Im Nachhinein konnte keiner von ihnen mehr sagen, wie es dazu gekommen war, dass sie am Vorabend des zweiten Advents zu viert in McCoys kleinem Appartement saßen und einen Weihnachtsfilm-Marathon veranstalteten.
Sie beschrifteten vier kleine Zettel mit den Nummern eins bis vier, falteten diese ordentlich zusammen und steckten sie in Jims Wintermütze. Leonard schüttelte die Mütze energisch, damit sich die Zettel gut mischten, und ließ anschließend ziehen.
„Eins!“, verlautbarte Uhura stolz und freute sich, dass sie als Erste einen Film aussuchen durfte – obwohl das gerade mit Gaila und zwei so unterschiedlichen Männern in ihrer Runde sicher keine leichte Entscheidung werden würde.
„Ich bin Zweiter“, freute sich Jim und zeigte allen den Zettel zum Beweis.
Gaila faltete ihren Zettel auf und hielt ihn ebenfalls in die Runde. „Dritte.“
„Wieder einmal typisch, dass ich das Schlusslicht bilde“, murrte Leonard und machte sich erst gar nicht die Mühe, seinen Zettel zu entfalten.
„Ich habe noch nie so etwas wie einen Film-Marathon gemacht“, ließ Gaila die Gruppe wissen. „Aber ich bin schon sehr gespannt. Und ich freue mich riesig, dass wir diesen furchtbar verregneten Tag zusammen verbringen.“
Es folgte allgemeine Zustimmung, wobei Leonard sich erwartungsgemäß zurückhielt. Er hielt sich eben gerne für zu alt, um an Nachmittagen mit Freunden „rumzuhängen“. Hin und wieder mussten sie sich jedoch alle eine Auszeit von all dem Lernen und dem harten Training an der Akademie gestatten, um neue Energie zu tanken.
Uhuras Wahl
Die Frauen bereiteten auf die Schnelle ein paar Snacks zu, indem sie Leonards Kühlschrank plünderten, frisches Gemüse in mundgerechte Stücke schnitten und ein paar Dips dazu zauberten, während Jim Popcorn zubereitete und Leonard sich um die Getränke kümmerte.
Schließlich setzten sie sich verteilt auf das Sofa oder machten es sich vor selbigem mit Kissen auf dem Teppichboden bequem. Dabei überließen die Männer, ganz Gentlemen, den beiden Frauen das Sofa und setzten sich ihnen zu Füßen.
Nur der Herr im Himmel wusste, was für Faxen die beiden Frauen hinter dem Rücken der Männer machten. Hin und wieder kicherten sie wie kleine Schulmädchen, waren jedoch augenblicklich wieder todernst, sobald sich Jim oder Leonard zu ihnen umwandten. Sie sahen dann so unschuldig aus, dass es kaum unglaubwürdiger hätte sein können.
„Rendezvous mit einem Engel“ war der doch recht christlich angehauchte Film, den Uhura als Erstes für ihren gemeinsamen Marathon auserwählt hatte. „Damit du verstehst, warum wir glauben“, hatte sie zu Gaila gesagt. „Außerdem ist die Musik grandios. Keine Frau hat je so engelsgleich gesungen wie Whitney Houston.“
Die Männer hatten erwartungsgemäß mit den Augen gerollt, genervte Gesichter gemacht und sich erst einmal ein großes Glas Eierpunsch darauf gegönnt.
Kirks Wahl
Nachdem Uhura sie mit ihrem Gefühlsfilm mehr oder weniger gequält hatte, wollte Jim unbedingt etwas mehr Action zu Weihnachten. Wer jedoch bekanntlich die Wahl hat, hat auch die Qual. Er entschied sich schließlich für einen Film, in dem eine starke Frau im Mittelpunkt stand – womit er insgeheim sowohl Uhura als auch Gaila imponieren wollte.
„Tödliche Weihnachten“ war Jims Filmwunsch. Und auch wenn er zu Beginn auf allgemeinen Widerstand stieß, waren gegen Ende sogar die Frauen einigermaßen angetan von dem Streifen. Nicht zuletzt deshalb, weil das Finale unter all den Explosionen auch eine Portion Romantik bereithielt.
„Für einen typischen Männer-Weihnachtsfilm war der gar nicht mal so übel“, ließ Uhura ihn wissen, was in ihrem Fall ein ziemlich großes Kompliment war.
Jim nickte anerkennend und gab eine neue Runde Eierpunsch aus. „Der Eierpunsch ist übrigens verdammt lecker, Bones.“
„Ist ein Familienrezept“, erklärte der Arzt und nahm das Lob sichtlich gerne an.
„Was ist da eigentlich alles drin?“, wollte Uhura wissen. Dass der Punsch ziemlich gehaltvoll war, merkte sie bereits nach dem ersten Glas.
Leonard schüttelte bedauernd den Kopf. „Verrate ich nicht. Sorry, Berufsgeheimnis.“
„Unfassbar!“, beschwerte sich Gaila prompt.
„Du bist dran“, erinnerte Jim die Orionerin grinsend. „Hast du dir einen Film ausgesucht?“
Gailas Wahl
Als Orionerin hatte Gaila es ganz besonders schwer, den tieferen Sinn und Zweck der irdischen Weihnachtszeit zu begreifen. Allerdings hatte Uhura bisher gute Arbeit geleistet und ihr Bestes gegeben, ihr die vielen unterschiedlichen Bräuche zu erläutern. Der Zweck hinter den ach so besonderen Weihnachtsfilmen blieb ihr jedoch zunächst verschlossen.
Sie hatte die Datenbank der Sternenflotten-Akademie durchforstet, sich sämtliche Beschreibungen zu den Unmengen an weihnachtlich angehauchten Filmen durchgelesen und einige Trailer angesehen. Vereinbart war, dass jeder einen Lieblingsfilm vorschlagen sollte – oder in ihrem Fall einfach einen aussuchen musste – und die anderen drei würden ihn mit möglichst viel Enthusiasmus mitschauen.
„Liebe braucht keine Ferien“ war daher ihre Wahl. Sie war nach Jims Actionkracher in Stimmung für eine richtig romantische Komödie.
„Kann mich mal einer vom Boden aufheben? Ich klebe nach all dem Zucker hier fest“, raunte Leonard am Ende des Films im Abspann. „Ich muss mir mal eben die Beine vertreten.“
Jim gluckste nur, stand auf und half seinem Freund schwungvoll auf die Beine. „Dito. Lasst uns eine kurze Pause machen.“
McCoys Wahl
Der Arzt hatte den letzten Film an ihrem gemeinsamen Abend auswählen dürfen. Zunächst war er in Stimmung für einen absoluten Anti-Weihnachtsfilm gewesen. Zumal er schon so viel Kitsch und Zucker an diesem Abend hatte ertragen müssen, dass seine medizinische Toleranzschwelle längst überschritten war. Allerdings hatte er dann in die drei erwartungsvollen Gesichter gesehen, die ungeheuer gespannt auf seine Wahl zu sein schienen.
Er dachte kurz an seine Tochter Joanna und die Filme, die er früher immer mit ihr zusammen angesehen hatte. Allerdings schienen ihm die reinen Kinderfilme ungeeignet für eine erwachsene Runde. Joanna liebte Filme wie „Wunder einer Winternacht“ und „Drei Nüsse für Aschenbrödel“ über alles. Leonard konnte sie schon auswendig mitsprechen, so häufig hatten sie diese zusammen geschaut.
Die anderen drei nutzten die Zeit, in der Leonard fieberhaft überlegte, um das Bad aufzusuchen und weitere Snacks in Form von frischem Obst und zur Abwechslung antialkoholischen Getränken herbeizuschaffen.
„Okay, ich hab’s jetzt“, meinte Leonard nach einer gefühlten Ewigkeit. Seine drei Besucher sahen ihn gleichermaßen erwartungsvoll wie furchtsam an. „Ist das Leben nicht schön?“ war seine Wahl. „Der Film ist sogar noch älter, als ich mich in eurer Gegenwart fühle“, lautete seine Begründung. „Außerdem ist er ein Klassiker, den ihr jungen Banausen wahrscheinlich ohnehin noch nie gesehen habt.“
Leonard aktivierte ohne weitere Vorwarnung den Bildschirm, schnappte sich eine Orange und schälte sie mit geübter Hand. Er reichte Jim wortlos eine Hälfte der Frucht, ohne den Blick vom Display abzuwenden.
„Ähm …“ Jim nahm die halbe Orange entgegen und sah verwirrt von dem großen Bildschirm hinüber zu Leonard. „Bones, dein Fernseher ist kaputt. Wieso ist der Film schwarz-weiß?“
Leonard fing daraufhin schallend an zu lachen, goss Jim noch einen weiteren Schluck Eierpunsch ein und meinte nur: „Lehn dich zurück und entspann dich. Ich sagte doch, der Film ist alt. Als der entstanden ist, gab es schlichtweg noch keine Farbfilme.“
Jim war für einen verzweifelten Moment den Tränen nah. Aber weil Bones sein Freund war, tat er ihm den Gefallen und sah sich den Film an, ohne auch nur einen weiteren Mucks von sich zu geben.
Als der Abspann über den Bildschirm flimmerte und im Hintergrund das rührende „Auld Lang Syne“ gesungen wurde, wandte sich Leonard schmunzelnd zu den drei Jungspunden um. Über alle drei Gesichter rannen dicke Tränen, was dem Arzt ein kleines, mitfühlendes Lächeln entlockte. Er reichte wortlos eine Kleenex-Box herum, die dankbar entgegengenommen wurde. Es folgte kollektives Schniefen und Schnäuzen.
„Seht ihr“, sagte Leonard sanft. „Man braucht keine Farbe, keine Action und nicht einmal ein übertriebenes Maß an Klischees in einem Weihnachtsfilm, um im Inneren berührt zu sein.“
„Darauf trinke ich“, stimmte Jim ihm mit belegter Stimme zu, goss in alle vier Gläser noch einmal von Leonards selbst gemischtem Eierpunsch und sah seine Freunde lächelnd an. „Ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber ich bin jetzt zu einhundert Prozent in Weihnachtsstimmung.“
„Dem kann ich mich nur anschließen“, nickte Gaila und strahlte übers ganze Gesicht. „An euer Weihnachten kann ich mich direkt gewöhnen. Besonders, wenn wir dann öfter so zusammenkommen wie heute.“
Uhura nickte zustimmend. „Ja, das war ein außergewöhnlich schöner Tag. Draußen regnet es zwar immer noch in Strömen, aber zumindest hier in Leonards Appartement herrscht beste Weihnachtsstimmung.“
„Wenn ihr mir jetzt noch helft, die gewaltige Sauerei aufzuräumen, die wir hier veranstaltet haben, dann könnte ich mich tatsächlich irgendwann mal wieder zu so einem Filmnachmittag hinreißen lassen“, erwiderte Leonard mit gespielter Strenge in der Stimme, während er bereits die leeren Schüsseln zusammensuchte.
ENDE
Dr. McCoys geheimes Familienrezept: Bourbon Eggnog
„Was da alles drin ist? Verrate ich nicht. Sorry.“ – Für das Archiv machen wir eine Ausnahme!
1/2 l Milch
1/4 l Sahne
8 cl Whiskey (Bourbon)
6 cl Orangenlikör (Triple Sec)
1 Vanilleschote (davon das Mark)
3 Eigelb
50 g Zucker
1 Orange (feiner Abrieb der Schale)
1 Msp. Muskatnuss
1 Msp. Zimt