TrekNation

Dein Raumdock für deutsche Star Trek Fanfiction

Weihnachtstradition

von Emony

Kapitel 1

„Ich verstehe das einfach nicht, Nyota.“ Gaila sah ihre Mitbewohnerin zweifelnd an. „Du drehst total am Rad, und das nur, weil in unserem Quartier kein Platz für einen Baum ist, der ohnehin nach ein paar Wochen auf dem Müll landen würde. Was für eine Art, mit der Natur umzugehen, ist das bitteschön?“

Uhura saß auf ihrem Bett, die Knie fest an die Brust gezogen und den Tränen nah. „Ein Weihnachtsbaum gehört einfach dazu. Es muss ja kein großer sein und auch kein echter, aber …“ Sie schniefte, schüttelte hilflos den Kopf und vergrub das Gesicht schließlich in ihren Händen.

„Der Weihnachtsbaum, der draußen mitten auf dem Campusgelände der Akademie steht, ist doch wunderschön und riesig“, meinte Gaila pragmatisch, setzte sich zu Uhura aufs Bett und legte ihr eine grüne Hand auf den Rücken.

Nyota sah mit tränenfeuchten Augen zu ihrer Freundin auf. „Ja, aber es ist nun mal Tradition, dass man in seinem eigenen Zuhause auch einen Baum aufstellt! Es gehört einfach dazu, verstehst du? Es ist ein essenzieller Teil der Weihnachtsstimmung.“

Eine vergleichbare Jahreszeit oder gar ein solches Fest gab es auf Orion nicht. Gaila hatte noch nie erlebt, wie sich jemand bezüglich irgendwelcher Traditionen dermaßen fertigmachen konnte. Warum einige dieser Bräuche so immens wichtig waren, schien ihr beinahe niemand erklären zu können. „Das war schon immer so“, bekam sie allzu oft als Antwort zu hören. Und das schien für die meisten Menschen Begründung genug zu sein. „Kannst du mir erklären, warum diese Bäume euch so wichtig sind?“

„Sie symbolisieren das Leben, trotz der eisigen Jahreszeit. Soweit ich weiß, kommt diese Tradition aus einem kleinen Land in Europa. Dort war es zu Weihnachten immer bitterkalt und es lag meistens tiefer Schnee. Die Vegetation sah trostlos, kahl und beinahe tot aus. Nur die Nadelbäume nicht“, erklärte Uhura leise. „Und deshalb gelten sie als Hoffnungsträger für neues Leben, das im Frühling wiedererwacht.“

Gaila war immer wieder über das enorme historische Allgemeinwissen beeindruckt, das Nyota besaß. Zumindest verstand sie jetzt den emotionalen Wert dahinter. Sie legte ihren Arm um ihre Freundin und zog sie tröstend näher heran. Nyota lehnte ihren Kopf auf Gailas Schulter und schniefte leise, während der Blick der Orionerin nachdenklich durch das gemeinsame Quartier schweifte. Es war recht klein, und zugegeben war Gailas Seite des Zimmers wie gewohnt nicht besonders aufgeräumt. Sie überlegte, ob es ihr nicht doch irgendwie gelänge, zumindest einen winzigen Weihnachtsbaum aufzustellen – als symbolische Geste. Ihr Blick wanderte unwillkürlich zu den beiden Adventskalendern, die nebeneinander auf dem Bücherregal standen. Inzwischen hatten sie achtzehn Türchen geöffnet. Bis Weihnachten waren es also nur noch wenige Tage.

Zunächst hatte Gaila versucht, einen echten Baum aufzutreiben. Aber selbst das kleinste Exemplar auf dem Markt in der Stadt war eindeutig zu groß für ihr enges Akademie-Quartier. Sie hatte halb San Francisco abgesucht und sich letztlich eingestehen müssen, dass ein künstlicher Baum die einzige Lösung war. Natürlich hatte Nyota gesagt, dass es keine Rolle spiele, ob der Baum groß oder klein, echt oder künstlich war. Aber nachdem Gaila sich bei anderen menschlichen Kadetten umgehört hatte, war ihr bewusst geworden, dass echte Bäume einfach beliebter waren. Ein wichtiger Grund schien der Duft der Nadeln zu sein, und echte Bäume sahen wohl in den Augen der Menschen auch „lebendiger“ aus. Gaila konnte das nicht ganz nachvollziehen, da künstliche Bäume viel gleichmäßiger gewachsen und ihrer Ansicht nach deshalb ästhetischer waren. Es ging hierbei jedoch nicht um ihren Geschmack, sondern um den ihrer Freundin. Daher war sie fest entschlossen, den schönsten, wenn auch kleinsten Baum aufzutreiben.

Beim Bummeln durch eines der großen Einkaufszentren im Stadtzentrum sah Gaila sich eine Menge unterschiedlicher Kunstbäume an. Manche waren so riesig wie echte Tannen und mussten umständlich zusammengebaut werden, andere waren gerade groß genug, dass sie das Cockpit eines Shuttles schmücken könnten. Manche Bäume waren komplett weiß, andere hatten künstlichen Schnee auf den Zweigen, der glitzerte, aber schon beim Hinsehen abbröselte und eine ziemliche Sauerei machte.

Es vergingen Stunden, bis Gaila endlich einen Baum fand, den sie für perfekt hielt. Aber mit dem Baum allein war es ja noch nicht getan. Sie brauchte noch eine Menge Accessoires, um ihn standesgemäß zu schmücken.

Es war schon fast Abend, als Gaila vollbepackt mit allerhand Einkaufstaschen das Quartier erreichte. Nyota hatte sich per Kommunikator abgemeldet, da sie für Recherchen zu einem linguistischen Referat in die Bibliothek musste. Das war der Orionerin nur recht. Damit hatte sie genug Zeit, um alles ungestört vorzubereiten.

Nyota kam spät an jenem Abend heim. Draußen war es längst stockdunkel. Gaila war von der Schlepperei und dem Dekorieren beinahe eingeschlafen, so erschöpft war sie inzwischen. Als endlich das Summen der Quartierstür ertönte, war sie sofort wieder hellwach. Sie setzte sich im Bett auf und rief hastig: „Lass das Licht aus!“

„Oh Gott, Gaila, hast du schon wieder Besuch? Wir hatten das doch geklärt“, seufzte Nyota müde, als sie an ein Date der Orionerin dachte.

„Nein, nichts dergleichen! Aber tu mir den Gefallen und schließ die Augen“, bat Gaila aufgeregt.

Uhura gab einen matten Laut des Widerspruchs von sich, tat aber, was ihre Freundin verlangte. „Okay, sie sind zu.“

„Nicht schummeln …“

„Gaila, ich bin wirklich müde. Was soll das werden?“

„Wirst du gleich sehen. Nur noch einen Moment.“

Uhura hörte und spürte, wie Gaila geschäftig um sie herumwuselte. Von irgendwoher erklang das leise, helle Klingeln eines Glöckchens. Dann nahm Gaila sie sanft an der Hand und führte sie aus dem kleinen Eingangsbereich heraus und um die Ecke, wo ihre Betten und der Schreibtisch standen. Nyota musste nichts sehen, um genau zu wissen, wo im Raum sie sich befand.

Gaila stellte sich rechts neben sie und flüsterte dicht an ihrem Ohr: „Okay, du darfst die Augen aufmachen.“

Bunte, warme Lichter erhellten das sonst dunkle Quartier. Am Bücherregal über ihrem Schreibtisch, das Uhura als Erstes ins Auge sprang, hing eine dichte Tannengirlande. Sie war farbenfroh geschmückt, und daran baumelten zwei große Weihnachtsstrümpfe, auf denen in glitzernden Buchstaben ihre Namen standen. Ihr Blick wanderte weiter durch das verwandelte Zimmer. Über der Tür zum Badezimmer hing ein grüner Stechpalmzweig, an dem das kleine goldene Glöckchen befestigt war.

Und schließlich fiel ihr Blick auf das wichtigste Element, das auf dem kleinen Nachttisch zwischen ihren Betten stand. Die Lampe, die sich sonst darauf befand, hatte weichen müssen – und Nyota war vollkommen egal, wo sie abgeblieben war. Denn auf dem Tischchen stand der entzückendste kleine Weihnachtsbaum, den sie je gesehen hatte. Er war über und über mit glänzenden Kugeln und einer bunten Lichterkette behangen und trug sogar einen kleinen, stolzen Engel auf seiner Spitze.

Ihr stiegen unweigerlich die Tränen in die Augen. Uhura fehlten komplett die Worte. Stattdessen griff sie sich gerührt ans Herz und wandte sich zu Gaila um. „Das ist das Schönste, das mir jemals jemand zu Weihnachten geschenkt hat.“

„Wirklich?“

„O ja!“, strahlte Uhura, während ihr die Tränen der Rührung über die Wangen liefen. „Ich danke dir vielmals!“

Mit diesen Worten fiel sie ihrer orionischen Freundin um den Hals, drückte sie fest an sich und drehte sie im Kreis, sodass sie über Gailas Schulter hinweg den funkelnden Weihnachtsbaum anschauen konnte.

„Ich weiß, er ist ziemlich klein und nicht echt, aber …“

Uhura schob die Orionerin ein Stück weit von sich weg und blickte ihr tief in die Augen. „Kein Aber. Er ist absolut traumhaft, und ich hätte mir keinen schöneren Weihnachtsbaum wünschen können.“ Damit zog sie Gaila erneut in eine feste Umarmung.

„Aber warum weinst du dann schon wieder?“, wollte Gaila vollkommen verwirrt wissen.

Offenbar weinte man auf Orion tatsächlich nicht vor Freude. Innerlich seufzte Uhura gerührt. „Ich weine, weil ich so glücklich bin, Gaila. Das ist alles. Ich bin unwahrscheinlich glücklich, und das verdanke ich allein dir“, flüsterte sie schließlich in Gailas leuchtend rotes Haar.

Menschen waren schon eine extrem seltsame Spezies, fand Gaila. Sie hoffte inständig, dass sie diese Wesen irgendwann besser verstehen würde. Für den Moment war sie einfach nur froh, dass ihre Überraschung so ein Erfolg gewesen war. Und wenigstens in einer Hinsicht konnte sie Uhura nun voll und ganz zustimmen: Es kam zu Weihnachten eben doch nicht auf die Größe an.


ENDE


Ich wünsche euch allen einen wundervollen 2. Advent!
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