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Enterprise: The Dogs of War - Bd. 2: No Mercy, Teil 2

von Julian Wangler

Kapitel 1

Draylax

Gannet Mayweather wusste nicht mehr, wie lange sie schon durch die zerstörte, trostlose Landschaft lief. Ihre Schritte hinterließen frische Abdrücke in der Staubdecke aus pulverisiertem Stein und Körpern. Dabei fiel ihr auf, dass der graphitfarbene Puder an allem klebte: an ihren Stiefeln, ihrer Hose, ihren Händen.

Mehr war nicht von dieser Welt übriggeblieben.

Sie hatte Draylax‘ beeindruckende Hauptstadt während des Zwischenstopps der Horizon Anfang dieses Jahres in Augenschein genommen, während die Gewerkschaft der Frachthändler im Orbit getagt hatte. Zwar war sie nur für einige Stunden auf der Oberfläche gewesen, doch das hatte bereits genügt, um ihr eine blühende, schillernde Kultur der Händler darzubieten. Draylax war ein schräger, aber auch ein dynamischer und stimulierender Ort gewesen, jede Straße ein wirbelndes Karussell aus reizüberflutenden Eindrücken. Eine Welt des Kommerzes und der Diplomatie im Herzen der zivilisierten Raumfahrt.

Daran erinnerte heute nichts mehr.

Dunkle Wolken rasten über den Himmel von Draylax, und heftiger Wind heulte, dem sie sich entgegenstemmen musste, um voranzukommen. Die mit Asche bedeckten Gipfel der Morandi-Bergkette waren von Zwielicht umhüllt, und ein diffuses Schimmern fiel durch dunkelgraue Rauchschwaden auf die einsamen Hügel und Ebenen, die sich südlich von den Bergen erstreckten.

Gannet drehte den Kopf und starrte auf verrustes Mauerwerk, das hier und dort grotesk zum Himmel aufragte. Diese letzten Zeugen der Zivilisation bildeten kleine Haufen, die aussahen, als hätte ein gigantisches Kind Spielzeug bei einem Wutanfall umhergeworfen. Im Grundgestein zeigten sich Brandflecken und Krater. Am Himmel flackerte es, und die Leuchterscheinungen eines herannahenden Gewitters projizierten kurzlebiges Licht auf die Überreste zahlloser ruinierter Leben.

Vor einer teilweise eingestürzten Mauer blieb Gannet stehen. Eine kleine humanoide Silhouette zeichnete sich an den Trümmern ab. Der Schatten eines Kinds, bestehend aus einer hauchdünnen Schicht von Kohlenstoffatomen. An den Resten einiger naher Gebäude zeigten sich ähnliche Spuren.

Nicht einmal Leichen sind übrig geblieben.

Der größte Teil der draylaxianischen Gesellschaft war einfach so ausradiert worden, Abermillionen friedliche Einwohner. Getilgt aus der Geschichte von der Hand eines anonymen Gegners, der eine so verwerfliche Waffe wie Massebeschleuniger eingesetzt hatte.

Gannet bemühte sich, nicht zu tief einzuatmen. Der gesamte Planet roch staubig und nach Rauch, ähnlich dem Geruch verbrannter Haare. Während des Anflugs auf die Welt hatte sie vom Orbit aus keine Spur mehr von Grün gesehen. Genau genommen hatte sie die Oberfläche fast gar nicht gesehen, bis sie den unteren Rand des Wolkenmantels durchbrochen hatte.

Alles bis auf die extremsten polaren Breitengrade von Draylax war in Ringe aus Asche, Staub und Rauch gehüllt – die Überreste der zerstörten Städte oder die weitergezogene Wolke dessen, was zum Bombenholocaust für diesen Ort geworden war.

Damals hatten die E.C.S.-Frachter (die sich aufgrund eines organisierten Streiks per Zufall zu dieser Zeit im Orbit von Draylax aufhielten) einen kleineren Teil der Bevölkerung evakuieren können, bevor die Drohnenschiffe den Planeten in Schutt und Asche legten und die Draylaxianer binnen Minuten zu einem vom Aussterben bedrohten Volk machten.

Nachdem die romulanischen Zerstörer Tage später wieder abgezogen waren, hatte die Koalition dem System den Status der Quarantäne zugewiesen. Sperrgebiet. Niemand hielt sich hier auf; es war ein wert- und trostloses System, in dem kein Leben mehr existierte und auch keines mehr existieren würde, für eine sehr, sehr lange Zeit. Der ganze Planet bestand nur noch aus Schlacke. Und die Anwesenheit hier war illegal.

Schließlich realisierte Gannet, dass die Vorahnungen vom Untergang der Welt, die sie seit geraumer Zeit im Gebaren so vieler Leute auf der Erde zu erkennen glaubte, sich zu erfüllen schienen. Nein, es war sogar noch extremer. Mit unerschütterlicher Gewissheit durfte sie am heutigen Tag feststellen, dass die Welt bereits untergegangen war. Und viele weitere mochten folgen, bis dieser Krieg ein Ende fand.

Gannets Kommunikationsgerät ging. Sie zog es aus der Tasche und klappte es auf. „Ja?“

[Ma’am, ich will Sie nicht drängen, aber… Wie lange brauchen Sie noch?] Eine Stimme mit starkem Akzent sprach. [Ich möchte nicht länger als unbedingt nötig an diesem gottlosen Ort bleiben. Ich habe nämlich keine Lust, den Romulanern zu begegnen, wissen Sie?]

Der yridianische Händler, der sie für einen Haufen Credits (die sie Davenport natürlich in Rechnung stellen würde) bis hierher mitgenommen hatte. Für einen Augenblick hatte sie ihn ganz vergessen.

Es war vereinbart worden, dass er sie nach Alpha Centauri befördern würde, von wo aus sie einen Passagierflug zurück zur Erde nehmen konnte. Aber erst nachdem ihr Job hier erfüllt war.

„Geben Sie mir noch zehn Minuten, dann komme ich zurück, und wir können verschwinden.“, versprach sie.

[Zehn Minuten, nicht länger.]

Sie steckte das Gerät wieder weg.

Na, dann wollen wir mal…

Gannet gab sich einen Ruck, befreite sich aus ihrer anfänglichen Erstarrung und tippte gegen die Innenseite ihres Handgelenks, womit sie die Drohne von Stand-by auf aktiv schaltete. Das kleine, kugellagergroße Gerät an ihrem Gürtel erwachte summend zum Leben.

Aus der anderen Seite ihres Gürtels zog sie das Handheld, mittels dessen sie das Gerät von ihrem Gürtel löste und dann in Position brachte, sodass es auf sie gerichtet war. Das Handheld zeigte ihr an, dass die Gyro- und Flugsysteme normal funktionierten, die Batterie fast voll war (im Stand-by-Modus hatte sie etwa vier Prozent ihrer gespeicherten Energie verbraucht) und die Linse sauber.

Gannet warf einen Blick zurück. Sie wollte den Zuschauern die atemberaubendsten Bilder nicht vorenthalten. Sie wählte die expressionistischen Reste dessen, was einst die Skyline der Metropole gewesen war. Dann überprüfte sie auf dem Heads-up-Display auf der Innenseite des linken Glases ihrer Brille das Bild, das die Drohne aufnahm, und war zufrieden mit dem Sitz ihres glänzenden, braunen Haars.

Schließlich startete sie die Aufnahme.

„Hier ist Gannet Mayweather von UENS. Ich berichte heute von einem der Schauplätze des Kriegs gegen die Romulaner. Was Sie hinter mir sehen, war einst der Planet Draylax, eine florierende Welt des Handels und der Diplomatie, heute hingegen ist es nur noch eine Wüste aus Asche und Tod…“
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