Moment verdutzt an, doch dann begann auch er zu lachen. Und so standen sie eine geraume Zeit nur da, und amüsierten sich.

"Also, die Schlagsahne in deinem Haar ..." Chakotay musste nach Luft schnappen und hielt sich die Seiten. "Wir dürfen nicht vergessen, das im heutigen Logbucheintrag zu verewigen."

Kathryn wischte sich die Lachtränen aus den Augen und betrachtete ihren Ersten Offizier, aus dessen dunklen Augen der Schalk blitzte. Sie hatten in den letzten Monaten nicht oft füreinander Zeit gehabt und jetzt, wie sie ihn so sah, tat ihr das sehr leid. Sie hatte eine Menge Spaß verpasst – ebenso wie all die wunderbaren Dinge, die geschahen, wenn sie ihn an ihrer Seite hatte. Oftmals waren sie so weit voneinander entfernt, obwohl sie doch nebeneinander auf der Brücke saßen. Es waren Momente wie dieser, die sie daran erinnerten, was er ihr bedeutete. Doch heute wusste sie, was sie tun würde.

"Ich glaube, ich weiß, was ich jetzt brauchen könnte", erklärte Kathryn leise und machte einen Schritt auf ihn zu, bis sie nur noch wenige Zentimeter voneinander entfernt waren. "Und es ist kein Kaffee."

Chakotay blickte sie einen Moment verblüfft an, doch dann glitt ein Leuchten über sein Gesicht und er beugte sich zu ihr hinunter, um sie zu küssen.

***

Tom Paris stapfte äußerst übel gelaunt in den Shuttlehangar. Sein Magen war in den vergangenen Stunden mehrere schmerzhafte Runden Achterbahn gefahren – und das auch noch in der Gesellschaft des wie immer schadenfrohen Doktors. Der Tag war für ihn gelaufen und er glaubte darauf spekulieren zu können, dass es sämtlichen anderen Besatzungsmitgliedern ebenso erging wie ihm. Zu allem Überfluss hatten auch die Kühlsysteme der Replikatoren versagt und damit jegliche Erleichterung durch kalte Drinks zunichte gemacht.

Wenigstens hatte B’Elanna versprochen, dass in drei Stunden alles repariert sein würde. Bis dahin halfen eben nur noch die kurzfristig vom Captain bewilligten Shorts. Tom versenkte die Hände in den Taschen derselben und pfiff vor sich hin. Dann, gerade als er am Deltaflyer vorbeiging, dessen Antrieb er eigentlich soeben noch hatte reparieren wollen, blickte er zufällig durch die Scheiben des Schiffs. Verdutzt stockten seine Schritte. Wenn er sich nicht sehr irrte, saßen dort drinnen der Captain und Commander Chakotay auf einer Decke auf dem Boden und hielten so etwas wie ein Picknick ab. In der Mitte der Lebensmittel erblickte Tom eine riesige Eisbombe. Der Navigator hätte sich schlagen können – warum, zum Teufel, hatte er nicht daran gedacht, dass die Shuttles über eine interne Kühlanlage und außerdem funktionierende Replikatoren verfügten? Das wäre die Rettung für ihn gewesen! In dem Moment entschlossen sich im Inneren des Shuttles die beiden Offiziere, etwas mehr auf Tuchfühlung zu gehen und Tom zog sich zurück. Auch wenn er jetzt noch drei Stunden schwitzen musste – dieses Ereignis war es allemal wert.



ENDE