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Im Sturm der Ereignisse

von Seveny

Die Welt ist, wie du sie siehst

Es gibt keine Gerechtigkeit. Es gibt nur Macht oder Ohnmacht, und diejenigen mit Macht in Händen bestimmen, was gerecht ist! (cardassianisches Sprichwort)

11. Januar 2378, San Francisco: Es war ein Mittwoch, an dem die gesamte Föderation den Atem anhielt. Die Eilmeldung, die sich bereits seit Stunden durch alle Subraumnetzwerke verbreitete, gab die Ankunft der verschollenen Voyager mit 19:37 an. Überall strömten Menschen in die Straßen, den Parks und öffentlichen Plätzen, die Köpfe glühend vor Begeisterung gen Himmel erhoben. Jeder wollte die Rückkehr live miterleben. Er selbst hatte dafür nur ein verächtliches Schnauben übrig.

»Noch drei Minuten …«, murmelte Admiral Antony Bullets mit einem Blick auf den Handgelenk-Chronografen und presste die Lippen zusammen.

Obwohl sich San Franzisko wie ein zartes Lichtermeer unter ihm ausdehnte, würdigte er das Panorama, das sich aus der 48. Etage, der Transamerica Pyramid bot, keines Blickes. Unnachgiebig starrte er in den Nachthimmel, den Rahmen des geöffneten Fensters so fest umklammert, dass seine Knöchel bleich hervortraten. Sieben Jahre hatte er auf diesen Augenblick gewartet. Jetzt war es so weit.

Unvermittelt tauchte am Horizont ein winziger Punkt auf. Bullets Aufmerksamkeit fokussierte sich, er schmälte konzentriert den Blick. Ein Schatten erschien, dessen Konturen sich zunehmend deutlicher vom Himmel abzeichneten. Die Voyager hatte es geschafft.

Erste Kanonenschläge donnerten durch die Nacht, ein Bouquet feuriger Blumen erhellten den Nachthimmel und die kühle Luft roch nach Schwarzpulver. Bullets Mundwinkel verzogen sich zu einer grimmigen Miene. Der alte Hass stieg in sein Herz, langsam, lähmend; ein ätzender Gifthauch, der in jeden Winkel des Denkens kroch, bis auch der letzte versöhnliche Gedanke verschwand. 

»Die Zeit des Wartens ist vorbei«, murmelte er, während er die Flugmanöver des Piloten beobachtete. 

Der Navigator lenkte das Schiff durch die vom Feuerwerk erhellte Nacht, direkt auf die strahlend beleuchtete Golden Gate Bridge zu. In letzter Sekunde riss er die Steuerung hoch, bis die Voyager nahezu senkrecht durchstartete, um danach einige übermütige Kapriolen zu schlagen. Die meisten Menschen hätten das als einen erhebenden Moment bezeichnet, doch Bullets hatte genug gesehen. Noch bevor das Schiff zur Landung ansetzte, verließ er das geöffnete Fenster und damit die berauschende Euphorie, die offenbar für jedermann in der Luft hing. Er musste nachdenken. Mit versteinertem Gesicht durchquerte er das Büro, die Hände in die Taschen seiner Uniform gestopft.

Welch Ironie! 

Sie kamen gemeinsam aus den Weiten des Delta-Quadranten zurück und wurden dafür wie Helden gefeiert. Er fuhr sich über die bürstenartig geschnittenen grauen Haare, dann hielt er auf dem Irrweg durchs Zimmer inne, ganz als hätte ihn unvermittelt der richtige Gedanke eingeholt. 

Mit zielstrebigen Schritten trat er an den Schreibtisch und zog die einzige Schublade auf, in der er persönliche Dinge verwahrte. Außer einem goldenen Ring und einer Todesurkunde, deren Datum allmählich verblasste, blickte ihm ein gerahmtes Bild entgegen. Wie anders wäre sein Leben ohne diese Tragödie verlaufen? Einen kurzen Augenblick liebkoste er das Foto, dann ergriff er den nicht registrierten Phaser, der unmittelbar daneben lag. Eisern umschloss er die Waffe, das Gesicht zu einer Maske erstarrt. Paris, Maquis und schließlich eine Borg-Drohne. Die Öffentlichkeit ahnte gar nicht, was für eine üble Bande diese Janeway auf die Erde eingeschleppt hatte. Wenn er in den kommenden Wochen keinen anderen Weg fand, würde er es sogar selbst tun.

So oder so – das letzte Wort ist noch nicht gesprochen.

 

~~~*~~~


  
Wenngleich sich nicht jeder über die Ankunft der Voyager freute, so war die Stimmung innerhalb der Sternenflotte doch ausgelassen. Nach der geglückten Landung standen Admiräle, Captains und Offiziere den Heimkehrern Spalier. Als rund hundertfünfzig Crewmen der Voyager eintraten, um sich feiern zu lassen, durchdrang Applaus die Hallen des Hauptquartiers und das Stimmengewirr schwoll zu einer Sinfonie der Hochgefühle an. 

Kurze Zeit später platzte der Bankettsaal aus allen Nähten. Etliche Angehörige waren zur Begrüßung nach San Francisco angereist. Menschen, die sich seit sieben Jahren nicht gesehen hatten, umarmten sich, weinten vor Freude und feierten die Rückkehr wie einen gemeinsam errungenen Sieg. 

Auch die Kims warteten auf ihren Sohn. Gerührt beobachtete Janeway die Familienszene. Harrys Eltern wippten auf den Fußspitzen und versuchten immer wieder über die Köpfe der Umstehenden einen Blick auf die einmarschierenden Offiziere zu erhaschen. Ihre Ungeduld schien nahezu greifbar. 

Janeway seufzte erleichtert. Welch ein Segen, dass Harry wohlbehalten den Alpha-Quadranten erreicht hatte. Gerade Harrys Mutter war vor dem Abflug in die Badlands überaus besorgt gewesen und hatte in einer Transmission sogar darum gebeten, ihrem Sohn wenigstens die Klarinette nachschicken zu dürfen.

Der Anblick der Familie hinterließ ein warmes Gefühl in ihrem Herzen, doch dann stutzte sie. Hatte Harry nicht erwähnt, dass Libby kommen würde? Vor nicht mal zwei Tagen hatte er jedem von dem geplanten Wiedersehen erzählt. Keine Frage, er hatte sich geradezu euphorisch darauf gefreut. Er wird enttäuscht sein, mutmaßte sie. Umso schöner, dass seine Eltern auf ihn warteten. Sekunden später lagen sich die drei tränenreich in den Armen.

Sie lächelte wehmütig. Darauf würde ihre eigene Familie noch bis zum Wochenende warten müssen, das hatte sie Gretchen bereits mitgeteilt. Es gab im Vorfeld wichtige Details zu klären, was die Zukunft der Maquis anbetraf, und dafür war es unerlässlich, die Zusagen des Oberkommandos persönlich zu überprüfen. Sie wandte sich wieder dem Kommandoratsvorsitzenden Hayes zu, der gerade vom Büffet zurückkam. Der kleine, untersetzte Mann mit dem schütteren Haar reichte ihr eines der beiden Sektgläser, bevor er im Plauderton auf sie einsprach.

»Da ist Ihnen ein echtes Husarenstück gelungen, Captain Janeway. Als der Borgkubus durch den Kanal auf unsere Schiffe zuflog, haben wir das Schlimmste befürchtet. Ich bin froh, dass der Menschheit eine Borg-Inversion erspart geblieben ist«, bekannte Hayes, dann schüttelte er ungläubig den Kopf. »Dass Sie das Transwarp-Zentrum nach dem eigenen Durchflug für immer zerstörten, war eine grandiose Leistung – das hätte sich beileibe nicht jeder Captain getraut.«

Janeway reagierte zurückhaltend. Sie wusste, dass sie mehr Glück als Verstand gehabt hatte. »Manchmal lassen einem das Schicksal oder die Umstände keine andere Wahl. Dann muss man alles auf eine Karte setzen«, erwiderte sie beiläufig.

»Sie dürfen in jedem Fall stolz darauf sein, dass Sie die Mannschaft und die Voyager wohlbehalten zurückgebracht haben«, versicherte Hayes. »Zwischenzeitlich hatten wir die Hoffnung fast aufgegeben. Ich bin sicher, dass die Sternenflotte Ihre enorme Leistung noch entsprechend würdigen wird.« 

Der Kommandoratsvorsitzende wies mit einer kleinen Geste auf die Freitreppe, eine Einladung zu einem Gespräch unter vier Augen, wie Janeway wusste. Sie folgte ihm auf die glasgesäumte Balustrade, die oberhalb des Bankettsaals ringförmig an der Wand entlanglief. Hier, etwas abseits des Trubels, konnten sie ungestört einige Worte miteinander wechseln, was angesichts der vielschichtigen Situation durchaus eine vernünftige Entscheidung war.

»Ich bin schon zufrieden, wenn die Sternenflotte die Leistungen meiner Crew – vor allem der Maquis – anerkennt«, stellte Janeway nicht ohne Hintergedanken fest und erinnerte den Kommandoratsvorsitzenden damit abermals an die Vereinbarungen, die sie im Vorfeld bereits getroffen hatten.

Hayes stützte sich am Geländer ab und beobachtete scheinbar teilnahmslos die Szenen, die sich unten im Bankettsaal abspielten. Es dauerte einen Augenblick, bis er sich ihr zuwandte. 

»Machen Sie sich keine Sorgen: Nach dieser langen Dienstzeit ist den Maquis die Immunität sicher, das garantiere ich Ihnen persönlich«, erwiderte er im Brustton der Überzeugung, um dann das Gesagte mit einer winzigen Kopfbewegung einzuschränken. »Zumindest solange sie nicht massiv gegen Sternenflottenrecht verstoßen haben.«

Argwöhnisch musterte sie Hayes. Wer mit dem Kommandoratsvorsitzenden längere Zeit zusammenarbeitete, warf früher oder später einen Blick hinter die gutmütige Fassade und begriff schnell, dass er nicht der harmlose nette Mann war, für den er sich gerne ausgab. 

Hayes galt innerhalb der Sternenflotte als verschlagener Machtmensch, der keinerlei Skrupel kannte. Er stand in der Hierarchie ganz oben, besaß in der Admiralität einen enormen Einfluss und wusste stets, den eigenen Wirkungskreis auszuweiten. Sie selbst hatte vor der Mission in die Badlands einige Auseinandersetzungen mit Hayes ausgefochten, da er damals die feste Überzeugung vertrat, dass sie für den Jungfernflug der neuen Intrepid-Klasse noch zu jung sei. Owens Fürsprache hatte sie es zu verdanken, dass sie das Kommando dennoch erhielt. Im Moment allerdings klangen seine Worte ehrlich. Trotzdem konnte es nicht schaden, dem Einwand offensiv entgegenzutreten.

»Es gab zu keiner Zeit schwere Verstöße auf meinem Schiff«, konterte sie. »Die Maquis haben sich vorbildlich integriert und Commander Chakotay war mir eine loyale Stütze. Ich würde mit dieser Mannschaft jederzeit wieder ans Ende des Universums fliegen.« 

»Dann ist alles in Ordnung«, erwiderte Hayes beschwichtigend. »Sobald die Nachbesprechungen beendet sind, werde ich an den Rat der Föderation herantreten und eine Bitte um Niederlegung der Anklagen formulieren – so wie wir es vereinbart haben.«

Sie quittierte die Aussage des Kommandoratsvorsitzenden mit einem zufriedenen Nicken. Keine andere Antwort hätte sie je akzeptiert. Jetzt hatte Hayes seine Zusage persönlich bestätigt, somit war die Situation geregelt. Die Maquis standen unter dem Schutz der Sternenflotte. 

Diesen Moment hatte sie all die Jahre herbeigesehnt. Der Gedanke, dass es womöglich zu einem Gerichtsverfahren käme – dass die ehemaligen Maquis´ lebenslang in einer Rehabilitationsanstalt verschwänden – belastete sich schon seit Langem. Bereits auf der Voyager hatte sie mit Chakotay über die Rückkehr gesprochen; darüber, welche Alternativen ihm und seinen Leuten zur Verfügung standen. Letztendlich hatte sie ihn überzeugt, dass es das Beste war, sich vertrauensvoll in die Hände der Sternenflotte zu begeben.

»Sind die Nachbesprechungen schon terminiert?«, fragte sie, während sie zusammen mit Hayes ein Stück an der Balustrade entlangschlenderte. Am liebsten hätte sie die Angelegenheit so schnell wie möglich erledigt, doch es standen immerhin hundertfünfzig Dienstbeurteilungen aus – insofern wäre etwas Zeit günstig. Auch Hayes schien die anstehende Nachbesprechung zu beschäftigen, denn sein Blick verweilte irgendwo in der Ferne. Erst Sekunden später wandte er sich ihr zu.

»Ich fürchte, es gibt einige Schwierigkeiten. Normalerweise könnten wir die Mission der Voyager in einer Woche abhandeln, aber nicht in diesem Fall.«

»Was ist das Problem?«

»Da die Nachbesprechungen auch der Entlastung der Maquis dienen, handelt es sich strenggenommen um einen Untersuchungsausschuss. Es würde einen Eklat heraufbeschwören, wenn Admiral Ross nicht geladen wäre – Sie kennen ihn ja.«

»Er befindet sich auf einer Mission?«

Hayes nickte. »Es konnte niemand von uns ahnen, dass Sie derart schnell wieder zurückkehren. Nun befindet er sich auf einer Mission im Beta-Quadranten, die erst in fünf Wochen endet.«

»Das kann man auch positiv sehen – so habe ich reichlich Zeit, um die Dienstbeurteilungen auszufüllen.«

»Es hat noch einen weiteren Vorteil: Admiral Nechayev kann dann ebenfalls daran teilnehmen. Ich habe den Untersuchungsausschuss deshalb auf den 28. Februar angesetzt.«

»Seien Sie unbesorgt, Admiral. Es hat sieben Jahre gedauert, den Alpha-Quadranten zu erreichen. Auf fünf oder sechs Wochen mehr kommt es bei dieser Zeitspanne nicht an.«

»Schön, dass Sie es mit Humor nehmen.«

Janeway nickte gelassen und schenkte Hayes ein fast liebenswürdiges Lächeln. Es klappte alles zu ihrer Zufriedenheit. In rund sechs Wochen startete die Crew der Voyager in ein neues Leben. Sie löste sich vom Kommandoratsvorsitzenden in dem Gefühl, ihr Versprechen gegenüber den Maquis eingehalten zu haben, denn alles, was mit Chakotay und seinen Leuten zusammenhing, berührte in ihr einen wunden Punkt. 

Der restliche Abend verlief erwartungsgemäß. Lobreden, Grußworte und Ansprachen wechselten einander ab. Ein jeder schien eine Meinung zur Mission der Voyager zu haben. Fast langweilten sie die vielen Huldigungen, die überwiegend nur deshalb gehalten wurden, weil es das Protokoll eben verlangte. 

Während Admiral Strickler am Rednerpult seine besten Wünsche überbrachte, ließ sie ihren Blick über die anwesenden Gäste gleiten. Überall im Saal standen Crewmen der Voyager zusammen mit ihren Familien. Sie nippten immer wieder am Sektglas, das Gesicht strahlend vor Glück. Einmal mehr wurde ihr bewusst, wie sehr alle die Heimat vermisst hatten. Erst als sie Kenneth Dalby und Tabor etwas abseits der Menschenmenge entdeckte, stutzte sie. 

Für einen kurzen Augenblick nahm sie die beiden ins Visier. Bereits Monate vor ihrer überraschenden Rückkehr hatte es Unstimmigkeiten in der Crew gegeben. Teile des Maquis‘ trauten den Zusagen der Sternenflotte nicht. Sie befürchteten, dass das Oberkommando die vollmundigen Versprechen nicht einhielt, und plädierten deshalb dafür, dass die Voyager sie im Falle der Heimkehr aus dem Föderationsraum herausbrächte. Kein Wunder, dass die Maquis skeptisch blieben. Immerhin standen Haftstrafen zwischen fünf und fünfzehn Jahren im Raum, sollte die Föderation eine Anklage erheben. Aber das hatte sie ja Gott sei Dank hinreichend mit dem Oberkommando abgeklärt. Es war Chakotays Überzeugungskraft zu verdanken, dass sich die Maquis letztendlich nach langem Hin und Her fügten. Erst jetzt wurde ihr klar, dass er Dalbys und Tabors Zustimmung nicht hatte gewinnen können.

Dann, in der vordersten Reihe, entdeckte sie zwei weitere Menschen, die aus der Masse der euphorischen Gesichter herausstachen. Admiral Owen Paris stand direkt neben seinem Sohn, der abweisend die Arme vor dem Körper verschränkt hatte und auf das Rednerpult starrte. Familiäre Herzlichkeit sah anders aus. 

Während Tom den Eindruck hinterließ, als würde er am liebsten aus dem Saal flüchten, lag auf Owens Gesicht ein strenger, fast schulmeisterlicher Zug. Sie wusste, dass die beiden eine schwierige Vergangenheit verband. Offenbar war die anfängliche Wiedersehensfreude den langjährigen Konflikten gewichen. Sie seufzte. Hoffentlich schlossen sich im Laufe der nächsten Zeit die Gräben, immerhin hatte Owen mittlerweile eine Enkeltochter, für die er Verantwortung trug.

Wenige Meter davon entfernt blieb ihr Blick erneut hängen. Ein verliebtes Pärchen lauschte dem Redner. Von Zeit zu Zeit strich er seiner Freundin über den Rücken, vertraut und beschützend zugleich. Sie kannte diese Geste. Der Anblick ließ sich nur schwer ertragen, trotzdem schaffte sie es nicht, den Blick abzuwenden. Unausweichlich wanderten ihre Gedanken zum Anfang der Mission.

Sieben lange Jahre waren vergangen, seit sie den Maquis-Führer unter Tuvoks heftigen Protest zum Ersten Offizier ernannt hatte. Seitdem hatten sie den Großteil ihrer beruflichen Zeit und einen guten Teil der Freizeit miteinander verbracht. Der ungewohnte Anblick des Pärchens machte ihr einmal mehr bewusst, was diese Feier ebenso bedeutete: Es stand ein Abschied für immer bevor.

Chakotay spürte wohl ihren Blick, denn er sah herüber, hob lächelnd das Glas, und prostete ihr genauso kurz wie beiläufig zu. Erneut zog er seine Freundin heran, die Aufmerksamkeit ganz auf sie gerichtet. Annika – so nannte sie sich seit der Rückkehr – trug ein hautenges Kleid, das ihre Figur deutlich zur Geltung brachte. Sie senkte den Blick. Verständlich, dass sich ein Mann zu dieser Frau hingezogen fühlte. Nicht nur das Ende des gemeinsamen Weges war schmerzvoll. 

Ein tiefes Durchatmen verdrängte die privaten Gefühle. Sie konzentrierte sich wieder ganz auf ihre Aufgabe. Nach den offiziellen Reden unterhielt sie sich ausführlich mit Professor Ballard, der Näheres über den Tod seiner Tochter Lindsay in Erfahrung bringen wollte. Der trauernde Vater berührte sie tief. Wie würde es ihr selbst gehen, wenn sie ein Kind an diese Mission verloren hätte? Der Schmerz wäre sicherlich unerträglich. 

Aus einem inneren Bedürfnis heraus trat sie ans Rednerpult, um einen Nachruf auf die tapferen jungen Männer und Frauen zu formulieren, die es nicht bis in den Alpha-Quadranten geschafft hatten. Sie fühlte sich schuldig. Für jedes einzelne tote Crewmitglied trug sie allein die Verantwortung; ein Gedanke, der schwer auf ihren Schultern lastete. 

Erst zu später Stunde, kurz vor Mitternacht, schloss der allgemeine Festakt und die Stimmung wechselte ins Gesellige. Einige Admiräle – die meisten hatten dem Sekt reichlich zugesprochen – versammelten sich um sie herum. Jeder wollte die Geschehnisse rund um das kollabierende Transwarp-Zentrum aus erster Hand erfahren. 

Janeway tat ihnen den Gefallen. Sie wusste, dass sie eine unterhaltsame Rednerin war. Souverän gab sie die charmante Gastgeberin und schilderte den Flug durch den Transwarp-Kanal wie ein amüsantes Abenteuer, sparte dabei nicht an schmückendem Beiwerk oder blumigen Umschreibungen, bis die Gesellschaft schließlich kollektiv lachte. Jedermann hielt ihre kühne Strategie für einen durchdachten Plan – sie ließ sie in dem Glauben. Niemand konnte nachvollziehen, welch ambivalente Gefühle sie bei diesen Entscheidungen durchlebt hatte.

Nach vielen Stunden leerte sich der Bankettsaal endlich. Außer einigen Admirälen sowie einer größeren Gruppe um Annika und Chakotay herum, waren die Meisten gegangen. Sie schlenderte hinüber. Auf keinen Fall wollte sie den Eindruck hinterlassen, dass sie dem Paar aus dem Wege ging. Sie gesellte sich dazu, folgte still den Gesprächen, doch in Wahrheit nutzte sie den Moment, sich innerlich von Chakotay zu verabschieden.

In der letzten Zeit hatte sie ihren Ersten Offizier lediglich auf der Brücke angetroffen. Er verbrachte jetzt seine gesamte Freizeit mit Annika, so hatte Tom ihr schon vor Monaten hinter vorgehaltener Hand anvertraut, und seitdem war das sonst so innige Verhältnis zwischen ihnen rein beruflicher Natur. Weder besuchte er sie morgens im Bereitschaftsraum noch lud er sie freitags zum Abendessen ein. 

Anfangs hatte sie die Affäre lächelnd als Liebelei abgetan, doch mittlerweile gestand sie sich die schmerzliche Wahrheit ein: Chakotay wandte sich ganz offiziell einer anderen Frau zu. Nicht, dass sie sich verliebt hätte, setzte sie in Gedanken hastig hinzu, aber über die lange Zeit war zwischen ihnen ein inniges und sehr persönliches Band entstanden, das wurde ihr erst jetzt klar. Er hinterließ eine Lücke, von der sie nicht wusste, ob und mit was sie sie schließen konnte. Sie vermisste die abendlichen Gespräche genauso wie die kleinen Neckereien, die er immer dann vom Stapel ließ, wenn er sich außer Hörweite der Crewmen glaubte. In den letzten sieben Jahren war er ihr wichtigster Ratgeber gewesen, jemand, den sie auch in den dunkelsten Stunden fragen konnte, ohne dass er sie dafür verurteilt hätte. Sie zog die Stirn zu einem Dreieck der Wehmut zusammen.

Welch Ironie des Schicksals.

Der einzige Mann, mit dem sie sich je eine dauerhafte Beziehung hätte vorstellen können, wandte sich im Augenblick ihrer Rückkehr ab. Schlimmer noch – er verließ ihr Leben, ohne sich nochmals umzudrehen. Das war eine bittere Erkenntnis.

»Captain … was sind Ihre Zukunftspläne?«, fragte Harry unvermittelt, dabei lachte er übers ganze Gesicht. »Werden Sie auch einige Zeit Zuhause verbringen?« 

Die Umstehenden hoben interessiert die Köpfe und schon stand sie im allgemeinen Mittelpunkt.
Sie lächelte verbindlich, so wie sie es immer tat, wenn sie sich auf öffentlichem Parkett bewegte. 

»Nein, Harry, vorerst plane ich nur einen kurzen Besuch in der Heimat. Zunächst muss ich die Nachbesprechungen mit der Kommission überleben. Aber lassen Sie sich nicht davon abhalten, Zukunftspläne zu schmieden«, sie hob amüsiert die Hände und die Gruppe lachte, »mein Neid ist Ihnen ohnehin gewiss.« 

Es war eine wohlwollende Geste, die zugleich jede weitere Frage im Keim erstickte – sie wusste das, doch im Moment wollte sie nicht über die Zukunft sprechen, schon gar nicht öffentlich.

Es war bereits weit nach Mitternacht, als sie zum Büffet trat und das leere Sektglas abstellte. Für eine letzte Nacht würde sie auf die Voyager zurückkehren. Schon morgen bezog sie in aller Frühe ein Appartement der Sternenflotte. Dann brach ein neuer Lebensabschnitt an – ein befremdlicher Gedanke.

Sie sah sich zu allen Seiten um. Der Augenblick schien günstig. Die Anwesenden hingen zurzeit Tom Paris an den Lippen, der mit großen Gesten sein fliegerisches Können ausschmückte und mal wieder maßlos übertrieb. Ihre Mundwinkel hoben sich zu einem halb amüsierten Lächeln. Jetzt, nachdem Owen gegangen war, hatte er anscheinend Spaß an der Willkommensfeier. Ich werde den beiden noch ins Gewissen reden müssen, nahm sie sich vor. Doch nicht mehr heute. Die Anstrengungen des Tages forderten allmählich ihren Tribut.

Diskret vergewisserte sie sich, dass niemand sie beobachtete, dann steuerte sie auf den Ausgang zu, ohne das Gähnen zu unterdrücken. Im Moment wünschte sie sich nichts sehnlicher, als etwas frische Luft. Unbemerkt verließ sie die Feierlichkeiten durch den Hinterausgang. Dass ihr nur wenige Augenblicke später ein dunkler Schatten folgte, ahnte sie in diesen Sekunden nicht.

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