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Return to Grace

von Julian Wangler

Prolog - Abrechnung

Klappentext:

Enabran Tain war einer der wenigen Vorsitzenden des Obsidianischen Ordens, der lange genug lebte, um das Rentenalter zu erreichen. Doch als Pensionär hielt er es nicht lange aus. Tain, der seine ganze Biografie in den Dienst von Staat und Gesellschaft gestellt hat, kann nicht loslassen. Und er hat noch große Pläne mit Cardassia.

Seit geraumer Zeit ist er in fundamentaler Opposition zum Kurs der cardassianischen Regierung und des Zentralkommandos. Tain träumt von einer glanzvollen Rückkehr in sein früheres Amt als Chef des Geheimdienstes – und als neuer, starker Anführer der Cardassianischen Union. Doch um diesen Traum wahrzumachen, bedarf es eines kühnen Plans. Eines Plans, der gar nicht so einfach zu ersinnen ist.

In seiner Altersresidenz in der Arawath-Kolonie erhält Tain Besuch von seinen engsten Vertrauten beim Orden, Korinas und Entek. Gemeinsam diskutieren sie zukünftige Projekte und eigenmächtige Initiativen der Geheimorganisation, die Tain aus dem Hintergrund dirigiert. Nach einer Diskussion muss Tain einräumen, dass er den Weg, wie er auf Cardassia die Macht an sich reißen kann, noch nicht gefunden hat. Doch es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis ihm eine Idee kommt, die ihm einfach zu verführerisch scheint, um sie wieder in den Wind zu schlagen. Enabran Tain will die Gründer, die Anführer des Dominion, vernichten, als gefeierter Held nach Cardassia einziehen und das Zentralkommando hinwegfegen.




Brich immer Deine Brücken hinter Dir ab. Man weiß nie, wer versuchen könnte, Dir zu folgen.

– Enabran Tain zu Elim Garak
in Der geheimnisvolle Garak, Teil I



28. Januar 2376
Mein lieber Doktor,

Zeigen Sie sich nachsichtig mit mir, dass ich aufgrund zahlreicher Verpflichtungen nicht gleich dazu kam, Ihnen eine Antwort auf Ihr Kommunikee zu schreiben. Wie Sie jedoch wissen, nehme ich unsere Korrespondenz ausgesprochen ernst – sie bedeutet mir viel. Sie ist der unverzichtbare Ersatz dafür, dass wir uns nicht mehr beim Mittagessen unterhalten können. Und da jetzt die ersehnte Gelegenheit da ist, Ihnen meine ganze Aufmerksamkeit zu widmen, wird schließlich alles gut.

Vielen Dank für Ihr aufrichtiges Interesse und die Anteilnahme, die Sie im letzten Brief zum Ausdruck brachten. Tatsächlich habe ich des Öfteren an Sie gedacht, seit sich unsere Wege das letzte Mal gekreuzt haben. Ich war höchst erfreut darüber, von Ihnen zu erfahren, dass das Leben auf Deep Space Nine auch nach den großen Veränderungen, die wir alle erleben durften, anregend bleibt. Und natürlich bin ich nicht im Geringsten erstaunt darüber, dass Ihre Forschung beim medizinischen Corps der Sternenflotte einen fulminanten Resonanzboden gefunden hat. Herzlichen Glückwunsch zu Ihrer Beförderung, Commander Bashir.

Wenn ich Ihren Werdegang im Rückblick betrachte, wird mir ganz plötzlich bewusst, wie prädestiniert Sie für diesen glanzvollen Aufstieg waren. Ich möchte beinahe sagen – und das ist in keinster Weise beleidigend gemeint –, es war Ihr Schicksal. Bei mir verhält es sich komplizierter. Manchmal beschleicht mich das Gefühl, die Personen um mich herum haben im Lauf ihres Lebens allesamt – der eine früher, der andere später – ihr Leitmotiv gefunden, wie der Literat sagen würde. Sie haben, wie der Musiker sagen würde, die Melodie ihres individuellen Wegs kultiviert und zu einer Partitur ausgebaut. Doch was ist mit mir?

Manchmal glaube ich, nur ich bin es, dem die Zeit die Möglichkeit verwehrt, einen dieser vielen sprichwörtlichen Fäden des Lebens herauszugreifen und konsequent zu verfolgen, bis zum Schluss. Ich war schon so vieles in meinem Leben, und das ist wahrscheinlich das Problem. Deshalb trübt sie meine Sicht, die Zeit, heute mehr denn je zuvor. Ich frage mich: Kann dieser Elim Garak überhaupt ein Schicksal haben? Was macht ihn aus, wenn man die vielen Schalen Schicht für Schicht abträgt, was bleibt dann noch von diesem Mann übrig ohne seine zahllosen Masken? Andererseits hat er diese Masken sehr lieb gewonnen; sie gehören zu ihm. Vielleicht sind sie alles, was er je hatte.

Sie können unbesorgt sein, Doktor: Mein Antrieb, Ihnen zu schreiben, speist sich nicht aus dem Wunsch, Ihnen einen Vortrag über das Schicksal zu halten…obwohl dies vielleicht, ohne dass ich es will, die unbewusste Begleitmelodie dieses Briefs sein könnte; jedenfalls, soweit es mich betrifft. Doch ich greife vor. Ich glaube, das Beste ist es, wenn ich ganz von vorn anfange.

Mein Leben auf Cardassia Prime verläuft recht herausfordernd und produktiv. Es vergeht kein Tag, an dem auch nur der Verdacht aufkommt, ich könnte ihn mit Trübsal verbringen. Stellen Sie sich vor: Ich habe mich doch tatsächlich in der Hauptstadt einer medizinischen Notfalleinheit angeschlossen – an der Seite eines gewissen Doktors namens Parmak. Ein guter Mann, der mich gelegentlich an Sie erinnert, Doktor, auch wenn er deutlich älter ist.

Ironisch ist, dass Parmak einst mit der Dissidentenbewegung auf Cardassia im Bunde war, und raten Sie mal, wer für sein Verhör zuständig war, nachdem er verhaftet wurde? Der Mann ist alles andere als ein Feigling, doch er ist so empfindsam, dass ich ihn nur ein paar Stunden anzustarren brauchte, bis er uns alles sagte, was er wusste. Er behauptet, dass es ihm selbst heute noch schwerfällt, mir direkt in die Augen zu sehen. Vielleicht ist hier ein guter Anfang, dachte ich. Ich habe ihn also um Vergebung gebeten, und er war freundlich genug, sie mir zu gewähren. Parmak ist nur der erste in einer langen Reihe, die ich um Entschuldigung bitten muss. Glauben Sie mir, Doktor, da sind noch viele weitere.

Immer, wenn in den Ruinen Überlebende gefunden werden, werden wir herbeigerufen, um Hilfe zu leisten und sicherzustellen, dass sie in eine Versorgungseinrichtung transportiert werden. Es ist ein Wunder, wie manche tagelang, wochenlang, begraben unter Tonnen von eingestürztem Stein, überlebt haben. Erst gestern entdeckte ein Suchtrupp Lebenszeichen inmitten eines mindestens vier Meter hohen Schutthaufens. Als es uns gelang, zu der Stelle, von der die Lebenszeichen kamen, vorzudringen, fanden wir eine tote Mutter mit ihrem Baby – das noch am Leben war. Es war wie ein Wunder. Ich vermag die Blicke der Männer nicht zu beschreiben, als wir das kleine Wesen in den Händen hielten und feststellen, dass es beinahe unversehrt war.

Wissen Sie, als ich zum ersten Mal wieder durch Locanda City lief, glaubte ich, ich könnte es nicht ertragen. Doch inzwischen denke ich, dass ich das kann. Ich kann mit dem Geröll leben, mit all den beschädigten Gebäuden, von denen manches unvermittelt in sich zusammenstürzt und Passanten unter sich begräbt. Ich kann mit den Überlebenden leben, die sich wie holografische Phantome bewegen und jede wache Minute damit verbringen, nach allem zu suchen, was sie am Leben hält. Ich kann sogar mit dem Gestank der Leichen leben, die die zerstörten Straßen übersäen und in grotesken Posen darauf warten, in Massengräber abtransportiert zu werden.

Doch wissen Sie, woran ich mich wohl nie gewöhnen werde? An diesen Staub. Es ist der Staub, der mich erstickt und meine geistige Gesundheit herausfordert. Er verstopft meine Nase, trübt meine Sicht und brennt in meinen Augen. Mein Mund ist mit einer kalkartigen Paste gefüllt, die Speise und Trank – dieser Tage rare Güter – geschmacklos werden lässt. Wir leben im ewigen Zwielicht, existieren als Schattengestalten in einer halbdunklen Welt, in der jede Form und jedes Geräusch von dieser ruhelosen Staubwolke gedämpft wird, die sich einfach nicht legen will.

Ja, Doktor, mein so lange Jahre gehegter Wunsch ist schließlich in Erfüllung gegangen. Ich bin nachhause zurückgekehrt. Aber anders als ich es mir vorgestellt hatte. Das einzige Heim, das ich je kannte, ist nur noch Schutt. Dank den Gründern, die eine wahrhaft cardassianische Gerechtigkeit walten ließen. Nein, das ist nicht richtig. Dank uns selbst, die wir den ganzen Quadranten hintergangen haben, die wir schuldig im Sinne der Anklage sind.

Wir hielten uns für die Herrenrasse, auserwählt zum Herrschen. Das Militär und der Obsidianische Orden hatten Jahrhunderte, um die Union zu lenken und ihre Bürger in ihrem Sinne zu erziehen. Äußerst gekonnt haben sie es verstanden, die explosive Mischung aus Minderwertigkeitsgefühl und Allmachtsfantasie im cardassianischen Herzen anzufachen – mit dem absoluten Höhepunkt an jenem Tag, als sich Cardassia dem Dominion anschloss.

Ich habe es kennengelernt, dieses xenophobe, chauvinistische Denken, das sich wie ein Gift in den Geist eines jeden Cardassianers geschlichen hat. Die Macht dieses Giftes hat Bajor und zahllose andere Welten in die Sklaverei getrieben. Doch nachdem eine Milliarde meines Volkes in einem beispiellosen Krieg verheizt oder wie Vieh abgeschlachtet worden sind, ist er mir endgültig ausgetrieben worden, der Glaube, wir seien ein auserwähltes Volk. Wir haben uns etwas vorgemacht. In Wahrheit waren wir Mörder und Tyrannen. Das Leichentuch dieser Welt ist letztlich gefallen, aber gleichzeitig hat auch alles Wunderbare, Erhabene an Cardassia ein Ende gefunden.

Wissen Sie, Doktor, ich dachte, im Laufe der Jahre auf Deep Space Nine hätte selbst ich, der unumstößliche Garak, mich geöffnet und eine kritische Sicht auf mein Volk und meine eigene Vergangenheit entwickelt. Abstand gewinnen können. Doch meine Rückkehr droht mich Lügen zu strafen. Jetzt wird mir auf einmal bewusst, dass mir die größte Abrechnung mit allem, was ich mir so lange Zeit zurückwünschte, erst noch bevorstehen könnte. Die Abrechnung mit dem alten Cardassia.

Und deswegen ist mir klar, dass Enabran Tain, obwohl ich vor mehr als zwei Jahren seinem letzten Atemzug beiwohnte, noch nicht endgültig tot ist. Früher oder später muss ich seinen Spuren folgen und mich ihm stellen. Oder besser gesagt: Ich muss mich mir selbst stellen. Ich muss allem, was ich war und bin, in die Augen sehen. Es ist die einzige Möglichkeit, um wirklich Frieden zu finden. Wenn es für mich so etwas überhaupt noch geben kann.

Tains Haus auf Cardassia steht nicht mehr. Nichts mehr ist von ihm übrig außer einer rußgeschwärzten Grube, in der ein Trümmerhaufen liegt. Aber vielleicht steht seine Altersresidenz auf der Arawath-Kolonie noch. Ich werde diese Welt für ein paar Tage verlassen müssen, sehr bald schon…

Sie sind zu jeder Zeit willkommen, Dokor.

Ihr Freund
Garak

- - -

Elim Garak ist bei Weitem nicht der Einzige, der heute verreist. Er hat nur das Privileg, ein Föderationsshuttle benutzen zu dürfen, das ihn rasch von Cardassia fortbringt, in Richtung der entlegenen Arawath-Kolonie. Seine Landsleute hingegen müssen derweil auf traditionellere Beförderungsmethoden zurückgreifen.
Etwa dieser Mann dort: Er sputet sich, denn er will die Hauptstadt verlassen, bevor die Dunkelheit sich gänzlich über sie legt. Trotzdem muss er seinen Weg durch die Überreste des einstigen Instituts für Rhetorik der Staatlichen Universität – einst ein architektonisch seinesgleichen suchender Palast der kulturellen Blüte, heute ein riesiger Haufen Schutt und Schlacke – mit Vorsicht wählen. Sein Blick ruht auf dem Boden, und seine Taschenlampe entreißt der Dämmerung schmale Streifen des Lichts. Derart auf Stolperfallen achtend, bemerkt er etwas, das die meisten anderen Männer fraglos übersehen hätten.
Er brückt sich, wischt ein wenig Dreck beiseite und legt ein Buch frei. Dessen Umschlag ist nahezu zerrissen, die Seiten haben schwarz versengte Ränder. Ehrfürchtig hält der Mann es fest, als argwöhne er, es werde gänzlich zerfallen, wenn er nicht aufpasst. Als er es eingehender studiert, erkennt er, dass es sich um ein historisches Werk handelt. Es gehört zur Erstauflage von Das Ewige Opfer. So etwas wirft man nicht einfach weg, erst recht nicht, wenn man dieses Volk wieder aufrichten möchte, irgendwie.
Er steckt sein Buch in die Tasche und setzt seinen Weg fort. Schon ist er am See, wo das Wasser schwarz wie Öl gegen die Trümmer schwappt. Früher haben in diesem See zahlreiche Fische gelebt, und Seerosen sind erblüht. Es war wunderschön, vor allem im Frühling und Herbst. Heute ist nichts in diesem chemisch vergifteten Sumpf noch am Leben. Die Leichen einiger Cardassianer wurden vor kurzem herausgefischt. Der Mann erschaudert bei dem Gedanken, in das kalte, sumpfige Nass zu stolpern, zumal die Absperrungen an vielen Stellen fehlen. Doch in besseren Tagen ist er den Weg stets gern gegangen. Diese Zeit scheint so lange her zu sein wie ein ganzes Leben.
Ein anderer, nur unwesentlich besser vorankommender Reisender staunt derweil über die Kombination aus zerstörten Straßen und antiquierten Fahrzeugen, die aktuell als Infrastruktur durchgehen. In der einen Hand hält er einen Plastikbecher umklammert, mit der anderen bedient er ein PADD, seine Füße hat er gegen die Rückenlehne der Sitzreihe vor sich gestemmt. Sein Fahrzeug ruckt vor, und er wird nach vorn geschleudert. Er stöhnt vor Schmerz auf, als der heiße Fischsaft aus dem Becher und auf seinen Schoß schwappt. Vergebens sieht sich der Reisende nach etwas um, mit dem er die Sauerei wegwischen könnte. Dann seufzt er und versucht es mit dem Jackenärmel.
Ein dritter Mann humpelt unweit des antiquierten Fahrzeugs über den ruinierten Bürgersteig. Er ist aus dem Bombardement der letzten Kriegstage als Krüppel hervorgegangen. Das linke Bein fehlt ihm knieabwärts, und das Licht im rechten Auge ist für immer erloschen. Sein Gesicht ist so entstellt, dass er permanent mit einer Kapuze unterwegs ist. Doch noch größer als seine physischen sind seine seelischen Narben: Seine Frau und seine Kinder gibt es nicht mehr. Er hat überlebt, aber wofür? Er weiß es selber nicht. Und wenn er in sich hineinhorcht, fühlt er sich nicht mehr lebendig. Doch tot ist er auch noch nicht. Also was ist er?
In der Dämmerung sieht er den Abglanz der einst so prächtigen Stadt, die sich nun insgeheim zu wünschen scheint, für immer in der Dunkelheit zu vergehen. Die früher so imposanten Türme und Kuppeln von Locanda City sind nur noch verkohlte Stummel, die postmodernen, transparenten Bauten im Nordteil nur mehr geschmolzenes Glas. Auf dem imperialen Plaza vor den kläglichen Überresten des Hauptquartiers des Zentralkommandos stapeln sich die Leichen, und die Hungernden stehen Schlange vor den Zelten, in denen zumeist Föderationsangehörige ein warmes Mahl und medizinische Versorgung anbieten.
Wie etwas, das sich selbst überlebt hat, ragt am Nordende des Plaza ein Monolith in die Höhe, ein altes Denkmal des Militärs. Einst ehrte er die Guls und Legaten, die sich für ihr strahlendes Vaterland verdient gemacht hatten. Im Rückblick jedoch sind die verehrten Männer und Frauen nur noch diejenigen, deren überbordende Ambitionen Cardassia in die Knie gezwungen haben. Und was übrig geblieben ist, das ist nur mehr ein überdimensionaler Stein, schwarz wie Obsidian, der sich wie ein warnender Finger dem verdunkelten Himmel entgegenreckt. Eine Erinnerung daran, was der cardassianische Machtwille aus der eigenen Welt gemacht hat.
Eine Milliarde Cardassianer sind allein durch die Rache des Dominion gestorben, fast noch einmal so viele im restlichen Verlauf des Kriegs. Das cardassianische Volk hat überlebt. Aber wird es jemals wieder leben?