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Tellaris - Das Geheimnis der Neuen Erde

von Nerys

Kapitel 1

Ohne dich sein 
ganz ohne dich 
und langsam 
zu vergessen beginnen 
wie es mit dir war 
ganz mit dir 
und dann halb 
halb mit und halb ohne 
und ganz zuletzt 
ganz ohne


Erich Fried 


„Arnor, Kelin, wacht auf!“ Mika, die am Pilotensessel des Shuttles Garonath saß, rief aufgeregt nach ihren beiden Kollegen, die in ihren Kojen lagen. Die drei Hatari studierten Anthropologie und diese Forschungsreise, die zwei Monate dauern sollte, war das Praktikum, das sie für ihren Abschluss benötigten. 
Widerwillig öffnete Arnor die Augen, „Was ist los, Mika? Hast du etwas Interessantes gefunden?“ 
„Schau dir das an. Laut den Sternenkarten ist dieser Planet hier, Tellaris, unbewohnt“, sie wies auf die betreffende Stelle der Karte, „Es gibt dort nur Tiere, aber keine intelligenten Lebewesen.“ 
„Und?“ fragte Kelin, der inzwischen auch aufgestanden war. 
„Die Sensoren haben auf einem der Kontinente im äquatorialen Bereich eine Art Gebäude lokalisiert.“ 
Arnor runzelte die Stirn, „Das ist sicher nur eine mit Metallen angereicherte Felsformation.“ 
„Dann sag mir doch bitte, seit wann besitzt eine Felsformation eine Energiequelle?“ Die junge Frau deutete mit einem triumphierenden Grinsen auf die Daten am Bildschirm. 
Arnors und Kelins Augen wurden immer größer, während sie lasen. Mikas Entdeckung war in der Tat interessant. Die Energiequelle war inaktiv, es ging aber noch eine schwache Restsignatur von ihr aus. Wer immer das Gebäude errichtet hatte, war offenbar nicht mehr da. 
Jetzt war auch die Neugier der beiden Männer entfacht. „Sieht so aus, als hätten wir unser Projekt gefunden“, meinte Kelin. 
Die drei landeten mit der Garonath in der Nähe des Gebäudes, packten ihre Ausrüstung zusammen und gingen dann los. 
Was sie vorfanden, war ein kleines Haus mit grauen Außenwänden, die sehr unter Wind und Wetter gelitten zu haben schienen. Vor einem der Fenster, das mit blassorangen Vorhängen ausgestattet war, lag ein Gemüsebeet, auf dem die kümmerlichen Reste des Anbaus von Unkraut überwuchert waren. 
Die drei Hatari näherten sich der Eingangstür. Jeder von ihnen stellte gedankliche Vermutungen darüber an, was sie dort drinnen wohl vorfinden würden. Vorsichtig öffnete Arnor die Tür und sie betraten einer nach dem anderen das Gebäude. 
Drinnen war es ziemlich chaotisch. Neben Staub und Spinnweben, die nicht ungewöhnlich für aufgegebene Häuser waren, sorgten umgefallene und kaputte Einrichtungsgegenstände für ein heruntergekommenes Bild. Es gab einen Schlafraum mit einem Doppelbett, das eigentlich aus zwei zusammengeschobenen Einzelbetten bestand, einen Wohnraum mit einem Esstisch und einer gemütlichen Couchecke, und ein kleines Bad. In das Schlafzimmer kamen sie als letztes. Interessiert bemerkten sie neben dem Bett eine Babywiege. 
„Schau mal da raus!“ Kelin zog Arnor zum Fenster und deutete in Richtung eines schmalen Weges, der zwischen einigen Bäumen verschwand. 
„Wo der wohl hin führt?“ Jetzt war auch Arnor neugierig geworden. 
„Sehen wir nach. Kommst du mit, Mika?“ 
Doch diese schüttelte den Kopf, „Geht ihr schon mal vor. Ich möchte mich hier noch ein wenig umsehen.“ 
Nachdem die beiden Männer im Schnellgang den Raum verlassen hatten, machte sie sich an den Schubladen der Nachtkästchen zu schaffen. In einem fand sie ein ledernes Bündel, das einen Stein mit einem besonderen Muster, den Flügel eines kleinen schwarzen Vogels und ein undefinierbares elektronisches Gerät beinhaltete. Das andere enthielt ein Buch mit einem Füller, ein geflochtenes Armband und zwei Fotos. Sie zeigten eine Frau mit langem rotbraunem Haar und blauen Augen, und einen Mann mit schwarzen Haaren, zu dessen dunkelbraunen Augen Mika nur ein Wort einfiel: traumhaft. Auf dem ersten Bild lehnte die Frau ihren Kopf auf die Schulter des Mannes und er hatte seine Arme um sie gelegt. Das zweite Foto war im Freien aufgenommen worden. Die beiden saßen im Gras. Ihr Shirt war ein Stück in die Höhe geschoben und seine Hand ruht auf ihrem Babybauch. Mika betrachtete die Bilder eine Weile. Solche Humanoiden waren ihr noch nie begegnet. Die Haut in ihren Gesichtern waren einfarbig, sie wies keinerlei Musterungen, wie die dunkelroten Flecken an der Stirn eines Hatari, auf. 
Vorsichtig legte sie die Fotos in das Buch, bevor sie im Laufschritt den Raum verließ, um den beiden Männern zu folgen. 
„Arnor, Kelin! Das müsst ihr sehen“, rief sie, während sie den schmalen Weg entlang rannte, zwischen einigen Bäumen hindurch und schließlich eine kleine Anhöhe hinauf. Dort standen die zwei. Mikas Blick fiel zunächst auf den Fluss, der an dieser Stelle breit und ruhig war. Blaugrünes Wasser ging in ein sandiges Ufer über. Ein Ruderboot aus Holz lag dort. Löcher hatten sich in die morschen Planken gefressen, und es stand außer Zweifel, dass es nie wieder schwimmen würde. Doch Arnor und Kelin würdigten diese Szenerie keines Blickes. Sie starrten betroffen, aber auch interessiert auf etwas, das Mika von ihrem momentanen Standort aus verborgen blieb. 
„Jungs, schaut mal, was ich gefunden habe.“ Sie trat näher. Und was sie dann sah, verschlug ihr die Sprache. Unter einem großen Baum mit weit ausladenden Ästen befand sich ein kleiner länglicher Hügel. Ein Grab. Was die drei Hatari so betroffen machte, waren die Knochen, die darauf lagen. Die Männer waren so in die Anzeigen ihrer Trikorder vertieft, dass sie nur halb auf ihre Kolleginnen achteten. 
„Wir analysieren die Überreste am besten im Schiff. Vielleicht können wir so heraus finden, was hier passiert ist“, meinte Arnor. 
Kelin stimmte zu und ging in die Hocke um ein größeres Stück Stoff zur Seite zu schieben. Darunter kam etwas zum Vorschein, womit keiner gerechnet hatte. Zwischen den Knochen des Erwachsenen lag ein kleiner kindlicher Schädel. 
„Mein Gott, das war ein Baby!“ entfuhr es Mika. 
„Da ist noch etwas.“ Der immer noch am Boden hockende Kelin griff nach etwas, das sich bei der Hand des Erwachsenen befand. Es handelte sich um einen länglichen gebogenen Gegenstand, der einmal metallisch grau gewesen sein mochte. Jetzt war die Oberfläche zersetzt und verfärbt. „Das könnte eine Waffe sein“, stellte er nachdenklich fest. 
Als er sich wieder erhob, bemerkte er das Buch in Mikas Hand, „Was ist das?“ er bedachte es mit einem prüfenden Blick. 
„Eine Art Tagebuch, denke ich. Ich habe es im Nachtkästchen gefunden. Zusammen mit diesen Bildern.“ Sie zog die zwei Fotos heraus. Die Männer betrachteten die beiden lächelnden Personen darauf interessiert und es war ihnen anzusehen, dass jeder von ihnen in Gedanken ein paar Vermutungen anstellte. 
Den Rest des Tages analysierten Arnor und Kelin die Skelette, sie hatten auch das aus dem Grab heraus geholt, während Mika versuchte das Tagebuch zu entschlüsseln. 
Am Abend hatte sie kaum Fortschritte gemacht, aber sie war zuversichtlich, dass sie morgen erste Erfolge erzielen würde. Dennoch etwas frustriert, gab sie schließlich auf und gesellte sich zu ihren Kollegen, die ihre Arbeit für heute ebenfalls beendet hatten. 
„Na, Jungs, habt ihr etwas herausgefunden?“ 
„Ja, Einiges“, antwortete Kelin. 
Arnor begann zu berichten, „Die Person aus dem Grab ist männlich, die andere und das Baby weiblich.“ 
„Was brachte ihnen den Tod?“ 
„Der Mann starb in Folge einer schwerwiegenden Schädelverletzung, die vermutlich durch einen stumpfen schweren Gegenstand verursacht wurde“, während er sprach griff er nach dem betreffenden Schädel und zeigte Mika die Bruchstelle. „Die Frau“, fuhr er fort, „kam wahrscheinlich durch eine massive Energieentladung um, ich nehme an von der Waffe, die wir gefunden haben.“ 
„Und das Kind?“ 
„Das wissen wir nicht. Sicher ist nur, dass es kein Fremdverschulden war“, er hielt einen Moment inne, „Die Skelette sind in etwa fünf Jahre alt. Der Mann starb ein paar Monate vor der Frau und dem Kind. Die Spalten am Schädel des Babys sind noch nicht vollkommen geschlossen, also dürfte der Tod nicht lange nach der Geburt eingetreten sein.“ 
„Vielleicht ist es bei der Geburt selbst umgekommen“, mutmaßte Mika. 
„Ja, möglich.“ 
Am nächsten Tag war das Wetter wieder sonnig und warm, sodass Mika das Tagebuch und ihren tragbaren Computer mitnahm und sich am Flussufer in die Sonne setzte. Auch die zwei Fotos hatte sie dabei. Die beiden Gesichter lächelten stumm wie immer. 
„Was ist bloß mit euch passiert?“ murmelte sie Gedanken versunken. 
Zum wiederholten Mal ließ sie die Daten durch den Computer laufen, um einen Übersetzungsalgorithmus zu finden. Am Nachmittag hatte sie es schließlich geschafft. Die ersten Seiten standen gut lesbar auf hatari am Bildschirm. Glücklich endlich einen Erfolg erzielt zu haben, begann sie zu lesen.

17. September 2372

Liebe Mom,

ich versuche immer noch ein Heilmittel für diese Krankheit zu finden, obwohl ich weiß, dass es sinnlos ist. Aber ich schaffe es einfach nicht es zu akzeptieren und aufzuhören. Hätte ich doch nur Chakotays Seelenfrieden. Er ist vollkommen glücklich mit dem was wir hier auf der Neuen Erde haben. Das mit dem Brief war übrigens auch seine Idee. Er sagt, wenn ich dir etwas mitteilen möchte, soll ich es einfach aufschreiben. Die Geister tragen die Nachricht dann zu dir. Irgendwie vermisse ich die Voyager immer noch. Wie es Tuvok, Tom, B’Elanna und den anderen wohl geht? Chakotay meint, ich solle mir nicht so viele Gedanken machen. Da hat er wieder einmal recht. Tuvok ist ein fähiger Captain und wird die Voyager sicher nach Hause bringen. Davon bin überzeugt, dennoch beschleicht mich manchmal das Gefühl als Captain versagt zu haben.

Deine Kathryn 
 

Nachdem sie den ersten Brief zu Ende gelesen hatte, begann Mika in ihrem Kopf zusammen zu fassen, was sie gerade erfahren hatte. Wieder fiel ihr Blick auf das Foto. Kathryn und Chakotay, das waren ihre Namen. Der Brief war auf einen Tag vor acht Jahren datiert. Sie hatten also drei Jahre auf Tellaris, der Neuen Erde, wie Kathryn den Planeten bezeichnet hatte, gelebt. 
Inzwischen hatte der Computer die nächsten Briefe übersetzt. Kathryn hatte mit schwarzer Tinte geschrieben. Ihre Handschrift war nach links geneigt und sehr gut zu lesen.

21. Oktober 2372

Liebe Mom!

Chakotay ist immer so nett und fürsorglich. Er hat mir tatsächlich eine Badewanne gebaut. Als Handwerker ist er unübertrefflich. Wir haben nun schon ein paar Mal einen kleinen Affen beobachtet. Er ist niedlich und scheint sehr intelligent zu sein. Ich hatte sogar das Gefühl, dass er meine Worte verstand. Jetzt habe ich die Gewissheit. Chakotay hat mir seine Liebe gestanden. Die Legende, die er mir erzählt hat, war wunderschön und jedes Wort war ehrlich gemeint. Das hat mich zu Tränen gerührt. Sie handelt von einem Krieger, der sein Leben im Konflikt mit dem Rest seines Stammes lebte. Von einem Mann, der keinen Frieden finden konnte, nicht einmal mit Hilfe seines geistigen Führers. Er kämpfte jahrelang mit seiner Unzufriedenheit, er empfand immer nur dann Befriedigung, wenn er sich im Kampf befand. Innerhalb seines Stammes wurde er so zum Helden, aber der Krieger sehnte sich immer noch danach für sich selbst Frieden zu finden. Eines Tages wurden er und ein paar Krieger von einem benachbarten Stamm gefangengenommen, der von einer Kriegerin geführt wurde. Sie wollte sich mit ihm verbünden, weil ihr Stamm viel zu schwach und viel zu klein war, um sich gegen alle Feinde zu verteidigen. Die Kriegerin war mutig und schön, und sehr klug. Der Krieger legte für sich einen Schwur ab, dass er ihr beistehen und alles unternehmen würde, um ihr das Leben zu erleichtern. Von diesem Moment an waren ihre Bedürfnisse vorrangig. Und auf diese Weise begriff der Krieger allmählich die wahre Bedeutung von Frieden. Ich empfinde ebenso für ihn, aber bis jetzt konnte ich es ihm noch nicht sagen. Vermutlich brauche noch etwas mehr Zeit.

Deine Kathryn 
 

Mika war gerührt. Eine schönere Liebeserklärung als diese Legende, so wie sie auf dem Papier stand, konnte sie sich nicht vorstellen. 
Sie kannte Kathryn und Chakotay zwar nicht, aber diese Briefe weckten tiefe Sympathie in ihr.

2. November 2373

Liebe Mom!

Heute haben wir den Fluss erkundet. Chakotay hat es sich nicht nehmen lassen ein Boot zu bauen. Ein Stück den Lauf abwärts gibt es eine breite Stelle, die von Felsen umgeben ist. Das Wasser ist dort ruhig und klar. Eine herrliche Stelle zum Schwimmen, sag ich dir. Und das taten wir auch. Nachher saßen wir noch eine Weile im Boot. Und in diesem Moment ist mir etwas klar geworden. Chakotay und ich ergänzen uns perfekt. Wir verstehen uns auch ohne Worte. Vielleicht klingt es etwas albern für dich, aber ich glaube, dass wir beide das sind, was die Betazoiden Imzadi nennen. Seelenpartner, füreinander bestimmt. Deshalb habe ich ihm meine eigene Legende erzählt. Der Krieger sagte der Kriegerin einmal, wie viel sie ihm bedeutete. Das machte sie nachdenklich und sie merkte, dass in ihrem Herzen eine Veränderung vorging. Zunächst wusste sie nicht, was sie davon halten sollte und vor allem wie sie reagieren sollte. Als die Kriegerin dann einmal mit dem Krieger durch die Wälder zog, begriff sie die Macht der Verbindung, die zwischen ihnen bestand. Und so begann sie schließlich die wahre Bedeutung von Glück zu verstehen. Glück war, wenn sie zusammen waren. Chakotay hatte zwar keine Tränen in den Augen, aber an seinem Blick erkannte ich, dass er genauso gerührt war, wie ich damals. Dann küssten wir uns zum ersten Mal. Es war ein Gefühl, wie nach einer langen Reise im Heimathafen angekommen zu sein.

Deine Kathryn 
 

Eine Träne der Rührung glitzerte in Mikas Augen. Eine solche Liebeserklärung musste wahre Liebe bedeuten, dessen war sie sich sicher. 
Es donnerte, was sie dazu veranlasste Richtung Himmel zu sehen. Erst jetzt bemerkte sie, dass die Sonne hinter dunklen Wolken verschwunden war. Der Wind heulte. Die Bäume bogen sich unter starken Böen. Als sie die ersten Regentropfen im Gesicht spürte, packte sie ihre Sachen zusammen und rannte zurück zum Schiff. 
Erst als das Schott der Garonath sich hinter ihr geschlossen hatte, atmete sie tief durch. Ihre Kollegen sahen etwas verwundert von ihrer Arbeit auf. 
„Was war denn? Du bist ja gerannt, als wäre der Leibhaftige hinter dir her“, wollte Kelin wissen. 
„Dort draußen tobt ein gewaltiger Sturm. Er hat mich vollkommen überrascht. Von einem Augenblick zum anderen ging es los.“ 
„Damit hätten wir wohl die Erklärung für den Zustand des Hauses“, meinte Arnor. 
Kelin bemerkte das Buch in Mikas Hand, „Bist du inzwischen mit deinem Fund weiter gekommen?“ 
„Ja. Der Computer konnte die ersten Einträge entschlüsseln.“ 
„Und was steht drin?“ fragte Arnor sofort. 
„Es sind Briefe, die Kathryn auf Anraten Chakotays an ihre Mutter schrieb. Sie spricht über ihre Gefühle, ihre Ängste und Sorgen.“ Sie musterte die beiden neugierig, „Konntet ihr inzwischen heraus finden, woran das Baby gestorben ist?“ 
Alle zwei schüttelten den Kopf, „Leider nicht.“ 
Der Sturm hielt nicht lange an, aber draußen war alles noch feucht, weswegen Mika es vor zog die Briefe in ihrer Koje weiter zu lesen.

14. Dezember 2372

Liebe Mom!

Ich habe die Suche nach einem Heilmittel zwar nicht ganz aufgegeben, aber es ist mir nicht mehr so wichtig, Eigentlich forsche ich nur für den Notfall weiter, falls wir irgendwann einmal gezwungen sein sollten die Neue Erde zu verlassen. Es ist Weihnachtszeit und ich denke oft an dich und Phoebe. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie es im ganzen Haus nach deinen Lebkuchen duftet. Gerne würde ich selber welche backen, aber du weißt ja, ich und kochen verträgt sich einfach nicht. Zum Glück habe ich Chakotay. Er kann Gemüse auf Arten zubereiten, von denen ich nicht einmal weiß, dass es sie gibt.

Deine Kathryn 


Mika grinste. Auch sie war keine tolle Köchin. Sie tat es nicht besonders gern. Wozu selber machen, wenn man es vom Replikator ordern konnte? 
Zwischen diesem und dem nächsten Brief lag ein größerer Zeittraum, wie ihr auffiel.

23. Mai 2373

Liebe Mom!

Seit drei Tagen bin ich vierzig. Eigentlich hatte ich gehofft diesen „Runden“ mit meiner Familie feiern zu können. Wenn man mich vor dem Aufbruch der Voyager gefragt hätte, wo ich mich mit vierzig sehe, dann wäre meine Antwort wohl gewesen, glücklich verheiratet mit Mark. Aber schließendlich ist es doch etwas anderes geworden. Ich kann jedoch nicht behaupten, dass ich das bedauere.

Deine Kathryn 


Ein Teil des Buches lag immer noch vor ihr. Sie hoffte dort die Antwort auf die Frage, was Kathryn und Chakotay widerfahren war, zu finden. Der Computer war noch damit beschäftigt die Briefe zu entschlüsseln, sodass sie warten musste. Ziemlich bald kam Arnor und lieh sich den ersten Teil, den sie bereits gelesen hatte, um ihn gemeinsam mit Kelin durch zu gehen. 
Mika fiel in einen tiefen Schlaf. Ihre Träume drehten sich um Kathryns und Chakotays Geheimnis. Sie sah Kathryn mit dem Baby im Arm den Weg zum Fluss entlang laufen. Bis sie schließlich das Grab erreichte. Da bohrte sich ein Energiestrahl in ihren Bauch und sie fiel zur Seite, landete auf dem Grabhügel. Das Baby schrie aus Leibeskräften. 
Ziemlich früh am nächsten Morgen wachte sie auf. Sie hatte nicht besonders gut geschlafen. Nach dem Traum war sie lange wach gelegen und hatte nachgedacht. V
on Arnors und Kelins Kojen kam tiefes Atmen. Leise, um die zwei nicht zu wecken, stahl sie sich davon, um einen kleinen Spaziergang zu unternehmen. Draußen dämmerte es noch und die Tiere des Tages begannen langsam zu erwachen. Ihr Weg führte sie zu dem Grab. 
Als sie wieder zur Garonath zurück kehrte, waren Arnor und Kelin bereits wach. 
„Mika, das Tagebuch ist Käse“, stellte Kelin fest. 
Arnor stimmte dem zu, „Das ist so was von schnulzig, und Antworten finden wir darin auch keine.“ 
Die junge Frau musterte die beiden kopfschüttelnd, „Wer weiß. Noch hat der Computer nicht alles übersetzt. Und selbst wenn die Lösung des Rätsels dort nicht zu finden ist, können uns diese Briefe erzählen, welche Personen die beiden waren, die hier gelebt haben.“ 
„Wir werden trotzdem mit unseren Analysen weiter machen. Vielleicht finden wir doch noch etwas.“ 
„Viel Spaß.“ Damit zog sie ab, setzte sich wie am Vortag am Flussufer in die Sonne, um die nächsten Briefe zu lesen.

7. August 2373

Liebe Mom!

Das Leben ist schön! Als die Voyager in den Delta Quadranten versetzt wurde, hätte ich nie gedacht, dass ich in absehbarer Zeit so glücklich sein könnte. Der Sturm letzte Nacht hat unser Haus in Mitleidenschaft gezogen. Außerdem ist gut die Hälfte des Anbaus unbrauchbar geworden. Aber wir haben ja noch den Replikator.

Deine Kathryn


Stürme wie der, der Mika gestern überrascht hatte, schienen in dieser Gegend häufig zu sein. Sie nahm sich vor dieses Mal etwas besser auf zu passen.

11. Jänner 2374

Liebe Mom!

Ich fasse es noch gar nicht. Wir werden bald zu dritt sein. Chakotay freut sich auch sehr. So was nennt man Ironie des Schicksals. Eigentlich hatte ich die Hoffnung einmal ein Kind zu haben schon fast aufgegeben. Aber das war vor der Neuen Erde. Dezember 2374 Ich kann dir gar nicht sagen, wie glücklich ich bin. Es tut mir nur leid, dass du dein Enkelkind wohl nie sehen wirst. Chakotay hat schon damit angefangen Pläne für das Kinderzimmer zu entwerfen. Wenn einer so etwas bauen kann, dann er.

Deine Kathryn


Mika sah sich noch einmal das Datum an. Der Brief war zwischen acht und neun Monaten vor dem Tod Kathryns und des Babys geschrieben worden. Jetzt wurde es langsam interessant.

19. April 2374 Liebe Mom!

Der Grundriss für das Kinderzimmer steht schon. Chakotay hat auch eine Babywiege gebaut. Bis das Zimmer fertig ist, muss die allerdings anderswo stehen. Mein Bauch ist zwar noch ganz flach, aber trotzdem fühle ich das winzige Leben, das in mir wächst. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl. Ich wünschte du könntest das mit mir teilen.

Deine Kathryn


In diesen Briefen konnte man spüren, welches Glück Kathryn empfunden haben musste, dachte Mika. Sie freute sich für sie, obwohl sie wusste, dass es sehr bald anders werden würde. 
Der nächste Eintrag erschien fein säuberlich in hatari übersetzt auf dem Bildschirm. Bevor sie zu lesen begann betrachtete sie das Original im Buch. Gegenüber den anderen Briefen war die sonst so klare Handschrift Kathryns zittrig. Außerdem wies das Papier einige kleine Flecken auf.

4. Juni 2374

Liebe Mom!

Chakotay ist tot. Ich weigere mich zu begreifen, dass er nie wieder zurück kommt. Und doch ist es so. Er ist weg. Für immer. Er war im Wald um Bauholz für das Kinderzimmer zu besorgen, da wurde er von dem Sturm überrascht. Das war bis jetzt einer der stärksten. Da er nicht zurück gekommen ist, ging ich ihn suchen. Bald hatte ich ihn auch gefunden. Er lag unter dem herab gefallenen Ast eines Baumes. Ich wollte ihm helfen, aber ich war nicht stark genug. Als ich ihn dann endlich befreit hatte, merkte ich, dass er tot war. Der Ast hatte ihn am Hinterkopf beim Halsansatz getroffen. Ich habe ihn unter dem großen Baum, von wo aus man zum Fluss sehen kann, begraben. Was soll ich nur ohne ihn tun? Das Einzige was mich noch dazu treibt weiter zu machen, ist das Baby. Dieses Kind ist das Letzte was mir von ihm geblieben ist. Bis zur Geburt sind es noch zwischen zwei und drei Monate. Ich habe keine Ahnung, wie ich das alles ohne Chakotay durchstehen soll.

Deine Kathryn


Kathryn war ziemlich verzweifelt gewesen, als sie den Brief geschrieben hatte. Jetzt wusste Mika auch worum es sich bei den Flecken handelte. Tränen. Kein Wunder, dachte sie, sie muss ihn sehr geliebt haben. Damit war Chakotays Tod geklärt. Das gab aber noch lange keinen Aufschluss darüber, was Kathryn und das Kind umgebracht hatte. 
Sie beschloss diesen Brief zunächst Arnor und Kelin zu zeigen, bevor sie weiter las. Die beiden reagierten etwas frustriert darüber, dass Mika vor ihnen etwas heraus gefunden hatte. 
In dieser Nacht ging Mika noch einmal zu dem Grab. Sie wusste nicht wieso. Eine unsichtbare Kraft zog sie an. Als sie es schließlich sehen konnte, prallte sie zurück. Eine weibliche Gestalt hockte davor am Boden und weinte leise. Als sie näher kam, fuhr die Frau herum und sie erkannte Kathryn, die sie überrascht, erschrocken und verzweifelt ansah. In den Armen hielt sie das Baby. Ein eiskalter Schauer lief ihren Rücken hinab, als sie erkannte, dass sie durchscheinend war. Sie glaubte zwar daran, dass es Dinge gab, die sich nicht wissenschaftlich erklären ließen, aber Geister hatten bis jetzt nicht dazu gezählt. Kathryn rührte sich nicht, als sie näher an sie heran trat. Ihren Augen sah sie stummes Flehen. Dann verblasste die Gestalt, bis sie schließlich ganz verschwunden war. 
Dann schlug sie die Augen auf. Es dauerte einen Moment, bis sie begriff, dass sie sich in ihrer Koje befand. Dieser Traum war so real gewesen. 
Tags darauf stürzte sich Mika nach einem raschen Frühstück sofort wieder in die Lektüre. Doch dieses Mal saßen sie zu dritt vor dem Computer, Arnor und Kelin hatten gleich nach dem Aufstehen kund getan, dass sie auch mitlesen wollten, ohne jedoch zuzugeben, dass sie im Irrtum gewesen waren. Typisch, dachte Mika grinsend.

30. Juli 2374

Liebe Mom!

Verdammt, ich vermisse Chakotay so sehr. Ohne ihn ist alles trostlos, leer und einsam. Mein Bauch wächst. Das Baby kann ganz schön fest zutreten. Aber wenigstens fühle ich dann, dass es noch da ist.

Deine Kathryn 


Alle drei Hatari starrten gebannt auf den Bildschirm. Die Welt um sich herum hatte aufgehört zu existieren. Im Moment gab es nur diese Briefe, die ein Geheimnis enthielten, das sie im Begriff waren zu auf zu decken.

8. September 2374

Liebe Mom!

Heute ist meine kleine Tochter zur Welt gekommen. Ich wünschte du könntest dein Enkelkind sehen. Sie hat Chakotays wunderschöne dunkle Augen. Ich habe sie Ayeli genannt, das war Chakotays Vorschlag für ein Mädchen. Es ist ein Name seines Volkes und bedeutet „Die immer blühende.“ Was mich unendlich traurig macht, ist das Wissen, das Chakotay seine Tochter nie sehen konnte.

Deine Kathryn

10. September 2374

Liebe Mom!

Ayeli ist krank. Sie trägt den gleichen Erreger, der dafür verantwortlich war, dass Chakotay und ich auf der Neuen Erde bleiben mussten, in sich trug.. Aber jetzt ist er ausgebrochen. Das hätte ich wissen müssen. Der Erreger hat genetische Veränderungen in einigen Zellen verursacht. Bei uns brach er nicht aus, weil nur ein Teil der jeweiligen Chromosomenpaare betroffen waren. Doch Ayeli hat genau diese Paare von Chakotay und von mir geerbt. Es ist nichts mehr übrig, um die kranken Gene zu kompensieren, deshalb ist der Erreger ausgebrochen. Ich habe meine Bemühungen ein Heilmittel zu finden wieder aufgenommen. Aber ich fürchte es ist längst zu spät. Ayeli hat hohes Fieber. Ihr kleiner Körper hat nicht die Kraft der Krankheit stand zu halten. Verdammt, ich ertrage es nicht, sie auch noch zu verlieren.

Deine Kathryn


Das war der vorletzte Eintrag gewesen. Mika, Arnor und Kelin waren sehr betroffen darüber, was sie eben gelesen hatten. Sie ahnten was der letzte Brief in etwa enthalten würde.

16. September 2374

Liebe Mom!

Ayeli ist heute morgen gestorben. Ich konnte nichts mehr tun. Ihr kleines Herz hörte einfach auf zu schlagen. Jetzt gibt es nichts mehr, das mich hier noch hält. Ich hätte nie gedacht, dass ich noch einmal einen Phaser brauche würde. Es bleibt für mich nichts mehr zu tun, als zu Chakotays Grab zu gehen und es zu beenden. Bitte vergib mir, ich kann nicht anders. Ich hab dich lieb.

Deine Kathryn


„Sie hat sich umgebracht!“ Kelin war der erste, der etwas sagen konnte. Arnor starrte immer noch stumm auf den Bildschirm. Tränen glitzerten feucht auf Mikas Wangen. Sie war tief betroffen. 
„Damit hätten wir das Geheimnis also gelöst“, sagte Arnor, „Wir sollten so rasch wie möglich abfliegen. Das Schreiben der Projektsarbeit wird wohl die gesamte verbliebene Zeit in Anspruch nehmen.“ 
Kelin stimmte zu, „Du hast recht. Am besten wir brechen noch heute auf. Was meinst du, Mika?“ Die Angesprochene nickte nur, bevor sie sich von ihrem Platz erhob und ohne ein Wort die Garonath verließ, während Arnor und Kelin damit begannen zusammen zu packen. 
Wie die Tage zuvor ließ sie sich am Flussufer in den Sand sinken. Eine Weile starrte sie in das klare Wasser und dachte nach. Was sie an Kathryns Stelle getan hätte, wusste sie nicht. 
Irgendwann, sie hatte jedes Zeitgefühl verloren, vernahm sie leises Weinen. Ihr Blick wanderte zu dem Grab und wie das letzte Mal hockte dort Kathryns Geist. Langsam ging sie näher. Die Gestalt rührte sich nicht, starrte sie nur unendlich traurig an. Als sie Kathryn fast erreicht hatte, wandte diese sich ab und blickte wieder geradeaus auf das Grab. 
„Ich werde ihn nie wieder finden“, murmelte sie unter Tränen. 
Mika fröstelte, wenngleich es sehr warm war. Sie glaubte zu wissen, was Kathryns Geist damit gemeint hatte. 
„Hey Mika, wach auf, du Schlafmütze!“ 
Jemand rüttelte sie etwas unsanft an der Schulter. Als sie die Augen aufschlug, blickte sie in Kelins Gesicht. 
„Was ist denn los?“ 
„Arnor und ich haben schon alles zusammen gepackt. Wir sind bereit zum Abflug.“ 
„Was ist mit den Skeletten?“, sie sah ihn fragend an, „Wir müssen sie begraben.“ 
„Die sind wichtige Beweise, wir nehmen sie mit.“ 
Als sie das hörte, schüttelte sie heftig den Kopf, „Das dürft ihr nicht! Sie haben wirklich genug durchgemacht, wir sollten ihnen wenigstens jetzt ihre Ruhe lassen.“ 
„Seit wann glaubst du denn an Geister?“ 
„Ich habe sie gesehen. In meinen Träumen. Sie sucht ihn.“ 
„Wer?“ 
„Kathryn.“ 
Kelin sah seine Kollegin etwas ungläubig an, doch bevor er etwas sagen konnte, ergriff Mika wieder das Wort, „Bitte Kelin, wir haben kein Recht sie einfach mitzunehmen, damit sie als Schaustücke in irgendeiner Sammlung landen. Beweise haben wir auch ohne sie genug. Das Buch und die Daten, die ihr gesammelt habt, reichen doch aus.“ 
Er nickte, „Wahrscheinlich hast du recht und wir sollten sie wirklich hier lassen.“ 
Die beiden gingen zurück zur Garonath um Arnor über ihren Beschluss zu informieren. Auch er musste erst überzeugt werden, aber dann sah er es sein. 
Sie begruben gemeinsam die Überreste. Das Baby legten sie zwischen seine Eltern. Nachdem sie das Grab wieder geschlossen hatten, waren die Männer zum Schiff zurück gekehrt. 
Mika hatte eine Regenbogenorchidee repliziert. Die Blume galt bei den Hatari als Symbol für Hoffnung und für einen Neubeginn. Damit war sie noch ein letztes Mal zum Grab gegangen. Die unbestimmte Traurigkeit, die sie in den letzten Tagen in dessen Nähe überkommen hatte, fühlte sie nun nicht mehr. 
„Ich hoffe ihr findet jetzt euren gemeinsamen Frieden“, sagte sie leise und legte die Blume auf das Grab, bevor sie den Rückweg antrat.

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